1 Didaktische und pädagogische Vorüberlegungen
Diese Entwürfe zum Unterricht sind Ergebnis eines langen schulischen Prozesses.1 In ihnen spiegeln sich Erfahrungen sowohl aus meiner Arbeit in der Schule2 wie auch aus vielen Kasualgesprächen meiner Gemeindearbeit, in denen deutlich wurde, dass das Wissen um Jesu Leben und Wirken - formal ausgedrückt - defizitär ist. Wie sollen Glaubenserfahrungen gemacht und verstanden werden, wie sollen ethische Positionen bezogen und begründet werden, wie soll eine christliche Kindererziehung möglich sein, wenn das Basiswissen fehlt? Wenn ich der Mehrzahl meiner Schülerinnen im Jahrgang 10-12 Glauben schenken darf, dann haben sie in zehn Jahren Religionsunterricht keine Geschichten von Jesus gehört und nie eine Bibel in der Hand gehabt. Ich schenke ihnen an diesem Punkt keinen Glauben. Ich rechne damit, dass die meisten einen gut verantworteten Religionsunterricht hatten.
Trotzdem scheint oft Tabula Rasa da zu sein. Dafür gibt es viele, vor allem gesellschaftliche und familiäre Gründe. Wenn wir die Schule als eine Chance sehen (eine noch gegebene, mitunter politisch leichtfertig aufs Spiel gesetzte), grundlegendes christliches Wissen zu vermitteln, dann müssen wir in den höheren Klassenstufen oft genug Lernstoff, der eigentlich mehr der Grundschule zugeordnet wird, einbauen. Wir müssen fundamentale Dinge vermitteln oder wieder freilegen. Auf diesem Erfahrungshintergrund ist dieses Buch entstanden, das Lehrkräften aller Schularten etwas in die Hand gibt. Darüber hinaus mag es allen religionspädagogischen Interessen dienen, auch dem Konfirmandenunterricht und dem Bibelgesprächskreis.
Noch eine entscheidende Vorbemerkung: Dies ist ein Sachbuch. Und doch verwende ich oft die Ich-Form. Das hat einen inhaltlichen Grund: Im Religionsunterricht spielt auf den verschiedensten Ebenen der Religionslehrer als Person eine entscheidende Rolle. Natürlich wissen wir, dass das für SchülerInnen die Lehrerpersönlichkeit immer ganz wichtig ist. Aber anders als in Mathematik und Deutsch spielt im Religionsunterricht auch der persönliche Glaube eine zentrale Rolle. Dem Lehrer wird abgenommen, womit er sich identifiziert. Er hat allerdings den Auftrag des konfessionellen Unterrichtens. Das macht das Geschäft mitunter schwierig. Aber es bleibt das Wissen: Bei den SchülerInnen kommt der Inhalt nur über den Weg der Person.
1.1 Exempla trahunt
Daher leitet ein wichtiger pädagogischer Grundsatz, eine zentrale alte Erfahrung die Pädagogik: Verba docent, Exempla trahunt: Worte belehren, Beispiele ziehen nach sich. Wenn die SchülerInnen spüren, dass Jesus uns selbst interessiert, dass er uns begeistert, dann nehmen sie den Stoff als eine Möglichkeit auf, mit der man auch für sich selbst etwas anfangen kann. Egal in welcher Altersstufe: SchülerInnen gehen von Natur aus immer diesen Weg.
Die Anordnung meiner Stunden, selbst was die Einstiegsphase betrifft, war nicht immer identisch. Es war für mich hilfreich, mehrere Möglichkeiten präsent zu haben und auf die Klasse bzw. die Situation abzustimmen. Mitunter gibt es Ereignisse, über die gesprochen wird, die einen Einstieg ermöglichen. Dass sich im Glauben eines aus dem andren ergibt, macht uns Querverbindungen leicht. Die Arbeitsblätter, die ich zur Verfügung stelle, habe ich entsprechend flexibel eingesetzt, mal früher, mal später, sie mussten eben als Klassensatz greifbar sein.
Auch im Religionsunterricht gibt es etwas, das man vor einem halben Jahrhundert als Kairos bezeichnete: der Augenblick, in dem ein Funke überspringen kann. Kinder und Jugendliche sind sehr sensibel: sie spüren, wenn man selbst von etwas gepackt wird. Das soll diesem Buch abzuspüren sein und in der persönlichen Weise, die jeder Lehrer und jede Lehrerin hat, sich weiter entfalten.
1.2 Glauben und Religion: etwas für Kinder?
Noch eine kleine Geschichte, die mich nachdenklich machte: In einem Gruppengespräch in einem evangelischen Kindergarten über Jesus und den Glauben outete sich ein Junge als nichtgetauft. Als ich ihn fragte, ob er nach den Geschichten von Jesus, die ihm gefielen, nicht vielleicht selbst Lust bekommen hätte, sich taufen zu lassen, reagierte er sehr prompt: "Nein! Taufe ist was für Babys." Natürlich. Aus seiner Sicht stimmte es. Der inzwischen Fünfjährige erlebte in seinem Umfeld permanent, dass praktisch ausschließlich Babys getauft wurden. Wenn man es unsentimental beschreibt, kann man sagen, dass die Babys in die Kirche gebracht werden, Wasser über sie gegossen wird und sie dann durch die Eltern jahrelang der Kirche wieder entzogen werden. Möglicherweise gibt es einen kurzen Zwischenstopp bei der Konfirmation, die wohl viele als positiv erleben 3 (auch der Freizeiten wegen), aber nicht als Anlass sehen, sich der Gottesdienstgemeinde anzuschließen.
