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Der Ewige und Sein Urprojekt
Religionsphilosophische Reflexionen in metapolitischen Perspektiven
- 164 Seiten
- German
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Der Ewige und Sein Urprojekt
Religionsphilosophische Reflexionen in metapolitischen Perspektiven
Über dieses Buch
Religionsphilosophisch-metapolitische PerspektivenI N H A L T: Natur und Kultur – Kants weltgeschichtliche ReflexionenDer Ewige und Sein Urprojekt –Religionswissenschaft und Logik – Christlicher Glaube und wissenschaftliche Vernunft Theologie und christliche VolksreligionReligion und Politik – Nichts glauben, nichts wissen, nichts tunMonotheismus als ´ethischer Sozialismus´Moses, Echnaton, Ödipus und Velikowsky500 Jahre unreformierte ReformationSogar den Knechten und Mägden werde ich zu jener Zeit meinen Geist geben. (Prophet Joel 3, 2)Mein aphoristisches Werk daneben enthält auch so etwas wie eine Laientheologie aus zahllosen ´religiösen Spruchweisheiten´ und religionsphilosophischen Sentenzen.
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Information
Monotheismus als „ethischer Sozialismus"
Ist das Ende der kapitalistischen Gesellschaft eine Probe auf die Wahrheit der christlichen Theologie? Nicht etwa, weil nur ein gläubiger Sozialist ein guter Christ wäre, sondern weil allein der Sozialismus jene Versuchsbedingungen schafft, die allererst eine Entscheidung ermöglichen, ob so etwas wie Gott tatsächlich, wie die kritische Herausforderung will, mit den Lebensbedingungen seiner Gläubiger steht und fällt? Ist das Ende der Religion eine Probe auf die Wahrheit des Proletarismus? Solange noch ein Mensch auf das Reich Gottes setzt, ist Sozialismus nicht da oder eine erwiesene Utopie, oder der Glaube hat seine Soziogenität überlebt? Also nicht als Christ ein Sozialist sein, weil Gott nichts als praktische Mitmenschlichkeit wäre, sondern, auf die Gefahr hin, sie zu verifizieren, die kritische Theorie des Glaubens an einer klassenlosen Gesellschaft zu falsifizieren, ohne insgeheim sie zu hintertreiben aus Furcht, diese Theorie könnte als wahr sich erweisen : Diese paradoxe Situation ist dem aufrichtigen Christen nicht länger zu ersparen, aber unverdrängte Widersprüchlichkeit ist erst Index seiner Glaubwürdigkeit. Wenigstens die kompensatorische Religion (Lösung von Scheinproblemen oder Scheinlösung von Problemen, wie eine Werbung der psychopharmazeutischen Industrie lautet) wird dann und erst dann am Ende sein, wenn das, was ist, auch dann nicht alles sein wird, sobald es geändert ist.
In manifest sozialistischen Staaten wurden religiöse Relikte wie jedes Unbehagen, das sich nicht als konstruktive Kritik abfangen läßt, weiteren Aufklärungskampagnen empfohlen oder schlankweg eskamotiert. Aber religiöser Pessimismus ist heute nicht eo ipso nur reaktionär verstocktes Bewußtsein in einer grundsätzlich schon heilen Welt erlösender Lösungen, sondern immer auch der störende Index von uneingestanden Uneingelöstem: Gläubige erwarten, weil sie von Gesellschaft zu wenig erwarten, prinzipiell zu viel.
Es ist eine zeitgemäße Versuchung für den modernen Christen, an der befreiten Gesellschaft mitzuarbeiten, um insgeheim sich doch hämisch zu weiden an allem, was seinen innerweltlichen Pessimismus zu bestätigen scheint. Was kann der Christ von der freien Gesellschaft anderes hoffen als die Falsifizierung der sozialkritischen Theorie des Glaubens? Das Risiko, sie nolens volens zu verifizieren, ist ein Teil der Einsicht, daß nur die Verifizierung der freien Gesellschaft die kritische Theorie des Glaubens falsifizieren kann. Wer als 'Sozialist' scheitert, hat als Christ noch nicht rechtbehalten.
