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"Was ist der Fall?" und "Was steckt dahinter?"
Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie
- 72 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
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"Was ist der Fall?" und "Was steckt dahinter?"
Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie
Über dieses Buch
Die Abschiedsvorlesung von Niklas Luhmann an der Universität Bielfeld 1993 unter dem Titel: "Was ist der Fall?" und "Was steckt dahinter?"-Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie.
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Information
VI.
Das führt uns nicht dazu, die Soziologie dazu aufzufordern, die eigene Abdankung zur Kenntnis zu nehmen. Wenn die Soziologie die Aufgabe einer gesellschaftlichen Reflexionswissenschaft wahrnehmen will, muß sie ihre theoretischen Ressourcen dieser Aufgabe anpassen; und sie muß vor allem dem Umstande gerecht werden können, daß es sich beim Gesellschaftssystem um ein sich selbst beschreibendes System handelt.
Dabei könnte es helfen, sich zunächst einmal an Unternehmungen in der gleichen Problemlage zu orientieren, also an allen Theoriefiguren, die sich die Frage zu stellen versuchen, wie die Welt sich selbst beobachten kann – sei es physikalisch, sei es in der Weise des Lebens, sei es durch Bewußtsein oder sei es schließlich durch Kommunikation. Über den Begriff des Subjekts waren solche Problemstellungen auf eine Instanz, ein Agens bezogen worden, das man mit Prädikaten traktieren, von dem man also zumindest sagen konnte, sagen mußte: es ist. Das mußte dann Anlaß zu der Frage geben, worin denn alle (empirisch verschiedenen) Subjekte übereinstimmen, was also die apriori gegebenen Bedingungen ihres Erkennens, Handelns und Urteilens seien. Bei aller eingebauten Metaphysik-Kritik, bei allem Umschalten von Was-Fragen auf Wie-Fragen, war die Subjektphilosophie doch noch auf génos-Abstraktionen angewiesen, auf Leitideen, die es möglich machten, das Gemeinsame im Verschiedenen zu beschreiben.30 Und génos-Abstraktionen setzen immer ein einteilungsfähiges Sein voraus.
Auf die Gesellschaft war diese Theorie des Subjekts nie wirklich anwendbar gewesen; man wäre sonst auf ein Kollektivsubjekt gestoßen und damit zu politisch unannehmbaren Konsequenzen gelangt. Aber auch abgesehen davon sind die begrifflichen Implikationen bedenklich, auf die man sich einlassen müßte, wenn man fortfahren wollte, den Weltbeobachter als Reflexionsinstanz in der Welt »Subjekt« zu nennen. Es steckte, für heutige Verständnisbereitschaften, immer noch zu viel Ontologie und zu viel Humanismus in diesem Konzept.31
Dieses Konzept subjektiver Beschreibungen, das immer objektivitätssichernde Momente im Subjekt erfordert, wäre zu ersetzen durch eine Theorie der sich selbst beschreibenden Systeme.
Wie leicht einzusehen, ist dies über weite Strecken hin eine Parallelkonstruktion zur klassischen Figur des Subjekts. Selbstbeschreibungen sind nur möglich, wenn das System sich selbst von anderem unterscheiden kann, wenn es also die Referenz seiner Beschreibungen unterscheiden kann in Selbstreferenz und Fremdreferenz. Das hatte man auch dem Subjekt unterstellt und in Bewußtseinsanalysen zeigen können, daß das Bewußtsein immer zugleich im Phänomenbezug und im Selbstbezug operiert.32 Es kommt jetzt nur darauf an, diese Einsicht von der Beschränkung auf Bewußtseinsprozesse abzukoppeln und zu verallgemeinern. Denn auch Kommunikation bildet, indem sie Information und Mitteilung unterscheidet und im Verstehen synthetisiert, genau diese Struktur des Unterscheidens und Simultanprozessierens von Selbstreferenz (Mitteilung) und Fremdreferenz (Information).
