Die Bearbeitung des späten Ibsen-Stückes stellt im wesentlichen eine Skelettierung dar. Der Autor zielt auf den Knochenbau. Es wurde der Frage nachgegangen, wie ein beschleunigter Ibsen im Informationszeitalter aussehen könnte. Der Autor musste dabei in Kauf nehmen, dass seine Bearbeitung bei geübten Theatermachern auf Befremden stieß und dass das Wort von der "Verhunzung eines Klassikers" schnell gesprochen war.

- 132 Seiten
- German
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Über dieses Buch
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Information
ERSTER AKT
Szene 1
BROVIK. Wo ist Ragnar, mein Sohn?
KAJA. Psst, Onkel, Solness ist nebenan. Er ist heute früher gegangen, um den Leuten, die draußen am Löwenstrand eine Villa bauen wollen, seine Entwürfe zu zeigen.
BROVIK (atmet schwer, hält sich am Stuhl fest).
Ach, wenn das nur einmal klappen würde.
KAJA. Was ist? Du siehst so elend aus.
BROVIK. Ach, Kind, ich fühle mich auch elendiglich.
KAJA. Du solltest Feierabend machen und an die frische Luft kommen.
BROVIK. Ich fürchte, mit ein bisschen frischer Luft ist es bei mir nicht mehr getan. Es sind wohl die Präludien für den, dessen Stunde demnächst schlägt.
KAJA. Aber so etwas darfst du doch nicht sagen.
BROVIK. Doch, Kind, man muss der Wahrheit eine Gasse lassen.
KAJA. Na dann geh aber jetzt nach Hause und ruh dich aus.
BROVIK. Soll ich dort ersticken, Kind, in meinen weißen Kissen? Nein. Ich habe noch eine Verabredung mit dem Schicksal.
KAJA. Was meinst du?
BROVIK (ballt eine Hand zur Faust, schlägt sie in die andere). Heute werde ich mir ihn vorknöpfen, deinen Chef.
KAJA (erschrocken). Ach, nein, lieber nicht heute, geh nach Hause, ruhe dich aus. Du kannst immer noch mit ihm sprechen, wenn du dich besser fühlst.
BROVIK. Nein. Ich hab das ganze Abgewarte satt. Heute werde ich ihm meine Meinung geigen. Ich will eine Entscheidung. Ragnar hat das verdient. Ich höre ihn. Er kommt. Verschwinde, ich will alleine mit ihm sprechen.
KAJA. Wie du meinst (ab, Auftritt Baumeister Solness).
SOLNESS. Ah, lieber Brovik, so spät noch im Amt, fleißig, fleißig (blickt sich um). Wo ist Kaja?
BROVIK. Ich habe sie hinausgeschickt.
SOLNESS. Hinausgeschickt? So.
BROVIK. Das arme Kind braucht nicht so deutlich zu erfahren, wie es um mich steht.
SOLNESS. Sind wieder irgendwelche Leute dagewesen?
BROVIK. Ja, die jungen Leute vom Löwenstrand, die dort ihre Villa bauen möchten.
SOLNESS. Ach, zum Teufel mit denen.
BROVIK. Sie wollten die Zeichnungen sehen. Es drängt ihnen sehr. Sie wollen baldestmöglich mit dem Bau beginnen.
SOLNESS. Jaja, das kenne ich. Das ist die Jugend! Immer schnell, schnell, schnell. Keinen Sinn mehr fürs Detail, Brovik, keinen Sinn mehr für irgendwas. Qualität will Weile haben. Ich hätte beim Kirchenbau bleiben sollen. Ich hätte niemals anfangen dürfen, diese Hundehütten zu konstruieren.
BROVIK. Diese Leute sind grundsolide. Es liegt ihnen durchaus an einem wohlgestalteten Heim.
SOLNESS. Ach, zum Teufel mit dem ganzen Scheißdreck. So eine Villa kann doch jeder Depp, der einen Bleistift spitzen kann und ein bisschen Papier zur Verfügung hat, dahinkritzeln. Mit diesem Kinkerfatz muss man sich doch nicht an den berühmtesten Baumeister seiner Zeit wenden (klopft sich auf die Brust).
BROVIK. Sie wollen die Arbeit also abgeben?
SOLNESS. Sicher. Die Arbeit sollte grundsätzlich immer nur der machen, der auch Lust dazu hat.
BROVIK. Und Sie haben keine?
SOLNESS. Nicht die mindeste. Kann man in diesem Haus denn keinen Kaffee bekommen? (ruft nach seiner Frau, erhält aber keine Antwort) Aline! Außerdem geht es mir auf den Sack, dass hier jeder klingeln und durch mein Haus stapfen kann wer will.
BROVIK. Früher haben Sie sich über Kunden nie beklagt.