Auch in einer freien Gesellschaft wird vielleicht unentschieden bleiben, ob „religiöses Bedürfnis", falls es die sinnliche Fülle des menschlichen Lebens überlebt, noch weiter zu Lasten der Gesellschaft gehen soll, die eben diesen Namen halt noch immer nicht verdient, oder als tiefes, weil von keiner materiellen Not mehr ernötigtes Gefühl bleiben wird, daß auch gerade dann, wenn alles was ist sich ändern ließ, es noch immer nicht alles ist. Möglich, daß die rastlos umtreibende calvinistische Ungewißheit, ob ich gerettet sei, wiedererstehen wird als Unruhe, ob ich mich beruhigen dürfe beim je gegenwärtigen Stand des Prozesses zwischen dem Glauben und der Probe auf die Wahrheit der freien Gesellschaft.
Wie entgeht man der petitio principii? Soll sich die Gesellschaft frei nennen dürfen, sobald niemand mehr auf Gott setzt? Beweist ein einziger Gottesfürchtiger die Fortdauer der menschlichen Vorgeschichte, des geistigen Tierreichs? Das religiöse Bedürfnis kann nicht als überdauerndes beweisen, daß auch die wahrhaft freie Gesellschaft nicht alles ist, und gleichzeitig als untergegangenes die Gesellschaft als frei allererst ausweisen. Wenn der überlebende Glaube beweisen können soll, daß er mit seinen asozialen Bedingungen nicht abstirbt, dann kann humane Gesellschaft nicht erst dadurch definiert sein, daß vor ihr keiner mehr fromme Zuflucht suchen muß. Nur in einer befreiten Gesellschaft hat der proklamierte Tod Gottes Beweiskraft, und nur der Tod Gottes hat für die befreite Menschheit die Beweiskraft, daß die Menschen wirklich frei sind von der Nötigung zu religiösem escape.
„Die Kirchen fühlen sich schrecklich in der Defensive und suchen nun verschiedene Wege, da herauszukommen. Die einen, indem sie soweit zur Welt gehen, daß sie sich als Kirche aufgeben, die anderen, indem sie sich so weit von der Welt absetzen, daß sie bedeutungslos werden." So der Soziologe Ralf Dahrendorf in einem Schülerinterview. Demselben Dilemma sieht sich übrigens die Kunst gegenüber. Die affirmative Pop-Kirche verhält sich zur esoterischen Soteriologik wie die kulinarische Gebrauchskunst nach dem Massengeschmack zum intransigenten Hermetismus der avantgardistischen Formalismen.
Der Glaube an Gott als den Ganz-Anderen verdinglicht ihn, wie uns inzwischen die ureigene Vernunft zur Idolatrie entfremdet ist, ohne Vermittlung durch die Motivationen der Menschen, abgekoppelt von ihren Erfahrungen, Interessen und Bedürfnissen. Umgekhrt : Der Glaube an den Gottmenschensohn als den unseren macht ihn kommensurabel. Er ist wie du und ich, die wir gerechtfertigt sind durch den Glauben, wir Schuldigen seien nun gerechtfertigt durch sein unschuldiges Opfer. Diese Vertraulichkeit verschachert ihn an das Bestehende. Nur Kritische Theologie der Aufklärung ist der gleichzeitig konsequente und paradoxe Versuch der Religion zu verweltlichen, ohne der Welt zu verfallen, so wie sie nun ist. Jemand sollte einmal die Geschichte jener Versuche des Christentums nachzeichnen, sich um des Überlebens willen aus steriler Erhabenheit und sklerotischer Würde in die Welt hineinzubegeben, durch die es entmachtet wurde. Todesfürchtig steht es dabei ständig in der Versuchung und Gefahr, sich überangepaßt der überwältigenden Eigenlogik dessen zu beugen, worauf es Einfluß nehmen möchte und womit es doch nur infiziert wird durch willfährige Identifikation mit dem Widersacher, als Mittel oder Selbstzweck.
