Reformation anders
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Huldrych Zwingli und die Zürcher Reformation

  1. 96 Seiten
  2. German
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Reformation anders

Huldrych Zwingli und die Zürcher Reformation

Über dieses Buch

Das Reformationsjubiläum 2017 konzentriert sich durch seine Datierung auf Martin Luther. Andere reformatorische Entwicklungen, ihre Persönlichkeiten, besonderen politische Gegebenheiten und kulturellen und geistigen Hintergründe geraten dabei aus dem Blick. Das ist insbesondere bei der Zürcher Reformation mit Huldrych Zwingli schade, verdient doch diese Reformation unser heutiges Interesse. Anders als in Sachsen kam sie nicht "von oben", sondern beruhte auf einem sehr breiten, durch Predigten über Jahre geschaffenen Konsens. Die Verbindung von bürgerlicher Revolution mit einer geistlichen Erweckungsbewegung gaben ihr die Kraft, Kirche und Staat in einem zu erneuern.

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Information

Teil 1

Huldrych Zwinglis Lebenswerk

Der andere Reformator: Huldrych Zwingli

Das 500jährige Reformationsjubiläum verdankt seine Datierung Luthers Thesenanschlag von 1517 und läuft Gefahr, in der Tradition deutscher Kirchengeschichtsschreibung andere Entwicklungen vor allem in ihren Unterschieden zu Luther zu beschreiben. Dabei geraten Persönlichkeiten, kulturelle Hintergründe und lokal unterschiedliche politische Gegebenheiten aus dem Blick. Das trifft besonders für die Zürcher Reformation und ihren ersten Reformator Zwingli zu, dessen Bild lange von Luthers Polemiken gegen ihn geprägt wurde. Dabei hätte schon die Tatsache, dass er kaum mit Gleichem heimzahlte, auf seinen von Luther verschiedenen Charakter aufmerksam machen können und in der Folge auch auf den der Zürcher Reformation an sich, die weniger als in Sachsen eine „von oben“ war, als vielmehr ein breiter, demokratischer Prozess, in dem bürgerliche Revolution und geistliche Erweckungsbewegung zusammenwirkten. Diese Besonderheiten sind es wert, sich im Jubiläumsjahr auch der Zürcher Reformation und besonders Huldrych Zwingli zuzuwenden.
Herkunft und Jugendzeit
Wer ist dieser Huldrych Zwingli, dessen Wirken nicht nur seine Heimat nachhaltig verändert hat und bis heute fortwirkt?
Am 1. Januar 1484 wird er in Wildhaus im Toggenburg (heute Kanton St. Gallen) als drittes von zehn Kindern in einer alteingesessenen, angesehenen Bauernfamilie geboren. Öfters stellt die Familie den Amman (etwa: Bürgermeister), und sie ist im 15. Jahrhundert beteiligt gewesen an den Freiheitskämpfen der Toggenburger. Beides, das Ländliche und das Politische seiner Herkunft, kann und will Zwingli nie verleugnen.
Das Bäuerliche klingt immer wieder durch seine Bildsprache, aber auch in seiner Meinung, die Schweiz könne autonom und selbstgenügsam existieren, schlägt es sich nieder.
In seinem politischen Denken spielt die besondere Toggenburger Situation eine wichtige Rolle: während für die Urkantone die Eidgenossenschaft vor allem ein Schutzbündnis zur Erhaltung alter Privilegien war, gab die später erfolgte Einbindung in sie der Grafschaft Toggenburg eine neue Freiheit. Die Sicht, dass der eigene politische Vorteil nur als der Vorteil der gesamten Eidgenossenschaft oder gar Europas errungen werden kann, ist dann später die neue politische Qualität, zu der auch das alte Zürich durch Zwingli findet.
Mit Hilfe von Verwandten und Freunden der Familie kann der junge Zwingli in Wesen, Basel und Bern die Schulbildung erlangen, die Voraussetzung für das wissenschaftliche Studium ist. Als dabei in Bern die Dominikaner sich um den musikalischen Jüngling mit der guten Singstimme zu eifrig bemühen, greift die Familie ein und schickt ihn zum Studium nach Wien, einer Hochburg des aufkommenden osteuropäischen Humanismus.
Studienjahre
