"Und davon will ich Sie nicht länger abhalten"
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"Und davon will ich Sie nicht länger abhalten"

Reden zur Kunst

  1. 136 Seiten
  2. German
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"Und davon will ich Sie nicht länger abhalten"

Reden zur Kunst

Über dieses Buch

Als Textsorte erscheint die Kunstrede, also die Einführung zu Kunstausstellungen, selten in Buchform, obwohl sie bei jeder größeren Ausstellung zur Anwendung kommt. Im Gegensatz zum Katalogtext ist sie eben nur »flüchtig«, ein etwa 10- bis 15minütiger Vortrag, der nur zum Anhören da ist und normalerweise nicht gedruckt wird. Die Kunstrede möchte Neugier wecken, vorhandenes Interesse verstärken, Impulse für das Betrachten sowie das Verstehen der Kunstwerke geben. Idealerweise bietet sie Aha-Erlebnisse und eröffnet andere Sehweisen auf das Werk.Dieser Band enthält zahlreiche Kunstreden zu unterschiedlichen Kunstrichtungen (z.B. dem deutschen Expressionismus oder Positionen der zeitgenössischen Fotografie) und beschäftigt sich mit den Werken von Elisabeth Büchel, Frederick Bunsen, Marianne Durach, Sara Focke Levin, Kathrin Gebhardt-Nieselt, Günter Grass, Friedensreich Hundertwasser, Horst Janssen, Guillermo De Lucca Villacis, Frank Lukas, Johannes Pfeiffer, Ingrid Piepenbring, Helene Roth, Johannes Rave, Claus Rudolph, Petra Seibert, Hartmut Steegmaier, Stefanie Welk u.a.

