Annas drittes Lebensjahr
2;1a Keine Geheimnisse mehr
Da die Pflegeeltern nach ihren Beobachtungen davon ausgingen, dass Frau Loose bereits im April ein weiteres Kind entbunden hatte, sie jedoch nach drei Monaten auch das Jugendamt nicht in Kenntnis setzte, wurden sie misstrauisch. Sie beauftragen daher im Juli einen Anwalt, der aufs Pflegekinderwesen spezialisiert und im gesamten Bundesgebiet tätig ist. Herr Dorner beantragte Akteneinsicht, wodurch sie nun die Informationen erhielten, die ihnen offiziell niemand mitteilen wollte.
2;1b Frau Rottmann oder neue Besen kehren (nicht) gut
Zur Betreuung und Überprüfung der Situation mit dem neugeborenen Kind stellte man Frau Loose eine Familienhilfe der Caritas zur Seite. Frau Rottmann bezeichnet sich als systemische Familientherapeutin und arbeitet als Honorarkraft für freie Träger. Damit nicht zwei Betreuerinnen für Annas Mutter zuständig wären, ersetzte man die bisherige Beraterin Frau Weiß durch Frau Rottmann. Frau Rottmanns anfänglicher Zuständigkeitsbereich wurde ohne Erläuterungen von der sozialpädagogischen Familienhilfe zur zweiten Umgangsbegleitung erweitert. Auf die Nachfrage von Familie Schneider zu diesem Vorgang erhielten sie die Antwort: „Das geht Sie nichts an.“ Ab diesem Zeitpunkt „wehte ein anderer Wind.“ (Zitat der Umgangsbegleiterin Frau Klein)
2;1c Orkan Stärke 7
Frau Rottmann war ohne vorherige Übergabe und Verabschiedung von Frau Weiß Ende Juli zum ersten Mal in einem Umgang anwesend. Sie war nur unzureichend in den Fall eingearbeitet und hatte ihre Informationen fast ausschließlich von Frau Loose. Dennoch griff Frau Rottmann ab diesem Tag aktiv in die Umgangsgestaltung ein. Sie hielt sich nicht wie die anderen Fachkräfte zunächst im Hintergrund und beobachtete, um sich selbst ein Bild zu verschaffen, sondern intervenierte vom ersten Moment an. Sie übernahm selbst nicht mehr die Rolle der beratenden Erziehungshilfe sondern die der leitenden Umgangsbegleitung. Sie griff in das sensible Gesamtgefüge ein, ignorierte dabei die bisherige Entwicklung und die Vorgehensweise von Frau Klein. Sie attackierte die Pflegeeltern bereits in den ersten Umgängen, führte Diskussionen, die in Umgängen nichts zu suchen haben.
Ihre Einstellung und Haltung gegenüber der Pflegefamilie, die sie auch in den Umgängen demonstrierte, war voreingenommen und vom ersten Moment an negativ. Frau Rottmann war bekennend parteiisch für die Belange der Kindesmutter.
Wahrnehmung der Pflegemutter des ersten Umgangs mit Frau Rottmann
Als Frau Loose klingelt, öffnet Frau Klein mit Anna die Tür. Anna läuft zu mir und möchte Frau Loose nicht begrüßen. Die Begrüßung von Frau Loose mir gegenüber ist deutlich nüchterner als bei den letzten Treffen. Wir begeben uns ins Spielzimmer, Anna sagt: „Mama mit.“ Ich folge, Frau Rottmann bleibt vor dem Raum sitzen. Anna ist beim Spielen mit Spielgeld und einer Holzstapelpuppe noch sehr auf mich fixiert. Ich versuche, dass Anna „Karin“ mehr einbezieht. Als sich Anna einen kurzen Augenblick abwendet, winkt mich Frau Rottmann aus dem Zimmer. Draußen sagt sie mir, dass sie testen möchte, wie lange Anna alleine verweilt. Noch während sie mit mir weggehen möchte, kommt Anna schon hinterher und zieht mich an der Hand wieder ins Spielzimmer. Ich frage Frau Rottmann, ob ich Anna folgen darf. Sie bejaht dies. Im Spielzimmer frage ich nach, ob wir nach dem kürzlich geäußerten Wunsch von Frau Loose heute auf den Spielplatz gehen sollen. Frau Loose äußert sich nicht. Man bleibt indifferent und geht nicht. Als Anna sich auf ein Dreirad setzt, rege ich an, dass Karin sie schiebt. Sie lässt sich durch den Vorraum schieben, fragt draußen nach „Mama“. Frau Loose antwortet: „Wir fahren wieder da rein, da ist die Frau Klein“. Anna möchte, dass ich mit ihr Dreirad fahre, lässt sich jedoch schnell wieder auf eine neue Spielsituation ein. Nach einiger Zeit begibt sich Anna zur Tür und möchte gehen (schaukeln, Spielplatz). Sie lässt sich ablenken, indem Frau Loose und ich sie in einer Decke schaukeln. Danach möchte sie etwas trinken, setzt sich mit Frau Loose an den Tisch. Anna sucht mich, als ich mir kurz die Hände wasche.
