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MAIESTAS ET AMOR
Wie? Lebt Sie gar nicht mehr, ist alles dann verschwundn? Gleich wie der Rauch dahin, wie die verfloßne Stundn? Ist Gottes Ebenbild, das Kunststück seiner Krafft So wenig als ein Traum im Schlaffe dauerhafft?
Leibniz, Epicedium auf Sophie Charlotte
Preußens Königinnen sind gesichts- und zeitlose Schatten. Unterscheidet man ihre Ehemänner, die Friedrich, Friedrich Wilhelm und Wilhelm, noch durch eine dem Namen beigefügte römische Ordnungszahl, sind die Namen der Frauen zur Unkenntlichkeit verblichen. Meist sind es einfach Männernamen mit weiblicher Endung: Augusta, Friederike, Wilhelmine. Verheiratet wurden sie wie Iphigenie zur Zeit des Trojanischen Krieges: „Wir Männer hier vermählen dieses Kind“. Die Ehe war keine menschliche, sondern eine dynastische Beziehung. Sie diente dazu, den Fortbestand der Monarchie im Mannesstamme zu sichern, das Perpetuum nobile in Gang zu halten - um Lichtenberg zu zitieren.
Gelebt haben sie in der geminderten Freiheit von Leibeigenen. Friedrich II. hat seiner Frau niemals erlaubt, den Park von Sanssouci geschweige denn das Schloss zu betreten. Dem Volke zeigte man sie in Seide gehüllt und mit Juwelen behängt, aus goldenen Kutschen lächelnd: lkonen des Gottesgnadenkultes. Was von ihnen blieb, sind in barocken Rahmen dunkelnde Staatsporträts, meist von der Hand geübter Visagisten der Malerei, und Sarkophage in Kirchengruften. Vielleicht noch eine Büste im Park oder ein Straßenschild.
Nur wenige dieser Frauen gewannen den Mut und die Kraft, aus dem vorbestimmten Dasein zwischen Stickrahmen und Kirchenbank auszubrechen. Einer, der Königin Luise, halfen die Zeitumstände. Vor feindlichen Heeren fliehend, ihr Brot mit Tränen essend, ist sie von Mit- und Nachwelt zur Heldin eines vaterländischen Rührstückes gemacht worden. Gedichte und Romane wurden über sie geschrieben, ein B-Film über ihr Leben gedreht. Der Berliner Bildhauer Gottfried Schadow, von dem die Quadriga auf dem Brandenburger Tor stammt, schuf das Relief „Die Verklärung der Königin Luise“.
Die andere, Sophie Charlotte, ist weit weniger bekannt. Dabei ist sie zeitlich und ihrem geistigen Rang nach die erste Königin Preußens gewesen, und eine ganze Stadt, seit 1920 ein Bezirk von Berlin, trägt ihren Namen: Charlottenburg. Beide Frauen verbinden zufällige Gemeinsamkeiten ihrer Lebenswege. Beide sind in Niedersachsen geboren, Sophie Charlotte auf der Iburg bei Osnabrück, die Mecklenburgerin Luise in Hannover. Beide wurden im Geiste französischer Kultur und Sprache erzogen. Beide heirateten jung, die eine mit 16, die andere mit 17 Jahren. Beide haben drei Kinder geboren, und beide starben jung: Sophie Charlotte mit 36, Luise mit 34 Jahren. Beide waren sehr schöne Frauen, die an Intellekt und Willenskraft ihren Ehemännern überlegen waren. Beide hatten sich ein eigenes kleines Reich geschaffen, in dem sie - wie Luise schrieb - „mit einem guten Gewissen, guten Büchern und einem guten Piano“ lebten: Luise auf dem Schlösschen Paretz im Havelland, Sophie Charlotte in ihrem Garten Epikurs, dem Sommerschlosse Lützenburg. Und doch waren sie wesensverschieden. Luise sanft, tief religiös, ein Engel in lila Tüll. Sophie Charlotte intellektuell, kritisch bis zum Sarkasmus, nach den Worten ihres Sohnes eine böse Christin. Zugleich eine zärtliche Mutter, die dem einzigen überlebenden ihrer drei Söhne alles verzieh und ihren Freunden eine Schutzmantelmadonna war. Leibniz, der zu diesen Freunden gehörte, übertrug auf sie das Wort Ovids „In una sede morantur Maiestas et Amor“ in einem Geburtstagsglückwunsch:
Die wahre Majestät, die sich nicht lässt benehmen,
Die sich mit Liebe kan in einem Sitz bequemen,
Des hohen Geistes Liecht, die Gabe der Natur,
Der Menschen Herzens-Lust, der Götter rechte Spur.