Obwohl Hegel den religiösen Glauben bekanntlich nicht für die höchste Form des Bewußtseins und religiöse Zeitalter nicht für die geschichtliche Vollendung der menschlichen Gattung gehalten hat, forderte Hans Küng ein Zurück zu Hegel. Nach Hegel glaubt der Christ an erste und letzte Dinge, glaubt aber nur, und daß der Glaube an Gott Glaube sei, mache ihn zum vorletzten Ding. Solange das Reich Gottes nicht wirklich auf Erden bestehe, sei die Versöhnung der Welt mit ihrer göttlichen Idee selbst nur erst ihre eigene Idee. Zwar sei Christus schon dagewesen, aber ja noch nicht wiedergekehrt, wie versprochen zum Ende aller Zeiten. Der Glaube an ewige Wiederkunft des Unvergleichlichen ist 'inchoatio vitae aeternae', also nicht schon das ewige Leben selbst. Das gute Ende ist verheißen und zugesagt, wird erwartet, geliebt und erhofft, ist aber eben darum noch nicht gekommen. Daß Hegel der Religion vorrechnete, ein bloßer Formfehler zu sein, war kein bloßer Formfehler.
Als er den Glauben im Wissen aufhob, holte er die Civitas Dei auf das Niveau des preußischen Staates herunter. Aber dabei schüttete er das Kind mit dem Bad aus. Der Christ muß wenigstens nicht das Deutsche Reich mit dem Reich Gottes verwechseln, er glaubt und hofft ja gerade, der jeweilige Staat sei noch nicht der Gottesstaat, Vater Staat sei nicht Gottvater auf Erden. Glauben heißt nicht wissen, und Hegel weiß sich auf der Seite des Wissens und der modernen Selbstgewißheit des Ego cogito, aber er glaubte nur zu wissen, daß Berlin das Neue Jerusalem wäre. Mit der christlichen Form hat er den Gehalt aufgegeben. Der Christ glaubt, auf die bezeugte Zusage Christi hin, daß das Reich Gottes jederzeit anbrechen kann, und daß er bußfertig bereit zu sein hat. Genau besehen, wirft Hegel ihm weniger vor, daß er nur glaube, als daß es noch nicht da sei. Statt nun aber zu wissen, daß es nicht vollbracht sei, glaubt Hegel dagegen zu wissen, daß es immer schon mitten unter uns, daß es nur soweit vollkommen sei, als es schon da sei. Heute hat man zwischen Glauben und Wissen das Handeln entdeckt, die cooperatio Dei, Praxis als work to end all works. Aber über allem Agieren bleibt leicht vergessen, daß sowohl die vielbeschworene Einheit von Theorie und Praxis als auch die von Glaube und Werk bis auf weiteres wiederum nur erst eine Theorie ist – und Theologie.
Nach Hegel weiß der Christ nur, daß das Gottesreich einst gegründet wird, wie es einst angekündigt wurde, aber er wisse nicht, daß die Parusie so ewig sei wie das Göttliche, dessen Parusie der preußische Staat sei. Hegel zieht offenkundig den preußischen Spatz in der Hand der messianischen Taube auf dem Dach vor, indem er den Spatz zur Taube erklärt und die Taube zum Spatz. Das Neue Jerusalem mag vollkommen sein, aber es existiert nicht, also kann es doch nicht vollkommen sein. Preußen dagegen existierte sehr wohl.
Nach Adorno ist vielleicht jede Philosophie auf der Suche nach dem ontologischen Gottesbeweis, und dieser Beweis ist Kant zufolge ebenso unmöglich, wie es unmöglich ist, diese Suche einzustellen. Bewies man einst, daß Gott existiere, weil er sonst unvollkommen wäre, so soll sich heute eher beweisen, daß die Welt vollkommen sei, weil sie eben existiere. Seit der Scholastik wurde Gott als das einzige Wesen gedacht, dessen Essenz seine eigene Existenz impliziere kraft dieser Essenz. Davon blieb übrig, daß die großen Ideen des Friedens, der Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Rechtfertigung, Glückseligkeit und Unsterblichkeit nicht über Bord geworfen, aber für verwirklicht ausgerufen werden. Einst war die Einheit von Sein und Wesen für Gott reserviert gehalten, seine Existenz sollte unmittelbare und analytisch notwendige Emanation seines Begriffes sein. Seit Kant ist das Sein auch Gottes eine reine „Position", die zum Wesen hinzutritt und nicht selbst ein reales Prädikat meint.
