
eBook - ePub
Der designte Mensch
Wie die Gentechnik Darwin überlistet
- 424 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Der designte Mensch
Wie die Gentechnik Darwin überlistet
Über dieses Buch
Erstmals in der Geschichte besitzt der Mensch die Fähigkeit, die eigenen Gene zu verändern. Die Möglichkeiten, die daraus erwachsen, sind verlockend: Krebs ließe sich heilen, die Alterung aufhalten, Erbkrankheiten wären zu verhindern. Unüberschaubar aber sind zugleich die biologischen Folgen und moralischen Konsequenzen.
Das wird, davon ist der amerikanische Technologie-Experte Jamie Metzl überzeugt, die Menschheit nicht aufhalten: Bisher hat sie noch jede einmal entwickelte Technologie
auch angewendet. Und würden wir nicht alles tun, um unseren Kindern und uns selbst Leid und Krankheit zu ersparen? Jamie Metzl bringt uns mit konkreten Szenarien die Gentechnik ganz nah: Wollen wir unsere Kinder zukünftig genoptimieren, die Zeugung in die Petrischale verlagern und unsere Lebenszeit verlängern?
Über Gentechnik reden, heißt nicht nur über Wünsche und Erwartungen, sondern auch über Regeln und Grenzen zu reden. Jamie Metzl liefert eine gut verständliche, unaufgeregte und zugleich unterhaltsame Grundlage für eine längst fällige Debatte.
Häufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
- Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
- Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Der designte Mensch von Jamie Metzl, Gabriele Gockel,Sonja Schuhmacher,Claus Varrelmann im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Biowissenschaften & Genetik & Genomik. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.
Information
Kapitel 1
Wie Darwin auf Mendel trifft
»Wer vorhat, in über zehn Jahren ein Kind zu bekommen, hebe bitte die Hand«, bat ich die große Gruppe von Millennials, die in einem schicken Konferenzsaal in Washington, D.C., vor mir saß. Etwa die Hälfte des Publikums meldete sich.
Ich hatte mich eine Dreiviertelstunde lang wortreich darüber ausgelassen, wie die bevorstehende genetische Revolution die Art und Weise verändern wird, wie wir Babys machen, und damit eines Tages auch das Wesen der von uns gemachten Babys. Ich hatte erläutert, warum ich glaubte, dass unsere Spezies sich unausweichlich unserer genetisch verbesserten Zukunft anpassen und sie gutheißen wird, warum dies zugleich ungeheuer spannend und zutiefst verstörend ist und was wir meiner Ansicht nach jetzt tun sollten, um den Nutzen der revolutionären Gentechnik möglichst zu optimieren und deren Schaden zu minimieren.
»Wenn Sie die Hand gehoben haben und eine Frau sind, sollten Sie wahrscheinlich Ihre Eizellen einfrieren lassen. Wenn Sie die Hand gehoben haben und ein Mann sind, rate ich Ihnen, Ihr Sperma möglichst bald einfrieren zu lassen.«
Das Publikum sah mich misstrauisch an.
»Es besteht die nicht unbedeutende Wahrscheinlichkeit«, fuhr ich fort, »egal, wie jung und fruchtbar Sie sind, dass die Zeugung Ihres Kindes in einem Labor erfolgen wird, und daher spricht nichts dagegen, Ihre Eizellen oder Ihr Sperma jetzt, da Sie sich auf dem biologischen Höhepunkt Ihres Lebens befinden, einfrieren zu lassen.«
Auf den Gesichtern dieser intelligenten jungen Akademiker war förmlich zu sehen, wie sie verstanden, worum es ging. Ich spürte fast den Konflikt, der in ihnen gärte. Ich hatte jahrzehntelang mit derselben Frage gerungen, die sie zu beunruhigen schien: Wie balancieren wir die Herrlichkeit und Brutalität unserer biologischen Existenz aus?