Von ihren Zeitgenossen hat Sophie Charlotte viele Beinamen erhalten: die schöne Königin, die philosophische Königin, die republikanische Königin. Ihr Mann betrauerte sie als seine incomparable, seine unvergleichliche Königin. Hofpoeten machten sie zur Königin von Saba. Nun waren Prinzessinnen wie die Königstöchter im Märchen immer schön, aber die Schönheit Sophie Charlottes haben alle bestätigt, die sie kannten. Sie hatte üppiges schwarzes, natur gelocktes Haar, eine auf manchen Medaillen fast griechisch wirkende Nase, strahlend blaue Augen und einen schönen Mund. Ihre früh erkennbare Neigung zur Fülle war im Barock, als Maler die Göttinnen des Paris-Urteils in praller Fleischesfülle darstellten und Dichter die Schneegebirge weißer Brüste bewunderten, ein Vorzug.
Den Beinamen philosophisch verdankt sie vor allem der Förderung von Leibniz, der seine erst Jahre nach ihrem Tod erschienene Theodizee ihrem Andenken gewidmet hat. Sie war es, die Leibniz in Berlin die Wege zur Gründung seiner lang geplanten Akademie der Wissenschaften ebnete. Allerdings waren ihre Vorstellungen von Entstehung und Aufbau der Welt ganz andere als die der durch prästabilierte Harmonie bestimmten besten aller möglichen Welten. Sie las Hobbes, Descartes, Spinoza und Locke, in Übersetzung auch antike Autoren wie Platon und Lukrez. Während Leibniz als Philosoph immer der Scholastik verbunden blieb, stand sie ganz im Banne der frühen Aufklärung. Die beiden einzigen großen Arbeiten, die Leibniz vollendet hat, waren Streitschriften gegen Männer, die Sophie Charlotte besonders geschätzt hat: gegen Pierre Bayle die Theodizee, gegen John Locke die Neuen Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Und während Leibniz seine unvergängliche Philosophie, die philosophia perennis, auf einem Fundament von Metaphysik und Evangelien errichtete, war Sophie Charlottes Religion verhüllt, wie der Oberhofprediger Ursinus es ausdrückte.
Republikanisch, wie der irische Freidenker John Toland sie genannt hat, war sie im ursprünglichen Sinne des Wortes. Es bezeichnete keine Staatsform, sondern die politische Ordnung eines Gemeinwesens, die von einer gottgewollten und absolutistisch gesetzten Ordnung zu einer von den Bürgern des Gemeinwesens vereinbarten Ordnung verweltlicht werden sollte. Die Staatsgewalt hat das gerechte und friedliche Zusammenleben der Bürger zu gewährleisten und die Herrschaft des Rechts, nicht die von Menschen, zu sichern. Diesem Vorbild schienen damals die sieben vereinigten Provinzen der NiederLand am besten zu entsprechen. Zwar regierte dort die Königin Geld, aber politische und wirtschaftliche Macht wurden in einem empfindlichen Gleichgewicht gehalten und die Entstehung einer Zentralgewalt verhindert. Für Brandenburg-Preußen, dessen Landsteile eine gewisse Selbständigkeit bewahrten, hätte sich der holländische Weg angeboten. Es ist bemerkenswert, dass die beiden zentralistischen absolutistischen Herrscher, zwischen denen der erste König regierte, der Große Kurfürst und der Soldatenkönig, die holländischen Einrichtungen bewunderten. Friedrich Wilhelm I. träumte davon, seinen Lebensabend ohne Uniform, im braunen Leibrock und weißen Leinenhemd als Mijnheer van Hoenslaardijk zu verbringen, und Sophie Charlotte beneidete die holländischen Damen um ihre Freiheit. Holländische Frauen studierten, führten Handelshäuser und konnten sogar auf gerichtliche Trennung ihrer Ehe klagen.