Es gibt Indizien dafür, dass der Wiener Aufenthalt durch einen Ausschluss von der Universität unterbrochen sein könnte, ohne dass Gründe dafür erkennbar sind, und daran knüpfen sich Vermutungen, Zwingli habe in der Zwischenzeit auch in Paris oder Tübingen studiert. Doch das liegt alles im Dunkeln. Über seine ausländischen Studienjahre schweigt er sich selber aus. Lediglich seine Freundschaft mit Joachim Vadian, dem späteren humanistischen Rektor der Wiener Universität und dann Bürgermeister und Reformator St. Gallens, geht sicher auf diese Zeit zurück.
Ab 1502 studiert Zwingli in Basel und promoviert dort nach vier Jahren zum Magister der freien Künste. Sein philosophisches Studium ist also - zur Zufriedenheit des offenbar besorgten Vaters - abgeschlossen, und zwar in der Tradition des „alten Weges", der sich auf Thomas von Aquin beruft, bis hin zu Duns Scotus, den Zwingli neben Aristoteles besonders eifrig studiert. „Alter Weg” - Thomas von Aquin - bedeutet ein philosophisches Denken, das Schöpfung und Schöpfer, Verstand und Gotteserkenntnis zusammenschaut, die der „neue Weg” der Spätscholastik, nach dem übrigens Martin Luther unterrichtet wurde, strikt trennt. Zwingli bleibt zeitlebens dem Weltbild des Aristoteles mit der Hochschätzung der menschlichen Vernunft verhaftet.
Während seiner Studienzeit bahnt sich für Basel die Entwicklung zur Hochburg des Humanismus allmählich an, gefördert durch die ortsansässigen Buchdruckereien. Der spezielle schweizerische Humanismus zeichnet sich von anderen Schulen durch das Freiheitsideal aus, das nicht so sehr die individuellen als die politischen Freiheiten hoch hält. Er bleibt nicht wie andernorts Sache eines abgehobenen Gelehrtenstandes, sondern zeichnet sich durch einen handfesten, patriotischen Stolz und das Ziel aus, das ganze kriegerische Hirtenvolk der Schweiz zu einer selbstbestimmten, freien Kulturnation zu erziehen.
Zwingli erlebt den eigentlichen Durchbruch des Humanismus in Basel mit dem Wirken Erasmus' von Rotterdam (ab 1515 in Basel) nicht mehr mit, aber er fühlt sich zu diesen Kreisen, aus denen er ja selber kommt, noch lange zugehörig und korrespondiert u. a. auch mit Erasmus, auch stammen mehrere spätere Mitarbeiter aus der Basler Schule. Joachim Vadian reiht Zwingli 1518 neben Heinrich Glarean, Oswald Myconius und anderen unter „die besten Lehrer“ des schweizerischen Humanismus ein.
Katholischer Priester in Glarus
Das auf das philosophische folgende theologische Studium, das allerdings damals keine unbedingte Voraussetzung zum Pfarrerberuf ist, dauert für Zwingli bestenfalls ein Semester. Er wird im Sommer 1506 zum Pfarrer in Glarus gewählt, lässt sich dafür zum Priester weihen und tritt am Jahresende dieses Amt an. Er führt es dann offenbar in gut katholischer Tradition mit Messelesen, Prozessionen, Reliquienverehrung und Ablasswesen zehn Jahre lang.
Das heißt, dass Zwingli, auch wenn sich bei ihm in Einzelfragen, wie der Ordnung der Messfeier, schon erste Zweifel anmelden, noch ganz zu hause ist in der mittelalterlichen Kirche. In ihr spenden die Priester im Auftrag der Kirche durch die Sakramente das Heil. In ihr findet das alltägliche profane Leben seinen mystisch-wunderhaften Ausgleich. Sie ist die Pforte zu einer anderen Existenz, wie das auch der Kirchenbau der Gotik darstellt: Hier herrscht der Zug nach oben, während sich das übrige Leben in der irdischen Niederung abspielt. Mit Ablässen und Wallfahrten kann man sich diesem anderen Bereich nähern, im Sakrament der Messe kann der Priester, der da wundersam das Opfer Christi wiederholt, das ganz Andere handhaben.
Über die Verderbtheit dieser Kirche am Vorabend der Reformation ist vieles bekannt: Der Ablasshandel, das Schachern um Pfründen, die weltlichen Herrschaften der Klöster, Bischöfe und Päpste, das Problem der kirchlichen Gerichtsbarkeit und Banngewalt und - und - und.