Wir werden alle durch einen Vorgang geboren, der geradezu wundersam anmutet, und beginnen dann sofort mit dem niemals endenden Kampf gegen die Zeit, gegen Krankheiten und gegen die Elemente, den wir am Ende verlieren werden. Wir fühlen uns stark zu allem hingezogen, das wir als natürlich erachten, doch unsere Spezies ist durch das unablässige Bemühen gekennzeichnet, die Natur zu zähmen. Wir wollen, dass unsere Kinder von Natur aus gesund zur Welt kommen, doch wenn es darum geht, ihre Kinder vor Krankheiten zu schützen, trotzen Eltern mit aller Macht der Natur.
Eine junge Frau in einem blauen Hosenanzug hob die Hand. »Sie haben gerade ausgeführt, wohin die genetische Revolution Ihrer Meinung nach führt und wie wir uns darauf vorbereiten sollen. Aber was ist mit Ihnen selbst? Würden Sie Ihre Kinder genetisch manipulieren?«
Ich erstarrte, was mir selten passiert. Seit vielen Jahren hatte ich mich in Texten und Vorträgen mit der Zukunft der menschlichen Reproduktion beschäftigt, aber aus irgendeinem Grund war mir diese Frage noch nie so direkt gestellt worden. Mir fiel nicht sofort eine Antwort ein, darum blickte ich einen Moment nach oben und dachte nach.
Die Humangenetik hat sich so schnell entwickelt, dass wir alle Schwierigkeiten haben, mitzuhalten. Als James Watson, Francis Crick, Rosalind Franklin und Maurice Wilkins 1953 die Doppelhelix-Struktur der DNA entdeckten, wurde klar, dass das Handbuch des Lebens die Form einer verdrehten Strickleiter hat. Dank der DNA-Sequenzierung, die nur ein Vierteljahrhundert später erstmals gelang, wurde es möglich, das Handbuch zu lesen und zu verstehen. Die Entwicklung von Verfahren zur präzisen Genom-Editierung versetzte Wissenschaftler wenige Jahrzehnte später in die Lage, den Code des Lebens zu schreiben und umzuschreiben. Etwas, was man lesen, schreiben und hacken kann: Der wissenschaftliche Fortschritt der vergangenen 50 Jahre hat aus der Biologie eine Form von Informationstechnologie gemacht und Menschen von nicht entzifferbaren Wesen in Wetware* verwandelt, die ihrer eigenen, aus genetischem Code bestehenden Software folgt.
* Wetware ist ein Begriff, der aus der computerbezogenen Idee von Hard- oder Software stammt, aber auf biologische Lebensformen angewendet wird. Ursprünglich bezeichnet Wetware die »Software eines Lebewesens«, also Gehirn und Zellverbindungen.
Gentechnik als IT zu begreifen, hat uns immer mehr dazu gebracht, die genetischen Abweichungen und Mutationen, die Ursache schrecklicher Krankheiten und großen Leidens sind, sowohl als den unausweichlichen Preis evolutionärer Diversität anzusehen als auch als die lästigen, aber unvermeidbaren Bugs eines Computerprogramms. Sollten wir daher nicht, um im Bild zu bleiben, nach allen verfügbaren Software-Updates verlangen, um zu erreichen, dass unser System bestmöglich funktioniert?
