Teil II:
Themen einer Aufstellung
„Wie die Unterschiedlichkeit
der Menschen
so die Vielfalt der Themen.“
Der Augapfel Gottes contra Familienstruktur
Die Geschichte Davids in der Bibel
Auf, salbe ihn, denn dieser ist es!
(1. Samuel 16,12)
David war der von Gott Gesalbte, David der Augapfel Gottes. Sein Leben war geprägt von seiner Beziehung zu Gott. Gottes Salbung und Segen lagen auf ihm. Auf seinem Leben lag der Segen Gottes. Gott hat ihn begleitet und ihn auch immer wieder aus seinen Tiefen herausgeholt. ER ist ihm in seinen Schwächen begegnet und hat ihn immer wieder gestärkt. Je mehr ich mich jedoch mit diesem David beschäftigte, entdeckte ich auch das Chaos in seinem Leben, besonders innerhalb seinen Familienstrukturen. Was hat David geprägt, welche Rolle spielte er in seiner Herkunftsfamilie, wie hat ihn dies auf seinem Lebensweg geprägt und welchen Einfluss hatte dies auf seine späteren Beziehungen, auf seine Frau und Kinder?
Wie wir aus der Salbung Davids zum König (1. Samuel 16, 1-13) entnehmen können war er der Jüngste von Isais Söhnen. Während Isai voller Stolz auf die Ältesten schaute, galt David nicht viel in den Augen seines Vaters. Als Samuel Isai und seine Söhne zum Opfermahl einlud (1. Sam. 16,5b) brachte dieser nur seine sieben ältesten Söhne mit. David wurde bei der Einladung nicht beachtet und vergessen. Er war auf dem Feld und hütete die Schafe. Ein Sohn nach dem anderen wurde Samuel zur Salbung vorgeführt und immer wieder erklärt Samuel: Diesen hat Gott nicht erwählt. Auf die Frage Samuels: Sind das alle Deine Söhne?, gibt Isai, eher abwertend die Antwort: Es fehlt noch der Jüngste. Sieh, er hütet die Schafe.
David wurde von seinem Vater nicht wahrgenommen. Erst als Samuel ausdrücklich fragte: Sind das alle Deine Söhne? erinnert sich Isai, dass der Jüngste fehlt und die Schafe hütet.
Auch in der Geschichte von David und Goliath aus 1. Samuel 17 wird der Stellenwert Davids innerhalb seiner Herkunftsfamilie deutlich. Während die ältesten drei Söhne Isais hervorgehoben werden, wie sie in den Krieg zogen, wird David wiederum mit dem Hüten der Schafe in Verbindung gebracht (1. Sam. 17, 12-15).
Doch auch wenn David von seinem Vater nicht gesehen wurde, Gott hat ihn gesehen! Er hat ihn gerufen und durch Samuel zum König salben lassen. Auch als ihm die Gelegenheit verwehrt wurde, wie seine Brüder gegen die Philister in den Krieg zu, hat Gott David Raum gegeben in SEINEM Namen zu kämpfen und den Sieg zu erlangen.
David wurde von Gott gesehen, von IHM wahrgenommen und gesegnet. Doch das „Nicht Wahrgenommen Werden“ von Seiten seines Vaters hatte Auswirkungen auf David. Ihm fehlte die Bestätigung seines menschlichen Vaters, die Stärkung als Mann.
Gott begegnete David in seinen Verfehlungen und Verletzungen. Den Weg wie auch die Tiefe seiner Heilung können wir in den Psalmen verfolgen. Sie sind immer wieder Ausdruck seiner Heilung und der Begegnung mit Gott.
Ich kenne Menschen, bei denen ich sagen kann, der Segen Gottes liegt auf ihrem Leben, sie setzen ihre Gaben und Fähigkeiten für das Reich Gottes ein und Gott segnet sie. Bei näherem Hinschauen entdecke ich ein ähnliches Chaos in den Beziehungsstrukturen wie bei David.
Ich denke, dass es sich hierbei um zwei Ebenen handelt. Ich kann, genau wie David, eine sehr persönliche Beziehung zu Jesus haben, erleben, dass ER mein Leben segnet und mich mit meinen Gaben gebraucht. Und doch können sich sehr destruktive, zerstörende Strukturen in meinem Leben befinden, die Aufgebautes wieder zerstören. Es sind die verletzten Familienstrukturen, die, sofern diese nicht aufgelöst und geheilt sind, immer wieder durchbrechen. Genau auf dieser zweiten Ebene, in unseren Familienstrukturen und in unseren Beziehungsstrukturen, will Gott Heilung schenken. IHM reicht nicht nur die vertikale Ebene, die Beziehung zu IHM. ER will Heilung im Ganzen: Auf der vertikalen und der horizontalen Ebene; also sowohl die Beziehung zu IHM als auch die Beziehung zu unserem Umfeld, in das ER uns hineingestellt hat.
