Kerlchens Lern- und Wanderjahre
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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Aus der Romanreihe "Kerlchen" - Band 2

  1. 152 Seiten
  2. German
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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Aus der Romanreihe "Kerlchen" - Band 2

Über dieses Buch

Wie es im Leben von Kerlchen weitergeht...Der Zug sauste durch die friedliche Thüringer Landschaft. Kerlchen stand am Wagenfenster und drückte ihr Stumpfnäschen an den Scheiben platt. Es war so interessant zu beobachten, wie die Telegraphendrähte sich gegeneinander neigten, höher und höher stiegen und sich so hart streiften, daß man immer meinte, die Schwalben, die sich so vergnügt auf den Drähten wiegten, müßten plötzlich elendiglich zerquetscht zu Boden fallen. Aber die Telegraphenstangen besannen sich eines Bessern, sie kamen wieder zurück, verneigten sich vor den Fenstern des vorbeijagenden Zuges, und das lustige Spiel begann von neuem. Die Schwalben zwitscherten und jubilierten. - »Sie haben's gut, « dachte Kerlchen mit tiefem Seufzer, »sie werden niemals in eine Pension gebracht, »in die Benehmigte«, wie der Thüringer sagt. Sie brauchen auch nicht in einem heißen, staubigen Coupé zu sitzen, und es wird ihnen nie der Schnabel verboten.«Kerlchen streift mit sehr finsterem Gesicht die Insassen des Wagenabteils... In der einen Ecke sitzt ihr lieber Papa und schläft; er ist in Zivil, aber jeder, der Augen im Kopf hat, muß den Offizier in ihm erkennen, außerdem ist die Dame, die in der anderen Ecke schläft, beim Einsteigen über die hohe Helmschachtel gefallen, mit welcher Kerlchen gespielt hatte. Und das war der Anfang der stürmischen Debatte gewesen, die sich gleich darauf entspann. Oberst Schlieden hatte noch eine leichte Zornröte auf seiner Stirn, Kerlchen hätte gern einen Kuß darauf gedrückt, aber sie wagte es nicht, sich zu rühren, aus Furcht, die zeternde Dame wieder zu wecken. Kerlchen wußte nicht, womit sie die Mitreisende so erzürnt hatte. Sie hatte ihr in mitfühlender Weise Ratschläge für das zerstoßene Schienbein gegeben, und der Papa hatte ein paar entschuldigende Worte hinzugefügt, aber sie waren auf steinigen Boden gefallen, und wo ein Wort hinfiel, flog ein Stein zurück. »Vorlaut, naseweis, rüpelhaft« waren Kerlchen verständliche Worte, aber »Proletarier der zweiten Klasse« verstand es nicht, und Papa gewiß auch nicht, denn er antwortete garnicht darauf, sondern sagte nur ganz ruhig: »Kerlchen, rüttle mal die alte Schachtel zurecht, « worauf das Kind die Helmschachtel an den richtigen Platz brachte. Aber die Dame hatte den Schaffner gerufen, von Beleidigung geschrien und um einen andern Fahrgast ersucht, was ihr jedoch versagt wurde. Dann war Waffenstillstand eingetreten, und nun schliefen die streitenden Parteien....