Meine Antwort auf die Frage nahm allmählich Form an, und ich blickte wieder nach vorn. »Wenn es gefahrlos wäre und ich meinem Kind schweres Leiden ersparen könnte«, sagte ich und schritt dabei über das Podium, »dann würde ich es tun. Wenn ich überzeugt wäre, dass ich meinem Kind dazu verhelfen könnte, ein längeres, gesünderes, glücklicheres Leben zu führen, dann würde ich es tun. Und wenn ich mein Kind mit besonderen Fähigkeiten ausstatten müsste, damit es in einer von Konkurrenzkämpfen bestimmten Welt bestehen kann, in der fast alle Menschen erweiterte Fähigkeiten besitzen, dann würde ich zumindest ernsthaft in Betracht ziehen, es zu tun. Und was ist mit Ihnen?«
Die Frau wurde unruhig. »Schwierige Frage«, sagte sie. »Ich kann Ihre Haltung nachvollziehen. Aber mir kommt das Ganze irgendwie unnatürlich vor.«
»Lassen Sie mich kurz nachhaken«, antwortete ich. »Was verstehen Sie unter natürlich?«
»Wahrscheinlich den Zustand der Dinge, ehe die Menschen ihn verändert haben.«
»Ist Landwirtschaft demnach natürlich?«, fragte ich. »Wir betreiben sie erst seit etwa 12 000 Jahren.«
»Ja und nein«, sagte sie vorsichtig, da ihr offenbar bewusst wurde, dass die Natur nur ein schwaches Argument abgab.
»Ist biologisch angebauter Mais natürlich? Wenn wir 9000 Jahre zurückgehen, werden wir nichts finden, was unserem heutigen Mais ähnelt. Es gab ein wild wachsendes Gras namens Teosinte, an dem ein paar mickrige Körner hingen. Erst durch menschliche Manipulation entstand im Laufe von Jahrtausenden der wunderschöne gelbe Kolben, der unsere Picknicktische ziert. Sehr viele der anderen Obst- und Gemüsesorten, auch jene, die wir im Bioladen kaufen, sind in vielerlei Hinsicht menschliche Schöpfungen, sie sind das Produkte jahrtausendelanger bewusster, selektiver Züchtung. Sind die natürlich?«
»Das ist eine Grauzone«, gab sie zu, klammerte sich aber offenbar weiterhin an ihre ursprüngliche Vorstellung von Natur.
»Wäre es natürlicher, wenn wir wie die Jäger und Sammler vor langer Zeit leben würden?«
»Wahrscheinlich.«
Ich wollte sie nicht weiter bedrängen, aber ein Punkt war mir noch wichtig.
»Würden Sie in so einer Gesellschaft leben wollen?«
Ein keckes Lächeln trat auf ihr Gesicht. »Gibt es dort Zimmerservice?«
»Sie sind also im Hotel Vierjahreszeiten und bekommen eine grässliche bakterielle Infektion. Würden Sie, wie unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren, mit Beschwörungsformeln und Beeren behandelt werden wollen, oder würden Sie Antibiotika bekommen wollen, die Ihr Leben retten könnten?«
»Ich entscheide mich für die Antibiotika«, sagte sie.
»Sind die natürlich?«
»Ich verstehe, was Sie meinen.«
Ich blickte mich im Saal um. »Wir haben alle tief sitzende Vorstellungen davon, was natürlich ist, aber vieles davon ist gar nicht natürlich. Es mag uns als solches überliefert sein, aber wir Menschen haben unsere Welt seit Jahrtausenden hartnäckig verändert. Wenn es nun schon immer unsere Angewohnheit ist, die biologischen und anderen Systeme um uns herum zu verändern, sollten wir dann den biologischen Zustand, den wir von unseren Eltern geerbt haben, als unser Schicksal begreifen? Haben wir das Recht oder sogar die Pflicht, die Software-Bugs in der Hardware unserer Körper und der Körper unserer Kinder zu eliminieren?«
Das Publikum zappelte nervös.
»Angenommen, Ihr künftiges Kind hat eine tödliche Krankheit. Heben Sie die Hand, wenn Sie bereit wären, Ihr Kind einer Operation zu unterziehen, um es zu retten.«
Alle Hände gingen nach oben.
»Und wenn Sie dafür sorgen könnten, dass Ihr Kind die Krankheit gar nicht erst bekommt, würden Sie das tun?«
Die Hände blieben oben.
»Lassen Sie die Hände oben, wenn Sie IVF und Embryo-Screening anwenden würden, um auszuschließen, dass Ihr künftiges Kind gefährdet ist.«
Die Hände blieben oben.
