Das Resonanzmodell - Plädoyer für eine andere Erziehung
Was wir also brauchen, ist nicht die Abschaffung der Erziehung und auch nicht die Verteufelung der Pädagogik. Was wir tun sollten, ist dies: Die Entwicklung und Erziehung unserer Kinder in einem größeren Zusammenhang betrachten und daraus die notwendigen praktischen Konsequenzen ziehen. Konkret: Erkennen und anerkennen, dass die kindliche Entwicklung von weit mehr bestimmt wird als von bewussten elterlichen Erziehungsakten allein, nämlich von
- seinem individuellen angeborenen Potenzial
- der Qualität der familiären Beziehungen
- seinem (gesellschaftlichen) Umfeld.
Erziehungseinflüsse
So betrachtet sind Eltern sozusagen Mitspieler in einem gemeinsamen Szenario und alles, was sie tun oder nicht tun, hat Auswirkungen auf das Kind, ganz gleichgültig, ob es sich um bewusste Erziehungsakte oder um irgendein beiläufiges und unbeachtetes Verhalten handelt. Das bedeutet, dass nicht in erster Linie geschickte Erziehungsakte die erfolgreiche Entwicklung des Kindes garantieren – also der Griff in die „Erziehungsschublade“. Nicht der „Kind-ändere-dich-Apell“ ist die beste Erziehungsstrategie, sondern die Selbsterziehung der Eltern, Erzieher und Lehrer und die Bereitstellung eines möglichst günstigen Umfeldes für das Kind. Darüber hinaus sind natürlich auch die ererbten Anlagen einerseits und die gesellschaftlichen Bedingungen und Tendenzen andererseits für die kindliche Entwicklung mitverantwortlich. Diese können Eltern gar nicht unmittelbar beeinflussen.
Was mit dem Griff in die Erziehungsschublade gemeint ist, kann ein Erlebnis verdeutlichen, das meine Frau und ich im letzten Frühjahr auf der Terrasse eines irischen Restaurants hatten. Am Nebentisch saßen zwei deutsche Paare mit ihren drei oder vier Kindern. Alles war ruhig, die Erwachsenen plauderten, die Kinder spielten unauffällig. Plötzlich die Donnerstimme eines der beiden Väter: „Thomas, gib sofort die Zigarette her!“ Thomas: „Das ist keine Zigarette, das ist bloß ein Papierröllchen.“ Vater: „Du tust aber, als wäre es eine Zigarette, also hör sofort auf damit und gib das her!“ Thomas: „Nein, es ist doch bloß ein Papier!“ Vater: „Sofort kommst du her!“Thomas: „Nein!“ Vater: „Du hast nicht getan, was ich gesagt habe, jetzt kriegst du dafür die Konsequenz: Mutter wird dich jetzt für 20 Minuten ins Auto bringen, danach darfst du wieder rauskommen. Mathilde, bring den Thomas ins Auto!“ Gehorsam verschwindet die Mutter mit dem jetzt heulenden und widerstrebenden Thomas und zerrt ihn zum Auto. Der Vater atmet befriedigt auf. Er hat gewonnen.
