Glück finden
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Wege zu einer angemessenen Form des Zusammenlebens in der Zukunft

  1. 332 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Wege zu einer angemessenen Form des Zusammenlebens in der Zukunft

Über dieses Buch

Wie bleiben wir frei und unabhängig, obwohl wir in einer Gemeinschaft leben und Rücksicht nehmen müssen? Wie können wir dieses Zusammenleben, unsere Beziehungen, unsere Familien- und Arbeitsverhältnisse so gestalten, dass wir uns damit wohlfühlen? Was tun wir, wenn der Alltag die Schritte in Richtung mehr Wohlergehen immer wieder schluckt, behindert und aufzehrt?Jeder, der auf der Suche nach persönlichem Glück ist, stellt sich diese Fragen. In diesem Buch werden sie beantwortet. Lothar Röhrig zeigt Wege auf, die Schritt für Schritt zu mehr Zufriedenheit führen, und verschweigt dabei nicht, wie viel Disziplin dafür vonnöten ist. Seine Ausführungen zeigen, wie wichtig es ist, seine Umgebung wirklich zu sehen und kennenzulernen und wie sich durch dieses »Sehen« ungeahnte Chancen auftun.

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Teil 1

Anna

Die Natur hatte es gut gemeint. Die kleine Anna war gesund und für ihr Alter sehr aufgeweckt und intelligent. Sie hatte ein einnehmendes Wesen und war nach den herrschenden Ansichten ziemlich hübsch. Nachbarn und Freunde sparten nicht mit Lob und zustimmenden Bemerkungen. Die Eltern hatten allen Grund zufrieden zu sein. Sie mochten ihre Kleine und hatten viel Freude mit ihr, aber so völlig zufrieden waren sie nicht. »Sie hört schlecht«, meinten die Großeltern. In der Tat hatte Anna eine geschickte Art, Dinge zu überhören oder abzulenken und vor allem nicht zu folgen. Vorschläge zur Gestaltung der freien Zeit kamen bei ihr nicht an. Sie wollte alles selbst entscheiden. Lernspiele waren nach einmaligem Gebrauch uninteressant. Auch mit verlockenden Belohnungen war sie meist nicht zu beeindrucken. Den Eltern ging es wie vielen anderen in unserem Kulturkreis. Eigentlich waren sie stolz und irgendwie auch mehr oder weniger zufrieden, aber das eine oder andere hätte schon besser oder anders sein können. Im Vergleich mit anderen war das schon in Ordnung. Aber wer hat schon (in allen Betrachtungsrichtungen) genau die Kinder, die er haben will? Die Eltern fühlten sich stark mit ihrem Kind verbunden und liebten es innig. Das hielt sie aber nicht davon ab, die eine oder andere Verhaltensweise zu beklagen und sich Veränderungen zu wünschen. Es verging, wenn man es genau nimmt, beinahe kein Tag ohne irgendeine Ermahnung oder einen Appell, einen Versuch, etwas positiv zu verändern. »Erziehung muss ja schließlich auch sein!« Viele Dinge weiß ein Kind ja auch noch nicht. So war die Botschaft an Anna häufig:
»Tue dies nicht! Unterlasse jenes!« und irgendwie auch: »Du bist so nicht okay.« Anna bekam insgesamt gesehen sehr viel Aufmerksamkeit, Zuwendung und viele Angebote, es gab Lernspiele, einfache Musikinstrumente und vieles, was fördern konnte. Der Vater kaufte zum Beispiel einmal einen großen Lastkraftwagen mit Anhänger, der beinahe genau so groß war wie Anna. Er war selbst extrem begeistert von dem Spielzeug. Versuchte einige Male mit ihr zu spielen und Freude daran zu gewinnen. Früher, zu seiner Kinderzeit, hatte es so etwas Tolles nicht gegeben. So etwas hätte er früher auch gern besessen. Anna aber war gleichmäßig lieb und wenig interessiert. Ein anderes Mal wurde ein Cat-Car gekauft. Der Vater musste sogar den Sitzabstand extra verkürzen, weil Anna noch zu »kurz« war. Mit einer Bohrmaschine mussten einige Löcher neu gebohrt werden. Anna ließ sich nicht von der väterlichen Begeisterung anstecken. Ihr war das alles nicht so wichtig. Andererseits beschäftigte sie sich mit vielen Dingen ohne jede Anleitung. Sie malte und bastelte und war eigentlich sehr