»Was wäre, wenn Sie das durch einen gefahrlosen kleinen Eingriff an den Genen Ihres Kindes erreichen könnten, der vor der Implantation des Embryos vorgenommen wird?«
Ein paar Hände sanken hinab.
Ich wandte mich an einen jungen Mann, der die Hand hatte sinken lassen, einen Mittzwanziger, der aussah, als entstamme er einer wohlhabenden Ostküstenfamilie. »Können Sie mir sagen, warum Sie das nicht tun würden?«
»Ich finde, wir haben kein Recht, auf diese Weise an unseren Kindern herumzudoktern«, sagte er. »Wir begeben uns damit auf gefährliches Terrain. Wenn wir erst einmal mit so etwas anfangen, an welchem Punkt hören wir dann auf? Wir könnten am Ende lauter Frankenstein’sche Ungeheuer erschaffen. Das bereitet mir Unbehagen.«
»Ich kann Sie sehr gut verstehen«, sagte ich. »Es sollte Ihnen Unbehagen bereiten. Es sollte uns allen Unbehagen bereiten. Wenn Sie nicht eine Mischung aus Faszination und Furcht empfinden, begreifen Sie nicht wirklich, worum es geht. Die Gentechnik wird uns ermöglichen, wunderbare Dinge zu tun, durch die Krankheiten vermieden und bisher noch unvorstellbare Potenziale erschlossen werden. Die neuen Versionen des Menschen, der Homo sapiens 2.0 und Folgende, werden diese Fähigkeiten nutzen, um neue Technologien zu entwickeln, neue Welten zu erkunden, grandiose Kunstwerke zu erschaffen und ein sich ständig erweiterndes Spektrum an Gefühlen zu erleben. Aber wenn wir nicht aufpassen, könnten dieselben Technologien Gesellschaften spalten, zur autoritären Herrschaft der verbesserten Menschen über die nicht verbesserten führen, sie könnten die Diversität verringern, uns dazu verleiten, menschliches Leben zu entwerten und zu verdinglichen, und sogar zu schweren nationalen und internationalen Konflikten führen.«
»Und wer bestimmt, wohin das alles führt?«, fragte eine andere Frau.
»Das wird die unausweichliche und wichtigste Frage sein, die wir uns einzeln und kollektiv in den kommenden Jahren stellen müssen«, sagte ich mit Nachdruck. »Von der Antwort hängt ab, wer und was wir sind, wo wir leben können und was uns als Menschheit und als Spezies möglich sein wird.«
Die Zuhörer setzten sich aufrechter hin. Ich spürte, wie der Pegel der Beklommenheit im Saal stieg.
»Wir sind diejenigen, die herausfinden müssen, wohin all das führen soll. Darum spreche ich heute hier vor Ihnen. Unsere Spezies als Ganzes wird in den nächsten Jahren folgenschwere Entscheidungen über unsere genetische Zukunft treffen. Einige dieser Entscheidungen, wie beispielsweise die Verabschiedung von Gesetzen, werden auf staatlicher Ebene getroffen werden. Aber viele wichtige Fragen werden von jedem Einzelnen beantwortet werden müssen, denn wir alle müssen klären, wie wir Kinder bekommen wollen. Der einzelne Mensch und das einzelne Paar werden nicht das Gefühl haben, über die Zukunft unserer Spezies zu entscheiden, aber alle zusammen werden wir genau das tun.«
Die vertraute Mischung aus Entsetzen, Staunen und Verwirrung, die ich von so vielen meiner Vorträge her kannte, breitete sich im Saal aus.
Dann schossen wie üblich die Hände in die Höhe. Genau wie die Siebtklässler, zu denen ich in New Jersey gesprochen hatte, die Schlaumeier auf Ideen-Festivals wie Tech Open Air oder South by Southwest, die Experten bei Exponential Medicine oder der New York Academy of Science, die Jurastudenten in Stanford oder Harvard und die Wissenschaftler, Gelehrten und Topmanager auf Konferenzen überall in der Welt, begann das Publikum die ungeheure Verantwortung zu begreifen und zu verinnerlichen, die dieser historische Moment jedem von uns aufbürdet.
