1. Einleitung
Zunächst werden mein Forschungsinteresse und die daraus abgeleiteten Forschungsfragen beschrieben. Dann folgen Erläuterungen zum methodischen Vorgehen und der Aufbau der Arbeit.
1.1. Forschungsinteresse und Fragestellungen
Mein Forschungsinteresse richtet sich auf die nunmehr 40-jährige Geschichte des Bildungszentrums St. Bernhard in Wiener Neustadt und wie sich diese im Bildungsprogramm des Hauses widerspiegelt. Dazu gehört auch die Frage nach dem Anspruch und den Zielen des kirchlichen Trägers dieser Einrichtung und den gesellschaftlichen Faktoren, die den Rahmen für Entstehung und Entwicklung des Hauses bildeten und bilden. Ebenso interessiert mich, ob die derzeitige inhaltliche Positionierung und Programmierung der Einrichtung „typisch“ für ein Bildungshaus der katholischen Kirche im Osten Österreichs ist.
Die konkreten Fragestellungen sind nach den folgenden vier Themenbereichen gegliedert:
1. Der zeitgeschichtliche Kontext
- Welche markanten Ereignisse und Zusammenhänge formten unsere Gesellschaft zum Zeitpunkt der Gründung des Bildungshauses Anfang der 1970er-Jahre?
- An welchen bedeutenden Ereignissen und Entwicklugen lässt sich die Veränderung des zeitgeschichtlichen Kontextes von den 1980er-Jahren bis heute erkennen?
- Welche gesellschaftlichen, (bildungs-)politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt kirchlichen Faktoren haben die Entwicklung des Bildungszentrums beeinflusst?
2. Die Geschichte und das Selbstverständnis des Bildungszentrums
- Welche markanten Abschnitte strukturieren die Geschichte des Bildungshauses von seiner Gründung bis heute?
- Welches Selbstverständnis und welcher Auftrag sind bei St. Bernhard in der Zeit seiner Gründung erkennbar?
- Haben sich Selbstverständnis und Auftrag mit der Zeit verändert und wenn ja, wie?
3. St. Bernhard im Spiegel seines Bildungsprogramms
Eine Längsschnittanalyse über 35 Jahre
- Welche Angebotsstruktur kennzeichnete 1977, dem ersten Erscheinungsjahr des Bildungsanzeigers, die Bildungseinrichtung?
- Lassen sich im Laufe der Jahre Veränderungen der Angebotsstruktur erkennen?
- Spiegelt sich in der Programmierung das Selbstverständnis der Einrichtung wider oder gibt es Abweichungen von den offiziellen Intentionen des Hauses?
4. St. Bernhard im Vergleich
Eine Querschnittanalyse des Programms von vier katholischen Bildungshäusern im Osten Österreichs
- Worin unterscheiden sich die Programmierungen der untersuchten Häuser?
- Gibt es Gemeinsamkeiten in der Struktur der Bildungsprogramme, die auf eine „typische Programmierung“ für ein Bildungshaus der Katholischen Kirche zumindest im Osten Österreichs schließen lassen?
1.2. Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit
Jede der eben genannten Themengruppen wird in einem gleichnamigen Unterkapitel des Hauptteils behandelt. Das Ende der einzelnen Teilabschnitte bildet ein Fazit in Hinblick auf die jeweiligen Forschungsfragen.
Im Abschnitt „Der zeitgeschichtliche Kontext“ werden gestützt durch entsprechende Literatur der historische Rahmen und wesentliche Zusammenhänge dargestellt. Daraus ergeben sich die Antworten auf die Forschungsfragen nach den geschichtlichen Rahmenbedingungen. Bezüglich der Frage nach den gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf die Entwicklung von St. Bernhard werden abschließend Thesen formuliert und auf Basis der zuvor beschriebenen Zusammenhänge begründet.
Im Abschnitt „Die Geschichte und das Selbstverständnis des Bildungszentrums St. Bernhard“ erfolgt in zwei Teilen die Rekonstruktion dieser beiden Punkte an Hand von Dokumenten und Protokollen aus dem Archiv des Bildungszentrums, veröffentlichten Selbstdarstellungen wie Leitbildern, Statuten und Artikeln in der Programmzeitschrift sowie einem Rückgriff auf vorhandene Literatur. Im Fazit zu diesem Kapitel werden zunächst fünf markante, die Geschichte von St. Bernhard strukturierende Abschnitte benannt. Aufbauend auf die dargestellten Quellen und Entwicklungen folgt die Beschreibung des Selbstverständnisses der Einrichtung in ihrer Anfangszeit und seiner Veränderung im Lauf der Jahrzehnte.
