Teil 1: Was ist Machbarkeit?
Oder: Die Grenzen von innen erforscht
Warum ĂŒberhaupt Machbarkeit? Nun, es ist einfach: Versuchen Sie mal, sich eine Welt vorzustellen, in denen Ihre Handlungen keine auch nur annĂ€hernd vorhersagbaren oder nachvollziehbaren Konsequenzen haben. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie gehen am Morgen aus der TĂŒr und stehen in einem anderen Treppenhaus als dem Ihren. Sie erschrecken und wollen zurĂŒck in Ihre Wohnung. Geht aber nicht, weil Ihr SchlĂŒssel nicht in das Schloss der TĂŒr passt, aus der Sie gerade herausgekommen sind. So könnte irgendein psychodelischer Thriller anfangen, der sich dann natĂŒrlich mit dem Thema beschĂ€ftigt, ob der Hauptdarsteller2 nicht einfach nur verrĂŒckt oder auf einem Trip ist.
Moment fĂŒr Moment so zu erleben, dass sich unser Leben als Kontinuum darstellt und irgendwie handhabbar ist, stellt fĂŒr die meisten von uns die Grundlage geistiger und seelischer Gesundheit dar und ist unabdingbar fĂŒr das tĂ€gliche Ăberleben. Dieser Zusammenhang â ich tue etwas und ein zu erwartendes Resultat tritt ein â beruht auf der Annahme der Machbarkeit. Sie ist das Prinzip, das unserem Alltagsleben zugrunde liegt. Eine subtile Angst vieler Menschen ist es, dass dieses Grundprinzip plötzlich nicht mehr funktioniert. Genau deswegen ist es der AufhĂ€nger fĂŒr dieses Buch. Ein Buch, das die bange Frage aufwirft: Wo endet diese Grundannahme? Bevor wir uns der Frage widmen, was sich am Ende dieser Grundannahme alles abspielt, mĂŒssen wir aber erst einmal das genauer kennenlernen, worum es eigentlich geht, nĂ€mlich die Machbarkeit.
Es gibt immer zwei Möglichkeiten, sich einer Grenze zu nĂ€hern: von der bekannten Seite oder von der unbekannten Seite her. Wir werden in diesem Buch beides tun. In Teil 1 pirschen wir uns von der bekannten Seite â also von der Machbarkeit aus â an die Grenze heran und werfen einen Blick hinĂŒber. In Teil 2 lassen wir uns auf der anderen Seite absetzen und schauen, was uns das bringt. Erst dann haben wir das Areal der Machbarkeit und der ,Nicht-Machbarkeitâ soweit erkundet, dass wir uns eine altbekannte Alternative zur Machbarkeit in Teil 3 und Teil 4 genauer anschauen können.
Sie brauchen Teil 1 und Teil 2 nicht zu lesen, um Teil 3 oder Teil 4 dieses Buchs zu verstehen. Ganz im Gegenteil: Direkt mit Teil 3 oder Teil 4 zu starten, ist genauso gut. Und wenn Sie dann ĂŒber ein paar Fragen stolpern, schmökern Sie einfach in Teil 1 und Teil 2. FĂŒr alle, die sich dem Ende der Machbarkeit langsam annĂ€hern wollen, hier also die schrittweise Erkundung der Machbarkeit: je Kapitel jeweils ein Einzelaspekt, der fĂŒr sich genommen Machbarkeit beleuchtet. Zusammen genommen erlauben die Einzelaspekte dann, Machbarkeit in ihrer Wirkung zu sehen.
Innen versus AuĂen: Ăber eine Grenze, die keine ist
Es gibt eine Grenze, die Sie nicht dauerhaft ĂŒberwinden können, egal, wie sehr Sie es wollen und versuchen. Es ist die Grenze zwischen dem Ich und dem, was nicht âIchâ ist. Diese Grenze hat unter anderem eine Eigenschaft: Egal, wie sehr Sie sich anstrengen, Sie werden immer von innerhalb dieser Grenze erleben und agieren; zumindest, solange Sie sich als physisches Wesen in einer physischen Welt befinden. Sie können AuĂenperspektiven einnehmen, selbstlose Taten vollbringen oder Drogen nehmen und auf einen tollen Trip kommen. Derjenige, der das tut, kann all das nur aus einem erlebten Inneren heraus tun, weil es immer eine Instanz gibt, die es erlebt. Und das ist das âIchâ oder eben das Innen; zumindest fĂŒr den Moment.
