Kapitel 1: Was sich im Körper beim Essen und
infolge des Essens abspielt.
Was macht uns dick? Alles in der Nahrung, was zu einem Anstieg von
Zucker im Blut führt. Dieser hat nämlich eine Vermehrung von Insulin
zur Folge, das den Einbau von Zucker, aber auch von Fett in das Gewebe
bewirkt. Die Vorstellung von einer Kalorien-Bilanz (es wird
weniger Energie verbraucht, als in den Körper eingeführt, und daher
wird man dick) ist falsch. Nicht die Menge, sondern die Art der Kalorien
und die Zusammensetzung der Nahrung entscheidet über das
Gewicht. Eine Insulin-Resistenz hat zur Folge, dass bereits geringer
Zucker im Blut eine starke Vermehrung von Insulin hervorruft. Sie ist
daher für unser Ziel, Gewicht zu verlieren, besonders ungünstig. Sie
wird insbesondere bei Fettleber und viel Fett im
Bauchraum beobachtet.
Lassen Sie uns mit einer Frage, die uns vielleicht schon lange beschäftigt, anfangen: Was im Essen macht uns eigentlich dick? Um das zu verstehen, werde ich Stoffwechselvorgänge, die durch das Essen ausgelöst werden, darstellen. Sie sollen diese Frage beantworten und uns helfen zu verstehen, was wir letztendlich machen können, um diesen Dick-Mach-Effekten zu entgehen.
Einen solchen wichtigen Vorgang, auf den ich mich in dem Text immer wieder beziehen werde, wollen wir an den Anfang stellen.
Unsere Nahrung besteht hauptsächlich aus den drei Stoffgruppen Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett (Siehe Kapitel 7). Wenn wir etwas essen, wird der Kohlenhydratanteil von dem Enzym Amylase2 im System des Verdauungstraktes in einzelne Zucker-Moleküle zerlegt. Diese können dann durch die Dünndarmschleimhaut aufgenommen werden, sodass sie ins Blut übertreten. Unter allen Zuckermolekülen, die so resorbiert werden, ist für uns die Glukose der in seiner Wirkung bedeutsamste Zucker. Er ist beispielsweise Teil des Haushaltzuckers, den wir in der Küche verwenden oder vielleicht, um bei Tisch unseren Kaffee oder Tee zu süßen, und er ist in der Stärke in Kartoffeln und Brot enthalten.
Abb. 2: Zuckermoleküle sind in der Nahrung meist als lange Ketten vorhanden. Diese Ketten, auch als Polysaccharide bezeichnet, bilden die Stärke in Kartoffeln oder Brot. Die Moleküle werden durch das Enzym Amylase abgetrennt und können so einzeln ins Blut aufgenommen werden.
Der Haushaltszucker besteht aus zwei miteinander verbundenen Zuckermolekülen, der Glukose und der Fruktose. Haushaltszucker wird auch mit den Begriffen Sucrose oder Saccharose bezeichnet, es handelt sich um dieselbe Substanz. Auch er wird durch das Enzym Amylase gespalten. Die Konzentrationen dieser beiden Zuckermoleküle steigen nach dem Essen im Blut an, da sie nach dieser Spaltung von der Dünndarm-Schleimhaut in den Körper aufgenommen werden können. Die Fruktose werden wir in einem eigenen Kapitel beschreiben (s. Kapitel 18). Konzentrieren wir uns hier auf Schicksal und Wirkung der Glukose. Diese nach dem Verzehr von Kohlenhydraten, z.B. Brot, im Blut ansteigende Glukose stellt den Blutzucker dar. Etwas Glukose ist allerdings bereits vorher im Blut. Wenn sie nicht aus der Nahrung gerade aufgenommen wurde, wird sie von der Leber zur Verfügung gestellt. So hat man auch eine normale Blutzuckerkonzentration, wenn man lange nüchtern war, beispielsweise am Morgen vor dem Frühstück. Der nach dem Essen einsetzende Anstieg des Blutzuckers erzeugt einen sofortigen Insulin-Anstieg im Blut. (s.Abb.3) Insulin ist ein Hormon, das von der Bauchspeicheldrüse aus in das Blut abgegeben wird.
