Jüdische Lebensweisheiten
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Jüdische Lebensweisheiten

  1. 176 Seiten
  2. German
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Jüdische Lebensweisheiten

Über dieses Buch

Der renommierte Autor Yuval Lapide, der sich als jüdischer Religionswissenschaftler europaweit im jüdisch-christlichen Dialog engagiert, hat eindrucksvolle Lebensweisheiten aus dem Alten Testament zu Themen wie Leben und Tod, Liebe und Hass, Glück und Schicksal ausgewählt. Die Texte bringen den Leser mit den reichen jüdischen Wurzeln der Heiligen Schrift in Verbindung und geben einen Einblick in vielfältige Aspekte jüdischen Lebens und Denkens.

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Information

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Sterben, um zu leben

Ein Jahr, bevor die Hungersnot kam, wurden Josef zwei Söhne geboren. Asenat, die Tochter Potiferas, des Priesters von On, gebar sie ihm. Josef gab dem Erstgeborenen den Namen Manasse – der vergessen lässt –, denn er sagte: Gott hat mich all meine Sorge und mein ganzes Vaterhaus vergessen lassen. Dem zweiten Sohn gab er den Namen Efraim – der Fruchtbare –, denn er sagte: Gott hat mich fruchtbar werden lassen im Lande meines Elends.
Das Buch Genesis Kapitel 41, Verse 50-52
Eine überwältigende Geschichte, die märchenhaften Charakter trägt: Ein von seinen Brüdern sadistisch-egoistisch verstoßener zweitjüngster Bruder wird über die Verkettung göttlich gefügter Umstände in ein heidnisches Weltreich entführt, um dort wiederum durch göttliches Eingreifen zu ungeahnten großen Ehren gehoben zu werden. Aufgrund seiner außergewöhnlichen volkswirtschaftlichen Kenntnisse kann er dem regierenden Pharao in Ägypten einen brillanten Wirtschaftsplan entwerfen, der zum Inhalt hat, das ägyptische Volk während der bevorstehenden siebenjährigen harten Hungersnot solide zu ernähren. So etwas hat das mächtige ägyptische Imperium noch nicht erlebt. Ein als Sklave verkaufter und im ägyptischen Kerker wegen einer Verleumdungsklage inhaftierter jugendlicher Hebräer wird durch den Segen Gottes zum stellvertretenden König und obersten Wirtschaftsexperten der Nation befördert. Eine völlig ungeplante atemberaubende Karriere eines jungen Hebräers, der aus seiner kanaanäischen Heimat auf menschenverachtende Weise vertrieben und in ein fremdes heidnisches Weltreich verschleppt wird. Der hebräische Vizekönig Josef versteht von Anbeginn die göttliche Fügung seiner Verschleppung richtig zu deuten und setzt sich folglich mit Leib und Seele für eine konstruktiv-kreative Kooperation mit dem herrschenden System ein. Zu keinem Zeitpunkt wird uns ein larmoyanter, bedrückter oder gar verzweifelter Josef beschrieben. In jeder Episode seiner schmerzhaften Bemühungen, sich in das diktatorische System zu integrieren, beobachtet der aufmerksame Leser Josefs ungebrochenes und stetig wachsendes Gottvertrauen als seinen einzigen verlässlichen und unerschütterlichen Halt in der Fremde. Der Diktator Pharao ist so überwältigt von der ausstrahlenden, gottverbundenen Persönlichkeit des jungen Hebräers, dass er diesem vorbehaltlos die Tochter des obersten heidnischen Kultpriesters Asenat zur Ehefrau gibt. Das ist eine beispiellose Ehrerbietung eines Monarchen an einen kultisch-fremden „Migranten“. Die beiden in der Erzählung genannten Söhne mit den hebräischen Namen Manasse und Efraim, die Josef auf fremdem Boden geboren wurden, zeugen unmissverständlich davon, wie stark Josefs Verbundenheit mit seinen jüdischen Heimatwurzeln geblieben ist. Beide Namen „verkörpern“ auf programmatische Weise Josefs tiefe und weise Deutung seiner Mission in der Ferne. Der Erstgeborene „verkörpert“ das unbelastete geistige Loslassen, das vertrauensvolle Abgeben bitterer Erfahrungen in der jüngsten Biografie an die höhere göttliche Instanz. Damit einhergehend darf – so der Name des nachgeborenen Sohnes Efraim – neues fruchtbares Leben auf und aus den Trümmern der Vergangenheit wachsen. Der hebräische Name Efraim bedeutet wortgetreu Doppelfrucht, eine doppelte Freiheit, eine doppelte Fülle; Erfüllung erwächst Josef aus der Überwindung des Vergangenheitstraumas in Ägypten.
Der junge Hebräer hat unter dem Leid seiner Verlassenheits- und Vertreibungserfahrung gelernt, hinter dem Fluch seiner biografischen Belastungen den unverhofften reichen göttlichen Segen zu sehen. Der junge Josef transformiert auf gereifte Weise seinen Schmerz des Heimatverlusts und der mörderischen Geschwisterrivalität seiner kanaanäischen Kindheit in die neue gegenwärtige Kooperation und Koexistenz mit den neuen Menschen an seiner Seite. Durch sein mutiges und altruistisches Denken und Handeln wird Josef zu einem mächtigen Vorbild weit über die biblische Zeit hinaus. Josef versteht es trotz seines jugendlichen Alters, meisterhaft das Geschehen sinnfindend nicht auf ein rückwärtsgerichtetes WARUM zu befragen, sondern auf ein vorwärtsgerichtetes WOZU, welches neue Perspektiven aufzeigt.