Bei alledem ist anzumerken, dass es damit seit den Befreiungskämpfen des 14. Jahrhunderts in der Schweiz ein klein wenig besser - oder ein kleines bisschen weniger schlimm steht als anderswo. Mit der politischen Unabhängigkeit ist es den Eidgenossen auch gelungen, einige kirchliche Dinge selber in die Hände zu nehmen, zum Beispiel die Priester in weltlichen Dingen auch weltlicher Gerichtsbarkeit zu unterstellen.
Was nicht übersehen werden darf: auch diese Kirche hat seelsorgerliche Funktion, auch sie tröstet und heilt, lehrt und gibt Zuspruch. Nur, bei alledem macht sie auch abhängig von der Institution und nutzt damit alle Möglichkeiten zur Machterweiterung.
Zwingli ist in Glarus Mann dieser Kirche. Über die Missstände in ihr kann er dabei herziehen und spotten und tut es gründlich. An ihrer eigentlichen Rechtmäßigkeit scheint er jedoch noch nicht zu zweifeln. Daneben bleibt er in seinen Glarner Jahren brieflich mit dem Basler Kreis verbunden, der sich nun ganz dem Humanismus zuwendet, sowie mit Joachim Vadian, der noch in Wien ist.
Zwingli nimmt seinen seelsorgerlichen Auftrag offenbar sehr ernst und ist im Volk beliebt. Seelsorge ist es auch, was ihn in dieser Zeit zu einem besonderen politischen Engagement führt. Dabei spielen für ihn die vielfältigen Parallelen der Schweizergeschichte mit der des Volkes Israel eine wichtige Rolle: Auch sein Schweizervolk hat durch seine im 13. und 14. Jahrhundert erkämpfte Freiheit nach innen wie außen eine besondere Begnadung durch Gott erfahren; nun aber ist es hochmütig geworden und verwildert und nimmt teil an dem überall geübten Verrat seines Herrn. Das nämlich sind für Zwingli die blutigen Kriege unter den europäischen Christen seiner Zeit. Schweizer sind besonders an denen zwischen Frankreich und dem Kirchenstaat in Oberitalien beteiligt. Dazu werden von beiden Kriegsparteien in der Schweiz die schon traditionellen, auf Verdienst und Beute versessenen Kriegstruppen der einzelnen Ortschaften angeworben, und den Honoratioren, die das fördern oder dulden, wird dafür eine „Pension” bezahlt. Auch Zwingli, der lange die päpstliche Seite in den oberitalienischen Kriegen unterstützt, erhält bis in seine Zürcher Zeit hinein eine päpstliche Pension.
Nach der Katastrophe von Novara, 1503, wo sich durch eine Änderung der Kriegskoalitionen schweizerische Soldaten unerwartet als Gegner gegenüberstanden, sollte dieses Kriegswesen durch einen eidgenössischen Beschluss abgestellt werden, dieser wird aber nirgendwo befolgt.
Wenigstens zweimal zieht auch Zwingli selber mit in die Kriege, als Feldprediger, der die Männer seiner Glarner Gemeinde geleitet. Dabei erlebt er 1513 den großen Sieg der schweizerischen Truppen in der zweiten Schlacht von Novara mit und 1515 ihre vernichtende Niederlage bei Marignano.
Schon vor diesen direkten Erlebnissen des Krieges, nämlich 1510, äußert sich Zwingli kritisch zu diesem Söldnerunwesen in einer sowohl humanistisch wie schweizerisch-national geprägten Fabel, die in vielen Handabschriften verbreitet wird. Jetzt aber, nachdem er miterlebt hat, wie die von ihren Herrn verkauften Schweizer Söldner im Kampf zu beutegierigen Mördern werden und, sofern sie nicht gefallen sind, verwildert, oft auch krank und verkrüppelt heimkehren (so Martin Haas, S. 4 f.), da wendet Zwingli sich aus seinem seelsorgerlichen Engagement für sein Land und seine Mitbürger den christlich-pazifistischen Gedanken des Erasmus von Rotterdam zu. Er tritt literarisch für eine Welt der Vernunft ein und bekämpft deshalb den Krieg in jeder Form. Ab 1516 korrespondieren Erasmus und Zwingli miteinander.
Seinen Schritt zum Humanismus in dieser Zeit, den er vor allem politisch und kirchenkritisch versteht, bezeichnet Zwingli später als einen ersten Schritt zur Reformation. Zu dieser humanistischen Wende gehört auch, dass Zwingli sich nun in das Studium der griechischen Sprache stürzt, und zwar vor allem in biblischen Studien.
Über Einsiedeln nach Zürich
1516 nimmt Zwingli, wohl auch aus politischen Gründen, vorübergehend einen Ruf nach Einsiedeln an, das als Klosterort neben Zürich noch allein ein Kriegsbündnis mit Kaiser und Papst befürwortet. Die übrige Schweiz, auch Glarus, unterstützt die französische Politik. Zwingli lässt sich in Glarus durch einen Vikar vertreten.
