Das vertikale Ich
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Das vertikale Ich

Ein Weg zur selbstanalytischen Praxis

  1. 172 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfĂŒgbar
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Das vertikale Ich

Ein Weg zur selbstanalytischen Praxis

Über dieses Buch

Unser ĂŒbliches, soziales Ich ist in der Horizontalen ausgerichtet. In der Vertikalen hat es von oben her nur Geist oder Gott und von unten her Trieb oder Affekt gegeben. Erst neuere psychoanalytische Untersuchungen haben die ganz frĂŒhen Körper-Selbst-Spiegelungen beschrieben, denen zufolge das Kleinkind noch weitgehend in sich selbst verwickelt bleibt. Auch im erwachsenen Leben spielen diese Spiegelungserfahrungen der inneren Vertikalen noch eine bedeutende Rolle. Der Autor zeigt dies an vielen Beispielen, schildert aber auch ein eigentherapeutisches Verfahren, das aus scheinbar so GegensĂ€tzlichem wie Psychoanalyse und Meditation aufgebaut ist. Laut Anleitung kann jeder dieses Analytische Psychokatharsis genannte Verfahren selbst anhand zweier Übungen erlernen.

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Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783750471177
eBook-ISBN:
9783750457935

1. Die Psychoanalyse neu erfinden

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass die Psychoanalyse eine dritte Wissenschaft ist, die sich neben den Natur- und Geistes-Wissenschaften etabliert hat. Sie geht davon aus, dass die Natur des Menschen seine Beziehung zum Menschen ist, und das Wort Natur mir darin besonders gut gefallen hat. Doch was ist dann die Natur der Natur, dachte ich mir blödsinniger Weise und fing an, die Natur der Wissenschaften genauer zu hinterfragen. Dazu passt, dass sich der bereits zitierte französische Psychoanalytiker J. Lacan sich in seinem vierundzwanzigsten Seminar die Frage stellte, ob der klassischen Psychoanalyse nicht die Natur eines „Autismus zu zweit“ zu Grunde liegt. Schließlich verurteilen sich in der psychoanalytischen Sitzung der Analytiker und sein Patient dazu, dass sie, obwohl keiner vom anderen etwas weiß und sie wie gesagt auch keine feste Thematik haben, ein paar hundert Stunden zusammenzusitzen (scheinbar konsterniert nur jeder fĂŒr sich).
Freilich ist dies so ganz nicht der Fall. Sie tun nur etwas anderes als das, was ĂŒblicherweise passiert: Zusammensitzen und ĂŒber alles Mögliche gescheit (im Allgemeinen oder im Gelehrten-Jargon) daherreden, obwohl klar ist, dass niemand tief Persönliches, Wahrhaftes, EnthĂŒllendes, Grundlegendes, Ehrliches etc. von sich gibt. All die MusterbĂŒrger sind Fassaden-, Pseudo- und In-die-Kulissen-Redner. Ganz anders verhĂ€lt es sich mit dem Psychoanalytiker und seinem Patienten, wenn sie in der herkömmlichen Form dieser Therapie wie ein „Autismus zu zweit“ agieren. Denn dies klingt ja so, als wĂŒrden sie in genialer Weise so aneinander vorbeireden, dass gerade dadurch ein erleuchtender Funke entsteht, wenn sie mitten in dieser Paradoxie doch einmal perfekt zusammentreffen.
