Methodisches Denken
1859 veröffentlichte Charles Darwin sein Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“. Dieses Buch steht für einen der ganz großen Wendepunkte der Geistesgeschichte. In ihm beschreibt Darwin seine neuen Erkenntnisse über die Entwicklung des Lebens auf der Erde. Das Revolutionäre dieses Buches ist eben diese Darstellung einer Entwicklung: das Leben auf der Erde – pflanzlich wie tierisch – entwickelt sich nach bestimmten Kriterien immer weiter. Es ist nie fertig, sondern befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozess, der „Evolution“. Dieser Gedanke der Evolution soll nun auf das philosophische Denken übertragen werden. Auch dieses fiel nicht vom Himmel, sondern hat sich entwickelt. Wie die Evolution der Natur langsam Schritt für Schritt voranschreitet, hat sich auch das rationale Denken Schritt für Schritt entwickelt. Diese Entwicklung ist bis heute nicht abgeschlossen, dennoch ist ein Blick in die Ursprünge des Denkens sehr wichtig, da sie bis heute gültige Maßstäbe des Denkens setzen.
Die Philosophie ist nie fertig. Seit ihren Ursprüngen versucht sie, die Welt und den Menschen in der Welt zu erklären und zu deuten. Spötter haben gefragt, wie erfolgreich die Philosophie dabei ist, wenn sie sich nach 2.500 Jahren immer noch an den gleichen Fragen abkämpft. Die Antwort darauf kann in einem Hinweis auf die Evolution liegen. Auch diese ist nie fertig, sondern sie existiert in einer ständigen Weiterentwicklung. Das biologische Leben einer Art steht vor immer neuen Herausforderungen, auf die es reagieren und vor denen es sich bewähren muss. Was vielleicht in der Vergangenheit erfolgreich war, ist es in der Gegenwart nicht mehr. Die Flexibilität, sich auf eine neue Situation einzurichten, entscheidet darüber, ob eine biologische Art eine Zukunft hat oder untergeht. Ähnlich befindet sich auch die Philosophie in einer Evolution. Sie stellt immer die gleiche Frage danach, wie die Welt und der Mensch in der Welt funktioniert, wie der Mensch in der Welt Sinn erfahren kann, wie er ethische Werte erkennen kann und was eigentlich ethische Werte sind. Diese Fragen sind in der Tat dieselben wie vor 2.500 Jahren. Aber viele Antworten verlieren im Laufe der Zeit ihre Gültigkeit. Sie müssen immer wieder hinterfragt werden, neue Antworten müssen gesucht und auch diese wieder hinterfragt werden. Es ist ein immer neues Anrennen, wie es auch die biologische Evolution ist. Hier wie dort ist dieses Anrennen notwendig. Es ist kein ewiger Kreislauf, sondern eine Entwicklung, ein Voranschreiten. Diese Entwicklung des philosophischen Denkens hat in der Antike begonnen und ein Blick auf diesen Beginn verrät sehr viel über die Mechanismen, nach denen sich das rationale Denken auch heute weiterentwickelt.
Die Entwicklung der Philosophie dauerte viele Jahrhunderte. In vorliegendem Buch wird dieser Weg in einzelne methodische Schritte aufgespalten, die es möglich machen, diesen Weg nachzuvollziehen und gedanklich „nachzugehen“. Von diesen Schritten werden sieben beschrieben. Dabei musste an verschiedener Stelle willkürlich gehandelt werden: es wäre möglich gewesen, sechs Schritte zu finden, oder neun oder elf oder sechzehn. Es wurden sieben. Hierfür gibt es verschiedene Gründe: zum einen ist die Zahl Sieben die Zahl der Vollkommenheit und wird einfach immer wieder gerne eingesetzt, von den sieben Weltwundern und den sieben Hügeln Roms bis zu den sieben Zwergen. Zum anderen erlaubt die Siebenzahl einen didaktisch sinnvollen Einsatz in der beraterischen Praxis: zu zwölf Schritten ist es ausgesprochen schwierig, Seminare und Workshops in einem zeitlich annehmbaren Rahmen zu veranstalten. Der Hauptgrund für die Siebenzahl ist aber der, dass er sich auch inhaltlich aufdrängt. Wenn einer dieser Schritte fehlen würde, wäre der Weg nicht vollständig; umgekehrt hat sich kein weiterer Schritt als notwendig für die Darstellung dieses Weges erwiesen.