Wohlgemerkt: Ich rede von uns als physische Wesen in einer physischen Welt mit einem Erleben von uns und dieser Welt. Ob Sie nun daran glauben oder nicht, es gibt Menschen, die Einheitserfahrungen machen. In solchen Momenten löst sich das Ich auf. Es ist weg. Und weil es weg ist, gibt es auch kein Erleben von Innen und AuĂen mehr. Genau genommen, gibt es in diesem Moment gar kein Erleben mehr. Wir wissen das, weil uns Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, davon berichtet haben. Dazu mussten sie allerdings in ihr Alltags-Ich zurĂŒckkehren â und schon ist die Grenze zwischen Innen und AuĂen wieder da. Eigentlich war sie auch nie weg, aber dazu spĂ€ter mehr.
Wir sind auf der Suche nach den Grenzen des Machbaren. Machbares kann â davon gehen wir jetzt einmal vereinfachend aus â nur in einer physischen Welt stattfinden.3 Warum? Weil nur hier die Möglichkeit besteht, eine Situation zu erleben, dann zu handeln, um die Situation zu Ă€ndern, und dann objektiv zu ĂŒberprĂŒfen, ob und wie sich die Situation zu dem entwickelt hat, was wir uns vorher vorgestellt haben. Und all das natĂŒrlich auf der Basis der Vorstellung und dem Erleben (Innen), das ich von der Situation und der Welt (AuĂen) habe. Das möge uns als Definition fĂŒr Machbarkeit fĂŒr den Augenblick reichen.
Ich sage das, weil uns damit Einheitserfahrungen im Moment nicht interessieren. Der erlebte Unterschied zwischen Innen und AuĂen ist eine Grundvoraussetzung fĂŒr Machbarkeit, und genau den gibt es in Erleuchtungs- bzw. Einheitserfahrungen fĂŒr die Dauer dieser Erfahrung nicht.
Nun wĂ€re es schön, wenn diese erlebte Grenze zwischen Innen und AuĂen irgendwie fix wĂ€re. Das wĂŒrde die Sache mit der Machbarkeit extrem vereinfachen. Dann hĂ€tten wir einfach eine Menge begrenzte Innen, die im Inneren Ideen von dem entstehen lassen, wie das AuĂen sein soll, und dann solange an dieser Grenze zwischen Innen und AuĂen agieren, bis das gesamte AuĂen so ist, wie es in der inneren Idee davon aussieht. So einfach ist es aber nicht.
Es geht schon da mit los, dass es diese Grenze âobjektivâ gar nicht gibt. Objektiv bedeutet in diesem Fall, dass sich alle, oder zumindest eine interessierte Mehrheit, einig darĂŒber sind, dass diese Grenze zwischen Innen und AuĂen existiert. Aber dem ist nicht so. âKlarâ, könnten Sie jetzt denken, âdas Innen ist unser physischer Körper, der durch die Haut begrenzt istâ. Nun, schon hier haben Sie den Teil der Biologen, Ăkologen und Mediziner verloren, die sich mit diesem Thema beschĂ€ftigen; und die sollten es ja wissen, das sind die Fachleute. Die werden einfach ein bisschen genauer hinschauen und plötzlich ist die Haut nicht mehr die Haut, sondern eine Art eigenes Universum mit Millionen von verschiedenen Einzelwesen â Zellen, Zellkonglomerate, Bakterien, ⊠â die alle vor allem eines tun, nĂ€mlich miteinander kommunizieren. Neben dem Kommunizieren ist noch das Regenerieren eine wichtige TĂ€tigkeit und das Aufrechterhalten der bestehenden Struktur.4 âUnd eine Grenzeâ, werden Ihnen die Fachleute sagen, âist die Haut schon gar nichtâ. Ganz im Gegenteil. Kein Organ ist so durchlĂ€ssig wie die Haut.
Allerdings bringt uns diese Diskussion nur bedingt weiter. Selbst wenn wir uns fĂŒr die AnnĂ€herung an das Thema Machbarkeit darauf einigen, dass die physische Grenze zwischen Innen und AuĂen, also zwischen dem physischen Ich und allem anderen, die Haut ist, bleibt die Frage, wie man diese Grenze auf einer Ebene des individuellen Erlebens finden soll. Oder genauer: wer diese Grenze definiert. Und da gibt es genau eine Antwort: Sie tun das. Und zwar mit Ihrer eigenen Grenze zwischen Innen und AuĂen. Und Sie tun es permanent, wenn auch einen GroĂteil der Zeit unbewusst.
