Die ReiheDie achtzigbändige Reihe "Die Götter der Germanen" stellt die Gottheiten und jeden Aspekt der Religion der Germanen anhand der schriftlichen Überlieferung und der archäologischen Funde detailliert dar.Dabei werden zu jeder Gottheit und zu jedem Thema außer den germanischen Quellen auch die Zusammenhänge zu den anderen indogermanischen Religionen dargestellt und, wenn möglich, deren Wurzeln in der Jungsteinzeit und Altsteinzeit.Daneben werden auch jeweils Möglichkeiten gezeigt, was eine solche alte Religion für die heutige Zeit bedeuten kann - schließlich ist eine Religion zu einem großen Teil stets der Versuch, die Welt und die Möglichkeiten der Menschen in ihr zu beschreiben.Das BuchHel ist die gefürchtete Herrin des Totenreiches - sie ist halb schwarz und halb hellhäutig und reitet auf einem Wolf und benutzt eine Schlange als Zaumzeug. Doch sie ist auch die Wiederzeugungs-Geliebte und die Wiedergeburts-Mutter der Toten. In der Gestalt der Hel konzentrieren sich alle Jenseitsvorstellungen der Germanen von der Bestattung in einem Hügelgrab über den Met der ewigen Jugend bis hin zu dem allabendlichen Tod und der allmorgendlichen Wiedergeburt des ehemaligen Sonnengott-Göttervaters Tyr. Daher ist das Verständnis des Wesens der Hel einer der wichtigsten Schlüssel zum Verstehen der germanischen Religion und vor allem der Göttinnen und Riesinnen, die so gut wie alle auch mit den Vorgängen im Jenseits verbunden sind.

- 288 Seiten
- German
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Über dieses Buch
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Information
I Hel in der germanischen Überlieferung
Die Jenseitsgöttin hat in der germanischen Mythologie eine sehr umfangreiche Symbolik – und viele Namen. In diesem Band wird Hel, die wichtigste Jenseitsgöttin beschrieben. Sie ist die Riesin im Hügelgrab.
Die Darstellung der Wasserunterwelt-Jenseitsgöttin Ran findet sich in Band 27 und die unbekannteren Jenseitsgöttinnen in Band 28.
Auch die Wanen-Frau Freya-Menglöd (Band 22) und die Asinnen Frigg und Nanna sind Jenseitsgöttinnen (Band 21).
Die Darstellung des Jenseits selber findet sich in Band 49 und die Vorgänge im Jenseits, d.h. die Wiederzeugung und die Wiedergeburt, in Band 51. Das Wiederstillen, also die Symbolik des Göttermets, wird in Band 69 besprochen.
I 1. Wortschatz
I 1. a) Der Name „Hel“
Die indogermanische Wurzel des Namens der germanischen Herrin des Totenreiches ist das Wort „kel“. Dies bedeutet „umhüllen, verhüllen, bergen, verbergen, neigen, zugeneigt“. Mit diesem Wort sind indogermanisch „klei“ für „lehnen“ sowie „kels“ für „kleiner Raum“ und „ket“ für „Kammer, Loch, Vorratsgrube“ verwandt.
Die Ursprungsbedeutung von „kel“ ist somit eine zumindestens teilweise in die Erde eingegrabene Kammer – damit kann sowohl ein Keller und eine Vorratsgrube als auch eine Höhle, eine Schwitzhütte oder eine Grabkammer in einem Hügelgrab gemeint sein.
Aus dieser Wurzel haben sich verschiedene Zweige entwickelt: die Substantive Kammer, Keller, Halle, Hülle, Hülse, Höhle, Helm und Loch sowie die Verben umhüllen, verhüllen, verbergen, bergen, bedecken, schützen, neigen (wegen der schrägen Wand des Loches) und im übertragenden Sinne auch zuneigen (jemanden mögen/ schützen).
Diese Bedeutungs-Zweige zeigen, daß die halbunterirdische Kammer schräge Wände hatte und vor allem als geschützter Ort empfunden worden ist.