Frau Rottmann beginnt im Vorraum unvermittelt mit mir ein Gespräch über konfrontative Themen wie zwei „Mamas“, Umgewöhnung der Bindung. Abschließend weist sie mich noch darauf hin, dass wir beim kommenden Treffen zum Wohnort der Mutter kommen müssten, damit der Turnus wieder stimme. Ich entziehe mich den geballten Angriffen und trinke etwas. Anna ruft nach mir und kommt wieder herein. Gegen 16.30 Uhr regt Frau Klein an, zum Ende zu kommen. Anna gibt jedem die Hand und winkt noch einmal zum Abschied.
Wahrnehmung des Pflegevaters des zweiten Umgangs mit Frau Rottmann
Nach dem Ausziehen der Schuhe rennt Anna gleich in das vordere Spielzimmer, vergewissert sich, dass ich bleibe, und winkt meiner Frau zum Abschied. Frau Loose folgt Anna zum Schaukelpferd, ich bleibe noch kurz im Raum, um Anna Sicherheit zu geben. Nach wenigen Minuten nimmt mich Anna an der Hand und zieht mich ins hintere Spielzimmer: sie möchte mit den Puppen spielen. Frau Loose kommt hinzu, sie spielen Puppen füttern. Ich ziehe mich unaufgefordert in den Essbereich zurück als Frau Rottmann von mir verlangt, mich mit ihr in die Teeküche zu setzen.
Ich entgegne, ich werde mich wie bisher nach meinem Ermessen stufenweise zurückziehen. Anna wechselt mit Frau Loose in den vorderen Spielraum und spielt dort lange, Frau Rottmann folgt, ich bleibe mit Frau Klein im anderen Raum. Später spielt Anna mit Frau Loose ausgelassen im Sandkasten und mit dem Ball. Frau Klein setzt sich zu ihnen, während ich und Frau Rottmann drinnen bleiben.
Im völligen Widerspruch zu dem offensichtlich guten Gelingen des Umgangs, das Frau Klein mir bestätigte, fordert mich Frau Rottmann zweimal im Befehlston auf, mich in die Teeküche zu setzen. Mein Verweilen in Hör- oder Sichtweite von Anna sieht sie als „Anbieten“ an, um Anna von Frau Loose wegzuholen und bezeichnet mich als „austauschbar“. Im Verhörstil drängt sie mich vorwurfsvoll ihr zu sagen, wer uns denn verraten hätte, dass Frau Looses Tochter Maria heißt. Im weiteren unterstellt mir Frau Rottmann, es falle mir schwer, Anna mit Frau Loose glücklich zu sehen, und versucht zum zweiten Mal mir eine Mitschuld an der gegenwärtigen Situation einzureden. Ich kann mich den Anschuldigungen nur schwer entziehen.
Die heuchlerische Nachfrage nach unserer Adoptionsbewerbung nutzt Frau Rottmann, um zu betonen, dass sie die Vermittlungszeit für ungewöhnlich kurz halte. Erst als Frau Klein wieder den Raum betritt, endet dieses (nicht nur für eine Fachkraft) skandalöse Frage-Antwort-Spiel.
Nach einer Stunde kehrt meine Frau aus der Stadt zurück. Frau Rottmann empört sich vor Anna lautstark über die pünktliche (!) Rückkehr meiner Frau.
Im 3. Jahrbuch der Stiftung zum Wohl des Pflegekindes ist zu lesen:
Aus der Psychologie neurotischer und psychosomatischer Störungen kann man lernen, dass Menschen nicht an der Wahrheit, sondern an Illusionen und Selbstbetrug krank werden. Wenn man etwas für leibliche Eltern tun will, dann sollte man ihnen helfen, ihre eigene Realität anzuerkennen. Voraussetzung dafür ist, dass man nicht selbst an Illusionen festhält.