Es ist eine Verantwortung, die uns an einer wichtigen Weggabelung in unserer Geschichte als Spezies zuteilwird, zu einem Zeitpunkt, da sich Biologie und Technologie in einem nie gekannten Maße überschneiden, wodurch einige unserer heiligsten Bräuche und Traditionen ins Wanken gebracht werden. So wie allen anderen dämmerte auch den Millennials in Washington, dass es bei der Zukunft humangenetischer Verbesserungen nicht nur um ein paar Änderungen an unseren Genen und denen unserer Kinder ging, sondern um die Schaffung einer vollkommen neuen Zukunft für uns als Menschheit.
Doch um zu verstehen, wohin wir aufbrechen, müssen wir erst einmal einen Schritt zurück gehen und erfahren, woher wir kommen.

Während der ersten 2,5 Milliarden Jahre des Lebens auf der Erde haben sich unsere einzelligen Vorfahren klonal vermehrt.* Ein Bakterium teilte sich beispielsweise in zwei Bakterien mit denselben genetischen Merkmalen, und dann fing der Vorgang wieder von vorne an. Das war eine perfekte Methode, denn man brauchte keine Zeit und Energie für die Partnerwahl aufzuwenden. Man musste nur Nahrung suchen und sich teilen, damit das eigene Geschlecht weiter existierte. Der Nachteil war, dass die klonale Fortpflanzung für ein großes Maß an Gleichförmigkeit unter den einzelligen Organismen einer bestimmten Gemeinschaft sorgte und, verglichen mit der späteren Situation, die Möglichkeiten zur natürlichen Selektion begrenzte.
* Vor 3,5 Milliarden Jahren teilten sich die ersten einzelligen Mikroben in zwei Äste: Bakterien und Archaeen. Einige Biologen sind überzeugt, dass es noch einen dritten Ast gab, die Eukaryoten.
Diese Gleichförmigkeit war jedoch nicht zu 100 Prozent gegeben. Bakterien entwickelten eine Methode, sich mithilfe mikroskopisch kleiner Harpunen, genannt Pili, Gene aus anderen Bakterien regelrecht zu schnappen.1 Während die klonale Fortpflanzung den Bakterien zwar half, vorteilhafte Mutationen weiterzugeben, waren zugleich ganze Kolonien bedroht, wenn Gefahren wie eine Vireninfektion der Bakterien auftauchten, weil die geklonten Bakterien zu viele derselben Schwächen in ihren Verteidigungsmechanismen besaßen. Geschlechtliche Fortpflanzung änderte das im großen Stil.
Exakte Kopien sind in der Biologie selten absolut perfekt. Auch wenn es unmöglich ist, den genauen Zeitpunkt zu bestimmen, legen Fossilienfunde doch nahe, dass vor etwa 1,2 Milliarden Jahren einer dieser simplen Organismen eine sonderbare Mutation erfuhr. Statt sich nur selbst zu kopieren oder sich ein paar Gene aus anderen Mikroorganismen zu schnappen, paarte er sich ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelei
- Motto
- Inhalt
- Eintritt in das Zeitalter der Genetik
- 1 Wie Darwin auf Mendel trifft
- 2 Auf der Komplexitätsleiter
- 3 Decodierung der Identität
- 4 Das Aus für den Sex
- 5 Göttlicher Funke und Feenstaub
- 6 Alles Lebende: von Grund auf umgestalten
- 7 Der Raub der Unsterblichkeit von den Göttern
- 8 Die Ethik gentechnischer Eingriffe an uns selbst
- 9 Wir sind vielfältig
- 10 Das Wettrüsten der menschlichen Spezies
- 11 Die Zukunft der Menschheit
- Zur weiteren Lektüre
- Dank
- Anmerkungen
- Über den Autor
- Impressum
- Leseempfehlungen
- Körber-Stifung