Danach mag Gott sein, wie er will, aber daß er sei, gehöre nicht zu dem, was er sei. Wenn heute umgekehrt die Welt, so wie sie ist, ihre eigene Vollkommenheit implizieren soll, dann ist Gott Gott, d. h. außerhalb der von ihm geschaffenen Welt, sofern seine Existenz nicht automatisch unter seinen Begriff fällt und sein Reich nicht als prompt unter uns gekommen ausgegeben wird. Die Welt mag mit sich im Reinen sein, Gott ist es nicht. Folgt aus seiner Vollkommenheit also nicht eher seine Nichtexistenz, wie die negative Theologie immer schon vermutet hat? Wenigstens ist das Band zwischen seiner Vollkommenheit und seiner Existenz heute wieder als so offen und zufällig zu denken, wie einst die Verbindung zwischen dem Innerweltlichen und seiner Unvollkommenheit gelehrt wurde. Die Welt ist schon da, und Gott wird erst noch? Es gibt Theologien, nach denen Gott noch erst in Arbeit ist. Sofern er schon existiere, sei er seinem Begriff noch lange nicht gemäß, und sollte er nicht existieren, dann auch vielleicht nur zufällig nicht, sofern sein Wesen und seine Welt es durchaus zulassen, ja fordern würden, daß es ihn endlich gäbe. Die Existenz der Welt als göttlicher Schöpfung impliziert die Imperfektibilität ihrer Unvollkommenheit, einer Unvollkommenheit zweiter Potenz gleichsam, da das unabänderlich Unvollkommene eben vollkommen unvollkommen ist. Wird die Welt aber säkularisiert zum unerschaffen unerschöpflichen Gebilde, verliert sie nicht ihre eigene Unvollkommenheit, aber deren Imperfektibilität; sie würde unvollkommen unvollkommen.
Einst implizierte die Vollkommenheit Gottes seine Existenz. Heute soll das Bestehende seine Vollkommenheit implizieren. Vom ontologischen Beweis blieb nichts übrig, als daß die Vollkommenheit eines noch gar nicht existierenden Gottes so evident ist wie die Existenz einer noch nicht vollkommenen Welt. Ist aber die Perfektibilität der Welt ebenso unbeweisbar wie Gottes Nichtexistenz? Die Einheit von Begriff und Realität Gottes ist selbst ein unrealisierter Begriff, nicht anders als ihr Säkularisat, die vielbeschworene Einheit von Theorie und Praxis – vorerst eine Theorie ist.
Wer das Nichts nicht will, hat schon die Welt bejaht, wie sie ist, und wer auch sie ablehnt, hat schon eine andere Welt anerkannt. Diese Logik ist himmelweit entfernt von Freuds Psychologik, nach der jede Verneinung nur die Verneinung der Tatsache ist, daß sie Bejahung ist. Wenn ich einen Triebimpuls verleugne oder verdränge, dann verneine und vernichte ich ihn nicht, sondern verneine nur, daß ich ihn im Gegenteil habe und nicht aufgebe. Eine Triebregung leugnen, heißt dann nicht, die Trieblosigkeit und das sie fordernde Über-Ich bejahen, sondern den Impuls gerade durch seine Verneinung bejahen, die deshalb insgeheim Verneinung ihrer selbst ist, während ich nach Frege unter die übersinnlichen Wesen falle, wenn ich nicht zu den sinnlichen zähle. Wenn ich nicht nach Rom reise, bleibe ich nicht etwa zuhause, sondern fahre nach Nicht-Rom, in irgendeine und jede Stadt, die nicht Rom heißt. Wenn die Verneinung eines Satzes die Bestätigung der Wahrheit seines Gegensatzes ist, dann liegt es allerdings nahe, in der Negation der Welt die Affirmation einer Hinterwelt zu sehen. Lehne ich die Welt ab, so wie sie ist, bejahe ich eben etwas anderes als die Welt, eben eine andere Welt, nicht etwa ihre Änderung. Selbst, dass die Religion veraltet sei, ist inzwischen veraltet. Aber : „Veraltet ist stets nur, was mißlang, das gebrochene Versprechen eines Neuen ... Der Haß gegen die Moderne und der gegens Veraltete sind unmittelbar das Gleiche". (Th. Adorno : “Minima moralia”, Nr. 57).
