Die Bergstraße in Mechernich mit ihren über 600 Metern Länge ist ein Mythos geworden; also eine Mischung aus tatsächlich Geschehenem und später durch Hörensagen Hinzugefügtem. Als die gleichförmigen Häuserreihen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entstanden, wollte man verhindern, dass Elendsquartiere entstehen.4500 Menschen arbeiteten im und für das Blei. Die Männer glitten in die Erde, um den Rohstoff hervorzuholen oder schufteten an den Hochöfen. Die Frauen arbeiteten ebenso hart. Sie hielten das zusammen, was Familie hieß, oft unter sehr schweren Bedingungen. Die Kinder brachten Leben auf die Straßen. Ein Idyll war das zwar nicht, aber einigermaßen leben konnte man.Da mitten hinein führen die Erinnerungen von Klaus Vater: Die Bergstraße und das Leben in und auf der Straße aus der Sicht eines Kindes. Es ist keine alltägliche Geschichte. Was sie hier lesen werden, ist Teil der Aufarbeitung eines Mythos'.

- 168 Seiten
- German
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Literature GeneralEnde aus – und doch nicht vorbei
Knapp 1400 Beschäftigte und deren Familien sowie Handwerksbetriebe, Bauernhöfe und Geschäfte lebten vom Bleibergwerk in Mechernich, als Silvester ’57 die letzte Schicht einfuhr. Trauer und auch Verzweiflung in der Bergstraße. Bereits in den Jahrzehnten zuvor waren Arbeitsplätze und Beschäftigung einer Berg- und Talfahrt ausgesetzt gewesen. Lohnverzichte und Lohnkürzungen, Versprechungen der Bergwerksbesitzer, Arbeitsplatz-Abbau und Neueinstellungen. Und dann war nach dem 21. Oktober und nach einer entsprechenden Entscheidung der Unternehmensleitung endgültig Schluss. Ohne ABM, Auffanggesellschaft, Jobcenter und Lohnkostenzuschuss. Auf dem Bergwerksgelände zog die Bundeswehr ein.
Für Außenstehende mochte sich wenig ändern. Die Straßen mit den Häusern der Familien waren sauber und gepflegt wie bisher. Die Geschäfte in der Straße bestanden fort. Kinder spielten auf der Straße, die Brikettkarren waren nach wie vor ratternd unterwegs. Es gab Fronleichnam und Kirmes und Weihnacht und Fastelovend.
Für die in der Bergstraße groß gewordenen Menschen änderte sich viel. Was mein Großvater treu und verlässlich genannt hatte, war nicht mehr so entscheidend. Verlässlichkeit gegenüber dem Kollegen, dem Kumpel, dem Betrieb war gegenstandslos geworden. Treu sein gegenüber dem Musikverein, der Gewerkschaft, der Straße, der Lebensart, das wurde schwieriger. Es war nicht zu ändern. Wie die Radmuttern die Räder halten, so hatte die Arbeit die Straße gehalten.
Mechernich ist es ergangen wie vielen Dörfern und Städten, die vom Bergbau lebten. In vielen Ländern. Neue Unternehmen entstanden und wurden vergrößert. Die sind teils auch schon wieder weg: Lahmeyer ist nicht mehr Lahmeyer; die Dosenfabrik ist ebenfalls längst passé, da entsteht ein Wohnungsneubau namens »emil34«; und auch das Werk Neuhütte des Voith-Konzerns ist längst weg. An manchen Plätzen ist Neues entstanden. Wo nichts Neues hinkam, machten sich die Menschen auf, um zur Arbeit und zurück zu pendeln. Aber jahrelang mit Brettern zugenagelte Häuser wie in anderen Industrierevieren gab es nicht. Schreibe ich, der Geist der Bergstraße habe sich erhalten, liest sich das merkwürdig. Das englische Wort »Spirit« trifft es besser. Darin stecken Durchhaltevermögen und die Energie, Neues anzugehen. Jahrelang hörte ich, wenn ich daheim in der Bergstraße übernachtete, früh am Morgen Männer zum Bus gehen, der sie nach Wesseling zur Chemieindustrie fuhr. Und nachmittags wieder zurück. Viele pendelten so, nicht nur in Richtung Rhein.
Das war zu der Zeit, als die Schwester meiner Großmutter, Anna, hilflos in einem Krankenhaus von Los Angeles gelegen hatte. Sie schrieb, sie sehne sich nach Hause. Es wurde beraten und entschieden: Die wird gepflegt. Jahre später ist sie gestorben und auf dem Friedhof hinter der alten Kirche begraben worden. Das war Zusammenhalt.
Während dieser Jahre saßen die drei alten Damen, meine Großmutter Katharina und Maria manchmal bei Anna am Krankenbett zusammen. Maria (»Mariechen«) war mit ihrem Mann und mit der Tochter aus Zagreb nach Aachen übergesiedelt. Anna war zurück aus Übersee. Nach 45 beziehungsweise 50 Jahren Trennung waren sie wieder vereint. Hin und wieder hatte ich neben den alten Frauen gesessen und zugehört. Die liefen ständig über eine Brücke zwischen den Generationen hin und her. Hier Eltern und Großeltern, dort die Enkel-Generation: War der nicht … hatte die nicht … der konnte damals …und hat der schon Abitur? Die alten Damen waren noch verbunden wie Pech & Schwefel.
Bei uns wie in vielen anderen Familien war das so. Das Jahr 1957 verlor zwar nicht völlig seinen Schrecken, aber da es weitergehen musste, wurde Neues angefangen. Der Menschenschlag aus der Bergstraße hält es eben nicht aus, dass es aus und vorbei sein soll.