Die Verwendung der Ableitungen von dem Wort „kel“ zur Bezeichnung des Grabes, des Totenreiches und der Totengöttin zeigen, daß „kel“ wohl nicht nur den Vorrats-„Keller“, sondern auch die Grabkammer im Hügelgrab bezeichnet haben wird.
Ein „kel“ wird für die Indogermanen daher wohl ein halb in die Erde eingegrabener geschützter Ort für die Lebenden, für die Toten und auch für die Vorräte gewesen sein.
Aus dieser Wurzel entwickelte sich der germanische Göttinnenname „Hludana“, der aus der Zeit um 200 n.Chr. durch Inschriften am Niederrhein bezeugt ist. Diese Göttin wird ihrem Namen nach eine beschützende Göttin gewesen sein, die auch die Toten in ihrer Höhle beschützte.
Aus der Göttin Hludana haben sich im Altnordischen die Namen der Unterwelts-Riesin Hel, der Erdgöttin Hlodyn (= Jörd), der Seherin-Göttin Huld und der Seherin-Riesin Hleidir entwickelt.
Der Name „Hel“ ist Teil einer sehr großen Gruppe von Worten in allen indogermanischen Sprachen. Der folgende Stammbaum zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus ihm.
In dem Stammbaum des Namens „Hel“ auf der nächsten Seite werden folgende Abkürzungen benutzt:
| aengl. | = Altenglisch |
| ager. | = Altgermanisch |
| ahd. | = Althochdeutsch |
| aksl. | = Altkirchenslawisch |
| air. | = Altirisch |
| aisl. | = Altisländisch |
| asächs. | = Altsächsisch |
| av. | = Avestisch (Altpersisch) |
| ger. | = Germanisch |
| got. | = Gotisch |
| gr. | = Griechisch |
| idg. | = Indogermanisch |
| lat. | = Lateinisch |
| mhd. | = Mittelhochdeutsch |
| ndt. | = Neuhochdeutsch |
| nengl. | = Neuenglisch |
| nndl. | = Neuniederländisch |
| schw. | = Schwedisch |
| wger. | = Westgermanisch |
Die beiden Zweige in diesem Stammbaum, die zu „Hel“ führen, sind hellgrau hinterlegt.
| von indogermanisch „kel“ zu altnordisch „Hel“ | ||||
| Indogermanisch | Germanisch u.ä. | Althochdeutsch, Altenglisch, Altisländisch u.ä. | Mittelhochdeutsch u.ä. | Neuhochdeutsch u.ä. |
| idg.: kel (umhüllen, | ager.: hel (Hülle, Halle, Höhle, | ahd., asächs. und aengl.: helan (bedecken, verbergen, verstecken) | nhd.: hehlen nengl.: hall | |
| verhüllen, | Totenreich, Totengöttin) | ahd.: heel, hellia | mhd.: helle | nhd: hüllen, Höhle, Helm, Halle, Hülse |
| bergen, verbergen, | ager.: haljo | aisl. bis heute: hel (Hel) | ||
| schüt-zen, | (Höhle, Unterwelt) | got.: halja (Hülle u.a.) | ||
| neigen, | aengl. bis nengl.: hell (Hölle) | |||
| zugeneigt) | ahd.: hellea (Hölle) | nhd.: Hölle | ||
| air.: ceilid (verbergen, verhüllen) | ||||
| lat.: celo (verbergen), celere in oc-culere (verbergen verstecken) | ||||
| gr.: kalupto (Bedeckung), kalytein (umhüllen, verbergen) | ||||
| ager.: hol (Loch) | nndl.: hol (Loch) | |||
| aengl.: hole (Loch) | nengl.: hole (Loch) | |||
| aisl.: holr (Loch) | ||||
| germ.: haltha | aengl.: hyldu (Gunst, Gnade, Freundlichkeit Treue, Schutz) | |||
