Angst ist wahrscheinlich das älteste und intensivste Gefühl des Menschen. Von ihrem Wesen her ist sie nichts Krankhaftes, sondern übt im Gegenteil eine Schutzfunktion aus. In Gefahrensituationen löst Angst bestimmte bio-chemische Prozesse im Körper aus, die uns in die Lage versetzen, schnell zu reagieren und uns zu verteidigen oder zu fliehen.Zur Krankheit wird Angst, wenn der Betroffene selbst objektiv unbedrohliche Situationen wie das Steigen auf einen Turm oder ein geselliges Beisammensein mit Arbeitskollegen als »gefährlich« beurteilt und die Angstreaktionen dann unwillkürlich ablaufen und sich verselbständigen. Oft bestimmt die Angst bald jede nur denkbare Lebenssituation in einem solchen Maße, daß dem Betroffenen ein normales Leben nicht mehr möglich ist.Inzwischen leidet jeder dritte Bundesbürger an einer Angsterkrankung – doch die wenigsten sprechen darüber. Angst gilt in unserer leistungsorientierten Gesellschaft als Schwäche, und Hilfe suchen die meisten, wenn überhaupt, nur heimlich.Über Angst muß endlich gesprochen werden, meint Roland Rosinus, einer von vielen, die es mitten in einem erfolgreichen Berufsleben »erwischte«, und verzichtete konsequent auf die Verwendung eines Pseudonyms für dieses Buch. Sein offener Erfahrungsbericht macht allen Betroffenen Mut, sich ihrer Angst zu stellen und die vielen Möglichkeiten zu nutzen, die dem Angsterkrankten heute zur Verfügung stehen.
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Es gibt weder Gutes noch Schlechtes – erst das Denken macht die Dinge so. William Shakespeare
Überprüfung meiner Einstellungen zum Leben
Einstellungen sind zunächst etwas Positives. Aufgrund der Erziehung, der Lebenserfahrung und anderer sozialer Faktoren bilden sich die Einstellungen, die es uns erleichtern, unser Leben zu ordnen. Bei diesen Einstellungen handelt es sich quasi um Ausfuhrungen automatisierter Gedanken.
Wenn ich mir z.B. jeden Morgen die Zähne putze, überlege ich nicht großartig, sondern nehme die Zahnbürste, die Zahnpasta, Wasser, putze, spüle… alles automatisch. Diese Einrichtung ist sehr sinnvoll.
Wenn ich jedoch bedenke, daß meine Einstellungen erlernte Bewertungshaltungen sind, die meine Gedanken, meine Gefühle und mein Verhalten und meine Wahrnehmung beeinflussen, kann ich nachvollziehen, wie sehr die Einstellungen mein Leben prägen: Ich habe eine Einstellung zum Sport, zur Politik, Kirche, Sexualität, zu allem!
Meine Einstellungen sind “mein inneres Programm”.
Einstellungen können nicht nur das Leben erleichtern, sondern mir auch das Leben schwer machen. Insbesondere dort, wo ich es mit Dingen zu tun habe, die ich nicht ändern kann, ist es oft erforderlich, meine Einstellung zu korrigieren.
Wenn Einstellungen erlernte Bewertungshaltungen sind, kann ich sie auch wieder “ver-lernen”, besser gesagt: umtrainieren. Darin sehe ich eine große Chance. Falsche oder richtige Einstellungen gibt es nicht. Doch Einstellungen, die uns überwiegend negative Gefühle schaffen, sind oft geprägt von einem überzogenen Selbstanspruch und realitätsfremden Erwägungen. In solchen Einstellungen gründende Meinungen sind oft pauschal, z.B.:
“Beamte sind faul.”
“Frauen fahren schlecht Auto.”
“Alle Ausländer klauen.”
“Wer mich mal beleidigt hat, ist ein Leben lang bei mir untendurch.”
“Ich bin nicht gut genug.”
Solche Pauschalurteile sind uns besser bekannt als Vorurteile. Meine Beispielliste ließe sich tausendfach ergänzen.
