KAPITEL 1
Fridolin
Das bin ich.
Mein Name ist Fridolin. Einst war ich ein einzelliges Pantoffeltierchen. Heute bin ich das nicht mehr. Also lass uns in der Zeit gemeinsam einen Schritt zurück gehen. Gerne möchte ich dir einige Dinge über das Leben erzählen. Du darfst gespannt sein, denn ich war beinahe von Anfang an mit dabei. Mein Leben begann vor vielen hundert Millionen Jahren.
Als junger, ungestümer Einzeller freute ich mich des Lebens und tat, was junge Einzeller so machen. Tag für Tag dümpelte ich umher in der grossen Ur-Suppe, in welcher kurze Zeit zuvor eine unbändige treibende Kraft - das Leben - ihren Anfang genommen hatte.
Noch heute ärgere ich mich manchmal darüber, dass ich einen Moment zu spät dazugekommen bin, um aus der ersten Reihe beobachten zu können, wie das Leben selbst entstanden ist. Ich war wirklich sehr nahe dran, an der Lösung dieses Rätsels, das euch Menschen bis heute umtreibt.
Von der Welt da draussen wusste ich nicht sonderlich viel. Um genau zu sein, wusste ich eigentlich fast gar nichts. Wie hätte ich denn auch etwas wissen sollen? Ich war ja bloss ein kleiner Einzeller. Um tatsächlich etwas zu wissen, wäre es schon ein grosser Vorteil gewesen, wenn ich über mehr als nur eine einzelne funktionierende Zelle verfügt hätte.
Wir Einzeller führten damals kein allzu aufregendes Leben. Da wir nicht viel wussten, lebten wir einfach so dahin. Wir konnten uns „verdoppeln“ und uns einmal in der Mitte durchtrennen. Zellteilung nennst du das heute. Aus eins mach zwei. Das ist ziemlich praktisch. Deswegen waren wir noch lange keine Zweizeller, sondern einfach nur geteilte Einzeller. Sehr oft war so eine Zellteilung auch schon der Höhepunkt des Tages.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass der Prozess der Arterhaltung bei komplexeren Lebewesen – wie du eines bist – etwas umständlicher vonstatten geht. Bis es soweit war, dass du auf der Bildfläche erschienen bist, hatte das Leben aber noch einen langen Weg zu gehen. In der Zwischenzeit taten wir Einzeller einfach das, was wir am besten konnten. Wir teilten uns munter weiter.
Wir waren also in der Lage, aus einem Leben deren zwei werden zu lassen. Ein neues Leben entsteht aus der Lebenskraft der vorangegangenen. Dies ist von grossem Vorteil, weil die Wahrscheinlichkeit dadurch steigt, dass „das Leben selbst“ dann länger dauert. Durch dieses Weitergeben der Lebenskraft blieb das Leben erhalten – bis zum heutigen Tag!
Pantoffeltierchen zu sein ist zwar schön, hat aber auch wirklich gravierende Nachteile: Man weiss einfach unglaublich wenig von der grossen weiten Welt da draussen. Sehr bald schon zeigte sich mir, welch fatale Folgen ein solches Informationsdefizit haben kann.
Es ist gut möglich, dass das frühe Ende meiner Geschichte für dich als Leser zu diesem Zeitpunkt etwas unerwartet kommt. Aber ich habe mir das schliesslich auch nicht ausgesucht.
Eines Tages wurde ich nämlich gefressen. Zum Tathergang kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich habe keine Ahnung, woher der Angreifer kam. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass sich dieses miese Stück von hinten angeschlichen haben muss. In einem Moment der Unachtsamkeit ist er über mich hergefallen und hat mich mit einem einzigen Bissen verschlungen.
Zu meiner Verteidigung gilt es zu sagen, dass ich noch keine Augen hatte, mit deren Hilfe ich sein Kommen hätte sehen können. Ebenso fehlten mir Ohren und alle anderen Sinnesorgane, die mich auf die drohende Gefahr hätten aufmerksam machen können. Wunderbare Dinge wie eure Sinnesorgane waren zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht erfunden.
Glücklicherweise ist mir vorher jedoch die erwähnte Zellteilung gelungen. Dadurch existierte mein Leben inzwischen vielfach. Nur dank dieser grossartigen Errungenschaft ist es mir immer wieder geglückt, mit dem Leben davonzukommen. Es ist der Zellteilung zu verdanken, dass ich heute in der Lage bin, zu dir zu sprechen. Obwohl ich hie und da gefressen wurde, setzte sich mein ursprüngliches Leben fort.
Das ständige Gefressen-Werden spornte mich an, besser aufzupassen. Immer wieder teilte ich mich munter weiter. Unzählige Zwillinge gingen dadurch aus mir hervor. Einige von uns blieben so, wie sie noch heute sind. Andere waren mutiger und entwickelten sich weiter. Sie haben sich miteinander verbunden und sind dadurch zu Zell-Verbänden herangewachsen. Ich bin sehr stolz darauf, mich zur zweiten Gruppe zählen zu dürfen.
Aus den obgenannten dramatischen Attacken habe ich gelernt. Mit der Zeit habe ich mir Hilfsstrategien einfallen lassen, die ganz grossartig sind und bis heute bestens funktionieren.
Ziemlich schnell wurde mir damals klar, dass es von grossem Vorteil ist, wenn man eine gewisse Ahnung davon hat, was sich da draussen in der Welt, oder zumindest unmittelbar um einen herum, abspielt. Daher entwickelte ich mit meinen Freunden innert wenigen Millionen Jahren weitere hilfreiche Zellen. Sogenannte photosensible Zellen gehörten beispielsweise dazu. Diese vermochten mir schrittweise ganz neue Perspektiven zu eröffnen. Das ist die totale Wucht! Die erwähnten lichtempfindlichen Zellen reagieren auf Licht. Dadurch sind sie in der Lage zu erkennen, ob es draussen gerade hell oder dunkel ist.