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Information

Jahr
2018
ISBN drucken
9783746093666
eBook-ISBN:
9783746090603

»Ein Künstlerinnenschicksal am Beginn der Moderne«

Helene Roth

Der Blick von einem Dachfenster, einem Balkon über verwinkelte Dächer des Dorfes hinweg auf eine Feldlandschaft, bis in weiter Ferne der Berg zu sehen ist; ein Blick vom Ufer aus auf eine Landzunge, am Horizont die Konturen der Berührungslinie von Himmel und See gerade noch erkennbar, immer wieder ein Berg oder Berge in der Ferne ...
Um Helene Roths Werk einordnen zu können, ja, es zu bewerten oder ihm einen Stil zuzuweisen, ist es unerlässlich, die Künstlerin im Zusammenhang mit ihrer Zeit, ihrem Leben, ihrem Studium zu betrachten. Auch die Tatsache, dass es sich hier um eine Künstlerin, nicht um einen Künstler handelt, was in damaliger Zeit noch außergewöhnlich war, ist nicht außer Acht zu lassen.
Ihr Kunststudium begann Helene Roth mit 18 Jahren, nachdem sie heftige Widerstände ihrer Familie überwunden hatte. An drei wichtigen Kunstakademien – Leipzig, Karlsruhe und Berlin – war sie Meisterschülerin; bei teilweise bedeutenden Professoren1 hat sie studiert und heute noch auf dem Kunstmarkt vertretene Künstlerinnen und Künstler als Kommilitonen gehabt.2 Alle ihre ersten Lehrer waren Graphiker/Zeichner, fast alle Lehrer sind Spät- bzw. ›Post‹-Impressionisten.
Ausgestattet mit großer Begabung und Wissbegierde, vertiefte sie ihr Können und interessierte sich sehr für alle aktuellen Kunstausstellungen, für die sie trotz Mangel das Eintrittsgeld irgendwie aufbrachte,3 und ließ sich durch diese unterschiedlichen Einflüsse auch in ihren Bildern inspirieren. In den Jahren ihrer Ausbildung (19141930) herrschte ein Stilpluralismus vieler Kunstrichtungen zwischen Jugendstil, Impressionismus und Expressionismus, den die Kunstgeschichte weiter unterteilt in Symbolismus, Neuromantik, Naturalismus, Realismus, Lyrismus, ›Bauhaus‹-Konstruktivismus u. a. Wollte der Expressionismus, wie auch der Kubismus und Orphismus, der Innenwelt des Menschen zum Ausdruck verhelfen,4 so wurde Helene Roth jedoch mehr beeinflusst von der »Berliner Secession« mit ihrer einmaligen Toleranz verschiedener Stile, ihrer »Aufrichtigkeit«,5 ihrer Ausgrenzung alles Pathetischen, Illustrativen, »Unwahren«, dann in deren Folge von der »Neuen Secession«: Das alles dürfte Helene Roth miterlebt und erfahren haben – aber wie weit? Hier steht die Forschung noch am Anfang.6
Radikaler Wandel in fast allen Gebieten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Überwindung akademischer Systeme, später der drohende Nationalsozialismus, Wirren zwischen Aufbruch und Unterdrückung: Vor diesem Hintergrund reifte Helene Roths persönliche Kunst, in der sie bald eine eigene Sujetwahl und einen eigenen Malvorgang entwickelte, den sie über Jahre und Jahrzehnte auf hohem Niveau beibehielt.7 Locker und souverän im Strich, nie abstrakt werdend, beherrscht sie ihr Handwerk, stark in der Graphik, in der sie Grobes, Hartes genauso zeigen kann wie dezente, stille Landschaftsmomente, Flächen wie Linien. Stark ebenso in der Malerei: Alle Farben der Palette und viele Pinselstärken scheint sie in einem Bild verwendet zu haben, um beispielsweise die Wirkung eines nebeligen Grau in Grau-Blau-Duktus zu erzeugen, alle Farben, um einen Sonnenstrahl aus gewittriger Wolke über dem See einer faszinierenden Berglandschaft darzustellen. Sie kann es und setzt mit absoluter Sicherheit Farben, Formen, Pastoses und Durchscheinendes, Schatten, Licht in ein Ganzes, in eine innere Harmonie des Bildaufbaus. Bevorzugtes Sujet sind Landschaften, meist ohne Figuren, ohne Gebäude, eben ohne Menschliches, jedenfalls ohne Lautes. Es liegen weiter etliche völlig unterschiedlich gearbeitete Blumen-, Obst-, Vasen- und ein Hasenstilleben8 vor, außerdem einige, ebenfalls ungleiche, Aktdarstellungen und ein graphisches Werk mit Portraits, Zeichnungen, Studien und Buchillustrationen sowie Initialengestaltungen9 als Auftragsarbeiten. Wir wissen (noch) nicht, wieviele Arbeiten sie verkauft hat, weil das Gesamtwerk noch nicht vollständig zusammengetragen werden konnte. Schließlich darf man nicht übersehen, dass die Zeichnung natürlich billiger ist als teure Ölmalerei (Leinwand, Farbe) und der Künstlerin daher manchmal näher liegt. Die Frage der Materialkosten hat sich vielleicht auch auf die durchweg eher kleinen Formate von Helene Roths Bildern ausgewirkt.