Konsequenz
Das klingt allzu konstruiert? Das finde ich auch, trotzdem hat es sich so zugetragen. Was ist geschehen? Der Vater hat eine sogenannte Konsequenz zelebriert, so wie er es irgendwo gelesen oder gehört hat. Er hat mechanisch einen Erziehungsratschlag befolgt, den er zwar gründlich missverstanden aber wortwörtlich angewendet hat. Als wichtige Beweggründe können wir einerseits Angst vermuten: Angst, dass Thomas später zum Raucher wird, Angst, dass er sich zum Querulanten entwickelt, weil er ungehorsam ist, Angst vor Kontrollund Autoritätsverlust. Andererseits hat offensichtlich ein übersteigertes Verantwortungsbewusstsein des Vaters dazu geführt, dass die zunächst völlig belanglose Geste von Thomas zum Showdown um ein Erziehungsprinzip wurde. Dem liegt der Irrtum zugrunde, dass Kindheit der Vorbereitung auf das Erwachsenenleben dient und Eltern die kindliche Entwicklung unter allen Umständen so lenken müssen, dass späterer Schaden vom Kind abgewendet wird. Thomas lebt jedoch im Hier und Jetzt und hat überhaupt kein Verständnis für diese elterliche Vorsorge. Er hat eine Erwachsenengeste nachgeahmt und damit kundgetan, dass er auch gerne erwachsen sein möchte. Das tun alle Kinder, das ist gut so und verdient Anerkennung. Was Thomas stattdessen erlebt, ist die brachiale Verletzung seiner Autonomie durch den väterlichen Richtspruch (und nebenbei der Autonomie seiner Mutter, die selbstredend zum Vollzugsbeamten degradiert wird). So erreicht der Vater das genaue Gegenteil davon, was ihm sein Verantwortungsbewusstsein scheinbar diktiert: Thomas fühlt sich bestraft für sein spielerisches Streben nach dem Erwachsenwerden und erlebt gleichzeitig, dass der Vater Macht hat, der er sich beugen muss. So mächtig möchte er auch mal werden. Also wird er sich vielleicht spätestens in der Pubertät die Symbole dieser Macht verschaffen, beispielsweise seine erste Schachtel Zigaretten kaufen (oder klauen) und damit seine – jetzt tatsächliche – Raucherkarriere starten.
Resonanzraum
Wir sehen also: Die elterlichen Möglichkeiten ein erwünschtes oder befürchtetes Verhalten ihres Kindes im Erwachsenenalter zu planen und durch gezielte Erziehungsakte zu verhindern oder zu fördern, ist sehr beschränkt. Eltern sind nicht die einzigen Akteure, die auf die Kindesentwicklung einwirken. Seine eigenen Kompetenzen, Motive und Ziele sowie der Einfluss des gesellschaftlichen und physischen Umfeldes sind ebenso starke Akteure, die zusammen mit den familiären Einflüssen einen gemeinsamen Resonanzraum bilden, der wesentlich die kindliche Entwicklung bestimmt. Die Ergebnisse der Wechselwirkungen aller Einflüsse über einen Zeitraum von zehn oder zwanzig Jahren sind nicht vorhersehbar. Was Eltern hier und heute tun können, das ist eine lebendige, achtungsvolle Beziehung gestalten und so die berechtigte Hoffnung hegen, dass sich diese positiv auf die Kindesentwicklung auswirkt.
Für Thomas hätte ein solches Elternverhalten beispielsweise zu einem völlig anderen Erlebnis geführt. Der Vater hätte die Rauchergeste seines Sohnes einfach ignorieren und darauf hoffen können, dass sein Vorbild als Nichtraucher und eine entspannte glückliche Kindheit mit einer vertrauens- und verständnisvollen Eltern-Kind-Beziehung Thomas später vor Suchtexzessen bewahren würde. Für Thomas wäre das dann eine bedeutungslose Episode in seinem alltäglichen Spiel geblieben, die keinerlei Einfluss auf ein Rauchbedürfnis im Erwachsenenalter gehabt hätte. Oder der Vater hätte seine Beobachtung zum Anlass nehmen können zu berichten, wie er selbst als Kind sich sehnlichst gewünscht hat, endlich erwachsen zu sein. Wie er sich beispielsweise aus den Stängeln der Waldrebe mit dem Taschenmesser „Zigarren“ zurechtgeschnitzt und wirklich angezündet hat. Wie ihm der Hustenanfall danach das Rauchen auf viele Jahre hinaus verleidet hat. Wie er mit 15 dann heimlich seine erste Zigarette geraucht, dann aber mit 25 seine Raucherkarriere endgültig beendet hat usw. Das hätte Thomas gezeigt, dass sein Vater kein Tugendbold, Moralprediger oder Polizist ist, sondern dass er ihn versteht, ernst nimmt und außerdem bereit ist, etwas von sich selbst preiszugeben. So entsteht positive Resonanz. Eltern, die mit ihren Kindern in positiver Resonanz leben, richten ihr Augenmerk nicht in erster Linie auf scheinbar optimale Erziehungsstrategien und -akte, sondern auf die Qualität der Beziehung. Sie vertrauen nicht auf die Wirksamkeit von „Erziehungswerkzeugen“ und den Appell „Du sollst dich ändern“. Sie vertrauen den Kräften der Gemeinsamkeit, des Verständnisses und der Einfühlung. Ihr Leitspruch lautet: „Wir wollen gemeinsam das Beste erreichen“.
