Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! - Das ist nach Immanuel Kant der Wahlspruch der Aufklärung. Doch folgst du dem Rat, begegnest du ablehnendem Unverständnis. Gedanken, die noch nicht in TV, ZEIT oder SPIEGEL gestanden haben, sind befremdlich. Vielleicht sind sie nicht neu, vielleicht unsinnig, vielleicht fehlerhaft, vielleicht nur vielen ungewohnt und daher befremdlich. Ich weiß es nicht. Ich habe dennoch einmal ein paar Gedanken und Erinnerungen aufgeschrieben. Eigene und fremde, die mich beeindruckt haben. Für all diejenigen, die Gespräche besser finden als Romane: Neunzehn Essays aus Wissenschaft, Psychologie und Gesellschaft.

- 112 Seiten
- German
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Über dieses Buch
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Information
Philosophie und Wissenschaft
Aufklärung (Kant)
Zwei Zitate*:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
…
„Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht3) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“
*) Beide Zitate von Immanuel Kant, zitiert nach Wikipedia.
3 Die Meinung zitierter Autoren spiegelt nicht in allen Fällen die Überzeugung des Autors wider. Manchmal aber doch.
Decartes: Cogito – ergo sum
Mit meinen Mitschülern setzte ich mich über ihre und meine Vorstellungen von Gott, von Religiosität, Naturwissenschaft, Lebenszielen, Glück, Moral auseinander. Aber alles ist uns zwischen den Fingern zerflossen. Für nichts fanden wir eine schlüssige eindeutige Antwort. – Dennoch, es bildete sich schon damals das rationale Fundament, das mein Leben lang Bestand hatte – und zugleich die seelische Leere.
In Französisch war ich nicht besonders gut. Knapp „Vierminus“. Als ich ein Referatsthema wählen sollte, entschied ich mich für den berühmten „Discours de la Méthode“ von René Descartes, denn ich besaß eine zweisprachige, französisch–deutsche Ausgabe. Aber die einfache, klare Sprache von Descartes war – in wohltuendem Gegensatz zu Kant, Hegel, Husserl oder gar Heidegger – auch im Original gut zu lesen.
Mich hat die Descartes'sche Zweifelstheorie damals sehr beeindruckt, und bis heute wüsste ich ihr nichts entgegenzusetzen – außer, dass ihre Konsequenz im Solipsismus endet und somit praktisch ziemlich wertlos ist.
Kurz zusammengefasst:
Ich kann an allem zweifeln: Ob der Baum, den ich sehe, wirklich vorhanden ist oder ob es mir lediglich meine Sinneseindrücke vortäuschen oder ich einer Einbildung meines Gehirns zum Opfer falle. Nicht nur das Sehen, sondern alle meine Sinne, die mir eine Wahrnehmung signalisieren, unterliegen der gleichen Zweifelhaftigkeit: Ob der Jauchewagen wirklich so schrecklich nach Gülle riecht, ob die Trauben wirklich süß sind, ob ich nur Musik zu hören glaube oder ob sie wirklich ist, ob die Temperatur wirklich niedrig ist oder ob ich es mir nur einbilde – man denke einmal an die heute beliebte Wetterangabe „Temperatur 7 Grad, gefühlt 2 Grad“. Kurzum, alles, was ich mit meinen Sinnen wahrnehme, könnte ebenso gut eine Sinnestäuschung oder Einbildung meines Geistes sein, wie wir es beim Traum erleben.
Nur an einem scheint es unmöglich zu sein, zu zweifeln: An der Tatsache(?), dass ich selbst existiere.
Ich denke (zweifle), also existiere ich: Das berühmte „Cogito ergo sum“4.
Der Haken an der Sache ist, dass damit gesicherte philosophische Erkenntnis über diese eine Aussage hinaus nicht möglich ist. Denn alles was in Zweifel gezogen werden kann – also alles außer meiner Existenz – ist nicht erwiesen sondern eben „zweifelhaft“.
Eine noch strengere Konsequenz könnte sein, dass der Philosoph folgerichtig nichts außer seiner eigenen Existenz anerkennt und daran glaubt, dass in Wahrheit nur er selbst und seine Einbildungskraft existieren. Diese These heißt Solipsismus (solus lateinisch allein, ipse lateinisch selbst). Im Grunde ist sie nicht zu widerlegen.
Descartes ist mit seiner Überzeugung, dass keine (weitere) gesicherte Erkenntnis möglich ist, in guter Gesellschaft: Bereits Sokrates brachte angeblich5 diese Zweifel in seinem wohl berühmtesten Satz zum Ausdruck: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Und was anderes meint Goethe damit, wenn er Faust in seinem berühmten Monolog sagen lässt „Habe nun – ach! – Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. – Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor … .“
Descartes‘ klare grundlegende erkenntnistheoretische Zweifelstheorie bis hin zum Solipsismus beeindruckte mich. Allerdings war ich enttäuscht, als ich merkte, dass Descartes keinen Ausweg aus seinem erkenntnistheoretischen Nihilismus gefunden hatte.
Die Erkenntnis, dass man grundsätzlich an allem zweifeln könne, da alles ja auch wie im Traum nur vorgestellt sein könne, außer der Tatsache, dass man zweifle, war in meinen Augen eine gedankliche Spitzfindigkeit. Sie blieb ohne Einfluss auf meine optimistische Vorstellung von der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft.