Da die Quellenlage zur Geschichte von St. Bernhard nicht besonders gut ist, lag es nahe, zusätzlich die Methode der Programmanalyse anzuwenden. Daher wird in Abschnitt „St. Bernhard im Spiegel seines Bildungsprogramms“ eine quantitative Längsschnittanalyse des Bildungsanzeigers, der gedruckten Programmzeitschrift des Zentrums, über einen Zeitraum von 35 Jahren vorgestellt. Die Interpretation der Ergebnisse erfolgt unter Einbeziehung der Resultate aus dem Bereich der Geschichte und des Selbstverständnisses.
Im Abschnitt „St. Bernhard im Vergleich“ findet sich eine Querschnittanalyse, die an Hand der gedruckten Bildungsprogramme des Jahres 2012 das Bildungszentrum mit drei anderen katholischen Bildungshäusern im Osten Österreichs vergleicht. Dabei werden die gleichen Kategorien wie bei der Längsschnittanalyse angewendet und die Ergebnisse zur Klärung der Forschungsfragen verglichen.
Im 3. Kapitel folgt zunächst eine Zusammenfassung und Zusammenschau aller Teilergebnisse aus den vier Themenbündeln. Den Abschluss bildet ein persönliches Resümee des Verfassers zur Zukunft des Bildungszentrums St. Bernhard.
Der Anhang enthält alle quantifizierten Daten der Längsschnitt- und Querschnittuntersuchung in Form von Jahrestabellen aller absoluten und prozentualen Zahlen der inhaltlichen und zeitlichen Kategorien.
2. Hauptteil
2.1. Der zeitgeschichtliche Kontext
Hier werden die historischen Ereignisse dargestellt, die in den letzten 60 Jahren den Nährboden bildeten, auf dem sich die österreichische Erwachsenenbildung und somit auch das Bildungshaus St. Bernhard entwickelt haben. Außerdem sollen Zusammenhänge, die für die Entwicklung des Bildungsbereichs relevant waren, deutlich gemacht werden.
Die Bildungswissenschaftlerin Susanne Huss beschreibt in ihrem Buch „Von der Bildungsexpansion zur Ware Bildung − Bildung im Netz von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ genau den für das Bildungshaus St. Bernhard relevanten Zeitraum. Sie geht davon aus, dass sich Entwicklungen im Bildungsbereich nur auf Grund der Veränderungen im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereich verstehen lassen. (vgl. Huss 2008: 83) Da es derzeit keine andere wissenschaftliche Arbeit gibt, die für Österreich diese Zusammenhänge behandelt, stützt sich dieser Abschnitt im Wesentlichen auf diesen Text. Die wichtigsten Aussagen dieses Buches werden hier referiert und die Gliederung dieser Zeit in drei Abschnitte wird übernommen. Andere Quellen ergänzen die Darstellung. Es folgt eine Zusammenschau der Ergebnisse der fünf Österreichischen Wertestudien, die Paul M. Zulehner mit seinem Team im Zeitraum zwischen 1970 und 2010 durchgeführt und in seinem Buch „Verbuntung: Kirchen im weltanschaulichen Pluralismus − Religion im Leben der Menschen 1970 - 2010“ vorgelegt hat. Der zeitgeschichtliche Zusammenhang bei Gründung und weiterer Entwicklung von St. Bernhard wird im abschließenden Fazit entlang besonders markanter Ereignisse deutlich gemacht.