zufrieden. Dinge des täglichen Gebrauchs wurden zu allen möglichen Fantasieobjekten umfunktioniert. Zusammengeknüllte Stoffstücke wurden Tiere, Haushaltsgegenstände Autos oder Puppenwagen. Die merkwürdigsten Dinge mussten Vater oder Mutter sein. Modernes Spielzeug, insbesondere solches mit Batterien, wurde zunächst neugierig erkundet, aber schon bald mit Gleichgültigkeit und Desinteresse betrachtet. Vater hatte es schon aufgegeben, »geschlechtsneutrales« Spielzeug anzuschleppen, das funktionierte nicht. An Stelle des Spielzeugs kamen neue Angebote: Musikschule und andere Förderbereiche. Zwänge, wie dieser regelmäßige Besuch einer Musikschule, waren gar nichts für Anna. Anfänglich stand zwar eine neugierige Lust, aber schon die ersten Ermahnungen zu üben und die einengende Planung der nächsten Schulbesuche vermiesten ihr die Freude derart, dass auch das Instrument, eine bis dahin liebevoll behandelte Flöte, uninteressant wurde. Das alles verunsicherte die Mutter sehr und löste das ein oder andere Mal auch Ärger aus. Dem Vater war das mittlerweile egal, was den Konflikt belastender machte.
„Lass sie doch, Hauptsache sie beschäftigt sich. Ist doch alles in der Ordnung“. Anna schaffte es wie immer, sich viele Stunden allein zu beschäftigen. Mit anderen zu spielen war ihr auch eine große Freude, aber danach musste sie wieder allein sein. Die Mutter kam das ein und andere Mal ins Grübeln, stellte sich und auch anderen so manche Frage zu diesem Thema, ohne jedoch eine vernünftige Antwort zu bekommen. Die Angesprochenen waren allerdings auch nicht ernsthaft interessiert.
„Sei doch froh!“, sagten die meisten, »Meine nerven entsetzlich. « Sie war aber nicht froh. Sie machte sich Sorgen, vielleicht auch nur deshalb, weil das ihr erstes Kind war. Da ist bei den meisten Eltern alles viel wichtiger und deutlicher. Anna bekam natürlich das alles nicht mit. Sie spielte und war zufrieden. Zeitweilig vergaß es die Mutter, dem Vater war das sowieso nur weibliche Überempfindlichkeit. Sie wuchs und gedieh prächtig. Nur die Phasen des Alleinseins und die Zeiten, die sie mit anderen verbrachte, wurden intensiver und verlängerten sich. Es konnte durchaus sein, dass sie zwei Tage keinen Kontakt haben wollte, um dann mit Freude und vollem Genuss wieder mit anderen zu spielen und das tat sie durchaus für eine längere Zeit. Danach kam in der Regel jedoch wieder eine Zeit des Alleinseins. So wurde sie älter und die Mutter spürte die Besonderheit gar nicht mehr so deutlich. So richtig schlimm war es ja auch nicht, nur komisch. In der Schule lief alles zum Besten. Trotzdem appellierte sie zwischendurch immer noch halbherzig und total vergebens: »Anna, geh doch mal raus. « »Komm doch in den Garten, du bist ja ganz blass!« »Was macht eigentlich Ute?«
Aber Anna ruhte in sich und wusste anscheinend genau, wann sie allein sein wollte und wann sie mit Anderen Kontakt brauchte. Trotzdem machte sich die Mutter Sorgen um die Gesundheit. »War das normal?« Einmal verlor die Mutter nach vergeblichen Versuchen die Geduld und trieb ihre Tochter mit lautem Schimpfen nach draußen zu den anderen Kindern. »Du gehst jetzt nach draußen an die frische Luft, geh jetzt spielen. « Irritiert von dem ungewohnten Ausbruch der Mutter ging Anna verunsichert durch den Garten auf die Straße und blieb dort stehen. In einiger Entfernung spielten die anderen Kinder. Anna stand mit leicht gesenktem Kopf und wartete. Sie wartete und rührte sich nicht von der Stelle. Sie war nicht trotzig oder wütend, eher traurig und unsicher. Die Mutter, die das durch das Fenster beobachtete, wurde beim zweiten Blick ungeduldig und wollte etwas Aufmunterndes rufen, wartete aber dann doch noch. Bei den folgenden Kontrollblicken durch das Fenster bekam sie immer deutlicher ein schlechtes Gefühl. Die kleine Gestalt stand da mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, bei genauem Hinsehen ein Anblick zum Herzerweichen. Sie öffnete schließlich das Fenster und rief: »Anna, komm wieder rein! « Anna kam und beschäftigte sich sofort mit besserer Stimmung in ihrem Zimmer. Der Mutter blieb nur ein hoffnungsloses Kopfschütteln. Zwischendurch kam so etwas wie Neid oder eine sehr unbestimmte Verärgerung bei der Mutter durch. Warum konnte Anna das so ohne Wenn und Aber machen? Wie konnte sie sich auf ihre Bedürfnisse konzentrieren und sich auch durchsetzen, ohne ein Problem damit zu haben? Sie als reife, erwachsene Mutter konnte ihre Bedürfnisse so nicht durchsetzen wegen der vielen Verpflichtungen, die Anna ja noch nicht hatte und vielleicht auch aus anderen Gründen. War Anna nicht ein wenig rücksichtslos und egozentrisch? War sie gleichgültig gegenüber den Sorgen der anderen oder der eigenen Mutter? Liebte sie sie nicht genug? Irgendwie ungerecht war es schon, oder nicht? Antworten gab es nicht. Für den Vater war das alles weibliche Überempfindlichkeit. So ging es, bis Anna sieben Jahre wurde. Plötzlich wollte sie wissen, ob sie anders war als andere, die alle viel mehr unternahmen. Das brachte die Mutter in arge Verlegenheit. Mehr stammelnd als argumentierend relativierte sie und fand alles ganz in der Ordnung, beschwichtigte Annas Bedenken. Natürlich könne man das eine oder andere anders sehen oder auch machen, aber so wichtig solle man es auch nicht nehmen. Anna hörte sich alles an. Aber wie auch schon früher ließ sie sich nicht beirren. Sie wollte es genauer wissen. Sie unternahm mehr und war tagelang auf anstrengendste Art mit anderen beschäftigt. Zufrieden aber machte sie das nicht. Nach kurzer Zeit des näheren Kontaktes spürte sie deutlich den Wunsch, wieder für sich zu sein. Das hatte nichts mit den anderen zu tun, nichts mit deren Fehlern oder deren Besonderheiten. Irgendwie war es einfach so. War sie längere Zeit allein, spürte sie ein langsam stärker werdendes Verlangen nach anderen. Die Mutter zählte zu ihrem eigenen Entsetzen für diese Bedürfnisse nicht. War sie mit ihr zusammen, so kamen die Bedürfnisse genauso, vielleicht ein wenig schwächer. War sie aber in der Gesellschaft anderer und ging es auch hoch her, so reichte schon die erste Gelegenheit des Luftholens, der Besinnung, um zu empfinden, dass Distanz und Alleinsein besser sein könnten. War sie normal? Ihre Freundinnen lachten über solchen Unsinn. Sie hatten solche Probleme nicht. Auch waren sie viel lustiger und sorgloser. Es war schon sehr auffällig. Annas Tagebuch verstand sie da besser. Hier ging sie der Frage nach, wie und warum sie nur so seltsam war, warum alles schwerer war als bei anderen, warum der Kontakt mit der Mutter zwar gut tat, aber in diesem Zusammenhang nicht zählte. Hier half nur das Zusammensein mit Gleichaltrigen. Aber Antworten keimten nicht. Diese Fragen und das bewusstere Wahrnehmen verlängerten die Zeiten des Alleinseins, ohne jedoch eine Antwort zu produzieren. Sie spürte so etwas wie einen Makel, ein Zeichen auf ihrer Stirn. Ihre Mutter erinnerte sie leider oft daran, wenn sie gerade von diesem vermeintlichen Problem ein wenig Abstand gewonnen hatte. Dennoch hatte sie insgesamt gesehen das Gefühl, dass alles in der Ordnung war. Doch richtig sicher konnte sie nicht sein, denn die Botschaft der anderen, insbesondere der Mutter, war:
»Du bist nicht okay, ändere dich!« Genau so hörte sich das natürlich nicht an. Es war viel versöhnlicher und verbindlicher, zum Beispiel: »Komm doch mal aus deinem Zimmer, lass uns mal zusammen einkaufen gehen. « Sie spürte aber deutlich, dass gemeint war: »So ist es nicht richtig. « Die Häufigkeit solcher Botschaften und ähnlicher Themen machten ein Überhören oder Unberücksichtigt lassen unmöglich. Ihr war schon klar, dass sie anders sein sollte, normaler. Aber was war normal?