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Information

Jahr
2017
Auflage
1
eBook-ISBN:
9783746048253

Kapitel 1

Der Zug sauste durch die friedliche Thüringer Landschaft. Kerlchen stand am Wagenfenster und drückte ihr Stumpfnäschen an den Scheiben platt. Es war so interessant zu beobachten, wie die Telegraphendrähte sich gegeneinander neigten, höher und höher stiegen und sich so hart streiften, daß man immer meinte, die Schwalben, die sich so vergnügt auf den Drähten wiegten, müßten plötzlich elendiglich zerquetscht zu Boden fallen. Aber die Telegraphenstangen besannen sich eines Bessern, sie kamen wieder zurück, verneigten sich vor den Fenstern des vorbeijagenden Zuges, und das lustige Spiel begann von neuem. Die Schwalben zwitscherten und jubilierten. – »Sie haben's gut,« dachte Kerlchen mit tiefem Seufzer, »sie werden niemals in eine Pension gebracht, »in die Benehmigte«, wie der Thüringer sagt. Sie brauchen auch nicht in einem heißen, staubigen Coupé zu sitzen, und es wird ihnen nie der Schnabel verboten.«
Kerlchen streift mit sehr finsterem Gesicht die Insassen des Wagenabteils ... In der einen Ecke sitzt ihr lieber Papa und schläft; er ist in Zivil, aber jeder, der Augen im Kopf hat, muß den Offizier in ihm erkennen, außerdem ist die Dame, die in der anderen Ecke schläft, beim Einsteigen über die hohe Helmschachtel gefallen, mit welcher Kerlchen gespielt hatte. Und das war der Anfang der stürmischen Debatte gewesen, die sich gleich darauf entspann. Oberst Schlieden hatte noch eine leichte Zornröte auf seiner Stirn, Kerlchen hätte gern einen Kuß darauf gedrückt, aber sie wagte es nicht, sich zu rühren, aus Furcht, die zeternde Dame wieder zu wecken. Kerlchen wußte nicht, womit sie die Mitreisende so erzürnt hatte. Sie hatte ihr in mitfühlender Weise Ratschläge für das zerstoßene Schienbein gegeben, und der Papa hatte ein paar entschuldigende Worte hinzugefügt, aber sie waren auf steinigen Boden gefallen, und wo ein Wort hinfiel, flog ein Stein zurück. »Vorlaut, naseweis, rüpelhaft« waren Kerlchen verständliche Worte, aber »Proletarier der zweiten Klasse« verstand es nicht, und Papa gewiß auch nicht, denn er antwortete garnicht darauf, sondern sagte nur ganz ruhig: »Kerlchen, rüttle mal die alte Schachtel zurecht,« worauf das Kind die Helmschachtel an den richtigen Platz brachte. Aber die Dame hatte den Schaffner gerufen, von Beleidigung geschrien und um einen andern Fahrgast ersucht, was ihr jedoch versagt wurde. Dann war Waffenstillstand eingetreten, und nun schliefen die streitenden Parteien.
Kerlchen dachte in der Stille und Schwüle des Wagens darüber nach, wie es wohl käme, daß das Leben immer so kriegerisch verliefe, woran es wohl läge, daß so viele Mütter auf der Welt krank seien und so viele Kinder zu fremden Leuten müßten, und es beschloß, daß die eigenen späteren vierundzwanzig Kinder niemals in Pension kommen sollten. Dann schlief Kerlchen ebenfalls ein.
»Die Neue hat wieder geheult!«
»Ist gar nicht wahr, ich heule nie, ich hab schlecht geträumt!«
Kerlchen setzte sich im Bette auf, das mit noch neun andern Betten in einem großen Schlafsaal stand. Dickverschwollene Augen blinzelten aus einem heißen, mit roten Flecken bedeckten Gesicht.
»Soll ich dir 'n Spiegel holen, Fee?«
»Ha, ha, ha, schöne Fee!«
»Machst deinem Namen viel Ehre!«
»Prinzessin Heulmeier!«
»Rrrrraus!«
Kerlchen schrie es mit aufgeregter Stimme, der man das verhaltene Schluchzen deutlich anhörte.
Die übrigen Mädchen brachen in tosendes Gelächter aus und liefen dann eiligst hinaus. Die Klassenuhr schlug acht Schläge, eine schrille Klingel tönte durch das Haus, dann war alles still.
»Felicitas, wie siehst du wieder aus? Und warum kommst du jetzt erst? Es ist zehn Uhr!«
»Wann bist du aufgestanden?«
»Um vier Uhr, wie immer!«
»Du lügst!«
»Fee lügt nie! Sie ist um vier Uhr aufgestanden und in den Garten gegangen; da hat sie Fräulein Kleist wieder geholt und trotz ihres Sträubens ins Bett gesteckt.«
Gretchen Döring war es, die für Fee die Verteidigung aufnahm.
»Warum sprichst du nicht, Felicitas?«
»Das tut sie nie, wenn Sie ihr sagen, sie hätte gelogen.«
»Unsinn! Sie soll sich verteidigen, dieses Schweigen ist nichts als Trotz.«
Kerlchen war ganz blaß geworden, ihre Augen funkelten die Lehrerin kampfbereit an.
»Warum kamst du nicht zur rechten Zeit, wenn du doch seit vier Uhr wach warst?«
»Weil ich kein eigenes Zimmer habe!«
»Spukt dieser Unsinn immer noch in deinem Kopfe?«
Die Mädchen lachten laut.
»Natürlich, sie zieht sich nicht an in unserer Gegenwart.«
»Zimperliese!«
»Wenn wir nicht mal vorher in den Garten laufen, wenn's recht schönes Wetter ist, dann kommt sie regelmäßig zu spät; wir necken sie natürlich und bleiben im Schlafsaal – –«
»Es ist zu verrückt von ihr!«
»Ruhe!!! Felicitas, du solltest dich schämen, in dieser Weise die Schulordnung zu stören. Du wirst dich an den gemeinsamen Schlafsaal gewöhnen müssen, solange deine Eltern es für richtig halten, dich in einer Pension zu lassen. Dein Papa hat ausdrücklich geschrieben, daß du ganz so gehalten werden sollst wie die anderen Mädchen. Und nun setzt euch ruhig hin, die Stunde beginnt!« Die Lehrerin seufzte tief auf.
Es war wirklich schwer, dieses Mädchen zu erziehen, das so »anders« war, wie auch die Mitschülerinnen sagten. Dabei wußte Felicitas ganz gut Bescheid, sie hatte die Lücken, (ganz unglaubliche Lücken bei einem elfjährigen Mädchen) in rascher Zeit aufgefüllt und überflügelte die besten Mitschülerinnen, wenn sie wollte. Aber sie wollte nicht immer. Heute z. B. dieser Aufsatz!
Fräulein Kolditz schaute ergrimmt auf das Heft. Schon die Schrift des Mädchens empörte sie jedesmal von neuem. Diese steilen, deutlichen, dicken Buchstaben waren gegen jede Schulordnung. Und der Aufsatz selbst! Fräulein Kolditz wollte ihn nachher gleich der Vorsteherin bringen. »Felicitas, steh auf und sieh mich an! Du hast den schlechtesten Aufsatz von allen zehn Mädchen geliefert! Du hast dich von Anfang an dem Thema widersetzt und behauptet, man könnte nicht darüber schreiben, die anderen Mädchen strafen dich Lügen, denn sie haben sehr hübsch über die »Wüste Sahara« geplaudert. Du dagegen hast deiner Bosheit die Zügel schießen lassen und fängst an:
»Die Wüste Sahara ist furchtbar langstielig.« Den besten Aufsatz hat Helene von Giers geschrieben, er ist zu meiner Überraschung sehr fließend abgefaßt: »Betrachten wir auf der Karte von Afrika den schmalen Küstenstrich – –«
Ein helles, lustiges Gelächter unterbrach die Lehrerin. »Abgeschrieben! Hi hi hi...

Inhaltsverzeichnis

  1. Kerlchens Lern- und Wanderjahre
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  16. Kapitel 15
  17. Impressum

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