Wie wird TotalitĂ€t in der Literatur dargestellt? Um dieser Frage nachzugehen, muss man sich zunĂ€chst klar darĂŒber werden, dass Wörter wie Welt, Erde und Globus im alltĂ€glichen Sprechen sowie im Fachjargon heutiger Globalisierungsdebatten zwar allgegenwĂ€rtig sind, dass sich hinter ihnen aber hĂ€ufig problematische Vorannahmen und unausgesprochene Vorstellungen von Ganzheit verbergen. Daher untersucht diese Studie die Verwendung solcher Figuren der Ganzheit (Welt, Erde etc.) in ausgewĂ€hlten literarischen Texten des 18. und 19. Jahrhunderts (Swifts Gullivers Travels, Voltaires Candide und Melvilles Moby-Dick). Vor dem Hintergrund dieser Phase, in der die Expansion des modernen Welt-Systems globale AusmaĂe anzunehmen beginnt, wird aufgezeigt, dass die Literatur dieser Zeit nicht nur aktiv das Bewusstsein von der gröĂer werdenden TotalitĂ€t mitgestaltet, sondern darĂŒber hinaus reflektiert, dass das zunehmende Eins-Sein der Welt keineswegs die harmonische Einheit eines globalen Zusammenhalts, sondern stattdessen eine in Kriege, Sklavenhandel und Kolonialismus verwickelte, asymmetrische Ganzheit hervorbringt. DarĂŒber hinaus wird zum ersten Mal untersucht, wie die literarischen Texte in diesem Kontext Körper inszenieren, um die Vorstellungen von der Gestalt, dem Umfang und dem Zustand der Welt dieser Zeit zu verhandeln.

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Welt als Körper
Die Darstellung von Ganzheit bei Swift, Voltaire und Melville
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- German
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Information
1 Das expandierende Welt-System
1.1 Expansion, die endliche ErdoberflÀche und Kompression
Um 1500 beginnt ein Prozess, der verschieden benannt und konzeptualisiert wurde: so ist in Texten und Theorien die Rede vom Beginn des âZeitalter[s] der Entdeckungenâ (DĂŒnne 11), der âEuropĂ€ischen Expansionâ oder der âGlobalisierungâ â vorausgesetzt man versteht unter Letzterer nicht ausschlieĂlich Ereignisse und Prozesse des ausgehenden 20. Jahrhunderts.1 Achille Mbembe fasst das Geschehen wie folgt zusammen: âAu cours de la pĂ©riode atlantique [âŠ] cette petite province de la planĂšte quâest lâEurope sâinstalle progressivement dans une position de capitanat sur le reste du monde.â (Mbembe 33) Wallerstein schreibt, von der âWeltâ unserer Gegenwart ausgehend und deren Ursprung beschreibend:
The world in which we are now living, the modern world-system, had its origins in the sixteenth century. This world-system was then located in only a part of the globe, primarily in parts of Europe and the Americas. It expanded over time to cover the whole globe. It is and has always been a world-economy. It is and has always been a capitalist world-economy. (World-Systems 23)
âUnsere Weltâ ist laut Wallerstein also die eines âWelt-Systemsâ, dessen historischer Ursprung im 16. Jahrhundert anzusiedeln ist;2 bei diesem âWelt-Systemâ handelt es sich weiter um einen ökonomischen Zusammenhang.3 Aus der Expansion dieses Welt-Systems (âit expandedâ) ergibt sich zunĂ€chst eine VergröĂerung des bekannten Raums (besonders prominent im Fall der zunehmenden Kolonialisierung Amerikas).4 Doch dieser Prozess der rĂ€umlichen VergröĂerung hat einen natĂŒrlichen Endpunkt, bedingt durch die Endlichkeit der Ausdehnung der ErdoberflĂ€che. Hannah Arendt schreibt in diesem Zusammenhang von âthe enlargement of the earthâs surface, which found its final limitation only in the limitations of the globe itself, but also the still apparently limitless economic accumulation process.â (250) Sie beschreibt damit, dass die âenlargement of the earthâs surfaceâ erst ihr Ende findet, sobald die gesamte Extension5 der ErdoberflĂ€che erfasst ist.
