KAPITEL 1
Pädagogische Überlegungen
zum Thema Disziplin
Disziplin – autoritäres Druckmittel oder Voraussetzung für gelingendes Lernen und Lehren?
Über Disziplin zu sprechen ist nicht sehr populär. Dieses Wort hat für manchen einen Beigeschmack von äußerst rigider Weltanschauung und dementsprechend rigidem Vorgehen.
Vor einer Reihe von Jahren hielt ich zum ersten Mal während der Sommerferien ein Seminar für Lehrer in Südtirol. Veranstalter war der Katholische Südtiroler Lehrerbund. Das Seminarthema lautete damals: Stillsein ist lernbar – Disziplin durch Unterrichtsmanagement.
An diesem Titel wäre beim ersten Mal das Zustandekommen dieses Seminars fast gescheitert. Ich wurde um einen anderen Titel gebeten, ohne die Begriffe „Stillsein“ und „Disziplin“. Man schlug mir vor, irgendetwas mit „Aufmerksamkeit“ oder „Konzentration“ zu wählen. Da ich jedoch gerade darüber referieren wollte, wie wichtig für eine gedeihliche schulische Arbeit die Fähigkeit der Schüler, auch einmal still zu sein und sich an disziplinäre Regeln zu halten, ist, war ich nicht bereit, mein Seminar quasi „unter falscher Flagge“ segeln zu lassen.
Die enorm große Resonanz, die dieses Thema und dann auch das Seminar selbst bei den Lehrern fanden, zeigte mir, dass ich hier etwas angesprochen hatte, das nicht nur für mich selbst und meinen eigenen Unterricht von zentraler Bedeutung war.
Da ich bei dieser Fortbildungsveranstaltung nicht nur referierte, sondern mit den Kollegen gemeinsam verschiedene Aktivitäten durchführte, konnte ich nicht mehr als 30 Teilnehmer annehmen. Gemeldet hatten sich aber im ersten Jahr 180 Kollegen, im zweiten Jahr sogar über 200.
Der Verlauf des Seminars machte mir dann bewusst, dass das Thema „Disziplin“ im weitesten Sinn an Bereiche rührte, die mit großem Leidensdruck verbunden waren. In keinem anderen Beruf stoßen Engagement, Begeisterung und Leistungsbereitschaft auf so große Hindernisse wie im Lehrerberuf, bieten wir doch eine „Ware“ feil, die einige unserer „Schüler-Kunden“ zunächst einmal gar nicht wollen. Natürlich ist es andererseits auch so, dass Kinder lernen wollen und dass das menschliche Gehirn für nichts besser geeignet ist als für lebenslanges Lernen. So schreiben die Gehirnforscher und sie haben in gewisser Weise Recht damit, lassen aber – da sie eben Gehirnforscher und keine Pädagogen sind – das Wesentliche außer Acht.
Wer nämlich glauben machen will, man müsse nur Gelegenheiten – möglichst attraktive, versteht sich! – zum Lernen bieten und damit genug, der hat von den Bedingungen des Lehrerberufs keine Ahnung.
Vor jeglichem Anbieten von Lerngelegenheiten, vor jeglichem Unterrichten muss zuerst einmal der eigentliche Lehrplan beachtet und umgesetzt werden: Es muss ein Umfeld geschaffen werden, das Lernen und Lehren überhaupt erst möglich macht.
Bernhard Bueb, von 1974 bis 2005 Leiter des bekannten Internats Schloss Salem (und nun im Ruhestand), schrieb am 24.2.2005 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Die Schule ist kein Spaßbad – Vom Recht der Jugend auf Disziplin“:1
„Im Jahr 1882 wurde in Amerika ein zweijähriges Mädchen taubblind, das bis dahin glücklich in seiner Familie herangewachsen war. Die Eltern reagierten mit Mitleid und Fürsorge; sie versuchten, dem Mädchen jeden Wunsch zu erfüllen. Das führte bei dem Mädchen zu grenzenlosem Egoismus. Sie tyrannisierte ihre Familie durch Forderungen, Wünsche und Aggressionen. In ihrer Not stellten die Eltern eine ausgebildete Erzieherin ein, die die Situation schnell erkannte und in einem langwierigen, die letzten Kräfte aller Beteiligten fast überfordernden Erziehungsprozess die Unterwerfung dieses begabten Mädchens unter ihre Autorität durchsetzte. Dieser Prozess der Disziplinierung wurde begleitet von Versuchen der Erzieherin, die schöpferische Begabung des Mädchens zu wecken. Das Experiment gelang, dem Gehorsam folgte die Entfaltung der Begabung, das Mädchen absolvierte 1904 erfolgreich ein Studium am Ratcliffe College und wurde eine weltbekannte Autorin; es war Helen Keller.“
Disziplin als Unterwerfung?