Sie hatte sich Fragen gestellt, gelesen, nachgedacht. Jetzt spürte sie, woher ihre tiefen Zweifel kamen. Es war der Gegensatz zwischen Nähe und Distanz. Sie spürte auch, dass es allen Menschen so geht. Sind sie allein, möchten sie mit anderen zusammen sein. Sind sie jedoch mit anderen zusammen, womöglich sehr eng und nah, so wünschen sie sich wieder mehr Distanz und nur für sich zu sein. War das ein normaler Vorgang? Trotz ihres Alters sah sie die Dinge erstaunlich klar, ohne jedoch die Hintergründe oder irgendwelche Antworten zu erkennen. Warum wurde sie aber so häufig darauf angesprochen? Warum bewegte sie das Problem und andere verstanden nicht einmal, wovon sie redete? Für sie war das sogar lächerlich. Auch versuchte sie zu glauben, dass es ein Gesetz gibt, das ungefähr so lauten müsste: Je mehr Nähe entsteht, desto stärker ist das Bedürfnis nach Distanz. Je größer die Distanz ist, umso mehr Energie wird mobilisiert, diese zu verringern. Sie fand viele Beweise und Indizien für die Richtigkeit der Thesen. Nur stellte es sie nicht so zufrieden, wie sie eigentlich erhoffte hatte. Irgendetwas fehlte. Sie bedauerte besonders, dass die Regeln und Gesetze sehr technisch und nüchtern waren und nicht sehr viel mit der Vielfältigkeit ihres Erlebens, mit ihren Freundinnen und mit der Intensität ihrer Gefühle zu tun hatten.

Annas zweiter Lebenskonflikt

Eines Tages war ihr Tagebuch plötzlich nicht mehr so geduldig, wie sie es kannte. Sie ertappt sich dabei, es dumm und unreif zu finden, in ein kleines Buch zu schreiben und zu glauben, dass sie an einen Vertrauten schrieb, der sogar antworten konnte. Denn so war es früher durchaus. Sie hatte sehr nahe und intensive Gefühle zu dem Geschriebenen und vor allem zu den vielen Bildern, die dabei auftauchten. Die nun einsetzende Leere, das Fehlen dieser Lebensgefühle machte sie noch einsamer. Es verlängerte die Zeit, die sie für sich vorsah, denn Einsamkeit war es ja eigentlich nicht. War es Unsicherheit? Im Laufe der nächsten Monate nahm sie die Bedürfnisse der beiden unterschiedlichen Richtungen immer klarer und intensiver wahr. Mit einer eindringlichen Deutlichkeit wurde ihr immer bewusster, wie oberflächlich Menschen in Gesellschaft sein konnten, wie leer und unecht ihr Zusammensein häufig war. Sie redeten und argumentierten, ohne sich wirklich zuzuhören. Jeder erzählte seine Dinge, seine Geschichte und nach einem Luftholen der andere, ohne auf das Gesagte einzugehen. Machen sie nur ein Geräusch? Sie beobachtete sich jetzt häufiger, wie sie auch in Gesellschaft etwas abseits stand und beobachtete. Viel klarer als früher war jetzt, dass Menschen zwar zusammen, aber dennoch gleichzeitig getrennt und unbeachtet sein konnten. Sie sprachen sich zwar an, gingen