Manche Einzelmotive kehren immer wieder: der Blick über die Dächer von immer derselben Position/Perspektive aus. Fast mutige, geradezu kräftige, parallele pastos-breite Pinselstriche zeigt das Dach im Vordergrund, von dem aus in die Ferne gesehen wird, die Dächer im Hintergrund sind mit etwas dünneren Strichen gestaltet.10 Auf der anderen Seite die verhaltenen tonigen, gleichklingenden gedeckten Farben, die den aufziehenden oder abziehenden Nebel spüren lassen, der über dem Seebild liegt. Dagegen steht ein einzelner Männerakt, dessen expressiv-abstrakter Hintergrund mit seinen schnell-dynamisch hingefetzten Pinselstrichen in breiter, heller bis dunkler Farbpalette eine Ausnahme darstellt, aber zeigt, wie sehr die Künstlerin mit dem Material und den Einflüssen der Zeit umzugehen vermochte.
In der Wiederholung, in immer derselben Ansicht, dem Blick auf den Berg zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, mag eine der Magien dieser Kunst liegen, die tief berühren kann. Gerade in Arbeiten wie den vielen Dachzeichnungen kommt Helene Roth avantgardistischen Tendenzen nahe, ja, in ihrer Formensprache sind avantgardistische Züge erkennbar. Helene Roth ist zeitgemäß! Nicht ›hinterher‹. Auch wenn ihre vorrangigen Motive an die »Secession« (mit Roths Lehrern) gebunden waren. Sie beginnt in der Formensprache expressiver zu sein und ist darin neu.
Die Arbeiten sind methodisch schwer aufzufächern. Weshalb? Nicht nur, weil Helene Roth viele ihrer Bilder nicht datierte, unter Verschluss hielt und ihr Werk bis jetzt noch nicht vollständig katalogisiert, (nach)-datiert bzw. komplett zusammengetragen wurde, die Quellenlage noch zu wenig Auskunft gibt, sondern auch, weil die Künstlerin in einer Zeit lebte, die gerade die weiblichen Künstler vor große Herausforderungen stellte, die uns heute fern und unverständlich vorkommen mögen. Man muss sich vorstellen, dass erst wenige Jahre vor Helene Roths Studienbeginn in Berlin das Verbot für Studentinnen aufgehoben wurde, am Aktzeichnen teilzunehmen.11 Überhaupt bestand die Zulassung von Frauen zum Kunststudium in Deutschland erst ab 1908. Auch hatte das Meisterschülerinnen-Studium andere Schwerpunkte als heute: Es war meist eher kunstgewerblich orientiert (Textilkunst, Keramik u. ä.). Schließlich wurde das gesamte Kunststudium von Männern als Lehrern und Kommilitonen dominiert. Gerade das Verhältnis zu den Lehrern kann man sich gewiss anders vorstellen, als es heute ist.
Am Anfang der Forschung zum Werk Helene Roths stehend, eröffnet sich hier ein großes Forschungsgebiet, u. a. mit Fragestellungen zur Künstlerinnenthematik bzw. -biographik,12 und Fragen, was Helene Roth wohl von ihren Lehrern rezipiert hat, bevor sie ihre eigene Handschrift entwickelte. Hier ist m. E. aus Mangel an Quellenmaterial auch ein Blick auf die Entwicklungen zeitgenössischer Künstlerkolleginnen13 und Künstlerkollegen unerlässlich.
Helene Roths Malstil gerecht zu werden, ist beim heutigen Stand der Quellenlage, wie gesagt, kompliziert, zumal in der Zeit der ›Berliner Secession‹ Stilpluralität ein ›Qualitätsmerkmal‹ war. Sowohl maltechnisch als auch stilistisch gesehen, ist Vielfalt Programm der Secessionisten. »Es zählt das reine Talent, die aufrichtige Empfindung.«14 Deshalb sind die Einflüsse der Lehrer und Vorbilder in Helene Roths Bildern so deutlich. Beispielsweise die dunstige Atmosphäre, der bewölkte Himmel von Lovis Corinth in der Inntal-Landschaft von 1910. Wahrscheinlich kannte Roth auch Corinths bekanntes Handbuch »Das Erlernen der Malerei«.15 Wie Slevogt erzeugt sie in den Landschaftsbildern Atmosphärisches: verschwimmende Konturen am jenseitigen Ufer, das Spiegelverhältnis von Himmel und Wasser, die Veränderungen der Farben im Lauf des Tages. Doch die bewegten, lebhaften Szenen und Pinselstriche Slevogts übernimmt sie nicht. Auch von Heckel, Kirchner und Kandinsky lässt sie sich in der Graphik und in Aquarellen inspirieren;16 besonders scheint sie die Hodlersche Farbgebung beeindruckt zu haben, die zarten Rosatöne in Grau, seine Flächen, nicht aber seine expressive Pathosgeste mitsamt ornamentalem Dekor.