Nota bene: als jener Gemeindejunge dann in der dritten Klasse war, ließ er sich wirklich taufen. Natürlich sprach ich ihn darauf an. Was hatte seinen Sinneswandel veranlasst? Die ebenfalls prompte Antwort: "Ich will dazu gehören."4
Meine meist getauften (Berufs-)SchülerInnen (beider Konfessionen) erklärten ermüdend häufig mit einem durch nichts begründeten Stolz, seit der Kommunion bzw. Konfirmation nicht mehr in der Kirche gewesen zu sein. Es ist also nicht nur eine intellektuelle oder kognitive Tabula Rasa, sondern auch eine emotionale. Der Ausdruck Tabula Rasa stammt aus dem alten Rom, wo die Schüler mit Wachstafeln arbeiteten und die Ergebnisse immer wieder abgerieben wurden. In der Tat erlebe ich das religiöse Wissen meiner Schülerinnen häufig als „abgewischt“ – durch sie selbst, durch die Eltern, durch das persönliche Umfeld, weniger durch die Zeit. Dabei erscheint es für sie kein Widerspruch, wenn sie zeitgleich schwärmen, wie toll Erlebnisse als KonfirmandInnen waren.
Man kann die Tabula rasa beklagen, man kann sie konstatieren, ich möchte sie vorwiegend als Herausforderung sehen. Wir haben die Chance, in bestimmten biographischen Situationen Wissen von Jesus an das Leben heran zu tragen. Wir haben die Chance, weil der Religionsunterricht noch Pflichtunterricht ist. Von sich aus würden die SchülerInnen nicht zu uns kommen. Aber manchmal nehmen sie ganz gerne mit, was sie unerwartet bekommen haben. Vor einem halben Jahrhundert sprach man von der existentialen Interpretation des Neuen Testamentes. Darin steckt eine Wahrheit, die nicht verloren gehen sollte: Nur, wenn ich selbst durch die Botschaft Jesu betroffen bin, kann ich sie überzeugend weitergeben. Dafür gibt es immer wieder Personen auch in unserer Biographie, in unserer Lebensgeschichte, die uns in den Religionsunterricht führte.
1.3 Theologische Positionierung
Hinter den Unterrichtsentwürfen steht also eine theologische Position. Man muss sie nicht teilen, um etwas zu übernehmen, aber ich möchte sie doch benennen.
Rein formal stehe ich in der Tradition der historisch-kritischen Exegese. Die Bibel enthält für mich Wahrheiten, aber nicht jede Zeile enthält exakte historische Informationen. Wenn es um Jesus geht, sind die Informationen relativ zeitnah festgehalten, ich rechne also häufig mit einem grundsätzlichen „so ist es wirklich gewesen“. Manche Geschichten sind so erkennbar gestylt, dass ich dann nur noch sagen kann: da steckt etwas Historisches dahinter5; und bei manchen erkenne ich mythologische Figuren, die in verschiedenen Bereichen des Mittelmeerraumes erscheinen, da frage ich dann eher: Was wollten sie damit ausdrücken?
Zunehmend begegnen mir Menschen mit abgeschlossenem Theologiestudium, die eine sehr eigentümliche Position vertreten: Weil alles hinterfragbar ist, halte ich alles in der Bibel für historisch. Wenn man die teilweise widersprüchlichen Ergebnisse historisch-kritischer Forschung sieht, ist das verständlich. Aber leider ist diese Lösung falsch, denn die widersprüchlichen Ergebnisse haben eines gemeinsam: die Gründe, die zu solchen Untersuchungen führen. Die Bibel und auch das Neue Testament sind in sich nicht schlüssig, sondern enthalten faktische Widersprüche.6 Wer aufrichtig ist, kommt um eine kritische Sicht nicht herum. Leider enthalten Fragen nicht zwangsläufig bereits die Lösung. Aber das gilt ja nicht mal in der Physik als einer "objektiven" Wissenschaft.
So gehe ich mit den Geschichten, die Jesus betreffen, auch den Schülerinnen gegenüber um: differenziert.