Ein Beispiel
Der Ehemann beharrt darauf, seiner Frau nicht das Auto zu geben.
Er denkt: Frauen sind schlechtere Autofahrer als Männer.
Er fühlt: Ich bin mißtrauisch, vielleicht ängstlich.
Verhalten: Er läßt seine Frau nicht fahren oder meckert bei kleinsten Fahrfehlern.
Wahrnehmung: Er nimmt Fahrfehler von Frauen stärker wahr.
Rückschlüsse auf eigenes Verhalten sind erlaubt! Wer sich ständig schlecht fühlt, ohne zu wissen, was ihm fehlt, sollte seine Einstellungen einmal kritisch hinterfragen.
Unter diesen Gesichtspunkten habe ich mich auf die Suche nach meinen eigenen Einstellungen gemacht. Das nachhaltigste Erlebnis dabei war, daß mir beim Aufschreiben meiner Gedankenwelt schlecht wurde. Ich war bisher der Meinung gewesen, ein positiv denkender Mensch zu sein. – Mitnichten!
Die Kernfrage beim Arbeiten mit meinen Einstellungen war: “Bin ich wirklich bereit, einige meiner Einstellungen zu ändern?”
Theorie und Praxis gehen bekanntlich oft weit auseinander. Wenn ich erkannt habe, inwiefern eine Einstellung für mich schädlich ist, geht die Umbewertung der Gedanken nicht von heute auf morgen. Die alten Gedanken wehren sich unerbittlich. Sie scheinen zu fragen: “Soll ich wirklich? Das hast du mir aber jahrelang anders gesagt.” Eine völlig normale Reaktion. Und doch ist eine Einstellungsänderung möglich.
Vielleicht werden Sie sich an dieser Stelle fragen, ob ich den Faden verloren habe. Vielleicht werden Sie auch fragen, was Angst denn mit Einstellungen zu tun habe.
Ich meine: sehr viel. Ich bin fest davon überzeugt, daß negative Denkweisen (Einstellungen) krank machen.
Angst ist in erster Linie Unsicherheit, hervorgerufen durch überwiegend negative Gedanken. Gedanken solcher Art berauben uns unseres Urvertrauens und damit unserer Herzlichkeit und unserer Liebe. Sie meinen uns vorhalten zu müssen, was wir alles angeblich nicht könnten und daß wir nicht gut genug seien. Unsere Gefühle erpressen uns, Dinge zu unterlassen, die wir gerne tun würden. Maulwurfshügel werden zu Bergen, leichte Krisen zu Katastrophen.
All das sind Faktoren, die langfristig eine Angsterkrankung begünstigen können. Der negativ instruierte Mensch bekommt mit der Zeit eine pingelig eingestellte Alarmanlage, die auf den kleinsten Reiz reagiert. Der Mensch wird seinem eigenen Körper gegenüber mißtrauisch und übertreibt bei seinem inneren Spielfilm maßlos. Die befürchteten Folgen sind unwahrscheinlich, nicht beweisbar und treten so gut wie nie ein.
Wie korrigiert man nun aber seine negativen, krank machenden, Angst erzeugenden Einstellungen?
Hier einige meiner alten Einstellungen, die mein Denken und Fühlen am meisten beherrscht und begleitet haben, und meine neuen (
umbewerteten) zum Vergleich:
ICH DARF NICHT “NEIN” SAGEN, WEIL ICH DANN ABGELEHNT WERDE!
Ich kann “Nein” sagen, wenn ich “Nein” meine. Ich bin dann mehr ich selbst. Wahrscheinlich werde ich dann auch ernster genommen und mehr akzeptiert.
JEDER MUSS MEIN FREUND SEIN, KEINER DARF MICH ABLEHNEN!
Ich kann es ertragen, wenn manche Menschen mich unsympathisch finden und/oder mich ablehnen. Es ist ihre Meinung über mein situatives Verhalten. Das gleiche Recht steht mir auch gegenüber anderen zu.
ICH MUSS MEINEN ÄRGER UND MEINE WUT IMMER UNTER KONTROLLE HABEN, IMMER GELASSEN SEIN!