Wer allein mit dem Wort „Disziplin“ schon ein Problem hat, wird in dem zitierten Abschnitt seine Vorurteile gegenüber diesem Begriff vielleicht gerechtfertigt sehen. Da ist die Rede von „Unterwerfung unter die Autorität der Erzieherin“.
Das klingt befremdlich und provoziert unter Umständen Ablehnung. Hinterfragen wir diesen Begriff jedoch und sehen ihn in dem Kontext, in dem er verwendet wird, so bekommt er eine andere Färbung. Helen Keller lernte in einem schmerzhaften Prozess, die Autorität ihrer Erzieherin zu akzeptieren. Dass dieser Prozess schmerzhaft war, hing mit der Vorgeschichte des Kindes zusammen: Allzulange hatte es in schrankenlosem Egoismus ausleben können, was immer ihm in den Sinn kam. Nach dieser Schrankenlosigkeit erlebte es Grenzen und Regeln zunächst natürlich als nicht hinnehmbare Einengung seiner Persönlichkeit. In der Tyrannei, die es seiner Familie gegenüber ausgeübt hatte, war es jedoch alles andere als frei. Es lebte in der schlimmsten Versklavung, die unter unseren modernen Lebensbedingungen denkbar ist: in der Versklavung durch die eigene Launen- und Triebhaftigkeit. Kann jemand, der auf diese Weise einerseits hemmungslos „frei“, andererseits aber aufs ärgste versklavt ist, kann so jemand glücklich sein?
Selbst derjenige, der noch zweifelt, ob diese Frage mit Ja oder Nein zu beantworten sei, wird zugeben müssen, dass die meisten Menschen, die heute in einer individuellen Freiheit und unter materiellen Umständen leben, von denen noch ihre Großeltern nur träumen konnten, nicht den Anschein erwecken, das bewusst als besonderes Glück zu erleben. Wenn wir den Fachleuten glauben wollen, dann sind durchschnittliche „moderne“ Menschen nicht nur um nichts glücklicher als ihre Groß- oder Urgroßeltern, sie scheinen vielmehr sogar viel weniger glücklich zu sein.
Dabei standen noch zu keiner Zeit der Geschichte dem „gewöhnlichen“ Individuum so viele Möglichkeiten, so viel Geld und soviel Freizeit zur Verfügung, eigene Talente zu entfalten und Vorlieben zu leben. Wie kommt es dann, dass psychische Störungen aller Art dramatisch zunehmen, seien es nun Depressionen, Bulimie oder Magersucht? Wie ist es vor dem Hintergrund so großer individueller Freiheit zu erklären, dass Menschen aus dieser „schönen, neuen Welt“ immer häufiger und in immer jüngeren Jahren flüchten – mit Hilfe von Drogen- und Alkoholkonsum?
Viele Kinder und noch mehr Jugendliche und inzwischen auch junge Erwachsene haben Probleme, irgendwelche Einschränkungen zu akzeptieren. Ganz deutlich sehen wir das im Straßenverkehr, wo die Weigerung, Regeln zu akzeptieren und eine Einschränkung der eigenen Freiheit – etwa eine Geschwindigkeitsbeschränkung – hinzunehmen viel Unheil anrichtet und jährlich viele unschuldige Menschen das Leben kostet.
Für jegliches menschliche Zusammenleben sind Regeln wichtig. Sie zu akzeptieren lernen Menschen in der Kindheit. Jeder von uns muss Dinge akzeptieren, die er nicht ändern kann.
Das Gegenteil dieser Akzeptanz ist Auflehnung. Sich gegen das Wetter, eine rote Ampel oder eine körperliche Unpässlichkeit aufzulehnen hilft wenig und kostet nur unnötige Kraft. Wer an einer roten Ampel diszipliniert stehen bleibt und auf Grün wartet, „unterwirft“ sich genauso einer Regel – nämlich dem Diktat der Straßenverkehrsordnung – wie ein Kind, das im Unterricht erst auf den Aufruf der Lehrkraft wartet, bevor es sagt, was es weiß.
Vor diesem Hintergrund ist es gleichgültig, ob wir von „Unterwerfung“ unter eine Regel oder eine Autorität sprechen oder von Akzeptanz derselben: Es handelt sich immer um etwas, was für ein menschenwürdiges Dasein im höchsten Maße notwendig ist, nämlich um die Fähigkeit, momentane Impulse zu beherrschen zugunsten eines größeren Ganzen.