Bei ihnen geht es also vielleicht so zu, wie wenn jemand, der gerne BĂŒcher liest, in einer Kleiderladen geht und den VerkĂ€ufer um einen guten Roman bittet. Auch diese beiden stehen sich erst einmal konsterniert gegenĂŒber. Doch vielleicht frĂ€gt der VerkĂ€ufer schelmisch zurĂŒck: Weich und warm verfasst, verfertigt wie Flanell oder kĂŒhl und leicht wie Leinen? Immerhin, so ganz aneinander vorbei werden die beiden dann nicht reden. Der VerkĂ€ufer nimmt das Wort vom ‚guten Roman‘ allegorisch, der KĂ€ufer will wohl ein KleidungstĂŒck, das wie ein ‚guter Roman‘ passend sein soll. Es geht um zwei QualitĂ€ten, gut und romanhaft, die wie Flanell oder wie Leinen genommen werden können, und ĂŒber die sich zwei Fremde, zwei Autisten einigen könnten, obwohl sie scheinbar nicht die gleiche Sprache sprechen oder – um den Naturbegriff noch einmal aufzunehmen – unterschiedliche Naturen sind.
Ganz im Gegensatz dazu steht das, was der Wissenschaftsjournalist M. Gladwell in seinem neuesten Buch schreibt, dass nĂ€mlich die Menschen zu viel von dem glauben, was ihnen andere, speziell auch Fremde, sagen.1 Sie scheinen total ĂŒbereinzustimmen und kommen damit doch nicht zu einer Einigung, sondern reden stĂ€ndig aneinander vorbei, obwohl sie die gleiche Sprache verwenden und auch von Natur her gleich sind. Sie sprechen, aber wie die oben zitierten Fassadenredner sagen sie sich nichts, wĂ€hrend der KleiderverkĂ€ufer und sein Kunde sich vielleicht mehr sagen als nötig ist, aber dazu nur zwei Worte (QualitĂ€ten) benötigen. Sie scheinen aus der Zeit gefallen zu sein, wĂ€hrend die Personen in Gladwells Bestseller stĂ€ndig darauf aus sind, in Form von Verhören, wichtigen GesprĂ€chen und Missbrauchsbeurteilungen auf der Höhe gegenseitiger VerstĂ€ndigung zu sein.
Bevor ich wieder zu Gladwell zurĂŒckkomme, nochmals zur Psychoanalyse. In ihr umkreisen sich also zwei Protagonisten als zwei Unbekannte wie in einem unzugĂ€nglichen Urwald oder irgendeinem anderen, sonst völlig menschenleeren Land wie zwei Autisten. Der ÜberlebenskĂŒnstler RĂŒdiger Nehberg traf einmal im Regenwald Brasiliens auf so jemanden, der wie er dort herumstreifte, aber Nehberg hatte nicht viel in der Hand, wĂ€hrend der andere gut gerĂŒstet schien. Nehberg war beim Survival-Training, wo man nicht einmal ein Messer dabei haben durfte, und so war er etwas in Panik. Die beiden begrĂŒĂŸten sich zwar freundlich, aber konnte der andere nicht doch denken, dass Nehberg genug Geld mit sich trug oder ihn aus anderen GrĂŒnden mir nichts dir nichts umbringen konnte? Sie stellten eine dritte Art des aneinander Vorbeiredens oder besser dar, die aus Sprachlosigkeit besteht.
Niemand wĂŒrde davon erfahren, wenn einer dem anderen etwas antĂ€te, zig kilometerweit gab es keinen Menschen. Nehberg griff zu einer List und rief mit lauter Stimme Roberto oder Mattheo, so als wĂ€re er mit einem Freund zusammen, der sich in Rufweite aufhielt. Damit andeutend, dass er nicht allein war, konnte er nun mit dem Fremden ein paar gekĂŒnstelte Worte wechseln und sich von ihm ein Bild machen, aus dem heraus das GegenĂŒber besser einzuschĂ€tzen war. Noch bevor Roberto oder Mattheo erneut gerufen werden musste, konnte man sich wieder trennen und dem Fremden gute weitere Wanderschaft wĂŒnschen. Ein derartiges Verhalten war genau im Gegensinne Gladwells gewesen: Aneinander vorbei aber ausnahmsweise doch gut verlaufen.
