
- 80 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Das Trauerbuch
Über dieses Buch
"Jede Geschichte hat einen Anfang. Manchmal ist es ein glücklicher Anfang. Traurige Geschichten haben immer einen glücklichen Anfang. Meine Geschichte ist traurig."Sabine JakobsIn "Das Trauerbuch" verarbeitet die Autorin den Tod eines geliebten Menschen in literarischer Form. Ihre Trauerarbeit in Form von Tagebuchauszügen, lyrisch verdichteter Prosa und Gedichtform erstreckt sich über einen Zeitraum von fast 20 Jahren."Das Trauerbuch" will all jenen eine Stimme geben, die einen ähnlichen schmerzhaften Verlust erlitten haben und ihre Empfindungen nur unzureichend in Worte fassen können.
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Kurze Nähe
Letzte Woche ist mir wieder ein Fremder begegnet, der mich an J erinnerte, so wie mich noch keiner an ihn erinnert hat: Nicht äußerlich diesmal, sondern so, wie er gewesen ist: unendlich einsam, unendlich traurig, und unendlich verschlossen. Zu stolz zu sagen, wie schlecht es ihm geht. An diesem Stolz würde er sterben, war er vielleicht schon gestorben inzwischen. Und ich hatte ihn nicht retten können, auch ihn nicht. Aber ich hatte es eine Stunde lang versucht, und diese Stunde würde mir abgezogen an meiner Schuld, so hoffe ich. Denn ich hatte eine Stunde lang versucht, ihn zu retten, um mich zu retten, meine Seele reinzuwaschen von dieser Schuld. Diese Schuld, die niemand sehen kann außer mir. Die niemand versteht, nicht einmal ich selber. Von der selbst ich mich freispreche, jeden Morgen, und sie lastet dennoch auf mir…
Er hatte am Nebentisch gesessen, in sich zusammengesunken, ganz allein. Einer von uns sprach ihn an, forderte ihn auf, sich zu uns zu setzen, ordnete es an. Der junge Mann gehorchte, zog seinen Stuhl hinüber und reihte sich ein in unseren Kreis. Eigentlich wollte keiner von uns mit ihm sprechen. Wir hatten genug Probleme unter uns, zwischen uns und überhaupt. Aber nun saß er da, in sich zusammengesunken, und jemand musste sich ihm zuwenden.
Er stierte in sein Glas. Er war nicht bei uns. Jemand musste ihn ansprechen. Alle waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, ich war die einzige, die seine Not sah. Ich hatte eigentlich auch keine Lust, mich um ihn zu kümmern, aber ich musste. Denn ich sah seine Not, und ich sah J in ihm.
Ich musste einfach tun, was dann geschah. Was ich dann tat. Aber eigentlich tat ich gar nichts, es tat mit mir. Etwas in mir handelte, und ich ließ es geschehen. Ich wusste, es war richtig. Ich tat das Richtige. Von den anderen an unserem Tisch verstand keiner, was das Ganze sollte, warum ich meine Gunst diesem Loser zuwandte, diesem in sich zusammengesunkenen, jungen Burschen, nicht lebensfähig, schweigsam, seltsam.
Hätte ich nicht mein Leben in der Hinterhand gehabt, hätte ich auch nichts verstanden. von dem, was geschah.
Ich sprach ihn an. Er wich aus. Ich sagte noch etwas. Er parierte tapfer. Ich sah seinen Schmerz, ich erkannte ihn wieder. «Du bist einsam», sagte ich.
Wer sagt da schon jemandem ins Gesicht, in einer Kneipe? Niemand. Auf jeden Fall nicht, wenn er nüchtern ist und der andere wirklich einsam. Ich tat es. Es war mein Joker. Mit diesem Satz knackte ich seine Schale.
Der junge Mann gab auf. Ich glaube, er sagte ja. Aber an seine Worte erinnere ich mich nicht. Wahrscheinlich sagte ich: «Ich sehe es.» Oder: «Das kann man sehen.» Nein: Ich sehe es. Das muss es gewesen sein. Sonst hätte er nicht weiter gesprochen.
«Ich wünsche mir so sehr, dass mich jemand in den Arm nimmt», sagte er leise.
Auch das ist nicht wirklich etwas, das man jemand Fremdem in einer Kneipe sagt. Nicht wenn man nüchtern ist und man weiß, der andere hat einen durchschaut. Auch nicht, wenn man besoffen ist. So etwas sagt man nur, wenn man randvoll ist von seinem Schmerz, so sehr, dass es keine Rolle mehr spielt, ob man ehrlich ist oder nicht. Weil man vermutlich die Nacht sowieso nicht überlebt. Also warum die Mühe? Ehrlich zu sein ist letztlich einfacher, als zu lügen, als ein Lügenkonstrukt aufrecht zu erhalten, an dem man sich festgeklammert hat die ganze Zeit, seinen Eltern zuliebe, seinem eigenen Stolz schuldig.
Wenn einer in dieser Situation sagt, er wünsche sich nichts anderes, als jemanden in den Arm zu nehmen, dann ist das bittertraurig. Bitterernst. Ich wusste es, denn J hatte mir dasselbe erzählt aus der Zeit vor seinem ersten Zusammenbruch. Seinem ersten Klinikaufenthalt. Bevor er mir begegnet war.