Die Rolle des Vaters
Was ich selbst erlebe, das gebe ich weiter. Ich kann nur dann ein guter Vater sein, wenn ich selbst „Sohn“ sein durfte. David wurde von seinem Vater nicht wahrgenommen. Er hat ihn somit nicht als Vater erlebt, was dazu führte, dass er auch seinen Söhnen kein Vater und kein Vorbild sein konnte. Die zerstörerischen Strukturen zeigten sich erst in der nächsten Generation: Amon, Davids Erstgeborener, vergewaltigte seine Schwester Tamar, wofür Abschalom, sein Bruder, ihn tötete. Abschalom achtete seinen Vater nicht, sondern trat in Konkurrenz zu ihm. Da herrschte keine vertrauensvolle Beziehung zwischen Vater und Sohn und auch nicht unter den Geschwistern. Wie sehr David seine Beziehung zu seinem Sohn Abschalom belastete, zeigte der Vers aus 2. Samuel 15,30: "Unterdessen stieg David den Ölberg hinauf; als er hinaufstieg, weinte er, und er hatte sein Haupt verhüllt, und er ging barfuß."
Die Beziehung zu seinem Vater setzte sich in der Beziehung zu seinen eigenen Söhnen fort. Die chaotischen Züge von Davids Familiensystem zeigen sich auch darin, dass bei der Weitergabe der Thronfolge nicht die Geburtsfolge zugrunde gelegt wurde, sondern Salomon aufgrund eines Versprechens Davids gegenüber Batseba zum nächsten König bestimmt wurde. Batseba war die Starke innerhalb der Familie, mit David an der Seite, dem die männliche Stärke fehlte.
Kinder haben heutzutage außerhalb der Familie wenig männliche Vorbilder. In Kindertagesstätten und Grundschulen sind vorrangig nur weibliche Mitarbeiter zu finden. Viele alleinerziehende Mütter befinden sich in einer sehr schwierigen Situation, da insbesondere Jungs einen Vater als Vorbild brauchen, um in die Rolle des Mannes hineinzufinden. Aber auch Mädchen brauchen die Bestätigung ihres Frauseins durch den Vater. Ist der Vater nicht vorhanden, so ist es wichtig, dass die Mutter einen Rahmen wie z.B. Pfadfinder, Waldläufer oder ähnliches findet, in dem ihre Söhne die Möglichkeit haben sich an männlichen Leitern zu orientieren. Der Großvater oder Onkel usw. kann auch als männliches Vorbild dienen und die alleinerziehende Mutter unterstützen. Das Familienstellen bietet hier eine ganz große Chance diese einseitig geprägten Muster zu durchbrechen.
Die fehlende männliche Stärke kann innerhalb einer Aufstellung bearbeitet werden, ein Mangel kann aufgefüllt werden. Im Bearbeiten eines „Urkonfliktes“ kann die fehlende männliche Stärke wieder zum Fließen kommen. Ein Teilnehmer während meiner Ausbildung drückte dies einmal so aus: Das Geschehene verändert sich, ich spüre meinen Vater in meinem Rücken, er steht hinter mir!
Umgekehrt ist es genauso: Auch Mädchen, die bei einem alleinerziehenden Vater aufwachsen, brauchen erwachsene Frauen als Vorbilder. Innerhalb einer Aufstellung besteht hier die Möglichkeit die fehlende emotionale Liebe der Mutter (erneut) fließen zu lassen.
Vom Partner zum Vater
In einer Partnerschaft stehen sich Mann und Frau gegenüber. Sie stehen auf gleicher Höhe. Dieses Bild verändert sich jedoch mit der Geburt eines Kindes. Aus dem Gegenüber begibt sich der Mann nun hinter die Frau. Seine Aufgabe ist es nun diese zu beschützen und zu versorgen. Sehr eindrücklich ist für mich hierbei das Bild der Heiligen Familie: Maria, die das Jesuskind in ihren Armen hält, Josef dahinter, der seinen Mantel schützend über Frau und Kind ausbreitet.
Der Mann schützt die Frau, die Frau schützt das Kind!
Fazit:
David, der Gesalbte des Herrn, der Augapfel Gottes, trug tiefe Wunden in sich. Ihm fehlte die Bestätigung seines menschlichen Vaters, die Stärkung als Mann. Auch heute gibt es viele Söhne und Töchter, denen die Bestätigung ihres Vaters fehlt, die vaterlos aufwachsen. Gott sieht sie und möchte ihnen in ihrer „Vaterlosigkeit“ begegnen.
Übernahme der Mutterrolle
Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen,
dass sie sich nicht erbarmt über das Kind ihres Leibes?