Gladwell ist nĂ€mlich der Auffassung, dass die meisten Menschen sich in einem prekĂ€ren „Wahrheitsmodus“ befinden, in dem man wie gesagt zuerst einmal alles glaubt, was der Andere, vor allem auch der Fremde, einem sagt, auch wenn dies seltsam, ungut, missgĂŒnstig oder fragwĂŒrdig ist. Der Autor beschreibt FĂ€lle aus der Politik, Kriminologie sowie von Missbrauch und anderen affektiv aufgeladenen Situationen, die meist nicht gut ausgehen, weil autistisch aneinander vorbeigeredet wird. Was er meint, ist jedoch eigentlich der Modus einer antizipierten Wahrheit, eines zu voreiligen Schließens, einer verbalen BeziehungsnaivitĂ€t. Das eben ist beim Psychoanalytiker genau umgekehrt, denn der glaubt seinem Patienten gar nichts. Auch wenn dieser nicht offen lĂŒgt, so weiß der Psychoanalytiker dennoch, dass er auf jeden Fall nicht die Wahrheit sagt. WĂ€hrend der KleiderverkĂ€ufer weiß, dass der Andere nicht das will, was er sagt, aber die Wahrheit in der Luft liegt, weiß der Analytiker nur, dass die Wahrheit im Unbewussten liegt. Der KĂ€ufer bekommt schließlich einen Text. .., ein Textil. Aber was bekommt der Patient in der Psychoanalyse?
Er bekommt die Wahrheit in Form des von Freud entdeckten ‚infantil Sexuellen‘, das selbst noch spĂ€t im Leben des neurotisch Kranken im Unbewussten versteckt geblieben ist. Diese Wahrheit muss anhand des PrekĂ€ren oder Allegorischen in der infantilen Struktur des Begehrens selbst gefunden werden, weil sie noch unbewusst ist und nur durch viele und lange GesprĂ€che geklĂ€rt werden kann. Der Psychoanalytiker muss seinen Patienten aus dessen Versteck durch das Angebot der ‚freien Assoziation‘ herauslocken. Frei zu sagen, was immer ihm einfĂ€llt, erinnert an den Kunden im Textilladen, was den VerkĂ€ufer nötigt, kĂŒhne Vergleiche zu ziehen, und ermöglicht dem Therapeuten, zwischen den Zeilen, zwischen den Assoziationen, das zu EntschlĂŒsselnde zu deuten.
Nun kommt der Patient zwar zum Psychoanalytiker, um solch eine KlĂ€rung zu finden, die seine Symptome heilen kann, aber er leistet Widerstand, er will die Wahrheit nicht sofort und nicht so ganz genau finden, er versteckt sich in sich selbst. Er riskiert ein aneinander Vorbeireden, indem er sich ja um Therapie bemĂŒht, aber ein Misslingen dem Therapeuten in die Schuhe schieben kann. DemgegenĂŒber verstecken sich die Menschen bei Gladwells Beschreibungen nicht vor sich selbst, sondern vor den anderen, was besonders deutlich bei den Schilderungen von Doppelagenten herauskommt. Eine Agentin, die beim amerikanischen CIA als Spionin angestellt war, so erzĂ€hlt Gladwell, musste sich bei den vorgeschriebenen halbjĂ€hrlichen Testungen durch ihre Chefs vor dem selbigen verstecken, weil sie in Wirklichkeit fĂŒr den kubanischen Geheimdienst tĂ€tig war. Doch erst nach zwanzig Jahren wurde sie verhaftet, obwohl es bei diesen Befragungen schon vorher immer wieder einmal Verdachtsmomente gegeben hat, dass sie Gegenspionage betreibt. Auch sie – Geheimdienstlerin und PrĂŒfer - waren sich demnach gegenseitig Autisten.
Einmal hat die Doppelagentin mit einer Antwort zu lange gezögert, ein anderes Mal war sie eindeutig verwirrt. Der Befrager hatte wissen wollen, ob bei einem Nach-Hause-Weg von ihrem BĂŒro etwas vorgefallen war oder sie jemanden Bekannten gesehen hĂ€tte. Hatte sie, aber es war einer ihrer kubanischen Kollegen gewesen, bei dem sie natĂŒrlich so tun musste, als kenne sie ihn nicht. Denn es galt aber als vereinbartes Zeichen, die Zentralstelle in Havanna anzurufen. Schließlich kann ein Geheimdienstler nicht einfach am Telefon angerufen werden. Nicht einmal ein Augenzwinkern durfte sie sich leisten, als sie den Kollegen sah. Erst danach rief sie in Kuba an.