Die leitende Frage für das Auffinden dieser sieben Schritte war folgende: Welche Schritte hat es gebraucht, bis die Philosophie als Methodik des Denkens komplett war? Wo war der inhaltliche Beginn und bis wann musste es dann weitergehen, bis man sagen kann: es ist vollständig! Bei dem Finden dieser Schritte kann man zum einen den Angaben der antiken Philosophen selbst vertrauen, die durchaus auch schon über diese Dinge nachgedacht haben, aber auch dem gesunden Menschenverstand. Dabei wird natürlich immer wieder auf die Philosophen verwiesen, vor allem auf die Philosophen, die diesen Weg damals gebaut haben, aber auch auf andere Philosophen, die helfen, diese Schritte zu erklären. Um diesen Weg methodisch sauber darzustellen, ist man gezwungen, die alten Philosophen sprechen zu lassen, aber eben nur insofern sie zu diesem Weg des Denkens beigetragen haben. Hierbei kam es zu entsetzlichen Sünden, für die ich mich als Autor entschuldigen muss. Denn diese Reduktion auf das Wesentliche dieses Weges machte es leider erforderlich, das abzuschneiden, was diesen Weg hätte zuwuchern lassen: das Große, das diese Philosophen von damals auch gedacht haben, was mir aber bei der Darstellung dieses Weges nicht geholfen oder mich sogar behindert hätte. Dies führte dazu, das wirklich umfassende und großartige Werk eines Platon oder eines Aristoteles nur auf die Teile zu beschränken, die eben helfen, die Entwicklung des rationalen Denkens als Methodik darzustellen, und alles andere zu missachten. Der um Klarheit ringende Leser wird es mir danken, trotzdem bleibt es eine Sünde, für die ich mich bei den großen Philosophen entschuldigen muss.
Im Folgenden werden nun die sieben Schritte philosophischmethodischen Denkens präsentiert. Jeder einzelne Schritt beginnt mit einer historischen Darstellung. Wichtige Personen und Umstände werden geschildert, die damals diesen Schritt ent-wickelt haben. Bedeutende Philosophen werden zumindest kurz biographisch dargestellt. Danach geht es jeweils darum, die Relevanz dieses historisch lange zurückliegenden Schrittes für die heutige Beratung herauszustellen. Dies gilt für zwei verschiedene Bereiche: für den der Unternehmens- bzw. Organisationsberatung, aber auch für die persönliche Beratung. Beide Bereiche sind mögliche Felder philosophischer Beratung. Sie werden zwar voneinander getrennt dargestellt, dennoch empfiehlt es sich, beide zusammen zu lesen, und auch so zu lesen, dass sie aufeinander verweisen. Bestimmte Dinge, die dem persönlichen Kontext zugeordnet wurden, können auch im unternehmerischen Zusammenhang wichtig sein und umgekehrt. Ganz abgesehen davon, dass auch die unternehmerische Beratung letztlich auf Personen zielt.
Zu beiden Bereichen befinden sich zudem kurze praktische Hinweise. Die praktische Durchführung philosophischer Beratung ist in beiden Bereichen sehr unterschiedlich. Während die persönliche Beratung gewöhnlich in einem Einzelgespräch vorgenommen wird, findet die unternehmerische Beratung zumeist in Gruppen statt. Die äußere Form dieser Beratung kann sehr unterschiedlich sein. Es kann sich um einen Workshop mit einer Gruppe handeln, die aus einem einzigen Unternehmen stammt und eine vorgegebene Fragestellung bearbeiten soll, es kann sich aber auch um ein Seminar mit einer Gruppe handeln, die aus verschiedenen Unternehmen zusammengesetzt ist und die an unterschiedlichen Fragen arbeiten wollen bzw. die philosophische Methodik als solche kennenlernen wollen, um sie zukünftig für ihre Belange einsetzen zu wollen. Die praktischen Hinweise legen sich hier nicht auf eine äußere Form fest.
Die praktischen Hinweise werden mit verschiedenen Impulsfragen beschlossen. Diese sind Möglichkeiten und durch weitere Fragen zu ergänzen. Es ist jedoch wichtig für die Praxis, mit Fragen zu arbeiten, die möglichst offen gewählt sein müssen, um dem philosophische Arbeiten und dem Denken viel Freiraum zu gewähren. Dabei ist Freiheit natürlich nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln. Die Fragen stehen immer im Kontext des gerade anstehenden Schrittes.
In der abschließenden Zusammenfassung werden die einzelnen Schritte noch einmal kurz dargestellt, um die Beziehungen dieser Schritte untereinander zu verdeutlichen. Methodisches Denken beruht auf einer bestimmten Folge von Schritten und auf bestimmten Verhältnissen zwischen den Schritten, die es zu beachten gilt. Erst ein solcher Aufbau macht eine Methode zur Methode, und um diese soll es ja gehen.
