Im Berliner Kabarett ''Die Distel'', einer Stacheltruppe aus DDR-Zeiten, wird das Erfolgsstück ''Schicksalsjahre einer Kanzlerin'' aufgeführt, kess, fröhlich wie auch Matthias Riechling in der Rolle Merkels. Die Programme sind, wie viele andere Kopien, zugleich Persiflagen und Anerkennung. 2018 ist zum wahren Schicksalsjahr Angela Merkels geworden, mit dem sie den entscheidenden Weg für ihre und die Zukunft ihrer Partei vorgezeichnet hat. Allen, über soziale Gruppen, Grenzen, national und international hinweg, hat sie mit ihrem Coup überrascht. Bei aller Flexibilität und einem Chamäleonverhalten, gab es Augenblicke, bei denen sie Zeichen setzte. Dazu gehörten der Ausstieg aus der Kernenergie und die Öffnung der Grenze für über eine Million Flüchtlinge.Über Jahrzehnte hinweg gab es immer neue Versuche, das Phänomen dieser Frau zu erklären, als müsse ein Geheimnis gelöst werden. Dabei schien sie stets mit sich im Reinen. Auch jetzt?Diese Geschichte ist als Erzählung der Versuch einer Annäherung aus ungewohnter Perspektive. Es sind die Impressionen von Angela O., der wir dort begegnen, wo ihr wahres Zuhause ist, im Haus am See in der Uckermark. Diese ''Datsche'', mit Blick auf den See, ist ihr Rückzugsort und für uns ein Platz der Fantasie, Kulisse für reale Akteure der Politik, Dorfbewohner und unbekannte Erzähler. Es ist die Darstellung eines zweiten Lebens mit stetiger Rückschau auf ihre Biografie.

- 164 Seiten
- German
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- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
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Über dieses Buch
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Information
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9783748141228
Auflage
2DIE ENTDECKUNG DER AFRIKANER
Am nächsten Morgen. Die Stimmung bedrückt.
Kalima und Hassan haben schweigend in der Küche Tee getrunken. Danach haben sie sich wieder auf dem Bootssteg niedergelassen.
Angela O. und ihr Mann sitzen am Frühstückstisch auf der Terrasse, blicken zu den beiden.
Ein unangenehmes lautes schrilles Geräusch, steigt an, ein hohes Sirren.
Eine Drohne nähert sich mit hoher Geschwindigkeit dem Grundstück über dem See, bleibt kurz am Ufer in der Luft stehen, senkt sich, nah, bleibt, steigt wieder leicht nach oben, entfernt sich. Kalima und Hassan rennen vom Bootssteg Richtung Haus. Auch Angela und Berger sind aufgesprungen, Wagner kommt nach draußen gerannt.
Berger und Angela O. rufen:
Schnell. Ins Haus!
Die vier laufen zurück und bringen sich so vor möglicher Gefahr in Sicherheit.
Der Videoschirm ist eingeschaltet. Seebacher erscheint im Bild:
Angela O. hört zu, stellt laut.
Seebacher, aufgeregt:
Sie haben mich nicht informiert. Ich vermute, auch sonst niemanden.
Jetzt wissen es alle.
Angela O.:
Was meinen sie, Seebacher?
Seebacher:
Ich meine ihren Besuch. Ihre Gäste. Flüchtlinge. Afrikaner?
Angela O.:
Ja, sie sind gestern hier aufgetaucht. Wir haben sie erst einmal aufgenommen. Heute wollte ich sie informieren.
Seebacher:
Warum nicht sofort?
Angela O.:
Wir brauchten erst einmal Zeit, wollten mehr erfahren.
Seebacher:
Jetzt haben es alle erfahren.
Angela O.:
Vorhin erschien diese Drohne. Wir vermuten, es war eine Drohne, näherte sich dem Haus und verschwand kurz danach.
Das Ganze hat nicht länger als zwei Minuten gedauert. Wie sollten wir reagieren?
Seebacher:
Mittlerweile weiß es die ganze Welt. Die Bilder von den Schwarzen werden massenhaft gepostet und bereits mit Millionen Clicks weiterverbreitet. Millionen? Was sage ich. Es werden hunderte Millionen sein, eine Sensation. Die deutsche Regierungschefin, Zuhause zusammen mit Flüchtlingen.