Trotzdem war es ein Riesenproblem, wenn der eigene, hier jetzt der amerikanische Kontrolleur, sie so dezidiert fragte, ob sie auf dem Nach-Hause-Weg jemanden gesehen hĂ€tte. So eine Frage klingt doch nicht nach reinem Zufall, der Befrager musste wohl alles wissen. Er musste von diesem Erkennungszeichen erfahren haben, oder nicht? Denn er hĂ€tte auch fragen können, „haben Sie vor Tagen einen Anruf aus Kuba bekommen“? Oder: „Wo waren Sie vorgestern“? Alles konnte Finte oder Wahrheit sein. Die Doppelagentin brach wegen der Frage nach dem Nach-Hause-Weg fast zusammen, der Kollege aus Kuba konnte ja etwas verraten haben. Sie sagte aber schlicht ‚nein‘, sie haben niemand gesehen, und – es passierte nichts. Der Befrager befand sich im „Wahrheitsmodus“ und glaubte ihr. Die sichtbaren Assoziationen ihrer Verwirrtheit wurden nicht genutzt. Erst viel spĂ€ter wurde sie enttarnt.
Die beiden psychoanalytischen Autisten, der Therapeut und sein Patient, versuchen jedoch stĂ€ndig, sich zu enttarnen, denn sie haben sonst nichts zu sagen. „Es gibt jedoch eine Sache, die es möglich macht, diesen Autismus aufzubrechen, nĂ€mlich dies, dass die Sprache eine gemeinsame Angelegenheit ist und eben das ist der Garant dafĂŒr, dass die Psychoanalyse nicht irreduzibel hinkt, von dem her hinkt, was ich soeben ‚Autismus zu zweit‘ genannt habe“.2 Es ist also nicht so schlimm, wenn sich zwei Menschen total fremd, jeder nur auf sich bezogen, zusammensetzen, um sich auszusprechen und sich zu enthĂŒllen, wenn sie die gemeinsame Angelegenheit nutzen, nĂ€mlich die sich total öffnende und enthĂŒllende Sprache. Genau dies tun natĂŒrlich die Doppelagenten nicht, weshalb es also gegensĂ€tzlich wie in der Psychoanalyse zugeht. Sie versuchen die Sprache zu pervertieren, sie demnach fĂŒr alles andere als zur Kommunikation oder gar zur EnthĂŒllung zu nutzen.
Aber genĂŒgt es wirklich immer, zu jeder Zeit und mit jedwedem sich offen auszusprechen, wenn man dies will? Es könnte ja doch so sein, dass keiner mit dem Satz des anderen auch nur das Geringste anfangen kann, dass also zum Beispiel der VerkĂ€ufer seinen Kunden fĂŒr verrĂŒckt hĂ€lt. Oder der Patient in der Psychoanalyse einen Es-Widerstand hat, also nicht nur von seinem Ich her, sondern aus der Tiefe seines Es, seiner TriebkrĂ€fte her, den EnthĂŒllungen eines ‚infantil Sexuellen‘ eine Blockade entgegensetzt. Aus diesem Grunde, dem des perfekten Nicht-Verstehens und Nicht-Begreifens versuchte der bekannte Linguistiker N. Chomsky einen grammatikalisch einwandfreien Satz zu finden, der sinnlos ist.
Chomsky wollte damit zeigen, dass das Wesen der Sprache nur formal erfasst werden kann und nicht rein inhaltlich. Er wollte, dass seine generative Grammatik die Urformel schlechthin darstellt, und Semantik, also BedeutungszusammenhĂ€nge und anderes darauf aufgesetzt entwickelt werden. Der Satz, den Chomsky schließlich fand, und der inhaltlich völlig sinnlos sein sollte, lautete folgendermaßen: „Colorless green ideas sleep furiously“ (farblose grĂŒne Ideen schlafen fĂŒrchterlich). Klingt ja wirklich ziemlich chaotisch. Nun ist dieser Satz absolut nicht sinnlos.