Ein Name fehlt in der Reihe der epigrammatischen Bezeichnungen: der einer musikalischen Königin. Im Lützenburger Schlosspark baute sie ein kleines Opernhaus - das erste Berlins. Sie holte Sänger und Musiker aus ganz Europa an ihren Hof, studierte Kompositionslehre, war eine hervorragende Cembalospielerin und leitete gelegentlich vom Cembalo aus das Orchester bei der Aufführung kleiner Opern und Ballette. Ein zusammenklappbares Cembalo, das in Paris für sie hergestellt worden war, begleitete sie auf allen Reisen, denn ein Tag ohne Kammermusik war für sie verloren. Arcangelo Corelli hat ihr sein Opus Nr. 5 gewidmet. Ruggiero Fedeli schrieb eine großartige Trauermusik zu ihrer Beisetzung.
Mit Sophie Charlotte hätten Musen und Grazien ihren Einzug in Berlin gehalten, hat Friedrich II. über seine Großmutter Sophie Charlotte geschrieben. Ihr Mann, der König, wurde von der Universität Halle als Stator Musarum (Beschirmer der Musen) gefeiert. Nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I. wurden die Musen als unerwünschtes landfremdes Volk hinausgejagt. Für das Geld, das Primadonnen und Geiger gekostet hatten, fingen des Königs Werber lange Kerls für seine Potsdamer Riesengarde ein.
Den schönsten Beinamen hat Toland für Sophie Charlotte gefunden. Er nannte sie in Briefen Serena, die Heitere, Klare, Gelassene. Als sie gestorben war, schlug Leibniz vor, ihr Schlösschen Lützenburg in Sophipolis umzubenennen, Stätte Sophiens, Stätte der Weisheit und Erkenntnis. Der König gab dem Schloss und der Ortschaft den zweiten Vornamen seiner Gattin: Charlottenburg. Friedrich der Große schrieb, Sophie Charlotte habe die Liebe zu Kunst und Wissenschaft und den esprit de société nach Preußen gebracht. Ein paar Stadttore und Backsteinkirchen bekunden, dass die kurbrandenburgischen Städte damals gegenüber Reichtum und Kultur der freien Reichs- und Hansestädte nur eine Lehmkatenherrlichkeit, wie Theodor Fontane es nannte, aufweisen konnten. Die Bemühungen des Großen Kurfürsten in seinen letzten Jahren Berlin Glanz zu geben, sind über Ansätze nicht hinausgekommen. Geldmangels, die Krankheit des Herrschers und Streit, der die Familie zerriss, waren die Gründe.
Aber kamen mit Sophie Charlotte wirklich Musen und Grazien nach Preußen? Oder war Lützenburg, wo sich Kirchenhistoriker und Musiker, Jesuiten und Theosophen, Diplomaten und Generale trafen, nur eine geistige Oase im märkischen Sand? Hier begegneten sich Menschen, die durch wissenschaftliche und künstlerische Interessen verbunden waren. Eine Elite, gewiss. Wie anders sollte es in einem Land sein, wo mehr als achtzig von hundert Menschen von der Erde lebten, Analphabeten waren, keine bürgerliche Freiheit genossen! Außerdem: Oper und Ballett, Kammermusik und Philosophie, die Berechnung von Parabeln und die Ethik Spinozas waren immer nur die Sache einer dünnen Schicht von Menschen, die man nicht in den sozialen und ökonomischen Begriff der Klasse eingrenzen kann.
Lützenburg war kein Elfenbeinturm. Von dieser Sommerresidenz Sophie Charlottes ging eine Fülle von Anregungen aus. Eine Ergänzung waren die Baudenkmäler, mit denen Friderich seine Hauptstadt aus der Lehmkatenherrlichkeit heraushob, waren seine Bemühungen um ein Grundschulwesen für alle, die Einrichtungen der Wohlfahrt, Reinhaltung des Wassers, Seuchenbekämpfung. Das Preußen, das das erste Königspaar schaffen wollte, war ein ganz anderes als das, in dem der Herrscher immer nur der Erste Soldat oder der Erste Beamte (le premier magistrat) seines Staates war.