Regeln dürfen durchbrochen werden

Israel streckte seine Rechte aus und legte sie Efraim auf den Kopf, obwohl er der jüngere war, seine Linke aber legte er Manasse auf den Kopf, wobei er seine Hände überkreuzte, obwohl Manasse der Erstgeborene war. […] Josef sagte zu seinem Vater: Nicht so, mein Vater! Denn Manasse ist der Erstgeborene; leg deine Rechte ihm auf den Kopf! Aber sein Vater weigerte sich und sagte: Ich weiß, mein Sohn, ich weiß, auch er wird zu einem Volk, auch er wird groß sein; aber sein jüngerer Bruder wird größer als er und seine Nachkommen werden zu einer Fülle von Völkern.
Das Buch Genesis Kapitel 48, Verse 14-19
Unsere biblische Erzählung versetzt uns an das Ende eines reichen Lebens – eines großen und erlebnisreichen Lebens des dritten Stammvaters des jüdischen Volkes – Jakob – Israel genannt. Viele herausfordernde und anstrengende Erfahrungen hat dieser dritte Stammvater in seinem Leben durchlaufen müssen, um sich als dritter Repräsentant in der Führung des werdenden jüdischen Volkes vor seinem großen Familienclan zu behaupten. Sein Partner-Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, hat ihm viele dramatische Höhen und Tiefen zugemutet, während welcher er sich mit der Kraft seines neuen monotheistisch-jüdischen Glaubens bewähren konnte. Nicht immer, so berichtet uns die Bibel sehr anschaulich, handelte Jakob zur vollen Zufriedenheit seines ihn herausfordernden Gottes und seiner großen Familie. Aber gewiss ist, dass er in jenen Bedrängnissen und schweren Schicksalsschlägen, die er mit zu verantworten hatte, stets zur Selbstkritik und Selbstverbesserung gewillt und bereit war. Die Schule des Lebens, in die ihn Gott von früher Jugend an im Lande Kanaan als auch über dessen Grenzen hinaus stieß, lehrte ihn, dass nicht der äußere Schein des Lebens ausschlaggebend sein sollte für weise und wegweisende Entscheidungen in den verschiedenen Situationen seines Lebens, sondern einzig die tiefe innere Einsicht in die geheimnisvollen Pläne und Führungen seines Gottes. Durch zu große Naivität ließ sich der dritte Stammvater von der trügerischen Fassade akuter Konfliktsituationen zu übereilten Handlungen ohne Rückbesinnung hineinpressen. In solchen Situationen fehlte dem Stammvater die nüchterne kritische Distanz zu äußeren Regeln, äußeren Konventionen und theatralischen Manipulationen im Verhalten seiner Mitmenschen. Jakob ist die einzige biblische Gestalt, von der uns im ersten Buch der Bibel berichtet wird, dass sie in einen einzigartigen körperlich-geistigen Kampf in der Mitte der Nacht mit einem Vertreter Gottes hineingezogen wurde. Ein Kampf, in dessen Verlauf der werdende Stammvater Jakob (= der Zurückhaltende) sich aus seiner alten ängstlichen und regelkonformen Mentalität emanzipiert, um sich seine neue Identität Israel (= Kämpfer Gottes) zu erringen. Im vorliegenden Text entscheidet sich der große Mann Israel demonstrativ, die klassische Stammesregel zu durchbrechen, derzufolge der älteste Sohn den Primärsegen und der zweitälteste Sohn den Sekundärsegen bekommen müsse. Der weise gealterte Israel entscheidet sich, seiner inneren Stimme zu gehorchen und entgegen der formalen Konvention zu handeln. Er schaut in die Tiefe und Weite der Seelen seiner Kinder und Kindeskinder und vertauscht willentlich und wissentlich deren überlieferte Reihenfolge. Er ist bereit, bei seinem erstaunten Sohn Josef und dessen Geschwistern wegen seines fremden Verhaltens Anstoß zu erregen, weil er gelernt hat, in entscheidenden Momenten des Lebens nicht „brav“ den vordergründigen Erwartungen seiner Mitmenschen zu genügen, sondern seiner tiefen inneren Überzeugung gemäß zu entscheiden und zu handeln. Der angepasste und bequeme Jakob verwandelt sich zum aufbegehrenden und unbequemen Vater Israel und wird somit zu einem Vorbild für Autorität und Autonomie.
Die Einhaltung von Regeln und Konventionen im täglichen Leben war zu biblischen Zeiten im Orient ebenso wichtig wie heute in unserem modernen und schnelllebigen Okzident. Ihre mutige und klarsichtige Durchbrechung mit dem Ziel, höhere Entwicklungsstufen zu erreichen, muss jedoch mindestens genauso wichtig bleiben – damals wie heute.