aber komischerweise meist nicht aufeinander ein. Jeder erzählt etwas von und über sich, ohne den anderen wirklich zu sehen oder auf ihn und sein Gesagtes einzugehen. Berichtete beispielsweise jemand etwas von seiner schwierigen Schwiegermutter, so konnte er ziemlich sicher sein, dass der Zuhörer bei der ersten sich bietenden Gelegenheit nicht darauf einging, sondern von seiner ebenso schwierigen Schwiegermutter erzählte: »Genau wie meine, die macht immer Folgendes…« Der enttäuschte Sender wartete dann in der Regel bis zum nächsten Luftholen und sagte dann vielleicht: »Ja, ja, meine macht aber…«
Diese Art der Unterhaltung kam so häufig vor, dass sie auch hier an eine Gesetzmäßigkeit glaubte. Diese war ihr zutiefst zuwider. Wenn ihr selbst so etwas passierte und das war auch bei ihren besten Freundinnen nicht selten, fühlte sie sich nicht nur nicht ernst genommen, sondern auch irgendwie verraten. Ärger und manchmal auch Ratlosigkeit traten auf. Was sollte das alles? Was sollte man tun? Wie konnte man das ändern? Gespräche mit einigen Vertrauten, die sie suchte, brachten ebenfalls nichts: »Das ist doch völlig normal. Das machen doch alle so. « Andere verstanden überhaupt nicht, was sie bedrückte, trösteten oder machten sich lustig über ihre Sorgen. Das kannte sie ja schon. Anna hatte wieder einmal Probleme. Das so wichtige Zusammensein wurde dadurch seiner letzten Wirkung beraubt. Alles war dann nur noch oberflächlich, hohl und unbedeutend. Geräusche waren es, ohne Bedeutung, wie ein laufendes Radio, aber kein Austausch unter Menschen. Es fehlte die Nähe, die sie zwischendurch so dringend benötigte. Und damit kam immer mehr Einsamkeit. Im Zusammensein mit anderen konnte sie sie noch ertragen, aber sie wurde doch so stark, dass eine Reaktion erforderlich wurde. Sie fing an, ohne es zu merken, die Bekannten und Veranstaltungen zu sortierten. Welche Freundin war ihr nahe oder ging auf sie ein, und welche war oberflächlich? Welche Einladung sollte sie annehmen, welche ausschlagen? Wen sollte sie selbst einladen, und wie sollte sie sich dann verhalten? Komischerweise gehörte ihre Mutter nicht zu den Aussortierten, obwohl sie auch meist nicht zuhörte und überwiegend mit ihren eigenen Problemen beschäftigt war. Wenn sie zusammen waren, trat trotz ähnlich schlechter Kommunikationsqualität ein solch negatives Abwehrgefühl nicht auf wie bei den anderen Menschen. Bei denen lichtete sich die Zahl. Die Zeit des Zusammenseins mit den Verbliebenen und Näheren nahm zu, mit den anderen ab. Mit einigen Menschen gab es gar keine Verbindung mehr. Sie merkte deutlich, dass ihr das alles viel besser bekam als früher. Aber es machte sie weiter unsicher. Die alte Unsicherheit blieb, sie bekam zusätzliche Nahrung.