Disziplin und pädagogische Liebe
In all den Jahren, die ich nun pädagogisch arbeite, habe ich nie ein Kind kennen gelernt, dem es gleichgültig gewesen wäre, wie es sich verhält. Kinder, die „schlimm“ sind, haben keine andere Möglichkeit. Sie sind nicht schlimm, weil sie so sein wollen, sondern weil sie sich in einer subjektiv ausweglosen Lage befinden, die ihnen anderes, „besseres“ Verhalten verwehrt.
Ich erlebe oft Lehrer, die sich dieser Erkenntnis verweigern und deshalb immer wieder durch Belehrung und Tadel auf Schüler einwirken wollen, so, als genüge es, ein Fehlverhalten zu benennen und eine bessere Alternative aufzuzeigen, um eine Änderung zu erwirken. Sie scheitern natürlich und geraten dann leicht in Versuchung, dem „Delinquenten“ mangelnden guten Willen oder gar böse Absicht zu unterstellen.
Vor der Pubertät haben alle Kinder den leidenschaftlichen Wunsch, „gut“ zu sein. Sie wollen geliebt und akzeptiert werden. Nichts wünschen sie sich sehnlicher. Davon bin ich zutiefst überzeugt, auch wenn ich das nicht „beweisen“ kann. Nichts, was sich auf der Ebene philosophischer und ethischer Erwägungen abspielt, ist beweisbar. Dennoch sind gerade derartige Überlegungen für uns Pädagogen wichtig und richtungweisend, weit mehr, als es die Ergebnisse empirischer Untersuchungen sein können. Pädagogik ist eine Geisteswissenschaft. Nicht durch das mechanische Anwenden bestimmter, als wirksam dargestellter Verhaltenstricks scheidet sich die pädagogische Spreu vom Weizen, sondern zunächst einmal durch die grundlegende ethische und geistige Haltung, die als Bezugssystem für jegliches pädagogische Handeln dient.
Gelingt es uns, die Not schwieriger Kinder zu erkennen und zunächst einmal deren Vorhandensein einfach anzunehmen, ohne Hadern, Wertung oder Verurteilung, so können wir in der konkreten Situation – bildhaft gesprochen – einen Schritt zurücktreten und frei von persönlichem Gekränktsein professionell handeln. Die Art des professionellen Handelns bildet das zweite Kriterium, das den Weizen von der Spreu sondert, um bei dem vorhin gebrauchten Bild zu bleiben.
Kehren wir zurück zu dem Gedanken, dass alle schwierigen Kinder den sehnlichen Wunsch haben, „gut“ zu sein.
Schwierige Kinder, wohlgemerkt. Bei schwierigen Jugendlichen verhält es sich meiner Erfahrung nach bereits oft anders. Diese haben, wenn sie eine Kindheit lang mit dem Wunsch, „gut“ zu sein, gescheitert sind, ein Maß an Resignation erreicht, aus dem heraus sie es „den anderen“ (als da sind: Lehrer, Eltern, Gesellschaft) nur noch „zeigen“ und heimzahlen wollen. Ihr Motto könnte man so in Worte fassen: Wenn ihr mich schon nicht liebt, dann will ich euch wenigstens das Fürchten lehren!
Ein Teufelskreis ist entstanden: Jugendliche verhalten sich „schlimm“ und erfahren deshalb keine Liebe und Anerkennung, sondern Ablehnung. Weil sie keine Liebe und Anerkennung erfahren, gibt es für sie keinen Grund, sich „anständig“ zu verhalten. Sie werden eher immer noch schlimmer und erfahren deshalb immer noch mehr Ablehnung. Ihr Lebensmotto: „Wenigstens sollt ihr mich fürchten!“ gewinnt zunehmend an Bedeutung. Welch dürftige Ersatzbefriedigung für menschliche Nähe und Liebe ist das! Und wie unglücklich müssen junge Menschen sein, wenn sie erst einmal so weit gekommen sind!
Grundschullehrer arbeiten mit Kindern und haben sehr viele Möglichkeiten, dem Entstehen derartiger Teufelskreise vorzubeugen. Das wird ihnen aber nur gelingen, wenn sie souverän und professionell mit dem Thema „Disziplin“ umgehen können. Denn nur dann werden auch schwierige Kinder eine Möglichkeit bekommen, „gut“ zu sein und somit auch das Glück erleben, akzeptiert, geschätzt und gemocht zu werden.
Welcher Lehrer aber kann das einem Kind vermitteln, das ihn immer wieder scheitern lässt und ihm auf diese Weise immer wieder seine eigene mangelnde Kompetenz vor Augen führt?
In der Fernsehserie „Supernanny“ wurden Eltern gezeigt, die genau daran verzweifelten. Das Zur-Schau-Stellen außer sich geratener Kinder und hilfloser Eltern wurde nicht nur von Pädagogen, sondern auch von vielen Laien als befremdlich, unpassend oder geschmacklos empfunden. Doch gerade dadurch, dass...