Und ob sie seiner vergäße, will ich doch Deiner nicht vergessen.
(Jesaja 49,15)
Eine falsche, nicht passende Rolle innerhalb des Familiensystems kann Verwirrung innerhalb des gesamten Systems bewirken. Dies hat Anna innerhalb ihrer Familie erlebt.
Anna:
Ich bin die älteste von vier Geschwistern. Bereits mit sieben Jahren trug ich die Verantwortung für meine drei jüngeren Brüder. Besonders zu meinem jüngsten Bruder hatte ich ein sehr enges Verhältnis, ich war für ihn „Mutterersatz“ und schleppte ihn immer mit mir herum. Es war meine Aufgabe mich um meine Brüder zu kümmern, wenn meine Mutter arbeitete. Ich musste ihnen bei den Hausaufgaben helfen und sie beaufsichtigen. Meine Brüder waren mir wichtig, ich hätte alles für sie getan. Besonders schön fand ich die Zeit, als wir in unserem Partyraum Feste feierten, deren Ausrichtung und Organisation ich übernahm.
Mein Verhältnis insbesondere zu meinem jüngsten Bruder änderte sich, als dieser heiratete. Mein ältester und mein jüngster Bruder spalteten sich kurze Zeit danach regelrecht von der Familie ab, ihre Frauen begannen mich zu bekämpfen und auszugrenzen.
Beim genaueren Betrachten des Familiensystems mütterlicherseits stellte ich fest, dass sich in unserer Familie etwas wiederholte, was bereits in der vorherigen Generation zu finden war: Die älteste Tochter übernahm die Verantwortung für die Familie, die Söhne spalteten sich von der Familie ab, ihre Frauen bekämpften meine Tante. Auch hier bestand ein besonders enges Verhältnis zwischen meiner Tante und ihrem jüngsten Bruder.
Bei einer Festveranstaltung unserer Pfarrei kam ein Mann auf mich zu und stellte sich als Cousin meiner Mutter mit dem Satz vor: „Ich gehöre zum abgespaltenen Teil der Familie“.
Das, was sich in meiner Herkunftsfamilie, der Familie meiner Mutter zeigte, gab es bereits in der Generation zuvor. Diese Erkenntnis nutzte ich zu einer Familienaufstellung, die zum Urkonflikt unserer Familie führte.
Zum Zeitpunkt des ersten Weltkrieges erlebte meine Urgroßmutter eine große Überforderung. Ihr Mann an der Front, sie selbst mit sechs kleinen Kindern zuhause kämpfte um das tägliche Überleben. In der Familienaufstellung benutzte die Stellvertreterin meiner Urgroßmutter in ihren Beschimpfungen gegenüber ihren Kindern Ausdrücke und Worte die meine Kindheit geprägt hatten. Derselbe Wortlaut, dieselben Worte. Aus der Familiengeschichte wusste ich, dass mein Urgroßvater bei seiner Heimkehr aus dem Krieg mit der Botschaft empfangen wurde, seine Frau sei kurz zuvor verstorben. Meine Großmutter hat dann mit ihren elf Jahren die Rolle der Mutter für ihre Geschwister übernommen.
In den nächsten Generationen wiederholte sich dieses Muster: Meine Tante übernahm die Rolle der Mutter und ich war diejenige, die in unserer Familie die Rolle der Mutter für ihre Brüder übernahm.
Diese falsche Rolle der ältesten Tochter ist der Urkonflikt innerhalb unseres Familiensystems und Grundlage für viele Konflikte. Das Lösungsbild für mich war die Einreihung in die Geschwisterfolge.
Etwa ein halbes Jahr nach dieser Aufstellung feierte meine Mutter ihren 80. Geburtstag.
Während ich früher bei solchen Gelegenheiten die Verantwortung für die Ausrichtung solch einer Feier übernahm, machte ich dieses Mal keinerlei Anstalten in diese Richtung. Irgendwann kam mein Bruder auf mich zu und fragte mich, ob ich bei dem Fest überhaupt dabei wäre, was ich bejahte. Ohne dass ich danach fragte, teilte er uns vier Kinder in Schichten ein, alle gleich verteilt. Ich genoss es in meinen „freien“ Zeiten bei den Gästen zu sitzen und mit den Gästen und meiner Mutter zu feiern. Ich nutzte die Gelegenheit, nicht für alles verantwortlich zu sein um möglichst viele Bilder von dem Fest und den Besuchern zu machen, die ich noch am Abend drucken ließ und meiner Mutter am nächsten Tag bei unserer Familienfeier als besonderes Geschenk überreichte.
Dieses „die Verantwortung Übernehmen“ zeichnete sich in meinem Leben auch in anderen Bereichen ab, sowohl in der Arbeit wie auch in Freizeitakt...