2.1.1. Wirtschaftswachstum und Bildungsexpansion − die 1950er- bis 1970er-Jahre
a) Wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen
„Der Zeitraum zwischen Ende des Zweiten Weltkrieges und Ende der 1970er-Jahre war durch zwei wesentliche Entwicklungen geprägt, einerseits durch den wirtschaftlichen Aufschwung, der auch als Goldene Jahre bezeichnet wurde, andererseits die darauffolgende Wirtschaftskrise“. (Huss 2008: 83) Massenproduktion und Massenkonsumation führten zunächst zu steigendem Wohlstand, der die Entstehung des Wohlfahrtsstaates ermöglichte. In diesem konnte durch den „Ausgleich der Einkommens- und Lebensbedingungen […] wesentlich zur Entschärfung der gesellschaftlichen Ungleichheiten beigetragen werden.“ (ebd.: 112) Aber schon Ende der 1960er-Jahre stieß diese wirtschaftliche Entwicklung erstmals an Grenzen, weil technische und materielle Beschränkungen zu Rückgängen der Produktivitätsgewinne führten. Auch der Konsum ging zu Beginn der 1970er-Jahre zurück, da die Binnenmärkte gesättigt waren und die Nachfrage nachließ. Dazu kamen noch die beiden Ölpreisschocks, die ausgelöst 1973 durch den Yom-Kippur-Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten und Syrien sowie 1979 durch die Iranische Revolution zu einem massiven Anstieg des Ölpreises für die westlichen Industrieländer führten. In weiterer Folge brach in den kapitalistischen Ländern das Wirtschaftswachstums drastisch und dauerhaft ein, was zu anhaltender Massenarbeitslosigkeit sowie einer Krise des Weltwährungssystems führte. Mit dem Wirtschaftseinbruch kam auch der Wohlfahrtsstaat zunehmend unter Kritik, da weniger Steuern eingenommen werden konnten und gleichzeitig die Belastung durch die soziale Sicherung der zahlreichen Arbeitslosen stieg. (vgl. Huss 2008: 91f, 96, 112, Rathkolb 2005: 149ff)
Wichtige soziologische Aspekte dieser Zeit sind der Wandel der Gesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft, wie er erstmals 1973 vom Soziologen Daniel Bell in seinem Buch „Die nachindustrielle Gesellschaft“ beschrieben wurde, und die 1968er-Bewegung, die wesentlich zu Demokratisierung und Ausgleich sozialer Ungleichheiten beigetragen hat. (vgl. Huss 2008: 111) Zweifelsohne konnte das Wirtschaftwunder der Nachkriegszeit nur durch gut ausgebildete Arbeitskräfte und auf Wissenschaft basierendem technologischem Fortschritt erreicht und erhalten werden. (ebd.: 114) Allerdings ging es bei der Wirtschafts- und Gesellschaftskrise von 1967/68 nicht nur um „die ökonomische Notwendigkeit einer steigenden Nutzung der Produktivkraft ‚Wissenschaft‘“, sondern auch um das „Bedürfnis nach Bildung, nach Aufklärung: nach einem Wissen, das auf individuelle Autonomie und die Verwirklichung einer aufgeklärten Gesellschaft abzielt.“ (Stapelfeldt 2003: 120, Hervorh.: P. M.)
Die weltgeschichtliche Bühne wurde in dieser Zeit geprägt durch den so genannten „Kalten Krieg“, einem Konflikt zwischen den Westmächten unter Führung der USA und dem Ostblock unter Führung der Sowjetunion, der von Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 1980er-Jahre auf unterschiedlichen Ebenen ausgetragen wurde. Beide Seiten versuchten durch politische, wirtschaftliche, technische und militärische Anstrengungen den Einfluss des gegnerischen Lagers weltweit zu minimieren. Dabei kam es nie zu einer direkten Konfrontation zwischen den Supermächten USA und UDSSR und ihren Militärblöcken, wohl aber zu Stellvertreterkriegen in den Ländern der sog. „Dritten Welt“. Eine Spielart des „Kalten Krieges“ war der „Wettlauf um den Weltraum“: Im Oktober 1957 schickte die UDSSR als erster erfolgreich den Satelliten „Sputnik“ ins All und startete damit das Raumfahrtzeitalter. Das löste in der westlichen Welt einen Schock aus, da man bis zu diesem Zeitpunkt die USA für wirtschaftlich und technisch überlegen hielt und damit gerechnet hatte, dass diese den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn bringen würden. 1969 landeten schließlich die ersten beiden Menschen im Rahmen der USA Mission Apollo 11 auf dem Mond. (vgl. Wikipedia: Kalter Krieg, Sputnikschock, Apollo Programm, Huss 2008: 114)
Das wichtigste Ereignis für die Katholische Kirche in diesem Zeitraum war das II. Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, das zunächst einen großen Aufbruch innerhalb der Kirche bewirkte. Einige Konzilstexte, insbesondere das Dekret über das Laienapostolat („Apostolicam actuositatem“) und die Erklärung über die christliche Erziehung („Gravissimum educationis“), enthalten Impulse, die die kirchliche Erwachsenenbildung nachhaltig prägten. (vgl. Rahner/Vorgrimler 1987: 34ff, Maurer 2012: 28, Possert 2008: 49ff) 1978 wurde der polnische Kardinal Karol Józef Wojtyla zum Papst gewählt, der sich den Namen Johannes Paul II. gab. Er begründete eine konservative Wende in der Kirchenpolitik, indem er versuchte „die Treue zur Tradition in den Vordergrund zu stellen […] mit dem Anspruch, auf diese Weise d...