Je nach Geschwindigkeit und Höhe des Blutzuckeranstieges erscheint Insulin mehr oder weniger schnell und stark im Blut. Insulin hat die Wirkung, Zellen und damit Gewebe aufzubauen. Wir nennen dieses eine „trophe“ (griechisch: nährend) Wirkung, da es Wachstum und Ernährung des Gewebes bewirkt. Es werden Nahrungsmoleküle in die Zellen der Gewebe hineingeschafft. Für unser Thema hier ist wichtig, dass Insulin die Wirkung hat, die Glukose, die als Blutzucker im Körper unterwegs ist, sehr effizient in die Zellen hineinzubringen.
Glukose ist für alle Gewebe und damit für unser ganzes Leben eine bevorzugte Energieform, die für die Leistungen der Zellen sehr gut verwendet werden kann. Insulin schleust auch andere Nahrungsmoleküle wie Fettmoleküle und Eiweißbausteine, die Aminosäuren, in die Zellen.
Das Insulin, das durch den Blutzuckeranstieg hervorgerufen wird, bewirkt dieses Einschleusen von Glukose in die Zellen fast des gesamten Körpers. Eine Ausnahme bildet hier unter anderem das Gehirngewebe, das für die Verwendung der Glukose gar nicht auf Insulin angewiesen ist. Die Folge der Insulinausschüttung ist ein Abfall der Blutzuckerkonzentration. Infolgedessen hört die Insulinausschüttung bald auf und die Konzentration des Insulins im Blut mindert sich, da ja mit Abfall der Glukose der Reiz, Insulin freizusetzen, nachlässt und immer weniger Glucose einzubauen ist
Abb. 3: Regulation des Blutzuckerspiegels: Mit Anstieg des Zuckers im Blut nach der Verdauung erscheint Insulin im Blut und senkt den Blutzucker wieder auf normale Werte. Mit der Senkung des Zuckers geht auch die Insulinkonzentration zurück.
Für das Verständnis unseres Projektes der Gewichtsreduktion ist es von großer Bedeutung, dass Insulin nicht nur Glukose, sondern auch Fett-Moleküle in die geeigneten Gewebe einbaut. Das ist physiologisch sinnvoll, denn mit den aufgespaltenen Kohlenhydraten werden in der Regel auch Fleisch und Fett verdaut und ihre molekularen Bestandteile, nämlich Aminosäuren und Fettsäuren, erscheinen im Blut. Hier zeigt sich eine Verbindung zwischen Fett und Kohlenhydraten:
Wenn durch einen starken Blutzuckeranstieg viel Insulin im Blut erscheint, dann wird dieses Insulin neben Zucker auch Fett in die entsprechenden Gewebe, insbesondere das Fettgewebe, einbauen.
Dies ist der Hintergrund der uns betrübenden Beobachtung, dass besonders viel Fett ins Fettgewebe gelangt, wenn man Süßes und Fett zusammen isst (Sahnetorte, Schokolade u.ä,), und man durch etwas so Schönes dick wird. Wenn dagegen wenig Insulin da ist, kann das aus der Nahrung aufgenommene Fett kaum zu Übergewicht führen.
Große Insulinmengen im Blut aber können auch ohne Fett in der Nahrung zu einem Anhäufen von Fettgewebe führen, da Fett immer im Blut vorhanden ist; es kann ja aus anderen Nahrungsmitteln, wie etwa Kohlenhydraten, vom Körper selbst hergestellt werden.
Die Frage, was in der Nahrung uns eigentlich dick macht, kann nun beantwortet werden: Es ist jede Nahrung, die zu einem Anstieg von Insulin führt. Und das ist die Nahrung, die den Blutzucker ansteigen lässt.