Besser im Frieden getrennt als im Unfrieden zusammen

So entstand Streit zwischen den Hirten der Herde Abrams und den Hirten der Herde Lots; auch siedelten damals noch die Kanaaniter und die Perisiter im Land. Da sagte Abram zu Lot: Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder. Liegt nicht das ganze Land vor dir? Trenn dich also von mir! Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts; wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links.
Das Buch Genesis Kapitel 13, Verse 7-9
Schon zu biblischen Zeiten gab es reichlich Streit zwischen den umherziehenden hebräischen Hirten – sowohl mit ihren glaubensgleichen Stammesangehörigen als auch mit heidnischen Nachbarn. Der offene Konflikt zwischen Vater Abraham, damals noch Abram genannt vor seiner Umbenennung durch Gott in Abraham, und seinem ihm sehr nahestehenden Neffen Lot ist der erste Streitfall in der Heiligen Schrift. Beide Männer sind vermögend – so vermögend an Schafen und Ziegen, dass sie es nicht „vermögen“, das von Gott zugeteilte neue Land in Kanaan friedlich und gut nachbarschaftlich zu besiedeln.
Vater Abraham erkennt den Ernst der unversöhnlichen Lage zwischen ihm und seinem wesentlich jüngeren Verwandten. Unter Überwindung schmerzhafter innerer Loslösungsgefühle beschließt er die Radikallösung. Anstatt unbefriedigende Scheinkompromisse mit Lot zu erzwingen, bietet er ihm eine saubere Trennung unter Einbeziehung ihrer jeweiligen großen Herden an. Eine Trennung ohne gegenseitige Beschimpfung, Beschämung oder Beschönigung der eingetretenen Unmöglichkeit einer friedlichen Koexistenz. Wie weise der große Stammvater auf den belastenden Konflikt reagiert – frei von unnötigen Schuldzuweisungen und emotionalen Ausbrüchen. Beide Streitparteien trennen sich unter Wahrung ihres besonders im Orient wichtigen Gesichts: Keiner ist überlegen – keiner ist unterlegen.
Wie wichtig eine freundschaftliche Trennung im Dienste des Erhalts einer potenziellen späteren Fortführung der Freundschaft ist, zeigt uns diese abrahamische Konfliktlösung, bei welcher eine klare, die Würde wahrende Trennung mehr Entwicklungspotenzial für beide Konfliktparteien enthält als jeder verbissene Versuch des unfruchtbaren Zusammenbleibens. Abraham präsentiert die „Scheidung“ zwischen ihm und seinem Neffen in der Haltung der Größe und Souveränität. Da das gottzugewiesene Land Kanaan ausreichend Weideland bietet, lädt er seinen wesentlich jüngeren und unerfahreneren Verwandten ein, selbst zu wählen, welches neue Territorium er präferiert. Eine ehrliche, von Herzen kommende Ent-scheidung kann, wie uns die bewegende biblische Erzählung zeigt, voller gegenseitiger Achtung und Ehrung der je unterschiedlichen persönlichen Weltbilder und Maximen geschehen.
Die Aussicht auf eine neue, in der Zukunft liegende Wiederannäherung ist weder behindert noch beschädigt. Beide Parteien trennen sich erhobenen Hauptes in beidseitiger Übereinstimmung und überlassen es höheren Führungen und Fügungen, ob eine gereifte und versöhnliche Neubegegnung zu einem unbekannten Zeitpunkt sich ereignen darf.