Hält Politik also nicht, was Religion nur versprochen hatte? Das religiös emanzipierte Subjekt droht vom Regen in die Traufe neuer übermächtiger Abhängigkeiten von seiner eigenen autonom geschaffenen Welt zu fallen und kann und will gleichwohl nicht dorthin zurück, wo fortan nur Halt am illegitimierbar Heteronomen ist. Das Eingeständnis, nicht nur im ersten Anlauf den Mund zu voll genommen zu haben, will nicht Pater peccavi zu Kreuz kriechen. Die Neuzeit wird ihr eigenes Mittelalter, Aufklärung verstrickt sich in Widersprüche : Fortschritt zur Emanzipation aus der Naturverfallenheit mußte erkauft werden von und mit einer Vernunft, die sich gegen sich selbst kehrte. Seither erst beginnt der Mensch jenem Stoff zu ähneln, den er beherrscht. Seine Natur wird so methodisch verdinglicht, ausgebeutet, kontrolliert, manipulativ sichergestellt wie nur um seinetwillen Natur um ihn herum sonst. Wozu er sich entfremdet, scheint schlimmer als alles, worum der böseste Idealismus ihn solange betrogen hat. Der Mensch wird Anthropomorphismus seiner selbst, Opfer seiner Vernunft wie vormals der omnipotenten Natur. „Das Instrumentarium der rationalistischen Wissenschaften negiert ihre mimetische Grundlage, mit deren Hilfe sie doch wirklich arbeitet". Die Mittel werfen sich zum Selbstzweck auf. Die gefürchtete wie hämisch ersehnte Rache der Natur : kein Horroraufstand der Viadukte und Roboter gegen ihre Schöpfer, sondern dieser Verblendungszusammenhang einer renaturalisierten Vernunft mit der durchrationalisierten Natur. Derzeit profitiert das Christentum von dieser Dialektik der Aufklärung falsch, vom Mißlingen der Emanzipationsbewegungen, und bietet sich schadenfroh an als Auffanglager für die enttäuschte und die resignierte Reformfreude aller verlorenen Schafe. Aber man täusche sich nicht : Die Zukunft des Christentums ist so wenig mehr die Zukunft der Gegenaufklärung, wie die Zukunft der Aufklärung noch an die Zukunft des Atheismus gebunden ist.
In seinen „Holzwegen" deutete Heidegger Nietzsche so, daß mit dem Tod Gottes nicht nur das Göttliche, sondern sein und aller metaphysischer Ort getilgt zu denken sei. Die Realität hat sich nicht nur vor keinem Gott, sondern nicht einmal mehr vor den naturrechtlichen Utopien philosophischer Vernunft zu verantworten. Der positivistische Szientismus dekretiert, die Welt sei ihre eigene Idee, die Wirklichkeit ihre eigene Ideologie. Bewies man einst, daß das Vollkommene existiert, weil es vollkommen ist, dann lautet der ontologische Beweis heute, aller Reformatik zum Trotz : Was existiert, ist perfekt, weil es existiert. Die Lücke, die Gott hinterließ, verschwand mit ihm. Der Prozeß gegen den lieben Gott wurde nicht von der Aufklärung geführt, sondern die veränderte Sachlogik des Bestehenden verschlang beide in eins, Religion und humanistische Vernunft zugleich.