Sie bestimmen jeden Moment neu, wo diese Grenze verlĂ€uft. Nehmen wir ein in unserer Zeit gĂ€ngiges Beispiel, den Kult um den schlanken Körper, den Versuch, abzunehmen. Dieses Unterfangen können Sie nur betreiben, wenn Sie das Fett, das Sie loswerden wollen, vom Innen ins erlebte AuĂen verbannen. Es befindet sich natĂŒrlich nach wie vor innerhalb Ihrer Haut, also Ihres physischen Körpers, aber in dem Moment, in dem Sie es zu ,Mein Fett, das ich loswerden willâ machen, ist es nicht mehr Teil Ihres erlebten Ichs. Machen Sie Ihr Fett nicht zu einem Teil des AuĂen, dann wird es schwierig, es loszuwerden, weil Sie nur noch ein Bruchteil Ihres Ichs wĂ€ren, sobald Sie das Fett weggehungert hĂ€tten.
Aber auch auf nicht-physischer Ebene finden wir diese von Ihnen verschiebbare Grenze zwischen Innen und AuĂen. Zum Beispiel bei schlechten Angewohnheiten. Wir tun etwas. Wir tun es immer und immer wieder und es gefĂ€llt uns selbst nicht. Wir werden uns dessen bewusst und nennen es ,schlechte Angewohnheitâ. Genau in dem Moment, in dem wir uns dessen bewusst werden, ist es vom âIchâ zum âMeinesâ geworden. In diesem Moment gibt es mich (Innen) und meine schlechte Angewohnheit. Und schon ist die schlechte Angewohnheit auf die andere Seite der Grenze verbannt: ins AuĂen. Und dort wartet die Machbarkeit!
Selbst in die andere Richtung funktioniert das: Wir eignen uns einen Teil der Ă€uĂeren Welt an und machen ihn zum Ich. Wir holen ihn von auĂen nach innen. Ein Beispiel? Das neue iPhone ist da und natĂŒrlich wollen wir es haben. Wir fĂŒhlen uns unvollstĂ€ndig, solange wir noch mit dem alten Modell herumlaufen. Dann kaufen wir es schlieĂlich â und mit einem Mal fĂŒhlen wir uns wieder glĂŒcklich und âganzâ. Dabei spielt es keine Rolle, dass wir diese Mechanismen intellektuell komplett durchschauen. Das Erleben bleibt das gleiche.
Ăhnlich funktioniert das mit dem âSelbstdefinierenâ der Grenzen zwischen Innen und AuĂen auch auf einer kollektiven Ebene. Nehmen Sie einen beliebigen Staat dieser Welt, ĂŒber dessen Grenzen FlĂŒchtlinge hereinströmen. In der Regel ist eine groĂe Sorge, dass der Staat fĂŒr den Lebensunterhalt der FlĂŒchtlinge aufkommen mĂŒsse, was die Ressourcen fĂŒr die eigenen BĂŒrger angeblich schmĂ€lert. Die Frage ist also: reinholen (zu einem von uns machen, einbĂŒrgern) oder drauĂen lassen (vielleicht noch in FlĂŒchtlingslagern unterbringen â also physisch reinholen â aber sicher nicht einbĂŒrgern, auch nicht temporĂ€r)? Wenn im selben Land aber FachkrĂ€fte fehlen, wird der Staat alles daransetzen, diese FachkrĂ€fte aus anderen Staaten anzuwerben und langfristig zu binden. Am besten ĂŒber EinbĂŒrgerung, wobei es keine Rolle spielt, ob diese FachkrĂ€fte aus demselben Land kommen wie die FlĂŒchtlinge, die man nicht nach âInnenâ holt.
Zugegeben, ein sehr einfaches Beispiel, obwohl so erlebt. Alles, was es verdeutlichen soll, ist, dass es keine feste Grenze zwischen Innen und AuĂen gibt und dass diese Grenze permanent vom Innen neu definiert wird.
Diese Grenze ist unabhĂ€ngig von einer physischen Grenze. FĂŒr die Machbarkeit ist diese Grenze zwischen erlebtem Innen und AuĂen allerdings essenziell, weil nur an dieser Grenze Handeln möglich ist. Ziel von Machen ist es, das AuĂen zu verĂ€ndern, um das Erleben zu verbessern, oder zumindest nicht zu verschlechtern. Erleben können aber immer nur einzelne im Innen. Selbst wenn es ein kollektives Erlebnis ist. Dazu aber spĂ€ter mehr. FĂŒr jetzt gilt: GĂ€be es kein AuĂen, dann gĂ€be es nichts zu verĂ€ndern und damit kein âMachenâ.