Andere sahen das so nicht, viele Konventionen waren anders. Man lud andere ein, wenn man selbst eingeladen wurde. Man lud nicht ein, wenn der andere zuhören konnte und Interesse hatte. Geschenke wurden in ähnlichem Wert gekauft, wie man sie selbst bekommen hatte. Manchmal, dachte sie verbittert, würde es reichen, eine bestimmte Geldsumme wandern zu lassen, da ja jeder den gleichen Wert zurückbekam. Was sollte dieser Unsinn? Noch dazu wurden Dinge verschenkt, die mit den Bedürfnissen des Beschenkten wenig oder gar nichts zu tun hatten. Die meisten wussten einfach zu wenig von den Wünschen und Vorlieben, um sinnvolle Geschenke kaufen zu können. Es war keine böse Absicht, sondern eher Unwissenheit und Desinteresse. Sie beobachtete dieses Phänomen und erkannte zunächst, dass auch die meisten Menschen relativ wenig von ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen berichteten. Dann durften sie sich auch nicht wundern. Wenn sie es dann doch einmal taten, dann in einer verdeckten und versteckten Art. In keinem Fall kam Klartext. Andererseits hörten sie aber auch nicht zu, wenn jemand einmal etwas aus seinem Erleben und von seinen Bedürfnissen berichtete. Schnell waren sie wieder bei sich und ihren eigenen Geschichten und erzählten darüber. Es lohnt sich offensichtlich nicht, über eigene Bedürfnisse und Gefühle zu sprechen. Das war aus allem Gehörten die einzige logische Erkenntnis, die täglich an alle Menschen gesendet wurde. »Es lohnt nicht, über eigene Gefühle zu sprechen!«
Vergaß man einmal oder mehrmals jemand zu einem Geburtstag einzuladen, so konnte man ziemlich sicher sein, dass man auch von seiner Einladungsliste verschwand. Das alles traf auf erschreckend viele Menschen zu. Da Anna sehr genau überlegte, wen sie einlud und auch nur wenige auswählte, traf das auch für sie zu. Sie wurde zu einem Teil ausgegrenzt. Bei ihrer engsten Freundin Nadine war das Gott sei Dank anders. Die konnte zuhören, mit ihr traurig sein oder sich freuen. Auch Einladungen und Geschenke waren unkompliziert, unabhängig von den Vorgeschichten, und passten meistens genau. Immer war es so, dass sie genau merkte, dass Nadine sich viele Gedanken gemacht hatte und dass sie ihr wichtig war. Das war ein schönes Gefühl, das sie dringend benötigte und in Abwesenheit herbeisehnte. Gleiches versuchte sie auch zu verursachen. Sie verbrachte viel Zeit mit der Überlegung, welche Geschenke passen könnten. Anna war manchmal schon viele Tage vor einem Ereignis damit beschäftigt, etwas genau Passendes zu finden und das war manchmal wirklich schwer. Dabei fühlte sie sich trotzdem wohl und verspürte eine gewisse Befriedigung und Gefühlstiefe. War sie dann wieder längere Zeit allein, überkam sie immer noch das Bedürfnis nach Kontakt. Doch jetzt war ihr klar, dass eine besondere Qualität gemeint war. Nicht nur einfach Menschen, Gerede, Geräusche, sondern das Gefühl von Nähe, Sicherheit, Verständnis und Geborgenheit. Fehlte es, so herrschte so etwas wie Alleinsein, Unsicherheit und eine Spur von richtiger Einsamkeit. Die fühlten sie auch dann, wenn sie unter Menschen war. Mittlerweile wusste sie sich zu helfen. Sie ging ans Telefon und sprach mit den »Nahen«, schrieb ihnen lange, gefühlvolle Briefe, oder sie suchte sie unkompliziert sofort auf. Die Betroffenen reagierten ähnlich und fanden das gut. Mit einem kleinen Kreis von Menschen funktionierte das sehr konfliktfrei und angenehm. Darüber war sie ziemlich zufrieden und sehr dankbar. Komischerweise übertrug sich das auch auf andere Lebensbereiche wie Schule, Nachbarschaft und Sportverein. Es war, als habe sie mehr Kraft. Sie wusste jetzt, worauf es ihr ankam. Andere Menschen merkten das. Sie war bestimmter. In ihrer Gegenwart fühlten die meisten Menschen sich wohl, es war klar und einfach, man konnte es gut haben. Das alte Problem relativierte sich, es kamen jetzt Phasen, die sie als harmonisch und intensiv erlebte. Alles wurde weniger dramatisch u...

Inhaltsverzeichnis

  1. Über den Autor
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort
  4. Teil 1
  5. Teil 2
  6. Teil 3
  7. Teil 4
  8. Teil 5
  9. Impressum