Das Festhalten an solchen Illusionen ist nur möglich, wenn man die Augen davor verschließt, dass es Eltern gibt, die nicht in der Lage sind, Eltern zu sein, dass sie, wenn sie ein Kind vernachlässigen oder misshandeln, nicht erziehungsfähig sind.
Was sich hier zeigt, ist ein Mangel an kritischer Distanz der professionellen Helfer gegenüber den leiblichen Eltern. Diese mangelnde Distanz beruht häufig auf einer Identifikation der Helfer mit den leiblichen Eltern.
Wenn sich aber schon der professionelle Helfer nicht von den leiblichen Eltern kritisch distanzieren kann, dann kann er weder die traumatischen Erfahrungen des Kindes, noch das elterliche Versagen, ihre Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit sehen und darüber ein klares Urteil haben, das auch einen Richter überzeugt. Folglich kann er sich nicht in das Kind, seine Ängste und Ohnmachtserfahrungen einfühlen. Wenn der Helfer nicht realistisch das elterliche Versagen sieht, kann auch eine Mutter oder ein Vater nicht das eigene elterliche Versagen begreifen und dafür Verantwortung übernehmen.
2;4 Die Gutachterin begutachtet schon wieder
Frau Klein informierte die Pflegeeltern Anfang Oktober per E-Mail, dass die Gutachterin am nächsten Umgang ein weiteres Mal zur Erstellung eines Gutachtens teilnehmen würde. Sie sollten sich zurückziehen, um zu zeigen, dass sie Anna loslassen können. Ansonsten gab es keine Beratung.
Der Umgang konnte nicht in den gewohnten Räumlichkeiten durchgeführt werden, da Frau Klein keine passenden Schlüssel hatte. Man musste daher auf einen Büroraum ausweichen. Es gab dort Spielsachen, räumlich waren die Möglichkeiten jedoch begrenzt. Die Begutachtung wurde trotz der außergewöhnlichen Konstellation durchgeführt.
Wahrnehmung des Pflegevaters
Frau Loose zeigt sich von Anfang an sehr aktiv um Anna bemüht, fordert schon im Treppenhaus „Bekomm ich etwas von dir? Einen Kuss?“ und zieht ihr heute im Unterschied zu den bisherigen Umgängen Jacke und später Schuhe alleine aus. Sie möchte Anna Hausschuhe anziehen, was Anna ablehnt.
Meine Frau verabschiedet sich in die Stadt, Anna umarmt meine Frau innig. Die Gutachterin, Frau Rottmann und Frau Klein nehmen auf einer Couch Platz, ich ziehe mich mit einem Sofakissen als Unterlage am Rand des Raumes hinter einem Schreibtisch auf den Boden zurück. Anna spielt bereitwillig mit Frau Loose, bezieht v.a. Frau Klein aber auch Frau Rottmann gelegentlich in ihr Spiel ein. Frau Loose ist häufig mit sich oder dem Spiel (z.B. Holzklötzeturm) und weniger mit dem Dialog mit Anna befasst. Gelegentlich bleiben Äußerungen von Anna unverstanden. Als Anna einen Holzklotz auf der Hand zum Streicheln anbietet, erläutert die Gutachterin Frau Loose, dass Anna möchte, dass sie den „Hase streicheln“ soll. Erst nach einiger Zeit sucht Anna zweimal mich als Anlaufstelle und Ruhepol, indem sie sich als Katze an mich schmiegt. Durch die vorangegangenen Vorwürfe von Frau Rottmann des „Anbietens“ bin ich in dieser Situation sehr verunsichert. Daher ermuntere ich Anna schnell, sich wieder dem Spielen mit „Karin“ zu widmen, was dazu führt, dass sie sich noch mehr an mich drückt.
Es dauert einige Zeit bis sie sich wieder löst.
Frau Rottmann unterbricht den Spielfluss, als sie unvermittelt den Raum verlässt, was natürlich Annas Interesse weckt. Als sie nach einigen Minuten zurückkommt, klingelt Frau Rottmann an der Zimmertür. Anna schreckt auf und meint, ihre Mama komme. Frau Klein nimmt Anna mit zur Tür, zeigt ihr, dass es Frau Rottmann ist, und tröstet sie, ihre Mama komme auch bald.