Nehmen wir an, es ist gerade taghell. Plötzlich verdeckt etwas Grosses die Sonne. Da wäre es doch gut möglich, dass es sich bei diesem Schatten um denjenigen eines riesigen Bösewichts handelt, der mir mit seinem gefrässigen Schlund nach dem Leben trachtet. Dank dieser neuen photosensiblen Superzelle war ich nun also in der Lage, Schatten und dazugehörige Bösewichte zu erkennen und mich mit einem flinken Sprung aus der Gefahrenzone zu bringen. Zugegeben, bis ich dann wirklich elegante Sprünge vollführen konnte, dauerte es abermals ein ganzes Weilchen. Dass ich fortan immer besser lernte, Schattierungen und Umrisse zu erfassen und zu unterscheiden, war für meine weitere Entwicklung von grosser Bedeutung. Schrittweise wurde ich fähig, mir ein begrenztes inneres Abbild dessen zu erschaffen, was sich ausserhalb meines winzigen Körpers abspielte. Mit einer einzelnen lichtempfindlichen Zelle war zwar noch nicht allzu viel möglich. Dennoch brachte sie entscheidende Vorteile: Die Gefahr gefressen zu werden, wurde kleiner und gleichzeitig stieg die Wahrscheinlichkeit, selber nahrhaftes Futter finden zu können. Das war doch ein super Fortschritt!
Von nun an sind wir also quasi verwandt, du und ich. Denn auch ich machte an diesem Punkt den Schritt hin zu einem Mehr-Zeller.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich Gefahr laufe, die ganze Angelegenheit im Folgenden etwas zu vereinfacht darzustellen. Mir ist aber wichtig, dass du ein paar wesentliche Dinge bereits zu Beginn wirklich verstehst.
Einst sah ich also aus wie diese ganz einfache Zelle.
Etwas später gelang es uns Einzellern, Rezeptoren in der Zellwand zu entwickeln. Diese waren in der Lage, bestimmte Substanzen - sogenannte chemotaktische Reize - in der Umgebung wahrzunehmen, was uns erlaubte, darauf passend zu reagieren. So konnten wir uns beispielsweise auf eine Nährstoffquelle oder einen möglichen „Sexualpartner“ zubewegen. Beim Sinn, der sich als erster entwickelte und somit am ältesten ist, handelt es sich vermutlich um den Riech-Sinn.
Im weiteren Verlauf unserer Entwicklung kam eine grandiose lichtempfindliche Super-Zelle dazu. Da du dich als Mensch im Allgemeinen sehr auf das Sehen abstützt, erlaube ich mir, die Verarbeitung des Lichts - schematisch zwar stark vereinfacht - darzustellen.
Licht aufzunehmen machte aber nur dann Sinn, wenn dieses verarbeitet werden konnte. Dazu wurde zwingend eine weitere Zelle benötigt. Diese Zelle bildete zusammen mit denjenigen Zellen, welche fähig waren, chemische und taktile Reize weiter zu verarbeiten, wohl den Anfangspunkt des späteren zentralen Nervensystems. Je mehr und je komplexere Informationen verarbeitet werden mussten, desto höher wurde der Anspruch an diese informationsverarbeitenden Zellen. Auch sie wuchsen, teilten und entwickelten sich, um den immer höher werdenden Ansprüchen der Informationsverarbeitung gerecht zu werden.
KAPITEL 2
Licht
Wie siehst du die Welt? „Das ist eine einfach Frage“, magst du denken, „typisch Einzeller….!“ Wie also lautet deine Antwort? Du glaubst vermutlich, dass du die Welt mit deinen Augen siehst.
Diese Antwort ist jedoch schlicht und einfach falsch!
Die Sonne schickt Lichtstrahlen zur Erde. Diese werden bei deren Auftreffen auf der Erde teilweise absorbiert (vom betroffenen „Gegenstand“ aufgenommen) und teilweise reflektiert (zurückgeworfen). Das reflektierte Licht dringt durch deine Pupille ins Auge ein. Kopfüber fällt es danach auf deine Netzhaut.
Dein „modernes“ Auge ist ein hochentwickeltes Organ, welches auf seiner Innenseite mit einer riesigen Anzahl von verschiedenartigen lichtempfindlichen Zellen ausgestattet ist. Die eintretende Lichtstrahlung wird von diesen lichtempfindlichen Sinneszellen der Netzhaut aufgenommen und in weiteren Nervenzellen verarbeitet und in elektrische Nervenimpulse umgewandelt. Über den Sehnerv gelangen die Nervenimpulse in dein Sehzentrum. Das Sehzentrum des Hirns liegt im hinteren Bereich deines Kopfes, also nicht dort, wo sich deine Augen befinden.
Sei deshalb vorsichtig mit vorschnellen Antworten. Sehen tust du nicht mit deinen Augen!
Alles Sehen basiert auf reflektiertem Licht.
Diesem wird in dir drinnen eine Bedeutung beigemessen.
Um ein inneres Bild davon zu erhalten, was sich draussen abspielt, müssen eintreffende Sinnesinformationen (Sinnesreize) verarbeitet werden. Während dieses Verarbeitungsprozesses werden jedoch teilweise Informationen herausgefiltert und anderen Informationen spezielle Bedeutungen beigemessen. Dadurch wird das Gesehene nicht präzise abgebildet, sondern im Hirn ein inneres Bild der äusseren Welt erschaffen.
Du bist demnach lediglich dazu in der Lage, dir ein inneres Bild der ...