Angela O.:
Wir wussten nicht, was hier passiert.
Seebacher:
Als es passierte, haben sie es gewusst. Eine Kamera hat aufgezeichnet, wie sie aufspringen, wie die Afrikaner den Bootssteg verlassen und sie gemeinsam aus dem Bild verschwinden.
Angela O.:
Wir hatten keine Ahnung, was dieses Gerät bedeutete. Es wirkte bedrohlich. Wir mussten uns in Sicherheit bringen.
Niemand hätte uns in dieser Situation helfen können.
Seebacher:
Wann sind diese Fremden gekommen?
Angela O.:
Sie sind gestern hier aufgetaucht.
Seethaler:
Was meinen sie: die beiden sind hier aufgetaucht?
Wie war das möglich? Sie sind hier aufgetaucht?
Warum sind sie nicht aufgehalten worden?
Angela O.:
Das war nicht möglich. Sie sind durch den See gekommen.
Seebacher:
Waas?
Angela O.:
Ja, sie sind hierher geschwommen und aus dem Wasser gestiegen.
Damit konnte niemand rechnen.
Seebacher:
Das ist absurd, grotesk, leichtfertig.
Uns bleibt keine Zeit. Jetzt gilt: Die beiden müssen verschwinden. Unverzüglich. Vor aller Augen. Also keine heimliche sondern eine für alle sichtbare Abschiebung. Es muss klar sein, hier hat es sich um einen einmaligen Vorfall gehandelt. Sie selbst ziehen die Konsequenzen, greifen unverzüglich durch.
Angela O.:
Dazu bin ich entschlossen.
Seebacher:
Dennoch bleiben Fragen danach, wie das passieren konnte, warum das Grundstück nicht genügend abgesichert ist. Ich spreche mit ihrem Staatssekretär und Salbert. Sorgen sie dafür, dass die beiden im Haus sind und das Gelände nicht verlassen. Dabei dürfen sie keinen Verdacht schöpfen.
Angela O.:
Sie vertrauen uns, hoffen auf Anerkennung. Deshalb sind sie hierher gekommen.
Seebacher:
Und deshalb müssen sie sofort verschwinden.
Angela O.:
Welche Schritte empfehlen sie?
Seebacher:
Es gilt zu retten, was zu retten ist. Das bedeutet: sie müssen jetzt in die Offensive gehen.
Die beiden Afrikaner sollten sofort abgeschoben werden. Öffentlich. Für alle sichtbar als eine Aktion von Entschlossenheit. Keine Prüfung eines Asylantrages oder einer Aufenthaltsgenehmigung.
Angela O.:
Mehr ist noch nicht geschehen. Ein Bleiberecht scheint nicht geplant. Sie warten seit über einem Jahr in Deutschland.
Seebacher:
Umso besser. Darf ich das so in Zusammenarbeit mit Salbert und dem Dicken, Entschuldigung, dem Staatssekretär vorbereiten?
Angela O.:
Wir müssen zuvor offene Fragen klären, auch mit der Juststizministerin über rechtliche Probleme und die Voraussetzungen zur Rückführung. Wie wird die Aufnahme am Zielort vorbereitet? Die Regierung in Bamako ist in Kenntnis zu setzen.
Seebacher:
Ich bitte sie, zögern sie nicht. Jede Stunde bedeutet Komplikationen. Wir müssen handeln. Bevor sich Abschiebungsgegner formieren, bevor Anwälte aktiv werden.
Angela O.:
Er, Hassan, war selbst Anwalt – in Bamako.
Seebacher:
Das fehlt gerade noch. Verhindern sie jeden Kontakt.
Wo waren sie bisher?
Angela O.:
Seit einem Jahr in Berlin mit unterschiedlichen Stationen. Es sei eine unwürdige Zeit gewesen.
Während Wagner sich im Wohnraum aufhält hat Hassan die Tür zum Zimmer geöffnet. Er lauscht, hört das Gespräch zwischen Seebacher und Angela O., erfährt von ihrer hinterlistigen Täuschung, den Vorbereitungen für ihre Festnahme und Abschiebung.