| (geneigt, zugeneigt, | aengl.: hold (gnädig, günstig, angenehm) | |||
| schief, schräg) | aisl.: hylli (Gunst, Zuneigung) | |||
| schwe.: huld (gnädig, freundlich) | ||||
| ahd.: huldi (Gunst, Freundlichkeit, Treue) | mhd.: hulde | nhd.: Huld, Hulda | ||
| ahd.: hold (günstig, gnädig,) | mhd.: holt | nhd.: hold | ||
| ahd.: halda (Abhang) | mhd.: halde | nhd.: Halde, Helling | ||
| idg.: klei | ger.: hleu | ager.: Hludana (Göttin) | ||
| (lehnen) | (Schutz, Geborgenheit) | aisl. bis heute: Hel (Totengöttin), Hlodyn (Erdgöttin), Hleidir (eine Seherin) | ||
| idg.: kels | lat.: cella (Lagerraum) | nhd.: Keller | ||
| (kleiner Raum) | gr.: kalia (Hütte) | |||
| idg.: ket | aengl. heador (Umzäunung, Gefängnis) | |||
| (Kammer, | aksl.: kotici (Kammer) | |||
| Loch, | av.: kata (Kammer), catti (Loch) | |||
| Vorratsgrube) | skr.: catvalla (Loch für das Ritualfeuer) | |||
| Tocharisch: kotai (Loch) | ||||
I 1. b) Die Namen der Hel
Die drei Namen der Jenseitsgöttin sind „Hel“ („Höhle“), „Hyndla“ („Hündchen“) und „Hyrrokkin“ („Rußgeschwärzte“).
Der Name „Hel“ bezieht sich auf die Grabkammer im Hügelgrab, der Name „Hyndla“ bezieht sich vermutlich auf Hels Bruder Fenrir, und der Name „Hyrrokkin“ bezieht sich auf die Brandbestattung, durch die Toten und sekundär auch Hel sozusagen rußgeschwärzt waren.
Weitere häufige Namen der Jenseitsgöttin, die jedoch als Göttin von Hel unterschieden wurden, sind Huldar, Gerdr, Laufey und Sigyn (siehe dazu auch den Band 28).
I 1. c) Kenningar
Der größte Teil der Kenningar, in denen Hel eine Rolle spielt, bezieht sich auf Hel-Hyndla-Hyrrokkin als Wolfsreiterin.
| Wolf | Reittier der Riesin | Riesin = Hel; Wolf = Hels Bruder Fenrir | Einarr | (Skaldskaparmal) | |||
| Wölfe | hungrige, springende Kurz-Rosse der Riesen-Mutter | Kurz-Rosse = kleine Rosse = Wölfe | anonym | Olafs drapa Tryggvasonar | |||
| Wolf | Roß der Trollfrau | Urbild: Hel reitet auf Fenrir | anonym | Gydingsvisur | |||
| Björn Krummhand | Magnusdrapa | ||||||
| Bödvarr der Bär | Sigurdardrapa | ||||||
| Thorkell Skallson | Valthofsflokkr | ||||||
| Wolf | freßgieriges Trollfrauen-Roß | Einarr Skulason | Haraldsdrapa 2 | ||||
| Wolf | graues Trollfrauen-Roß | Hallar-Steinn | Rekstefja | ||||
| Wolf | dunkles Trollfrauen-Roß | Thorkell Skallson | Valthofsflokkr | ||||
| Wolf | Roß des gierigen Trolls | anonym | Haralds Saga ... | ||||
Inhaltsverzeichnis
- Bücher von Harry Eilenstein
- Die Themen der einzelnen Bände der Reihe „Die Götter der Germanen“
- Inhaltsverzeichnis
- I. Hel in der germanischen Überlieferung
- II. Hel in den indogermanischen Religionen
- III. Hel in anderen Religionen
- IV. Das Aussehen der Hel
- V. Hymne an Hel
- VI. Traumreise zu Hel
- VII. Hel heute
- Themenverzeichnis
- Impressum
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