In einem Kapitel über die Unterschiedlichkeit der Menschen (Kapitel 8) werden wir lernen, dass die Stoffwechselregulation von uns Menschen sehr verschieden ist. So ist zu erwarten, dass die Menschen einen sehr unterschiedlichen Insulinanstieg bei gleichen Blutzuckerwerten haben. Außerdem kann sich der Blutzuckeranstieg nach gleicher Nahrung zwischen einzelnen Menschen sehr unterscheiden. So kann man sich gut vorstellen, warum bei gleicher Nahrung die Stoffwechselsituation (uns interessiert hierbei der Aspekt: Macht etwas dick?) so verschieden sein kann.
Aus der Diabetes-Betreuung kann man lernen. Bei vielen Diabetikern steht der Mangel an Insulin im Vordergrund der Erkrankung. Klar, wenn kein Insulin wirkt, bleibt der Blutzucker hoch. Eine sehr häufige Schwierigkeit besteht darin, die richtige Insulin-Dosis, d.h. -Menge zu finden, die der Diabetiker sich spritzen muss. Wenn diese bereits ein wenig zu viel ist für das, was in Wirklichkeit der Bedarf ist, nimmt der Mensch häufig zu. Insulin macht dann dick!
Über viele Jahre wurde uns allen aber gepredigt, dass Kalorien in der Nahrung möglichst niedrig gehalten werden müssen, um abzunehmen. Was hat es wohl damit auf sich? Lassen Sie uns Überlegungen zu diesen Kalorien (siehe Einschub) anstellen. Kalorien sind besonders in fetthaltiger Nahrung vorhanden. Pro Gramm Fett finden sich ja praktisch doppelt so viele Kalorien, wie in Kohlenhydraten und Eiweiß.
Exkurs
Was ist die Energie der Nahrungsmittel, gemessen in Kalorie?
Der physiologische Brennwert von Lebensmitteln ergibt die Energiedichte, die bei der Verstoffwechselung im Körper verfügbar ist. Die Energie, die der Körper dafür selbst aufwenden muss, geht nicht in die Rechnung ein. Bei der Berechnung spielt das individuell unterschiedliche Verdauungssystem eine Rolle, dessen Funktion abgeschätzt werden muss. Die Werte sind aus wissenschaftlicher Sicht sehr unzuverlässig. Aber nach der EU - Lebensmittel-Informationsverordnung von 2014 ist der Brennwert der Nahrungsmittel anzugeben. Wegen der Unzuverlässigkeit der Abschätzung ist nach ernsthafter Kritik ein auch nur halbwegs plausibler physiologischer Brennwert überhaupt nicht wissenschaftlich herleitbar.
Leider gibt es keinen besseren Begriff, um die Energie zu beschreiben. Daher verwenden wir das Wort Kalorie notgedrungen weiter.
Folgendes Experiment mit der Nahrung ist zur Illustration des Gesagten geeignet: Unter der Vorstellung, dass diese zu Gewichtsabnahme führt, wurde die Atkins Diät entwickelt. Angesichts der eben dargestellten Wirkung von Kohlenhydraten nahmen sich die Menschen dabei vor, vollständig – soweit es möglich ist – auf Kohlenhydrate zu verzichten und hauptsächlich Fett und Eiweiß zu essen. Sie wurden in der Tat nicht dick, obwohl sie insbesondere mit dem Fett sehr viele Kalorien zu sich genommen hatten. Nach der Menge der Kalorien zu urteilen, hätten sie eigentlich entsprechend der alten Vorstellung, dass die Kalorien in der Nahrung darüber entscheiden, ob man dick wird, zunehmen müssen.
Eine ähnliche Beobachtung gilt auch für Menschen, die sich natürlicherweise ganz überwiegend von Fett ernährten, z. B. die Eskimos. Sie haben über Jahrtausende im Wesentlichen das fettige Fleisch der gefangenen Fische und Wale gegessen, Getreide und Kartoffeln kannten sie nicht. Sie waren schlank und wurden erst übergewichtig, als sie die “westliche“ Nahrung übernahmen, die reich an Kohlenhydraten ist.