Auch hierin folgte ich Descartes, der auch selbst nach dieser niederschmetternden Erkenntnis in seinem „Discours de la Méthode“ einfach zur Tagesordnung übergeht und fast so tut, als schlage er seine vorangehenden Enthüllungen in den Wind.
Die innere Verarbeitung und endgültige Desillusionierung meiner Wissenschaftsgläubigkeit erfolgte erst Jahre später unter dem Einfluss meiner Studien der wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Mathematik, Logik und Naturwissenschaft, die ich zur Vorbereitung des „Philosophikums“ unternahm. Auch diese völlig anderen Herangehensweisen führen zu ähnlich ernüchternden Ergebnissen, wie die nächste Betrachtung zeigen mag.
4 Descartes fasst 1644 seine Erkenntnis in den Prinzipien der Philosophie mit der lateinischen Formulierung „ego cogito, ergo sum“ zusammen. Die Textstelle in deutscher Übersetzung:
„Indem wir so alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und für falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, dass es keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt; dass wir selbst weder Hände noch Füße, überhaupt keinen Körper haben; aber wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, in dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe. Deshalb ist die Erkenntnis: »Ich denke, also bin ich,« (lat.: ego cogito, ergo sum) von allen die erste und gewisseste, welche bei einem ordnungsmäßigen Philosophieren hervortritt.“
5 „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist seit der Antike ein geflügeltes Wort. Es ist in dieser Form erstmals bei Cicero (106–43 v. Chr.) bezeugt, der in seinem literarischen Dialog Academica oder Academici libri quattuor den Gesprächspartner Marcus Terentius Varro feststellen lässt, es handle sich um eine bekannte Aussage des griechischen Philosophen Sokrates. Dies sei den Schriften der Sokratiker, der Schüler des Sokrates, zu entnehmen. Cicero bezieht sich dabei in erster Linie auf Platons Apologie, eine literarische Version der Verteidigungsrede, die Sokrates als Angeklagter im Jahr 399 v. Chr. vor dem athenischen Volksgericht hielt.
In Platons Apologie thematisiert Sokrates an fünf Stellen ausdrücklich sein Nichtwissen oder seinen Mangel an Weisheit. Er behauptet aber nicht, wie Ciceros ungenaue lateinische Wiedergabe[1] seiner Auffassung annehmen lässt, dass die Kenntnis seiner eigenen Unwissenheit ein echtes, gesichertes Wissen sei und damit die einzige Ausnahme von der Unwissenheit darstelle. Vielmehr besagen die Äußerungen des Sokrates nach Platons griechischem Text nur, dass er sich des Umstands bewusst sei, dass ihm Weisheit oder ein wirkliches, über jeden Zweifel erhabenes Wissen fehle. Zudem geht es dem platonischen Sokrates nicht um das technische Fachwissen, sondern um Bestimmungen im Bereich der Tugenden und die Frage nach dem Guten.[2] Was ist Besonnenheit? Was ist Tapferkeit? Was ist Frömmigkeit? Was ist Gerechtigkeit? Die wahre menschliche Weisheit ist es, sich des Nichtwissens im Wissenmüssen des Guten bewusst zu sein. Wie der historische Sokrates sein Nichtwissen und die prinzipielle Möglichkeit oder Unmöglichkeit menschlichen Wissensbesitzes beurteilt hat, ist in der altertumswissenschaftlichen Forschung umstritten. Quelle: Wikipedia
Mathematik und Glaube
Oder: „Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.“ 6
Ich las mit Begeisterung wissenschaftskritische Texte von Fraenkel, Carnap, Stegmüller und den Philosophen der Wiener Schule.
Wie kam das? Meine Wissenschaftsgläubigkeit hatte sich mit zunehmender Beschäftigung mit der Mathematik in ihr Gegenteil verkehrt.
Zu Beginn meines Studiums hat mich die Systematik der reinen Mathematik fasziniert. Das axiomatische Fundament und der streng logische Aufbau waren für mich der Inbegriff exakter Wissenschaft. Später hörte ich Vorlesungen über Algebra, einem Grundlagenfach der reinen axiomatischen Mathematik. Nach meiner anfänglichen Begeisterung für die vollendete Darstellung der Algebra durch den brillanten Professor Bachmann begann mich das abstrakte System zu langweilen. Ich fragte mich, wozu ich mich mit so abstrusen Hirngespinsten überhaupt beschäftigen sollte. Interessanter, wenngleich nicht weniger abstrakt, war die Beschäftigung mit der Mengenlehre. Vor allem die so genannten Antinomien7 der Mengenlehre hatten mich wieder zurück zu Grundsatzfragen der Erkenntnistheorie geführt. Descartes war zwar nach wie vor für mich gültig, aber der Solipsismus bot ja leider keine Basis für weitere wissenschaftliche Erkenntnis. Wie aber konnte wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis überhaupt gewonnen werden?
Bei der Beschäftigung mit derlei Fragen fiel mir das Buch „Metaphysik, Wissenschaft und Skepsis“ von Wolfgang Stegmüller in die Hand. Dieses Buch habe ich geradezu ve...
Inhaltsverzeichnis
- Zum Autor
- Über das Buch
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- Vorwort
- Vorspann
- Philosophie und Wissenschaft
- Gesellschaft
- Psychologie
- Motto
- Weitere Informationen
- Impressum
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