Eltern im Stress-Modus
Eltern, die im Alltag dauerhaft überfordert sind, rutschen leicht in den Stress-Modus. Entweder sie resignieren dann oder sie kramen mehr oder weniger wirksame Erziehungswerkzeuge hervor: Appelle, Belehrungen, Predigten, Befehle, Vorwürfe, Drohungen, Strafen. Oder zeitgemäßer: Ich-Botschaften, Belohnungen, „natürliche Konsequenzen“ und so weiter. So gerät das Kind leicht in die Rolle eines Erziehungsobjekts. Reagiert es nicht wie erwartet, dann erhöhen Eltern die Lautstärke und den Druck, fühlen sich dabei aber selbst nicht gut und danach oft schuldig. So setzen sie ungewollt eine verhängnisvolle Eskalations-Spirale in Gang, aus der dann weder das Kind noch sie selbst einen Ausweg finden.
Das Kind als Erziehungsobjekt
Resonante Erziehung
Eltern erzeugen negative Resonanz, wenn sie ihre Kinder überfordern, gängeln, herabwürdigen, nicht ernst nehmen, ihnen ihre Liebe entziehen oder sie bestrafen, auch dann, wenn sie glauben, dies im Namen eines wichtigen Erziehungsziels zu tun. Betrachten wir dazu noch einmal das Beispiel mit Thomas: Nehmen wir an, das Ziel des Vaters ist zunächst, Thomas frühzeitig das „Rauchen“ abzugewöhnen, um ihn später vor Gesundheitsschäden zu bewahren, also ein ehrenwertes Motiv. Er gibt Thomas eine Anweisung in der Erwartung, dass er diese befolgt:
Thomas hört zwar die Anweisung, versteht aber das Motiv seines Vaters nicht, denn dieses wurde nicht kommuniziert. Er erlebt die Anweisung als autoritäre Geste und Einschränkung seiner Autonomie. Deshalbreagiert er mit Widerstand:
Dadurch schiebt sich jetzt für den Vater ein anderes Motiv in den Vordergrund: Thomas soll die Anweisungen achten und befolgen. Sein hartnäckiges „Nein“ bringt den Vater in Zugzwang. Ohne sich in Thomas‘ Motive einzufühlen oder hineinzudenken glaubt er jetzt, ein Exempel statuieren zu müssen, Nun geht es nicht mehr um Thomas‘ Gesundheit, auch nicht mehr um gegenseitiges Verstehen, sondern um Befehl und Gehorsam sowie darum, den väterlichen Gesichtsverlust zu vermeiden. Die wechselseitigen Botschaften werden so zwar gehört aber nicht verstanden und deshalb auch nicht angemessen beantwortet. Statt positiver Resonanz entsteht Konfrontation.
Zwar führen „konsequent“ zelebrierte Strafaktionen, wenn sie öfter wiederholt werden, wahrscheinlich zum „Erfolg“: Thomas wird versuchen, sie künftig zu vermeiden und sich seinem Vater gegenüber fügsamer zu zeigen. Leiden wird jedoch sein Selbstwert und – wenn solche Strafaktionen zum Erziehungsprinzip werden – auf die Dauer auch die Beziehung zu seinem Vater.
Konfrontation können wir uns also als Folge einer Störung der Kommunikation vorstellen: Der Vater hat eine gut gemeinte „Botschaft“ gesendet, die Thomas zwar hört, aber deren Ursache und Sinn er nicht verstehen kann, weil der Vater seine Motive verschweigt. Dabei hat er sich nach seiner Meinung durchaus in den Sohn eingefühlt: Er hat sich sogar mit Thomas identifiziert, als liefe er selbst Gefahr, zum Kettenraucher zu werden. Statt positiver Resonanz entsteht eine verhängnisvolle Symbiose, der Nährboden für Konfrontation4.