Vor 140 Jahren – Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts entstanden diese Bergarbeiterhäuschen. Gut erkennbar der Anbau im rechten Winkel hinter den Häusern. Der Eingang war links neben dem Fenster im Erdgeschoss.

Der obere Teil der Bergstraße Anfang des 20. Jahrhunderts: Die Häuser sind verputzt und angestrichen, der untere Teil mit den Kellerfensterchen dunkel abgesetzt. Die Straße wurde freundlicher. Die Bewohner der Häuser hielten sich oft auf der Straße auf, daher waren Schatten spendende Bäume ein Segen.

Das Foto gibt den mittleren Teil der Bergstraße wieder mit den Häusern, die außen unverputzte Backsteine zeigten. Es gibt heute nur noch ein einziges dieser Art in der Straße »Im Sande«.

Hier nun ein Fest- oder Feiertag. Links hängt an einem Dach offenbar eine Fahne. Die Männer tragen ihre »Kreissägen« genannten Hüte, Frauen lange, dunkle Kleider und die Mädchen weiße Kleider. Die beiden Bilder stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Im Hintergrund ist auf der linken Seite der mächtige Baukörper des Amtes zu erahnen.

Der Opa mit dem Enkel auf der Vordertreppe eines Hauses im mittleren Teil der üb...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Über den Autor
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Heimat
- Die Bergstraße
- Mein »magisches Viereck«
- Das Dorf um die Bergstraße
- Kinder auf der Straße
- Der unerwähnte Krieg
- Die tägliche Arbeit
- Die tägliche Familie
- Unser täglich’ Brot
- Was es in der Woche zu essen gab
- Mittelpunkt für die Familie: Die Küche
- Großvaters Garten
- Orte der Kinder
- Arnika half gegen alles
- Trümmer jeglicher Art
- Wegwerfen – Ein unbekanntes Wort
- Samstags kam der Prinz
- Was man sich erzählte
- Was ich werden wollte
- Die Augen Christi
- Die dunkle Zeit
- René Carol und die Sehnsucht
- Technik
- Die große Stadt
- Auf der Schule in der Stadt
- Großvater weint
- Ende aus – und doch nicht vorbei
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