Es ist schön und befreiend, seine positiven und negativen Gefühle zu zeigen. Sie zu verstecken bedeutet Energieverlust und führt zum Ausbruch an ungeeigneter Stelle mit überzogener Aggression. Gefühle zeigen ist ein Teil der Gelassenheit.
ICH MUSS IMMER LEISTUNG BRINGEN, UM POSITIV AUFZUFALLEN!
Ich besinne mich auf meine Fähigkeiten. Ich brauche sie mir nicht jeden Tag neu zu beweisen. Wenn ich mir meiner Fähigkeiten bewußt bin, kann ich darauf verzichten, immer positiv auffallen zu wollen. Das macht mich ehrlicher.
ICH DARF KEINE FEHLER MACHEN!
Fehler führen zu Lernprozessen und sind menschlich. Wenn mir ein Fehler passiert, ärgere ich mich nicht und gebe ihn unumwunden zu.
ICH HABE KEINE AUSSTRAHLUNG, DIE ANDEREN DENKEN SCHLECHT ÜBER MICH!
Ich höre ab sofort die überwiegend positiven Rückmeldungen, die ich bekomme, und nehme sie an. Ich habe keinerlei Beweise, daß andere schlecht über mich denken.
ICH MUSS ALLES FÜR MEINE FAMILIE TUN; IMMER DA SEIN; IM...
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Der Zusammenbruch – Wie alles anfing
Arzt oder Heilpraktiker?
Verlauf der Erkrankung und Erklärungsversuche
Wissenswertes zum Thema Angst
Angst als Urgefühl
Angstsymptome
Angst als Krankheit
Angst / Depression
Der Angstkreislauf und die Angst vor der Angst
Formen der Angst
Folgen der Erkrankung und Reaktionen des sozialen Umfeldes
Mein persönliches Angstbewältigungstraining
Bestandsaufnahme
Die ersten Bausteine
Fachliche Hilfe annehmen
Die Angst akzeptieren
Austausch mit Betroffenen
Das Versteckspielen aufgeben
Vermeidungen aufgeben
Führen eines Angsttagebuches
Durchführen von Angstübungen (Grundsatz der Schriftlichkeit)
Vorbereitung der Angstübungen
Die Regeln der Angstkonfrontation
Eine Angstübung in der Praxis
Ein weiteres Beispiel
Panikregeln
Angstübungen zu Hause
Schritt für Schritt die Angst verlieren
Mit seiner Energie haushalten
Weitere Möglichkeiten zur Verbesserung des Energiehaushaltes
Die Realität sehen
Realistische Ziele setzen
Verzicht auf Medikamente und Alkohol
Das Arbeiten an meinem Ich-Bild
Die Veränderung des Selbstgespräches
Überprüfung meiner Einstellungen zum Leben
Wie sieht eine Einstellungsänderung in der Praxis aus?
Ein praktisches Beispiel
Wahrnehmen, was ich denke und sage
Spiegelarbeit
Vorstellungsübungen
Affirmationen
Schuldgefühle aus seinem Leben verbannen
Sozialcourage – Selbstsicherheit im Alltag
Entspannungsübungen
Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen
Praktische Übungsanleitung
Die muskuläre Entspannung in gedanklicher Form
Autogenes Training
Sonstige Entspannungsübungen
Gestalttherapie
Sport
Körperpflege
Liebevolle Beziehungen
Partnerschaft mit den Kindern
Ein guter Freund – eine gute Freundin
Loslassen
Mit Haßpersonen ins Reine kommen
Das Gebet
Noch ein paar Anregungen
Angstbewältigung – Vorsicht, Glatteis!
Die 5 Phasen des Umlernens
Selbstzweifel
Stillstand – Rückschritt – Fortschritt
Perfektion bei der Heilung – Vorsicht!
Verhaltensänderung und Umfeld
Angst und Sport
Angst und Gesellschaft
Schlusswort
Für Erfahrungsaustausch und den Bezug der Kassette
Literaturhinweise
Impressum
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