Berlin war damals, nach Amsterdam, die europäische Stadt, in der die größte geistige Freiheit herrschte. Es war der König, der es - ganz im Sinne auch Sophie Charlottes - ablehnte, eine von Leibniz vorgeschlagene Behörde einzurichten, um Druck und Vertrieb von Schriften zu verhindern, die sich „gegen die religion, gegen den Staat, Churfürsten, Fürsten und Stände“ richteten. Das Land erhielt damals seine dritte Universität, die erste, die nicht bekenntnisgebunden war. Friderich gründete eine Akademie der Künste und die Societaet der Wissenschaften. Sie besaß die drittgrößte Bibliothek Europas.
Der italienische Barock verdrängte die bürgerliche Behäbigkeit der holländischen Baumeister in Berlin. Der Lustgarten vor dem Schlosse, der noch ein Garten war, wurde erweitert. Die hölzerne Hundebrücke über die Spree wurde durch eine steinerne ersetzt; auf der stand, in Bronze gegossen, der Große Kurfürst, eines der schönsten Reiterstandbilder der Welt. Nach den Plänen des französischen Architekten Jean de Bodt wurde das Zeughaus gebaut, die Waffenkammer des Königs, mit den von Schlüter entworfenen Köpfen sterbender Soldaten im Ehrenhof, eine steinerne Kundgebung gegen das Grauen des Krieges.
Am Gendarmen-Markt entstand die Friedrichstädtische Kirche, später als Deutscher Dom bekannt. Die eingewanderten Hugenotten bauten sich eine Kirche nach dem Vorbild ihres Tempels in Charenton bei Paris. Leider gibt es nur noch wenige Reste von jenem Barock-Berlin. Ein Teil der Bauten wurde im 19. Jahrhundert abgerissen. Die Witterung zerfraß den Sandstein vieler Skulpturen. Die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg ließen nur noch wenige Erinnerungen zurück: das Zeughaus, die großartigen Sarkophage Schlüters für das erste Königspaar, das Reiterstandbild des Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Im Bauschutt des Charlottenburger Schlosses fand man den Kopf eines von Balthasar Permoser geschaffenen Herkulesknaben.
Aber der Geist der Zeit kam nicht nur in dem steinernen Berlin zum Ausdruck. Einst hatten Fischer, Fuhrleute und kleine Handwerker das Leben der Stadt an der Spree bestimmt. Jetzt trug jeder fünfte Berliner einen französischen Namen. Die Vergünstigungen, die den französischen Glaubensflüchtlingen in Brandenburg gewährt wurden, hatten Handwerker bisher in Berlin unbekannter Gewerbezweige zur Niederlassung bewogen. Das Heer nahm französische Offiziere auf, die Akademie französische Gelehrte. Sophie Charlottes Vorleser war Franzose, ihr Hofprediger, ein glänzender Kanzelredner, der Erzieher ihres Sohnes, ihr Oberstallmeister.
In der Malerei blieben noch die Holländer bestimmend: Anton Schoonjans, die Brüder Terwesten, Jan de Coxie, Abraham Begeyn und der geschätzte Botanikmaler Willem Frederik van Royen. Viele von ihnen hatten allerdings jahrelang als Meisterschüler italienischer Künstler gearbeitet. Aus Venedig war Gedeon Romandon nach Berlin gekommen. Ein Bildnis, das er von der jungen Kurfürstin Sophie Charlotte gemalt hatte, brachte er 1690 als Geschenk für Wilhelm III. nach London. Aus Paris holte Friderich Antoine Pesne, der den Durchschnitt der Hofporträtisten weit überragte und von dem Bilder in der Petersburger Eremitage, in München und Warschau hängen.
Italienisch war die Musik in Lützenburg, Italiener die Virtuosen, Komponisten, Sänger und Sängerinnen, die Sophie Charlotte ins Land holte. Oft beklagte sie die Unzulänglichkeit ihrer Geldmittel, denn Musiker und Sänger verlangten und bekamen Stargagen für ihre Gastauftritte. Mit Paris, mit dem reichen London, das immer mehr Musiker anzog, und selbst mit Wien, wo der Musikfanatik...