Nach dieser Beobachtung müssen wir folgenden Schluss ziehen:
Die Kalorien, die wir zu uns nehmen, sind nicht der entscheidende Gesichtspunkt. Die Wirkung der Nahrung auf Insulin und damit auf seinen Fett speichernden Effekt spielt eine viel größere Rolle.
Ich möchte mich auch für mich und meine gesamte Branche der verständigen ärztlichen Kittelträger an dieser Stelle dafür entschuldigen, dass über eine lange Zeit diese offensichtlich falsche Vorstellung aufrechterhalten wurde. Ich habe es ja selbst getan, weil doch die Vorstellung, dass die Kalorien, nämlich Fett in der Nahrung, direkt in unserem Fettgewebe landen würde, so einleuchtend erscheint. Aber es ist nicht so!
Natürlich haben Kalorien für das Gewicht eine Bedeutung. Wenn er keine Kalorien zu sich nimmt, verhungert der Mensch. Er kann aber nicht allein mit sehr vielen Kalorien, die in Form von Fett gegessen werden, dick werden. Entscheidend dafür ist die An- oder Abwesenheit von Insulin, das auf Kohlenhydrate reagiert. Wenn der Körper gerade auf die Kalorienaufnahme( z.B. es bestehen hohe Insulin-Spiegel) eingestellt ist, dann macht es sicher einen Unterschied, ob viele oder wenige Kalorien in Form von Fett gegessen werden. Vielleicht aus diesem Grunde wird empfohlen, Kalorien zu „verdünnen“, wenn man sie isst. Für eine Verdünnung der Kalorien sorgen Gemüse, Pflanzenprodukte, Salat und ähnliches, ja auch reines Fleisch, aber keine Kohlenhydrate. Diese hier angesprochene Wirkung entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Effekte, die durch die Strukturen wie Fasern der Gemüse, Obst und Ähnliches, ja sogar durch die Fasern des Fleisches ausgeübt werden. Die Wirkung der Fasern im Gemüse wird in Kapitel 7 dargestellt.
Es sind also nicht einfach die Kalorien, die uns dick machen. Man kann auch Beispiele für Nahrungsmoleküle finden, die zwar chemisch gesehen Kalorien enthalten, die aber trotzdem vom Stoffwechsel nicht ohne weiteres als Energielieferant verwendet werden können. Ein Beispiel hierfür ist die Fruktose. Aus chemischer Sicht enthält sie genauso viele Kalorien wie die Glukose, der wichtigste Energielieferant. Zu Verfügung steht die Fruktose aber nicht. Sie muss in einem völlig anderen chemischen Weg verstoffwechselt werden, durch den schädliche Stoffe Fetttröpfchen in der Leber entstehen lassen (so bildet sich eine Fettleber) und Harnsäure entsteht. Und dies spielt sich nur in der Leber ab, alle anderen Energie-bedürftigen Gewebe (unser Gehirn, unsere Muskeln) haben keine Enzyme, um Fruktose zu nutzen (siehe auch Kapitel 18). Es ist daher unsinnig, sie als Kalorie in einer möglichen Bilanzberechnung aufzuführen. Kalorie ist eben nicht gleich Kalorie, was die Wirkung im Körper betrifft.
Das Beispiel der Fruktose zeigt, dass es auf die biochemische Reaktion des Körpers ankommt, welche Wirkung ein aufgenommenes Molekül in der Nahrung hat.
Und so wollen wir auch auf die anderen Nahrungsbestandteile neben den Kohlenhydraten sehen: Wie ist die Reaktion auf Fett? Die große Masse von Fett wird ja in Form von Fettsäuren aufgenommen. Verdauungssäfte, die ein dafür wirksames Enzym enthalten, bewirken, dass die Fettanteile in der Nahrung durch die Darmwand geschleust werden. Von hier werden die typischen Fettmoleküle, nämlich die Fettsäuren, verpackt in kleinen fetthaltigen Bläschen, in das Lymphsystem des Verdauungstrakt...