Gegen Ende des Treffens wird Anna etwas knatschig und will unbedingt, dass ich mich zu ihr und Frau Loose an die Bodenmatte setze und mit ihnen mit den Bauklötzen spiele. Ich spiele zunächst mit, kann mich dann aber dadurch entziehen, dass ich anrege, Anna solle doch mit der Hilfe von Frau Loose Purzelbäume machen. Anna nimmt dies begeistert auf.
Als meine Frau aus der Stadt zurückkehrt, begrüßt Anna sie schon im Treppenhaus euphorisch. Als Anna sich an der Tasche meiner Frau zu schaffen macht, reagiert Frau Loose sehr ruppig „Was machst du denn jetzt da, komm wieder her.“ Beim Aufräumen fragt Frau Loose Anna „Wie heißt denn du?“ Anna antwortet. „Anna Schneider“. Frau Loose entgegnet Anna, dass dies nicht stimme, woraufhin Anna bekräftigt: „Doch, Anna Schneider.“ Frau Loose erklärt ihr, sie heiße Anna Loose. Anna schaut mich irritiert an. Da niemand etwas hinzufügt, ergänze ich aus der Not: „Papa und Mama heißen mit Nachnamen Schneider.“
Frau Loose zieht Anna heute alleine an bis Anna sagt, Frau Klein solle ihr auch einen Schuh anziehen. Man verabschiedet sich freundlich, Anna umarmt Frau Klein und Frau Rottmann, der Gutachterin gibt sie die Hand. Bereits während des Umgangs hatte sie mehrmals mit Deutung auf die Gutachterin gefragt: „Frau is?“
Herr und Frau Schneider wurden im Nachgang von den Umgangsbegleiterinnen und dem Jugendamt sehr kritisiert. Nach deren Auffassung hätten sie direkt im Umgang Anna gegenüber richtig stellen müssen, dass sie nicht den Nachnamen der Pflegeeltern trägt. Im Gegenzug vertraten Fachkräfte des Pflegekinderwesens die Auffassung, dass es sicherlich in diesem Rahmen und auch in Annas Alter nicht der richtige Zeitpunkt gewesen wäre. Es hätte Anna verunsichert, weil sie sich der Pflegefamilie zugehörig fühlte. Genau dies hatte sie mit der Benennung ausgedrückt.
2;5a Qualifizierte Beratung
Aufgrund eines Zeitungsberichtes wurden die Pflegeeltern auf eine Erziehungsberatungsstelle aufmerksam, die auf die Themen „Umgangsbegleitung“ und „Betreuter Umgang“ spezialisiert ist. Sie hatten Anfang November nach einem Informationsaustausch per E-Mail ein erstes Beratungsgespräch.
Hierzu verfasste der beratende Psychologe einen Beratungsbericht
ANLAGE B
Sie suchten die Beratungsstelle in der Folge immer wieder auf. Der beratende Psychologe erklärte, dass es für seine psychologischen Stellungnahmen keine differenzierende Rolle spiele, wie detailliert er sie als Pflegeeltern sowie das Kind individuell kennen gelernt hatte. Ein positiver Allgemeineindruck von ihnen und ein guter Entwicklungseindruck von der Pflegetochter sollte natürlich da sein. Dies wäre jedoch der positive Normalfall. Wirklich entscheidend war für ihn auf der Basis einer positiv gesehenen Beziehung zwischen Pflegeeltern und der Pflegetochter die prinzipielle methodische Frage, ab welcher Verweildauer und welchem Lebensdauer man eine Rückführung aus Bindungsgründen nicht mehr diskutiert.
Dabei ginge es um die Relation von Verweildauer und Lebensalter.
Beispiel 1: Überwiegende Präsenz eines 2- bis 3-jährigen Kindes in einer Pflegefamilie ist enorm viel. Da würde er keine Rückführung mehr diskutieren.
Beispiel 2: Wenn hingegen ein 12- bis 13-jähriges Kind bis 10 Jahren bei den eigenen Eltern gelebt hat und war dann ebenfalls zwei bis drei Jahre in einer Pflegefamilie, dann wird man in der Regel eine Rückführung anstreben.
Er erläuterte, dass im ersten Fall die Grundbindung des Kindes deutlich z...