Autonomie
Damit positive Resonanz entstehen kann, gilt der Grundsatz: Die Autonomie der Akteure muss anerkannt und soweit vertretbar respektiert werden. Indem der Vater die volle Verantwortung für Thomas‘ Zukunft übernimmt (und damit auch für dessen aktuelles Handeln), okkupiert er Thomas, nimmt ihn sozusagen in sich selbst hinein. Jetzt spricht aus dem Vater nicht nur er selbst, sondern auch ein fiktiver und verkleinerter Sohn. Diese Vater-Sohn-Symbiose muss zwangsläufig mit der Identität und der Selbstachtung des realen und autonomen Sohnes kollidieren. So können wir die Entstehung einer eskalierenden Eltern-Kind-Konfrontation quasi aus dem Nichts beobachten.
Wie ich schon gezeigt habe, wäre dieser Konflikt durch eine gelassene und vertrauensvolle Haltung von Anfang an vermieden worden. Doch das würde einen Vater voraussetzen, der nicht von der Sorge um Thomas‘ Zukunft getrieben wäre. Angenommen, sein Motiv speist sich aus der eigenen Erfahrung, wie schwierig es im späteren Leben sein kann, einer einmal begonnenen Raucherkarriere wieder zu entkommen und sein Ziel ist es, Thomas vor dieser Schwierigkeit zu bewahren. Dann wäre der Apell „ignorieren Sie das Raucherspiel Ihres Sohnes einfach“, so vernünftig dieser auch erscheinen mag, wenig hilfreich. Selbst wenn es dem Vater gelänge, sich die Zurechtweisung zu verkneifen, seine Körpersprache würde ihn vermutlich dennoch verraten. Er würde kaum merkliche Signale von Unmut senden, die Thomas allerdings im Unklaren darüber ließen, wodurch er den väterlichen Ärger denn verursacht hat. Viel besser ist es deshalb, der Vater sendet eine klare Botschaft, indem er seine Sorge ganz offen ausspricht: „Ich habe mit 15 angefangen zu rauchen, weil ich so cool sein wollte wie meine Kameraden. Später habe ich gemerkt, dass das Rauchen teuer und ungesund ist, aber es war ziemlich schwierig, wieder damit aufzuhören. Erst mit 26 habe ich das dann endlich geschafft.“
So erhielte Thomas eine Botschaft, die ihn vollständig und nachvollziehbar erreicht. Er wüsste, was den Vater bewegt und könnte entsprechend reagieren: „Es ist bloß ein Spiel“. Statt nun mit einem Verbot zu kontern, könnte sich der Vater klarmachen, dass dieses Spiel. nichts damit zu tun hat, wie sich Thomas einmal später entscheiden wird. Er würde jetzt entspannt seinem Sohn zusehen und einen eskalierenden Konflikt vermeiden.
Positive Resonanz
Damit dies gelingt, ist allerdings vonnöten, dass sich Vater und Sohn in positiver Resonanz befinden. Resonanz bedeutet Mitschwingen. Dazu müssen die Akteure in der Lage sein, die Botschaften (Schwingungen) des anderen Akteurs oder der anderen Akteure achtsam, respektvoll und einfühlsam aufzunehmen, zu deuten und angemessen zu beantworten. In erster Linie entscheidet dann nicht eine bestimmte Erziehungstaktik, sondern die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung darüber, welche Anweisungen Eltern für notwendig halten und wie diese vom Kind befolgt werden.
Das Beispiel von Thomas und seinem Vater hat uns gezeigt, wie ein Konflikt sozusagen aus dem Nichts entsteht, wenn Eltern und Kind sich in negativer Resonanz befinden. Folgendes Beispiel kann illustrieren, wie Eltern durch positive Resonanz ein wirklich ernsthaftes Problem mit ihrem Sohn gelöst haben:
Die Lehrerin lädt die Eltern des elfjährigen Stefan zum Gespräch und erklärt ihnen, dass ihr Sohn einen Jungen (nenn wir ihn Jacob) aus der Klasse auf üble Weise gemobbt, vor den Klassenkameraden gedemütigt und geschlagen hat. Jacobs Eltern haben sich empört über Stefans Verhalten beschwert und die Lehrerin aufgefordert, dringend für Abhilfe zu sorgen.
Ich weiß nicht, ob die Eltern das Anti...