1. Das Staunen
Was ist der Anfang der Philosophie? Womit beginnt die Philosophie? Um eine Sache zu erklären und wirklich zu verstehen, ist ein Blick auf ihren Ursprung hilfreich. „Herkunft ist immer auch Zukunft“ lautet ein berühmtes Zitat von Heidegger. Eine Sache kann sich nie ganz von ihrem Ursprung lösen, sie wird immer wieder auf ihn zurückgestoßen. Der Ursprung prägt eine Sache, baut an ihr weiter und beeinflusst so ihre Zukunft. Wie auch ein Mensch in vielem an seine Ursprünge gebunden bleibt und vieles am Menschen durch seine Ursprünge erklärbar ist. Auch seine Zukunft.
Dies gilt auch für die Philosophie. Was steht an ihrem Anfang? Im I. Buch seiner „Metaphysik“ schreibt Aristoteles den berühmten Satz: „Das Staunen ist der Anfang der Philosophie.“ 8 Ähnlich äußert sich auch Platon in seinem „Theaitetos“: „Das Staunen ist der Zustand eines Philosophen, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“9 Die Philosophie beginnt nicht damit, Dinge zu analysieren, Thesen zu entwickeln oder in sich ruhend über das Sein der Welt nachzudenken, sondern mit dem Staunen. Das einfache Staunen darüber, dass etwas ist. Der Anfang der Philosophie ist das Staunen über die Wirklichkeit, die eben nicht selbstverständlich ist, sondern Grund ist, darüber zu staunen, dass sie ist. Man trifft auf etwas, und man staunt, dass es existiert. Die gegenteilige Haltung, alles als selbstverständlich hinzunehmen, wird bereits in der Antike Tieren oder besonders einfältigen Menschen zugeschrieben. So schreibt beispielsweise Theophrast, dass ein Mensch, den nichts erstaunen könnte, den Charakter eines Bauern habe.10 Durch das Staunen, so die antiken Autoren, beginnt der Mensch über das nachzudenken, was er jeden Tag sieht und eben nicht mehr als selbstverständlich hinnimmt. Das Staunen besiegt die Einfältigkeit, es erhebt den Menschen über das, was ihn erstaunen lässt, weil er sich nicht mehr nur als hilflosen Teil dieser Wirklichkeit sieht, die er einfach hinnimmt.
Es gibt eine Szene, die man vielleicht als die Ursprungsszene der Philosophie bezeichnen kann. Es ist eine Szene aus der Odyssee von Homer, also mehrere Jahrhunderte vor der klassischen Zeit Griechenlands entstanden.11 Folgende Situation: Odysseus ist mit seinen Gefährten auf der Insel der Zauberin Kirke gelandet. Diese verwandelt die Gefährten in Schweine. Odysseus begibt sich auf die Suche nach ihnen. In einem tiefen Wald begegnet Odysseus dem Gott Hermes in Gestalt eines jungen Mannes. Dieser klärt Odysseus über das Schicksal seiner Gefährten auf und warnt ihn, dass ihm Ähnliches drohen würde. Hermes weist ihn aber auf eine Pflanze hin, die „Moly“ genannt wird, die den Zauber brechen kann und Kirke damit machtlos macht. Eine solche Pflanze wächst unmittelbar in der Nähe. Hermes zieht sie aus dem Boden und zeigt sie Odysseus, bevor er sie ihm gibt.
Dieses Zeigen ist die für uns entscheidende Stelle. Es folgt eine Beschreibung der Pflanze, die auf den heutigen Betrachter unauffällig wirkt und schnell überlesen wird, aber eine geistige Revolution verbirgt. Hermes zeigt Odysseus die Pflanze und beide schauen sich in Ruhe die Pflanze an: sie hat eine schwarze Wurzel und eine Blüte, die weiß wie Milch ist. Was passiert in diesem Augenblick, in dem beide auf diese Pflanze blicken und sie im Detail wahrnehmen? Sie staunen, sie schauen sich neugierig eine Pflanze an. Diese Pflanze ist nicht besonders groß oder auffällig und trotzdem erkennen die beiden in ihr etwas Besonderes. Sie ist nicht etwas Selbstverständliches, sondern schon deshalb etwas Besonderes, weil sie existiert.