Die Grenzen des engen Verstandes sprengen

Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, nahm […] seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte.
Das Buch Genesis Kapitel 22, Verse 1-3
Wie kann Gott von Abraham verlangen, seinen einzigen geliebten Sohn zu opfern? Wie kann Gott dermaßen grausam sein, einem sterblichen Menschen gegenüber? Braucht der barmherzige Gott qualvolle Menschenopfer? Typische Fragen, die seit Jahrhunderten Christen bei der Lesung des vorliegenden Textes aus dem ersten Buch der Bibel stellen. Ein bibelkundiger Jude tut sich bei der Lesung des Textes viel leichter, da er den Gesamtkontext im hebräischen Original liest und die Feinheiten dieser Sprache ihm große Klarheit geben. Unser Text will keinesfalls einen grausamen, unbarmherzigen Gott präsentieren, der nach Menschenopfern giert, sondern ganz im Gegenteil einen Gott der tiefen Menschenkenntnis. Einen Gott, der weiß, was er wem wann wie zumuten kann – zu biblischen Zeiten wie auch heute. Zwischen Gott dem Vater und seinem Partner Abraham ist in den vielen Jahren seit dessen Ankunft im gelobten Land Kanaan eine intensive beispiellose Vertrauensbeziehung gewachsen. Eine fundierte Vertrauensbeziehung, in der es zahlreiche Höhen und Tiefen, Krisen und Herausforderungen seitens Abraham zu bestehen galt. Jede gemeisterte Herausforderung, jede überwundene Krise gereichte dem ersten Stammvater des jüdischen Volkes zu einer Mehrung seines Glaubens und Vertrauens in den einen wahren Gott der Schöpfung. In der Spätphase seines irdischen Lebens fordert Gott Abraham auf, seinen geliebten in hohem Alter geborenen Sohn Isaak auf einem der Berge Jerusalems als besondere Gabe darzubringen. Obwohl das hebräische Original den Begriff „Brandopfer“ für Abrahams geforderte Darbringung benutzt, der später für den Opferkult im Tempel Verwendung findet, zeigt uns Abrahams eiserne Entschlossenheit, Gottes Willen umzusetzen, dass dieser von einer tiefen Gewissheit getragen wird, die geforderte Handlung nicht blutig abzuschließen. Abraham wird uns in der langen Geschichte seiner biblisch dokumentierten Beziehung zu Gott zu keinem Zeitpunkt als schüchterner, dialoggehemmter, blinder Befehlsempfänger porträtiert. Er kann, wenn er will, sehr wohl Gott Paroli bieten. In unserer Erzählung erübrigt sich jeder Protest. Abraham ahnt, mehr noch, er erkennt hinter dem formalen Wortlaut Gottes die tiefe Herausforderung, in seinem Vertrauen ihm, dem allwissenden Schöpfer, gegenüber ein letztes Mal sprunghaft zu wachsen. Zu gefestigt und bewährt ist die liebegetragene Vertrauensbeziehung zu diesem seinem Gott, der ihm so viel Gnade und Güte erwiesen hat, dass er gegen Ende seines Lebens in plötzliches Misstrauen verfallen könnte. Der hebräischkundige Leser liest gleich zu Anfang der Begebenheit hinter dem Begriff „auf die Probe stellen“ den zutreffenderen Wortlaut „in den Stand versetzen, seine menschliche Größe zu zeigen“. So verstand der Stammvater den Auftrag, denn er sprach mit seinem Gott in der heiligen hebräischen Sprache. Durchdrungen von dem leidenschaftlichen Wunsch, über seinen eigenen Angstschatten zu springen, bereitet sich der Berufene auf die große Handlung am genannten Berge vor. Während seines dreitägigen Ganges zum „Berg der Darbringung“ plagten ihn mit Sicherheit typisch menschliche kopfgesteuerte Zweifel und Ängste. Der Vater vieler Völker vermochte jedoch mit Hilfe seiner immens stabilen inneren Herzensklarheit, diese zu entmachten und zu zerstreuen. Abraham zeigt im Laufe seiner gewachsenen Beziehung mit Gott einmal mehr, von welch zentraler Bedeutung es ist, nicht kopflastigen, angsterzeugenden Zweifeln und Vorwürfen zu gehorchen, sondern der „inneren Burg“ (Teresa von Ávila) der Gewissheit und Geborgenheit in Gott – dem allwissenden und allgegenwärtigen Gott – zu vertrauen. Abrahams Sieg bestand darin, nicht seinen Zweifeln und Vorwürfen sich selbst und Gott gegenüber zu gehorchen, sondern seinen inneren Feind besiegt zu haben. Um nichts anderes ging es Gott bei der Probe, auf die er ihn stellte. Nicht vergängliche trügerische Gefühle und negative Gedanken dürfen unser Verhalten Gott und den Mitmenschen gegenüber steuern, sondern die innere Burg, die Herzmitte, der unsichtbare verborgene Kern unseres Menschseins müssen die Oberhand bekommen. Blaise Pascal, der große französische Naturwissenschaftler und Theologe des siebzehnten Jahrhunderts, der sich wie Abraham ein Leben lang zu unerschütterlichem Gottvertrauen hindurchringen musste, konnte seinen Sieg meisterhaft für die Nachwelt formulieren: „Le coeur a ses raisons que la Raison ne connaît point“ (Das Herz kennt Beweggründe, die dem Verstand unbekannt sind). Mögen uns solche Meister der Glaubensproben inspirieren und stets als Vorbild dienen.