Reduktion auf 'administrative Systemrationalität' hat der Vernunft inzwischen alles entzogen, was von ihren Verheißungen über den Verlust tröstlicher Glaubensgewißheiten hinwegtrösten konnte. Hier und da profitiert diese Religion bereits von der „Dialektik der Aufklärung": Der einst vom stolzen Verstand vertriebene Glaube rehabilitiert und empfiehlt sich durch das trügerische Versprechen, von der Lieb- und Seelenlosigkeit jener „positivistisch halbierten“ Vernunft zu erlösen. Hat man sich von Gott befreit, nun freier für ihn zu sein? Ohnmächtig die Beteuerung, er werde von vielen noch vermißt oder gar wiedererwartet; an sich ist Gott, nicht nur der christliche und nicht nur in Christus, tot, obwohl und gerade weil er, institutionell vermittelt oder nicht, für diesen und jenen noch dies oder das sein mag. Die Gesellschaft ist selbst als postchristliches Säkularisat nicht hinreichend mehr zu begreifen, Weltgeschichte ist gleichzeitig mehr und weniger als Erbin von Heilsgeschehen. Die Säkularisation scheint vollendet : Autonomisierung, Individualisierung, Universalisierung, Desakralisierung, Reflexivität. Oben wurde vorn, Es werde Ich. Die Einheit des erklärenden Mythos und des sozialisierenden Ritus der Religion zerfiel; heute ist sowohl ihr kognitiver als auch ihr sozialintegrativer Geltungsanspruch dislegitimiert. Konnte sie zeitweilig noch durch extreme Selbstsubjektivierung, durch absegnende Freigabe jeder pluralistischen Beliebigkeit des Glaubwürdigen, ihren erzwungenen Rückzug aus dem „objektiven Geist“ generalisierter gesellschaftlicher Motive kompensieren, ist sie nun nicht einmal mehr arbiträre Privatangelegenheit, geschweige denn ihr Wahrheitsanspruch auf irgendeinem Forum meinungs- und willensbildender Diskurse verallgemeinerungsfähig.
Religion samt ihrer Dysfunktionalisierung und Decouvrierung: ein alter Hut, das entzauberte Märchen von der Kastrationsdrohung. Mit dem Urmord an Gottvater ist das Inzesttabu über Mutter Materie und Frau Welt gebrochen. Konkurrierende Geschwister machen einander den Anteil am großen Mutterkuchen streitig, aber grundsätzlich ist den Herren die Welt ganz freigegeben. Wie Gottvater zu sein oder ihn getötet zu haben, entfesselt den Fortschritt der pubertierenden Gesellschaft, die freigegebene Beherrschung und Ausbeutung von Natur (nasci), die vom Vater her war und von der her wir sind. Mit der Verbindlichkeit der Kultur fällt die Legitimation von Triebverzicht, das Erwartungsniveau der Menschen steigt schneller als die politisch disponible Wertmasse, systemkonforme Entschädigungen müssen das Defizit an Sinn aller Defizite ausfüllen, mit Gottvater stirbt das Über-Ich und mit diesem das Ich selbst. „Nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles." (Th. Adorno : „Negative Dialektik“, Frankfurt/Main 1966, S. 389)
Was da der Fall ist, das soll man stoßen, aber ist es genug, daß alles, was ist, nicht genügt? Allerdings ist das Sein zu wenig genau deshalb, weil es nach Sartre viel zu viel ist. Jenes Nichts Meister Eckharts war mehr, das derselbe Sartre später dann unsere Freiheit nennen wird. Wir wollen nicht von denen sprechen, die glauben, was ist, sei alles, was sein könne, weil es nichts sei vor Ihm, der alles ist. Aber ginge der Ganz-Andere im gan...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Motto
- Widmung
- Natur und Kultur
- Der Ewige und Sein Urprojekt
- Religionswissenschaft und Logik: Christlicher Glaube und aufgeklärte Vernunft
- Theologie und christliche Volksreligion
- Religion und Politik: Nichts glauben, nichts wissen, nichts tun
- Monotheismus als „ethischer Sozialismus“
- Moses, Echnaton, Ödipus und Velikowsky
- 500 Jahre unreformierte Reformation
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