Das mag erstmal nicht spektakulär klingen. Das, was diese Szene so herausragend macht, wird vielleicht deutlicher, wenn wir einen Blick in die anderen Kulturen jener Zeit werfen. Auch dort gab es Naturbeschreibungen, aber die waren anderer Art. Die Natur wurde beschrieben, um auf ihren Schrecken oder ihre Bedrohung aufmerksam zu machen oder sie wurde beschrieben, um ein Lob auf den Gott anzustimmen, der diese Natur geschaffen hat. Das Wichtige: die Natur oder eine Sache war nicht um ihrer selbst willen wichtig und wurde deshalb auch nicht für sich gesehen, sondern immer auf etwas Anderes hin. Die Natur zählte nicht für sich und deshalb interessierte sich auch keiner für sie. Es ist spannend zu sehen, wie bereits an einem sehr frühen Zeitpunkt in Griechenland eine andere Haltung auftaucht, die sich in dieser Szene der Odyssee niedergeschlagen hat: ein staunendes Interesse an der Natur an sich. Die Texte anderer Kulturen erzählen von der Gewalt des Meeres, die den Seefahrer bedroht. Sie erzählen von hohen Bergen, die Abbild der Größe des Schöpfergottes sind. Und Homer erzählt von einem Menschen und einem Gott, die sich zusammen eine kümmerliche Pflanze anschauen, sie anfassen, umdrehen und feststellen, dass sie schwarz ist und milchweiße Blüten hat. Keine Schilderung einer großen Naturgewalt, kein Lobpreis Gottes, sondern das interessierte Betrachten einer unauffälligen Pflanze, die am Wegesrand wächst.
Nicht ohne Zufall taucht in dieser Szene zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit das Wort für „Natur“ auf, die „Physis“. Hermes und Odysseus schauen sich die „Natur“ dieser Pflanze an. Die Natur ist etwas, das aus sich heraus gewachsen ist, aus sich heraus einen Wert besitzt und das man um seiner selbst willen staunend betrachten kann. Der Gedanke an eine „Natur“ konnte nur da entstehen, wo die Wirklichkeit als etwas Eigenständiges, aus sich selbst heraus Gewachsenes wahrgenommen wurde und nicht nur als Schöpfung eines oder mehrerer Götter.
Das Revolutionäre dieser aus heutiger Sicht unauffälligen Szene ist die neue Haltung, die man der Wirklichkeit entgegenbringt. Es ist eine neugierige, fragende, aufmerksame und interessierte Haltung. Der Grund dieser Haltung ist das Staunen: man läuft nicht durch die Welt und sieht lauter Selbstverständlichkeiten, die man einfach hinnimmt, sondern eine Sache erregt Aufmerksamkeit: sie ist nicht selbstverständlich; man staunt über sie und will etwas über sie erfahren. Es ist kein Zufall, dass diese Haltung erstmals in Griechenland spürbar wird, dem Land, in dem sich dann später die Philosophie entwickeln wird. Jahrhunderte vor dem Beginn der Philosophie ist bei Homer dieses Staunen spürbar, das die Grundlage jedes philosophischen Nachdenkens und jeder Wissenschaft bildet. Dass die Griechen im Laufe der Zeit revolutionäre Kenntnisse in den Naturwissenschaften vorlegen konnten, ist das Ergebnis dieser Haltung. Männer wie Euklid, Archimedes oder Pythagoras haben ihre revolutionären Erfindungen und Entdeckungen gemacht, weil sie sich für die Natur und die gesamte Wirklichkeit interessiert haben, weil sie über ganz normale Dinge gestaunt haben und wissen wollten, was da eigentlich passiert und wie es zu erklären ist.
Diese Haltung ist nicht selbstverständlich und wird im Laufe der Antike wieder verloren gehen – und mit ihr der philosophische und naturwissenschaftliche Fortschritt. Die neu erwachte Religiosität in der späteren Antike und im Christentum wird aus dem Interesse an der Natur wieder ein Interesse am Schöpfer der Natur machen. Dies ändert sich dann wieder im späteren Mittelalter. Auch hier sind es für uns unauffällige oder selbstverständliche Dinge, die den neuen Wandel ankündigen: diesmal eine Bergwanderung. Im April 1336 besteigt der italienische Dichter Petrarca den hohen Mont Ventoux und ist überwältigt von der Natur, die sich ihm darbietet. Hören wir ihn selbst:
„Zuerst von ungewohntem Zug der Luft und dem freien Schauspiel ergriffen, stand ich wie ein Staunender – ich schaue zurück: da lagerten die Wolken zu meinen Füßen. Schon erschien mir minder fabelhaft der Athos und Olympus, da ich das, was ich von jenen gehört und gelesen hatte, an einem minder berühmten Berge erschaue. [...] Also beweinte ich meine Unvollkommenheit, bemitleidete die allgemeine Wandelbarkeit menschlicher Handlungen und hatte schier vergessen, warum ich heraufgekommen, bis ich einsah, dass noch andere Orte passender seien, sich mit Sorgen zu plagen, und bis ich das betrachtete, dessen Anblick zulieb ich heraufgestiegen.“12
In den Jahrhunderten davor wäre kein Mensch auf die...