Er wurde vielleicht in einer Zeit erfunden, als es noch keine GrĂŒnen Parteien gab oder entsprechende Politiker. Denn dass ‚grĂŒne Ideen‘ ‚farblos‘ sein können und vielleicht sogar gerade dadurch ‚fĂŒrchterlich schlafen‘, klingt – zumindest psychologisch – gar nicht so unsinnig. Politisch mag man darĂŒber diskutieren oder gar das Gegenteil zutreffen, auch außerhalb des Politischen hat der Satz Sinn. SpĂ€ter haben die Linguisten daher einen anderen Satz gewĂ€hlt: „Der Gnafel gircht, dass Inkeln schnofel sind“. Aber auch hier ist eindeutig – vielleicht sogar noch besser als im ersten Satz – ein Sinn zu eruieren.
Der ‚Gnafel‘ ist vielleicht ein Jemand, möglicherweise eine mythisch mĂ€rchenhafte Figur, ein Kobold oder Gnom, egal, er ist auf jeden Fall einer, der offensichtlich keine moderne Sprache spricht. Er mĂŒmmelt, raunzt, grunzt, röchelt ‚gircht‘ oder artikuliert sich irgendwie sonst. Zudem wird ganz klar etwas ausgedrĂŒckt, und zwar dass die ‚Inkeln‘ (wohl Ă€hnliche und doch gegensĂ€tzliche Wesen als die ‚Gnafels‘, denn beide Namen klingen nach mittelalterlichen, seltsamen Gestalten) ‚schnofel‘ sind (blöd, schĂ€big, schofelig oder was auch immer eher Abwertendes gemeint ist). Die Aussage dieses Satzes ist also klar und nicht sinnlos.
Lacan meint daher zu Recht, dass jeder Satz – wie entstellt er auch sein mag – Sinn habe. Er wollte damit auf den Sinn des Unbewussten hinweisen, jenes seelischen Bereiches, der – wie er sagt – ‚wie eine Sprache strukturiert ist‘ und damit sich auch irgendwie sinnvoll artikulieren kann, auch wenn es nicht von selbst geschieht. ‚Wie eine Sprache‘ soll eben heißen: das Unbewusste ist einer symbolischen Ordnung, einer Laut-Zeichen-Ordnung folgend so aufgebaut, dass die Dimension des logischen sich Vermittelns vollstĂ€ndig vorhanden ist, in der – umgekehrt zu Chomskys Theorie – die Wahrheit (und damit freilich auch die LĂŒge) eine entscheidende Rolle spielen können.
Denn die Natur und auch die nĂŒchterne Linguistik selbst kennt keine Wahrheit. Es gibt in ihr vielleicht Begriffe wie ‚richtig’ im Sinne von passend und ‚falsch’ (negativ, unangepasst), aber nicht Wahrheit und LĂŒge. Auch Gladwells Doppelagentin log nicht, wenn sie ‚nein‘ sagte, denn sie ging ja an dem Kollegen vorbei als hĂ€tte es ihn nicht gegeben. Etwas gesehen zu haben, das es nicht gibt – darauf konnte sie mit ‚nein‘ antworten. FĂŒr einen Doppelagenten wĂ€re es katastrophal zu lĂŒgen, er kĂ€me aus dem LĂŒgengespinst eines Tages nicht mehr heraus. Zwischen ihr und ihrem Befrager ging es nur um richtig oder falsch. Richtig war, eine perfekte Spionin fĂŒr die Amerikaner zu spielen, nein, zu sein. Darauf musste sie alle ihre Aussagen einrichten. Ihr VerhĂ€ngnis war, dass ihr das totale aneinander Vorbeireden nicht mehr gelang.
Wie sie spĂ€ter, als die Amerikaner sie zum Tode verurteilen wollten, glaubwĂŒrdig argumentierte, sei sie zur Spionage nur deswegen gekommen, weil ihr die von Amerika drangsalierten Kubaner leidtaten. Das war die Wahrheit, doch die galt nicht mehr, oder war auch nie wirklich gefragt. Mitleid war nich...

Inhaltsverzeichnis

  1. Hinweise
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorbemerkung
  4. 1. Die Psychoanalyse neu erfinden
  5. 2. Bild- und Wort-Wirkendes
  6. 3. Das Ding an sich
  7. 4. Der negative Raum
  8. 5. Der Schönheitsfleck
  9. 6. Die Senkrechte
  10. 7. Quantenpsychologie
  11. 8. Die unendliche Gerade und der Kreis
  12. 9. Das autochthone Genießen
  13. 10. ‚UnwillkĂŒrliche SelbstgesprĂ€che‘
  14. Anhang
  15. Literaturverzeichnis
  16. Weitere Informationen
  17. Impressum

HĂ€ufig gestellte Fragen

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