Aus dem Prozess dieser VergröĂerung geht parallel eine Verkleinerung der Ganzheit hervor, insofern sich die Zeiten, die fĂŒr das Reisen zwischen weit entfernten Punkten auf der ErdoberflĂ€che mit dem Fortschreiten der Expansion immer weiter verringern und sich in einem schneller werdenden Welt-Verkehr institutionalisieren; Sloterdijk spricht vom âWesen des entdeckenden Verkehrsâ als der âEnt-Fernung der Weltâ (SphĂ€ren II 909). Die zunehmende Geschwindigkeit, mit der Distanzen ĂŒberbrĂŒckt werden, wird metaphorisch als âVerkleinerungâ oder âKompressionâ des Erdraums gefasst. Der Prozess der Expansion kollabiert somit in sein â scheinbares â Gegenteil, wie Arendt beschreibt:
Precisely when the immensity of available space on earth was discovered, the famous shrinkage of the globe began, until eventually in our world (which, though the result of the modern age, is by no means identical with the modern ageâs world) each man is as much inhabitant of the earth as he is inhabitant of his country. Men now live in an earth-wide continuous whole where even the notion of distance, still inherent in the most perfectly unbroken contiguity of parts, has yielded before the onslaught of speed. Speed has conquered space; and though this conquering process finds its limit at the unconquerable boundary of the simultaneous presence of one body at two different places, it has made distance meaningless, for no significant part of a human lifeâyears, months, or even weeksâis any longer necessary to reach any point on the earth. (250)
Mit dieser Verkleinerung geht ein zunehmendes Bewusstsein von der Ganzheit als geschlossenem Zusammenhang einher, es kommt zu einer âcompression of the world into âa single placeââ (Robertson, Globalization 6). Nur wenn die Folgen eines Ereignisses an einem Punkt der ErdoberflĂ€che schnell an anderen Punkten auf der gleichen OberflĂ€che bemerkbar sind, werden diese Punkte deutlich als Teil des gleichen Zusammenhangs wahrgenommen. Es entsteht also das Bewusstsein, âdaĂ jeder Ort auf einer umrundbaren Kugel auch aus der gröĂten Ferne durch Transaktionen von Gegenspielern in Mitleidenschaft gezogen werden kann.â (Sloterdijk, SphĂ€ren II 824)
Expansion und Kompression stellen somit zwei Aspekte (bzw. bis zu einem gewissen Grad konsekutive Abschnitte) des gleichen Prozesses dar;6 begrĂŒndet liegt dies letztlich in der Begrenztheit der OberflĂ€che der Erde. Sobald dieser Raum in seiner GĂ€nze erfasst ist, liegt die Grenze der Kompression durch die Geschwindigkeit letztlich nur noch in der von Arendt genannten physikalischen Unmöglichkeit fĂŒr einen Körper, an zwei Stellen zugleich sein zu können; ausgerechnet der Körper ist hier also als letztes Hindernis anzusehen.
Doch spricht Arendt im weiter oben zitierten Ausschnitt auch vom âeconomic accumulation processâ, der, anders als die OberflĂ€che der Erde, âstill apparently limitlessâ zu sein scheint. Die Expansion, die schlieĂlich erdumfassend wird, und in ihrem Verlauf ein Komprimieren der Erde bewirkt, ist an den endlosen Prozess der Akkumulation von Kapital geknĂŒpft, ein Umstand, den Wallersteins Konzept des kapitalistischen Welt-Systems mitbedenkt. Doch bevor dieses Konzept genauer beschrieben und analysiert wird, ist im nĂ€chsten Abschnitt allgemeiner auf FdG einzugehen, wobei der Fokus auf der FdG âWeltâ liegen wird, mit der Wallerstein seine einflussreiche Wortschöpfung des âWelt-Systemsâ bildet. Festzuhalten bleibt hier, dass der Prozess der Expansion als dynamisch und vielschichtig zu verstehen ist, insofern er die Kompression als Konsequenz der Endlichkeit der ErdoberflĂ€che mit einschlieĂt, und an den unbegrenzten Prozess der Akkumulation von Kapital knĂŒpft.
1.2 Die Ganzheit des Teils und die Ganzheit des Ganzen
In der groĂen Menge an kritischen Texten, welche sich der FdG âWeltâ explizit widmen, insofern sie deren Gehalt zu fassen versuchen â ganz gleich ob sie diese dabei als Lemma, Begriff, Metapher oder Figur verstanden wissen wollen â, lassen sich zwei grundsĂ€tzliche Positionen unterscheiden. So behauptet die eine Seite, dass âWeltâ sich nicht abschlieĂend definieren lĂ€sst, und die andere, dass âWeltâ in ihrem Gehalt sehr wohl eindeutig bestimmt werden kann. Es stehen sich also Behauptungen, man könne âWeltâ nie abschlieĂend definieren einerseits, und â mehr oder weniger konkrete â Definitionen von Welt andererseits, gegenĂŒber.
Keine der beiden Positionen ist mehr im Recht als die andere. Weder ist es grundsĂ€tzlich falsch oder unmöglich âWeltâ zu definieren, noch ist es abwegig, eine solche Definition nicht geben zu wollen. Doch lĂ€sst sich die Entscheidung, ob man eine Definition von âWeltâ geben möchte oder nicht, auf Strukturen der FdG âWeltâ zurĂŒckfĂŒhren, die zur Bildung der verschiedenen Positionen in dieser Sache beitragen.