Mit dem wirtschaftlich überaus reichen, geistlich aber sehr heruntergekommenen Kloster hat Zwingli, außer mit zwei Klosterherren, die den riesigen Besitz verwalten, direkt nichts zu tun: Er ist der Leutpriester des Klosters, also Prediger und Seelsorger für Ort und Tal Einsiedeln, zu dessen Messen und Predigten sicher auch Scharen von Pilgern kommen.
Hier beginnt Zwingli konsequent biblisch zu predigen, das heißt, er legt jeden Morgen vor der Messe einen Bibeltext öffentlich aus, gewiss nicht im Sinn der Papstkirche, sondern ihr gegenüber in Humanistenweise kritisch. Er bleibt bei den Eigenaussagen der Texte, verzichtet dabei noch auf Angriffe gegen das dogmatische Gebäude der Kirche, mit Ausnahme des Messopfers, wie er später (in den „Auslegungen") betont; er gebraucht das Wort „Wiedergedächtnis". Öffentlich gilt er noch als Mann des Papstes, ist in Rom sogar für höhere Weihen vorgeschlagen.
Als solcher wird er auch 1518 als Leutpriester an das Zürcher Großmünster berufen, das alte, die Stadt beherrschende Chorherrenstift. Sein offenes Eintreten gegen das „Reislaufen“, den schon vorher angeführten Solddienst für fremde Kriegsmächte, spielt dabei gewiss eine Rolle: es sind die Vertreter der einfachen Zünfte, die darunter leiden und sich nun für Zwingli stark machen. Allgemein erhofft man sich von ihm einen Anschluss an das geistige Leben des Basler Humanistenkreises, um aus der eigenen Provinzialität herauszukommen.
Mit Zürich betritt Zwingli städtischen Boden besonderer Art. Die Stadt mit ihren damals etwa 5.000 Einwohnern scheint ihre Blütezeit schon hinter sich zu haben; durch ihren Handel und vor allem ihre Landschaft mit etwa 45.000 Einwohnern hat sie aber noch eine bedeutsame Machtstellung in der Eidgenossenschaft.
Regiert wird die Stadt von den für je ein Halbjahr zuständigen Kleinen Räten, die aber in der Regel gemeinsam tagen, und vom dahinter stehenden Großen Rat, einer Zunftvertretung von 162 Männern. Diese ernennen die Kleinen Räte und werden von ihnen für besonders wichtige oder öffentlich beachtete Entscheidungen in die Verantwortung miteinbezogen. Vorherrschend in den Kleinen Räten sind die Vertreter der reichsten Zünfte, besonders der Zunft der Herren und Ritter, der Konstaffel. Die sind Herren und Ritter nicht aufgrund alter Adelsprivilegien durch Geburt, sondern aufgrund ihres Besitzes in der Landschaft mit Einkünften aus Bodenzins und Gerichtsgebühren. Diese Herren sind auch mit ihrem oft aufwendigen Gehabe maßgebend für den städtischen Lebensstil.
Zürich gilt in dieser Zeit als eine sittenlose Stadt und die Verteilung des Reichtums in ihr ist sehr einseitig. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind praktisch besitzlos. Schon vor Zwinglis Ankunft macht sich aber eine politische Umgewichtung zugunsten der einfachen Zünfte bemerkbar, für die, neben den allgemein wirtschaftlichen Problemen, besonders das Reislaufen eine Rolle spielt. Die Konstaffelherren, die vielfach durch die Pensionen am Reislaufen reich wurden, finden für ihre Haltung jedoch noch kräftige Unterstützung in der Landschaft.
Zwinglis Gegner in Zürich, vor allem Pensionenempfänger (siehe S. unten) und Befürworter eines Bündnisses mit Frankreich, versuchen natürlich, seine Wahl zu verhindern. Sie sagen Zwingli Beziehungen zu einer Frau nach. Zwingli bestreitet das keineswegs; er habe damit aber keine bestehende Beziehung gestört, er empfinde das auch nicht als Sünde, sondern nur als ein vorübergehendes Versagen, dem er in Zukunft durch noch eifrigeres Studium der Wissenschaften vorbeugen wolle. (Brief vom 5.12.1518 an Heinric...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverseichnis
  2. Vorbemerkungen
  3. Teil 1: Huldrych Zwinglis Lebenswerk
  4. Teil 2: Thematische Zusammenfassungen
  5. Weitere Informationen
  6. Impressum