Radikales Loslassen

Rachel und Lea antworteten und sagten ihm: Haben wir noch Anteil oder Erbe im Haus unseres Vaters? Gelten wir ihm nicht wie Fremde? Er hat uns ja verkauft und sogar unser Geld restlos aufgezehrt. Ja, der ganze Reichtum, den Gott unserem Vater entrissen hat – uns gehört er und unseren Söhnen. Jetzt tu alles, was Gott dir gesagt hat.
Das Buch Genesis Kapitel 31, Verse 14-16
Welch ergreifende Klarheit und Entschiedenheit strahlen die beiden Ehefrauen des dritten Stammvaters des jüdischen Volkes Jakob aus!
Mit dem Brustton der Kompromisslosigkeit und Beendigungsbereitschaft verkünden die beiden gereiften Frauen ihrem Ehemann Jakob ihre Entschlossenheit, mit ihrer heidnischen Vergangenheit radikal zu brechen und gemeinsam mit ihm in das verheißene Land Kanaan auszuziehen. Eine kurze, aber dramatische Szene entfaltet sich vor den Augen des Lesers: Zwei heidnisch aufgewachsene und von ihrem Vater zutiefst heidnisch geprägte Frauen sind nicht mehr willens, die unmenschlichlieblose Umwelt ihres Vaters stillschweigend und kommentarlos zu ertragen. Nach leidvollen Jahren des geduldigen Ertragens der empörenden sozialen Missstände im Hause ihres Vaters sind Rachel und Lea an einen drastischen inneren Scheideweg gelangt, der sie beide zu einer rigorosen und unumkehrbaren Entscheidung auffordert. Beseelt von dem brennenden Wunsch, den zu lang getragenen Schleier der Illusion über die Beziehung ihres Vaters zu ihnen wegzureißen, bricht aus ihnen sturzbachartig der unterdrückte Zorn über das skandalöse Fehlverhalten ihres Vaters durch. Zu lange haben sie die väterliche Lieblosigkeit und arglistige Täuschungsfähigkeit aus falsch verstandener Rücksichtnahme ihrem Vater gegenüber erduldet. Jetzt ist der Augenblick der Endabrechnung gekommen. In drei rhetorisch meisterhaften Sätzen schreien die beiden kampfber...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Ein Wort zuvor
  6. Widmung
  7. 1 Wendepunkte im Leben
  8. 2 Das Leben ist wundervoll – voll Wunder
  9. 3 Altes loslassen und Neues mutig zulassen
  10. 4 Der einzelne Mensch im Spannungsfeld der Gesellschaft
  11. 5 Der Weisheit des Herzens vertrauen
  12. 6 Den Blick für das Geschehen weiten
  13. 7 Leben ist Verwandlung
  14. 8 Wenn Ent-scheidungen not-wendend sind
  15. Der Autor