ZunĂ€chst sollen hier einige mögliche Definitionen von âWeltâ wiedergegeben werden. RĂ©mi Brague etwa schreibt, âmondeâ sei ein âmot susceptible de dĂ©signer lâensemble de la rĂ©alitĂ© dâune façon unifiĂ©eâ (24), anstelle additiver Reihungen wie âciel, terre, mer, monde souterrain, etc.â (33). âWeltâ fungiere so als âsynthĂšse des deux premiĂšres catĂ©gories de la quantitĂ©, la pluralitĂ© et lâunitĂ©.â (25) Auch lĂ€sst sich Jean-Luc Nancys denkbar kurze Definition von âmondeâ als âtotalitĂ© de sensâ (34) nennen, oder Heideggers voraussetzungsreiche Definition von âWeltâ als das âSeiende im Ganzenâ (89; zur genaueren Analyse von Heideggers Ansatz vgl. II.2.1).
Betrachtet man in diesem Kontext Hans Blumenbergs AusfĂŒhrungen zu âWeltâ in der Theorie der Unbegrifflichkeit,1 so stöĂt man auf die Anekdote, dass er nach einem Vortrag die Frage, wie er âWeltâ definiere, nicht habe beantworten wollen: âIn meiner Verzweiflung entschloĂ ich mich zu einer Parodie: âDie Welt ist der geometrische Ort aller Punkteââ (38). Als Grund fĂŒr diese Weigerung gibt er explizit den Wunsch an, eine Diskussion von Wittgensteins Welt-VerstĂ€ndnis zu umgehen.2 Dieser Wunsch impliziert die Annahme, dass eine philosophische Diskussion nicht den Königsweg zu einem besseren VerstĂ€ndnis von âWeltâ darstellt. Stattdessen hĂ€lt er diese ernĂŒchternde Erkenntnis fest: ââWeltâ ist ein Ausdruck, bei dem der Versuch, Wortersetzungsregeln zu finden, konstitutiv zum Scheitern verurteilt ist.â (ebd.) Man kann sich âWeltâ anscheinend nicht ohne weiteres annĂ€hern: Regeln zur Synonymbildung â fester Bestandteil jeder Definition â können laut Blumenberg nicht gelingen. Dennoch, so weiter die Pointe Blumenbergs, entkommt man dem Wort âWeltâ nicht. Zur Illustration fĂŒhrt Blumenberg nahezu völlig sinnentleerte Verwendungen von âWeltâ ins Feld, wie etwa in hohlen Aussagen âwie âDie Welt ist schlechtâ oder âDie Welt steht vor dem Untergangââ (ebd.).3 Anhand dieser Beispiele macht er deutlich, dass âWeltâ in ihrem Gehalt nahezu unmöglich einzugrenzen ist, und dennoch â oder sagt man treffender: deswegen? â sehr hĂ€ufig gebraucht wird. Hayot beschreibt die von Blumenberg damit adressierte Problematik mit der Aussage, dass ânon-tautological, precise statements about the world are harder to make than one might think.â (39) Obwohl man gewissermaĂen stĂ€ndig nicht umhin kommt, âWeltâ zu sagen, ist es unmöglich, den genauen Gehalt dieses Wortes zu definieren. Entsprechend will Blumenberg â im Scherz â ein Wort-Verbot nicht gĂ€nzlich ablehnen: âSelbst wenn ich zur Zustimmung geneigt wĂ€re, man solle SĂ€tze ĂŒber âdie Weltâ fortan lieber ĂŒberhaupt nicht mehr bilden oder gebrauchen, wĂ€re ich doch sehr unsicher, ob diesem Verbot jemals Erfolg beschieden sein könnte.â (38) Dabei ist jedoch explizit auf Blumenbergs VerstĂ€ndnis von âBegriffâ einzugehen, als welchen er âWeltâ v...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Danksagung
- I Einleitung: âThe meaning of the figure is undecidableâ
- II Theoretische Konzepte und Fragestellungen
- 1 Das expandierende Welt-System
- 2 Darstellung von Ganzheit
- III LektĂŒren
- 1 PrĂ€liminarien: âDie Welt, sage ich, ist eine Muschelâ
- 2 Jonathan Swifts Gulliverâs Travels
- 3 Voltaires Candide ou lâOptimisme
- 4 Herman Melvilles Moby-Dick; Or, the Whale
- IV Schluss: âThe Earth reeking with the Blood of its Inhabitantsâ
- Literaturverzeichnis
- Register
- FuĂnoten
HĂ€ufig gestellte Fragen
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