Einen kurzen Moment zuckten all diese Gedanken durch meinen Kopf. Der junge Mann verharrte reglos. Es schien mir, als sei er noch eine Spur entmutigter, soweit das überhaupt noch ging in seinem Zustand. Ich musste etwas tun. Wenn ich nichts tat, so wäre ich schuld daran, dass sich nach meinem Vorstoß noch einsamer fühlte. Und schuld sein – nein, das wollte ich nicht. das konnte ich nicht. Noch einmal dieselbe Schuld, das hätte ich nicht ertragen können, nicht für den Rest meines Lebens.
Nach einem kurzen Zögern schob ich meine Handtasche etwas zur Seite, rückte meinen Hintern etwas nach links und klopfte auf das frei gewordene Stück Bank neben mir. So wie man klopft, um einem Hund oder einer Katze zu bedeuten gibt: «Spring!» Er verstand nicht. Oder er verstand, wagte aber nicht, daran zu glauben. Ich wiederholte meine Geste, wortlos. Er erhob sich, tat zwei Schritte auf mich zu, setzte sich. Wortlos schlossen wir einander in die Arme. Nach einer guten Weile fing ich an, leicht über sein Haar zu streichen, seinen Nacken zu kraulen, wie man es tut, um ein Kind zu trösten. Er rührte sich nicht. «Siehst du, es geht doch ganz einfach», versuchte ich ihn zu trösten. Ich wusste, er schluchzte in seinem Innern. Lautlos.
Ich öffnete meine Augen und blickte über seine Schulter hinweg in die Runde. Ratlose Gesichter starrten mir entgegen. Keiner meiner Kumpel verstand was da ablief. Logo. Ich verstand es ja selbst nicht in dem Moment. Ich tat nur, was ich musste, ohne es selbst zu begreifen. «Ich muss das tun, lasst mich in Ruhe. Lasst mich machen», flehte ich sie an mit lautlosen Grimassen. Natürlich verstand mich keiner.
Plötzlich brachen fast alle auf und verließen die Kneipe, nur zwei blieben bei mir. Und bei dem seltsamen jungen Mann, den ich immer noch umklammerte ohne zu sprechen.
Ein Lokalwechsel war angesagt.
Die anderen wollten den seltsamen Kerl sitzen lassen; auch derjenige, der ihn an unseren Tisch beordert und mich so gesehen eigentlich in diese seltsame Lage gebracht hatte, aus der ich keinen Ausweg sah. Ich bestand darauf, den Mann mitzunehmen. Ich packte ihn am Ellbogen und zog ihn mit, als die anderen gingen.
Wenige hundert Meter weiter die nächste Bar. Musik, Rauch, eine Stimmung, als wäre es weit nach Mitternacht, dabei war es noch gar nicht spät. Aber ich fühlte mich so neben der Spur, neben der Zeit, dass es irgendwie passte. Irgendwer bestellte Bier, ich zahlte. Der junge Mann saß in sich zusammengesunken auf einer Bank, allein an einem Tischchen, wir anderen standen. Immer noch wollte mir niemand diese Last abnehmen.
Ich hatte ihn mitgeschleppt, also musste ich mich um ihn kümmern.
Ich nahm mein Bier und setzte mich zu ihm. Ich versuchte ein Gespräch, aber er war schweigsam. Er umarmte mich wieder. Ich wieder die gleichen hilflosen Grimassen zu meinen Leuten. «Ich kann doch nicht anders, bitte lasst mich!» Oder hieß es: «Bitte helft mir?»
«Ich bin so verdammt glücklich», sagte er plötzlich leise.
Ach du Scheiße.
Das wurde mir zu viel. Ich geriet in Panik.
So viel Verantwortung für das Lebensglück eines wildfremden Menschen hatte ich nun auch nicht übernehmen wollen. Ich hatte doch schon genug an meinem eigenen Leben…
Ich versuchte, ihn auf eine vernünftige Ebene zu bringen, mit ihm über seine Verfassung zu sprechen. Zu gerne hätte ich mich mit ein paar weisen, mütterlichen Ratschlägen aus der Affäre gezogen. Er wich aus, blockte ab.
Ich fühlte mich schrecklich.
Einer meiner Begleiter mache dem schließlich ein Ende. Er nahm mich bei den Händen, zog mich hoch. Er wollte doch nicht etwa tanzen? Ich war verwirrt, wagte nicht zu reden. Rückwärts gehend führte er mich zur Türe hinaus. Der andere folgte. Es gab keine Widerrede, wir gingen. Er musste bleiben. Keine Diskussion. Ich gehorchte ohne Aufbegehren, ohne Abschied, obwohl es mir fast das ...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Die Geschichte
- Die Totenliste
- Pik As
- Verrat
- Traum
- Falten
- Gezählt
- Feiern
- Schmerz und Verzweiflung
- Am Tag deines Todes
- Trauer
- Regen
- Am Grab / I
- Gegenwart
- Schande
- Begegnung im Zug
- Kurze Nähe
- Am Grab / II
- Nachtrag
- Ich sein?
- Little Helpers
- Rückblende
- Trance
- Der Trauerleib: Ein Traum
- Stromboli
- Am Rheinbord
- Das Verdikt
- Herbst
- Frei?
- Reflexion
- Das Trauerbuch
- Blut
- Trauerarbeit
- 50
- Zweifel
- Am Grab / III
- Epilog
- Impressum
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