Helene Roth entzog sich 1930 der Hauptstadt Berlin, in der sie die letzten drei Jahre als Meisterschülerin von George Mosson gearbeitet hatte, sie zog in die Provinz, ging nach Engen in die Idylle, in die Natur zurück. Ahnte sie bereits die grauenvollen Folgen der NS-Machtergreifung für die Kunst? Fühlte auch sie sich bedroht? Warum hat sie nicht, obwohl sie es vorhatte, bei der Berliner Kunstwoche im Mai 1933 mitgemacht? Hat sie erfahren, dass ihr bewundertes Vorbild Max Slevogt 1932, im Jahr seines Todes, auf üble Weise von der Nazipresse als »entartet« und als Jude beschimpft worden war?17
Dachlandschaft in Engen
(40 x 47 cm, Öl auf Leinwand)
Hier in Engen war sie geschützt vor politischen Wirren, hier war sie nützlich, ihre kunstgewerbliche Arbeit wurde geschätzt und hatte Sinn. Die eigentliche Malerei tätigte sie wohl nur für sich selbst, bescheiden, scheinbar ohne Wunsch zu verkaufen – vielleicht maß sie ihr keine solche Bedeutung bei, das liegt nahe, da sie die Arbeiten, wie bereits erwähnt, teilweise lange unter Verschluss hielt und nicht datierte oder signierte. So erfuhr das malerische Werk von Helene Roth wenig Anerkennung zu Lebzeiten der Malerin – ob sie darum kämpfte oder dies so hinnahm, wissen wir leider nicht.
In ihrer Malerei durfte Helene Roth ohne Vorgaben ganz sie selbst sein. Um mit Haftmann zu sprechen: »Die Kunst stand an der Schwelle zu einem unermesslich reichen Gebiet. Über ihm stand nicht als Leitgedanke die Herstellung des Einklangs mit der Wirklichkeit, sondern die Herstellung des Einklangs mit der universalen Harmonie.«18 Hier hat Helene Roth Herausragendes geleistet.
Die einsame Stille am See und an den anderen Orten, an denen die Pleinair-Malerin Helene Roth stundenlang verweilte, war damals natürlich noch mit weit weniger Zivilisationsspuren zu erleben. Dennoch gleitet ihre Kunst nie ins Besinnliche oder Religiöse, ist geprägt von einer Anschauung, die von jeglichem aufgesetzten Denken frei ist. Ein Versinken im Anblick der verstummenden Landschaft, in der sich kein Blättchen zu bewegen scheint – dieser Moment ist eingefangen, wird manifestiert und ist dadurch kein Moment mehr, er erliegt auch nicht impressionistischer Flüchtigkeit. Kein Flirren, Schwirren im duftigen Sommerwind, nein, es ist nichts, was von der Stille ablenken könnte. Diese Stille steht ganz für sich, nichts haftet ihr an, keine Bedeutung scheint ihr mitgegeben. Sie ist nicht erstarrt, sondern immer in einem ganz unspektakulären Moment erfahren, der lang dauern kann, vielleicht als hätte man am Ufer geschlafen, öffnet die Augen, sieht hin, noch verschwommen, unscharf, einheitlich gefärbt, gleitend, von tiefer Innerlichkeit. Ein zeitloser Augenblick, m...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Vorwort
  3. »Originalgraphiken« – Günter Grass
  4. »Bewegung – Zeichen – Bedeutung« – Stefanie Welk und Hartmut Steegmaier
  5. Retrospektive »Bilderbogen« – Ingrid Piepenbring
  6. »American Colors« – Sara Focke Levin
  7. »Welt-Kunst – Kunst-Welt« – Friedensreich Hundertwasser
  8. »Holz – Schrift – Zeichen« – Johannes Pfeiffer
  9. »Originalgraphiken des deutschen Expressionismus«
  10. »Anders betrachtet« – Frederick Bunsen
  11. »Die Welt im Stein« – Guillermo De Lucca Villacis
  12. »Radierungen« – Horst Janssen
  13. »Farbe – Linie – Rhythmus« – Elisabeth Büchel
  14. »Ein Künstlerinnenschicksal am Beginn der Moderne« – Helene Roth
  15. »Neue Figuren-Realität« – Frank Lukas
  16. »Begegnungen« – Kathrin Gebhardt-Nieselt
  17. »Drüben – Erinnerung – Andere Wirklichkeit« – Petra Seibert
  18. »Wenn das Licht aus dem Schatten tritt« – Claus Rudolph
  19. »Update« – Johannes Rave
  20. »Personal Works« – Positionen der zeitgenössischen Fotografie des BFF und VBKW
  21. »Im Rausch der Farben« – Marianne Durach
  22. Bildrechte und Nachweise
  23. Über die Autorin
  24. Impressum

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