„Sie haben versprochen, das wir bleiben können.“
„Wir sollten Arbeit im Krankenhaus und in der Hilfe für andere Flüchtlinge bekommen.“
„Es war eine Täuschung.“
„So wie sie überall lügen, genau wie in Berlin.“
Hassan telefoniert hastig mit Bekannten aus dem Heim in Tempelhof, informiert sie darüber, was mit ihnen geschehen soll, eine direkte Abschiebung.
Sein Freund Abdullah rät zu baldiger Flucht.
Als sich Wagner nähert hört Hassan gerade noch rufen, man werde sich für sie umhören, ganz in der Nähe.
Yvonne und Elke drängen ins Haus.
Wagner versucht sie aufzuhalten, versperrt ihnen den Weg.
Wagner:
Halt. Nicht weiter. Was wollt ihr?
Yvonne:
Wir wolln ma sehn was hier los is.
Wagner:
Hier ist nichts los.
Elke:
Red nich son Quatsch. Wir wissens doch.
Wagner:
Gar nichts wisst ihr.
Yvonne und Elke versuchen sich seitlich an Wagner vorbei zu drängeln.
Yvonne:
Alle w...
Inhaltsverzeichnis
- Gewidmet
- Angela Merkel Aktuell - Stand Januar 2019
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Der Erste Tag: Zeit der Ruhe
- Schloss Meseberg: Staatsbesuch
- Informationen auf dem Weg
- Das Team im Haus am See
- Wagner – Der Mann von früher
- Turbulenzen und Alarmzeichen
- Rosenkranz und Güldenstern
- Vorbereitungen – Der Countdown läuft
- Damals: unbeschwerte Zeiten
- Die große Angst: Flüchtlinge und Asylanten
- Erholung Fern der Stadt
- Rosenkranz und Güldenstern: Die Zeitenstreuner
- Deutschlandreise ins Heute und Gestern
- Rosenkranz und Güldenstern: Der Beginn der Geschichte
- Rosenkranz und Güldenstern: Mit Halstuch und Blauhemd
- Religion und Gesellschaft
- Aus dem zweiten Leben: Die private Angela O
- Das Hier und das Dort: Leben mit der Grenze
- Neuorientierug und Entscheidung
- Die BRD - Das ferne Land
- Das Teflon – Phänomen
- Die Ankunft IM Haus am See
- Wagner und Angela O.
- 29. April – Der Zweite Tag: Endlich am Ziel
- 30. April – Der Dritte Tag: Landgeschichten
- Informationen aus dem Amt: Keine Besonderen Vorkommnisse
- Aufbau Ost aus eigener Kraft
- Mikes Geburtstag, von Wölfen und Fremden
- Der dritte Tag: Am Morgen danach
- Die Erscheinung der Angela O.: Auftritt und Repräsentation
- Verdruss, Verärgerung, Protest
- Ankerzentren: Kurzfristiger Aufenthalt
- Der 4. Tag: Erster Mai, Frühstück mit Lohengrin
- Die verschworene Gemeinschaft: Kein Wort nirgends
- Zurück zur Natur: Von der Sehnsucht der Städter
- Der Weg über das Meer: Trotz Abriegelung neue Flüchtlinge
- Fata Morgana
- Ankunft und Erste Hilfe
- Mahlzeit – German Food
- Auf Messers Schneide
- Der Weg nach Europa und in die Abschiebehaft
- Tägliche Konfrontation: Misstrauen, Gewalt, Angst
- Die Entdeckung der Afrikaner
- GSG 9 Im Einsatz
- Kalimas und Hassans Flucht
- Die Abschiebung
- Der Besuch bei Angela O.: Versuche Einer Erklärung
- Zum Handeln Entschlossen: Die Zukunftsprojekte von Angela O.
- Rosenkranz und Güldensterns Ideen für die Zukunft
- Vor dem Bambi: Die Bunte zu Gast
- Nach der Unruhe neue Stabilität Abschiedsgerüchte
- Der Rückzug: Besuch im Haus am See
- Popularität, Liebe, Verehrung
- Nachtrag
- Stationen einer Deutsch-Deutschen Biografie - Dieter Bub
- Impressum