Wen die theologische Position hinter den Entwürfen interessiert: Sie ist christozentrisch, und dabei staurozentrisch. Damit stehe ich in Traditionen, die durch Martin Luther oder Jürgen Moltmann plakatiert werden könnten. Es geht also in meinem religiösen Reden letztlich immer um Jesus, und zwar den Gekreuzigten – das finden wir auch schon bei Paulus in dieser knappen Form (1.Kor.2,2). Knapp ausgedrückt: Wer Gott ist, lässt sich nur beschreiben, wenn wir es an einer Geschichte von Jesus deutlich machen. Und Jesus nimmt für mich die Stellung „Gott“ ein. Dabei ist „Gott“ Jesus, der am Kreuz endete. Es ist also eine Religiosität ohne Überschwang, wenn es um Leid und Tod geht, aber eine Religiosität mit Feuer, wenn es um Hoffnung geht. Darum gehören für mich zu Jesus auch Geschichten von Menschen, die sich durch ihn bewegen ließen (z.B. Schweitzer und Luther-King), und es gehören in den Religionsunterricht Lieder, die mehr sagen als Predigten, also neues geistliches Liedgut und Gospels.
Der Religionsunterricht ist für mich ekklesiologisch zu sehen: Ich vertrete die Kirche. SchülerInnen erleben durch mich Kirche. Egal, ob ich das will oder nicht, es ist so. Reli-Lehrkräfte, die sich mit ihrer Kirche nicht identifizieren, sind für mich fehl am Platz. Sie könnten vielleicht mit gutem Gewissen Ethik unterrichten. Sie können auch gute LehrerInnen und gute Menschen sein, aber der Religionsunterricht wird mit Kirche identifiziert. Darum müssen Religionsunterrichtende sich mit Kirche identifizieren, sonst ist es Etikettenschwindel7.
Kirche sehe ich ebenfalls staurozentrisch: Jesus würde heute von „der Kirche“ vielleicht auch gekreuzigt. Wir leben nicht im Paradies, auch in der Kirche nicht. Bei den Katholiken ist sogar Petrus, der Versager, Vorbild des Oberhauptes, auch wenn das jeweils reale Oberhaupt der Konfession es vielleicht nicht wahrnimmt. Aber Johannes XXIII ließ geistliche Selbsterkenntnis und Bescheidenheit durchblicken und Franziskus sendet ähnliche Signale aus. Also: Du bist Kirche und Kirche ist genau unvollkommen wie du – nur sind es Repräsentanten vielleicht anders als Du.
1.4 Der aufgeklärte kritischen Religionslehrer
Mein Unterricht basiert wie gesagt auf historisch-kritischer Exegese. Das stört meine SchülerInnen (und KonfirmandInnen) oft wenig. Sie unterstellen mir – selbst wenn sie mich schon länger kennen – immer wieder einen platten Biblizismus. Da muss die Schöpfung mit Adam und Erde begonnen haben und da Kain keine weiblichen Geschwister hat ist die Geschichte rein biologisch ab der Pubertät reiner Unsinn. Da sie diese Interpretation nicht von mir gehört haben und vermutlich auch selten von KollegInnen, wird wohl in den Elternhäusern tradiert, wie wirklichkeitsfremd Religionsvertreter sind. Das sitzt so tief, dass ich auch nach mehrjährigem Unterricht von denselben Schülern wieder zu hören bekomme, dass ich daran glaube, dass der erste Mensch aus Lehm gemacht wurde.
Abgesehen davon, dass dies verletzend ist – schließlich behandeln mich die SchülerInnen dann wie einen unbelehrbaren Vollidioten -, ist es natürlich auch ausgesprochen billig: Mittels eines Buhmanns kann man sich leicht aus religiösen Entscheidungen stehlen. Vor allem dann, wenn Gott nicht so ist, wie ich es will, sondern anders.
Wenn ich andererseits beim Unterrichtsthema „Okkultismus – Esoterik“ induktiv vorgehe – also eine esoterische Praxis nachstelle, ihre anscheinend überzeugende Seite aufzeige und dann in die Kritik gehe, beharren viele auf irrationalen Positionen – die sie vermutlich nicht sich selbst gesucht haben, sondern aus dem Elternhaus mitbekamen.8 Der Vorteil an der Esoterik ist nämlich: Man braucht sich vor niemandem zu verantworten – und im Zweifelsfall muss der arme Werner Heißenberg dafür herhalten, dass es selbst in der Natur „Widersprüche“ gibt; auch eine 5 in Physik nimmt einem nicht das Recht, mit Quantenphysik zu argumentieren.
Das mit dem „Sich-Verantworten“ ist in der Kirche anders; dort gibt es einen ethischen Kanon, der zwar immer wieder diskutiert wird, aber im Prinzip bekannt ist und auch partiell göttliche Dignität genießt. Wenn ich es richtig beobachte, halten sich der Wunsch nach verlässlichen Regeln und der Unwille, sich zu verpflichten, in etwa die Waage. Wenn die Kirche als normgebende oder normverwaltende Kraft abgelehnt wird, hängt dies wohl damit zusammen, dass man /frau scih selber aussuchen möchte, wem man normsetzende Autorität zuerkennt.
1.5 Aktualität und Aktualismus
Wer mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, muss sich ein Stück weit in ihrer Welt auskennen. Das ist heutzutage extrem schwierig, weil diese Welt professionell ferngesteuert wird durch Medien und Werbung. Ich finde das schlimm und könnte stundenlang dagegen wettern, aber es ist die Realität. Zugleich ist es sehr anstrengend, immer wi...