SOLNESS. Früher, o Gott, ja, früher. Früher war auch das Gras noch etwas frischer, nicht wahr, und der Mond noch etwas heller? Früher…
BROVIK. …früher waren Sie mein Angestellter…
SOLNESS. …und musste nach Ihrer Pfeife tanzen. Jetzt sind Sie mein Angestellter und müssen nach meiner Pfeife tanzen. Empfinden Sie das nicht als einen Fall von ausgleichender Gerechtigkeit?
BROVIK. Ich will nicht undankbar erscheinen. Aber ich denke nein. Ich habe Sie immer anständig behandelt bis zu der Zeit hin, als Sie mir wirtschaftlich das Wasser abgegraben haben.
SOLNESS. Warum so bitter, Brovik? Habe ich Sie nicht immer gut bezahlt?
BROVIK. Ich will nicht klagen.
SOLNESS. Na also, was wollen Sie denn noch!?
BROVIK. Für mich will ich nichts, mit mir geht es eh bald zu Ende. Aber für meinen Sohn.
SOLNESS. Ragnar? Was ist mit ihm?
BROVIK. Er ist ein tüchtiger Mitarbeiter.
SOLNESS. Er ist ein tüchtiger Mitarbeiter.
BROVIK. Schnell, mit einer raschen Auffassungsgabe.
SOLNESS. Schnell, mit einer raschen Auffassungsgabe.
BROVIK. Agil und gewandt, er kann gut mit den Kunden.
SOLNESS. Agil und gewandt, er kann gut mit den Kunden.
BROVIK. Ein verlässlicher, ein treuer Mitarbeiter.
SOLNESS. Ein verlässlicher, ein treuer Mitarbeiter.
BROVIK. Ein guter Zeichner.
SOLNESS. Ein guter Zeichner.
BROVIK. Ein zukünftiger guter Architekt und Baumeister.
SOLNESS. Wie bitte!? Jetzt lassen Sie die Kirche aber mal im Dorf, mein lieber Brovik. Zwischen einem guten Bauzeichner und einem guten Baumeister liegt eine Lücke so groß, dass die längste Brücke der Welt von Danyang-Kunshan in China mit 164,8 Kilometern Länge nicht ausreichen würde, sie zu schließen.
BROVIK. Aber man muss dem Jungen doch eine Chance geben.
SOLNESS. Wieso sollte man? Hat er denn etwas Vernünftiges gelernt außer dem bisschen Zeichnen da?
BROVIK (räuspert sich). Ich möchte nicht ärgerlich scheinen. Aber Sie haben von ihrem Fach auch herzlich wenig verstanden, damals als Sie bei mir angestellt gewesen sind! Aber Sie haben sich auf den Hintern gesetzt und sich dann emporgeschwungen.
SOLNESS. Ja, sehen Sie, ich hatte Glück.
BROVIK (senkt den Kopf). Ja, das ist wohl wahr. Sie sind ein Glückskind.
SOLNESS (lacht). Dabei bin ich noch nicht einmal ein Sonntags-, sondern ein Montagskind.
BROVIK. Herr Solness, werter Herr Solness, schauen Sie mich doch einmal an. Sie können mich doch nicht in die Grube fahren lassen, ohne je erfahren zu haben, ob mein Sohn nun zu etwas taugt oder nicht?
SOLNESS. Jetzt regen Sie sich mal nicht so auf, mein Guter. Ihr Sohn kann bei mir arbeiten so lange er will. In diesen schwierigen Zeiten ist das wohl ein mehr als großzügiges Angebot.
BROVIK. Das ist es nicht. Der Junge ist bald dreißig. Er will heiraten, mit Kaja eine Familie gründen, vielleicht alles Dinge, die ich nicht mehr erleben werde. Solness, ich flehe Sie an, Sie müssen dem Jungen zu irgendeiner selbstständigen Arbeit verhelfen. Ich muss etwas sehen, das der Junge gemacht hat, verstehen Sie?
SOLNESS. Soso, heiraten will er also auch noch und ausgerechnet meine treue, fleißige und durchaus unentbehrliche Mitarbeiterin Kaja. Und überhaupt, Brovik, wie stellen Sie sich das eigentlich vor, zu einer selbstständigen Arbeit verhelfen, wachsen mir die Aufträge vielleicht aus der hohlen Hand, fallen Sie mir gar wie die gebratenen Täubchen im Schlaraffenland direkt in den Mund?
BROVIK. Aber er kann doch, wenn Sie einwilligen, den Bau der Villa draußen am Löwenstrand übernehmen!
SOLNESS. Was!? Die soll ich doch bauen!
BROVIK (verzweifelt). Aber Sie haben doch gar keine Lust dazu. Das haben Sie doch vorhin selbst gesagt.
SOLNESS. Ich!? Keine Lust!? Da müssen Sie sich abe...
Inhaltsverzeichnis
- Motto
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- ERSTER AKT
- ZWEITER AKT
- DRITTER AKT
- Weitere Informationen
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