Versteht man Gesellschaft als das umfassende Sozialsystem aller Kommunikationen, das intern mit der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz operiert, dann handelt es sich um ein operativ geschlossenes System, das keinen externen Beobachter voraussetzt und, wenn es einen solchen gäbe (sei es Gott, sei es das empirisch individualisierte Einzelbewußtsein), keinen operativen Zugang zu ihm hätte. Soziologie, die sich als Wissenschaft nur auf der Grundlage von Kommunikation etablieren kann, könnte dann nur Beiträge zur internen Beschreibung dieses Systems leisten, nicht aber eine externe Beobachtungsposition einnehmen, weil das hieße: zu verstummen. Will die Soziologie die Gesellschaft als ein sich selbst beschreibendes System beschreiben (und wie sonst?), definiert sie damit zugleich ihre eigene Position in ihrem Objekt. Sie schließt sich als Beobachter in das von ihr Beobachtete ein (und eben das dekonstruiert die Unterscheidung von Subjekt und Objekt, weil das Subjekt sich als winzigen Teil seines eigenen Objektes begreifen muß). Sie ist damit qua eigener Disposition ständig zu »autologischen« Schlüssen gezwungen – zu Schlüssen von ihrem Gegenstand auf sich selber.33
Diese theoretischen Vorgaben schließen keineswegs aus, daß die Soziologie sich in der Gesellschaft als ein externer Beobachter installiert; aber sie kann das nicht für das Gesellschaftssystem selbst, sondern nur für Teilsysteme in der Gesellschaft oder für das, was man heute Alltagskommunikation nennt. Sie muß dafür eine Theorie gesellschaftlicher Differenzierung entwickeln, die es erlaubt, Wissenschaft (und in ihr: Soziologie) als ein ausdifferenziertes Sozialsystem zu beschreiben, das andere Sozialsysteme als Teile ihrer innergesellschaftlichen Umwelt behandeln kann. Innerhalb der Gesellschaft werden, so die Vorstellung der Soziologie, dann neue, voraussetzungsreiche Differenzen zwischen Beobachtern und beobachteten Gegenständen eingerichtet. Oder mit einer reflexionstheoretischen Formulierung, die man bei Gotthard Günther nachlesen kann34: Es werden Teile gebildet, die höhere Reflexionskapazität haben als das Ganze, das sie ermöglicht. Das heißt: daß die Gesellschaft sich selbst intern Möglichkeiten externer Beobachtung schafft, sich also nicht ausschließlich auf die Selbstbeschreibungen ihrer Funktionssysteme (auf Theologie, Pädagogik, Rechtstheorie, Staatslehre, marktwirtschaftlich orientierte Nationalökonomie usw.) verläßt, sondern diese Selbstbeschreibungen, die heute in Theorieform auftreten, mit einer externen Beobachtung konfrontiert, die nicht an die Normen und institutionellen Selbstverständlichkeiten ihrer jeweiligen Objektbereiche gebunden ist.
Über den Status solcher externen Beschreibungen innerhalb der Gesellschaft wird heute weitläufig diskutiert.35 Weithin verfügt die Soziologie noch gar nicht über das theoretische Rüstzeug, um über die »einheimischen Theorien« der Funktionssysteme, über Gott oder Gerechtigkeit, über Bildung oder über Nutzenmaximierung zu sprechen. Jedenfalls kann die Form der Beobachtung nicht Besserwissen oder Kritik sein; denn gerade dafür fehlt es (wie die Soziologie selber einsehen muß) in einer funktional differenzierten Gesellschaft an der Autorität einer »Metaposition«. Man könnte aber einen Sinn darin sehen, Dasselbe mit anderen Unterscheidungen zu beschreiben und das, was den Einheimischen als notwendig und als natürlich erscheint, als kontingent und als artifiziell darzustellen. Man könnte damit gleichsam ein Überschußpotential für Strukturvariation erzeugen, das den beobachteten Systemen Anregungen für Auswahl geben kann.
Diese innergesellschaftliche Beobachtungsdifferenz hat auch einen Bezug zu der durch Massenmedien vermittelten Beobachtungsweise, zu der dadurch beeinflußten Struktur des Alltagswissens und zu dem von da ausgehenden Druck auf die Selbstdarstellung der Funktionssysteme.36 Vor allem gilt das für die Notwendigkeit, die Darstellung von Nichtwissen, Inkompetenz, und Ratlosigkeit zu vermeiden und für Popularisierung von Wissen und Werten zu sorgen, die ohne Schwierigkeiten verständlich sind. Daß die Reflexionseliten der Funktionssysteme diesem Druck widerstehen können, zeigen vor allem die Theologie und die Rechtstheorie, weniger die Pädagogik und kaum die Politische Theorie. Anscheinend können Funktionssysteme gerade dann, wenn sie »Dogmatik« als Grundlage ihrer Selbstbeschreibung akzeptieren, hinter diesem Schutzschirm größere Reflexionsfreiheiten mobilisieren. Aber schon diese Hypothese macht deutlich, was eine soziologische Beschreibung hinzufügen kann.
Diese bei weitem noch nicht zureichend genutzten Möglichkeiten einer internen externen Beobachtung helfen allerdings aus einer prinzipiellen Verlegenheit nicht heraus: Wie soll die Gesellschaft als umfassende Einheit von innen beschrieben werden, wenn doch die Beschreibung im Beschriebenen abläuft, also das, was sie beschreibt, ändert? Diese Art Frage ist am Falle des Bewußtseins ausführlich studiert worden und (in unserer Terminologie) durch die Unterscheidung von Operation (immer schon tätig sein, leben) und Beobachtung (Reflexion) beantwortet worden. Sie wiederholt sich jetzt am Falle der Gesellschaft.
Die Theorielage für solche Fragen ist derzeit unklar und offen. Man kann nicht einmal sagen, daß das Problem in der Soziologie mit der nötigen Präzision gesehen wird. I...
Inhaltsverzeichnis
- Editorische Notiz
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Zusammenfassung
- Kapitel I
- Kapitel II
- Kapitel III
- Kapitel IV
- Kapitel V
- Kapitel VI
- Kapitel VII
- Literatur
- Impressum