Was genau ist aber Machbarkeit, wenn das Feld, in dem sie stattfindet, nicht zu fassen ist, weil es von mir oder dem Innen, dem ich angehöre, permanent neu definiert wird? âUnd wer bin ich dann ĂŒberhauptâ, werden Sie jetzt möglicherweise fragen, âwenn ich ja angeblich meine Grenzen zumindest auf der Erlebens-Ebene beliebig verschieben kann?â. Können Sie nicht. Oder, um exakt zu sein: können die meisten von uns nicht. Oder, um noch exakter zu sein: wollen die meisten von uns nicht.
Warum wollen wir das nicht? Nun, es liegt am Ego. Wir werden diesem Ego im Laufe des Buchs noch öfter begegnen; dieser Instanz, die jedem von uns innewohnt und die in den letzten Jahrzehnten mit dem groĂen Einzug der so genannten âöstlichen Weisheitenâ in die westliche Welt vollkommen zu Unrecht in Verruf geraten ist. Lassen Sie uns â nur fĂŒr den Moment und einmal mehr sehr ungenau â sagen, das Ego sei unser Alltags-Ich. Der Teil des Ichs â oder eben auch erlebten Innen â, der uns in unserer Alltagswelt am Ăberleben hĂ€lt. DafĂŒr wird er alles tun! Und eine Strategie, die das Ego von Anfang an verfolgt, auch um uns vor anderen zu schĂŒtzen, ist, eine IdentitĂ€t aufzubauen. Etwas, von dem es sagen kann: Das bin ich. Ich mit meiner Geschichte. Ich mit meinen StĂ€rken und SchwĂ€chen. Ich mit meinen Freuden und Schmerzen. Und jeder neue Moment wird vom Ego â also von der Ich-Instanz, die den Alltag meistert â in diese IdentitĂ€t integriert, indem er zu einer Erinnerung gemacht wird, ZusammenhĂ€nge hergestellt werden, Bewertungen angehĂ€ngt werden und noch vieles mehr, bis die IdentitĂ€t ein bisschen gewachsen ist, ohne dass dabei WidersprĂŒche zurĂŒckbleiben. Das letzte, was das Ego bei diesen heroischen BemĂŒhungen brauchen kann, ist die Idee, dass Sie selbst Ihre Grenzen wĂ€hlen und definieren. Was Ihr Ego auch nicht mag, ist, dass ich ĂŒber Ihr Ego rede und gleichzeitig Sie adressiere, als gĂ€be es auĂer Ihrem Ego noch eine andere Ich-Instanz. WĂ€re das so, wĂ€re nĂ€mlich die ganze, schöne Arbeit, eine IdentitĂ€t aufzubauen, futsch! Warum? Weil das Ego dann etwas wĂ€re, das von Ihrer anderen Ich-Instanz, die ich gerade in Ihnen anspreche, ins âAuĂenâ manövriert werden könnte. Wie gemein!
Einmal mehr der Hinweis, dass es nicht darum geht zu bewerten, ob das nun gut oder schlecht ist. Was uns hier interessiert ist, was das mit Machbarkeit zu tun hat.
Teil Ihrer IdentitĂ€t ist ein in sich stimmiges Abbild der AuĂenwelt und Ihrer Beziehung zu dieser AuĂenwelt. Ist dieses Bild nicht mehr stimmig, passiert genau das, was wir (vorlĂ€ufig) als Machen definiert haben: Die AuĂenwelt muss an das angepasst werden, was laut Vorstellung des Egos am besten fĂŒr Ihre stimmige IdentitĂ€t5 ist.
Leider wird hier schon klar, dass die bisherige Definition von Machen nicht ausreichend ist. Warum? Weil das Agieren an der Grenze zwischen Innen und AuĂen natĂŒrlich unweigerlich die Grenze selbst verĂ€ndert. Sich das einzugestehen, wĂ€re fĂŒr unser Ego allerdings ein weiteres Mal unmöglich. AuĂer natĂŒrlich, es findet eine geeignete Bewertung dafĂŒr. Eine, die es annehmen kann und die der hart erarbeiteten IdentitĂ€t nicht zuwiderlĂ€uft. Persönliches Wachstum zum Beispiel ist fĂŒr viele eine solche akzeptable Bewertung; oder soziales Engagement oder eben jedes Verhalten, das auf Werten beruht, die gesellschaftlich gerade âgeltenâ.6
Verwirrt? Hier noch einmal die Grundaussagen zum Thema Innen und A...