Duisburg
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Legenden und alte Geschichten einer Großstadt

  1. 176 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Legenden und alte Geschichten einer Großstadt

Über dieses Buch

Ein Hobby des in vielen Genres erfolgreichen Autors Dieter Ebels ist die Geschichte seiner Heimatstadt. So hat er auch zahlreiche Legenden und alte Geschichten aus Duisburg zusammengetragen. Ein Auszug seiner Geschichtssammlung, in der es um Hexen, Teufel, Zwerge und vielen anderen, teils dusteren Begebenheiten geht, führen den Leser auf eine Reise in die tiefste Vergangenheit. Es ist eine neu überarbeitete und ergänzte Ausgabe des erstmalig 2009 erschienenen Buches.

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Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783751952361
eBook-ISBN:
9783751947503
Auflage
1

Das Hamborner Opfermahl

Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, der viel Not und Elend über die Region brachte, war endlich wieder etwas Ruhe in das Land eingekehrt. Das Leid der Menschen jedoch hatte auch noch Jahre nach diesem Krieg noch kein Ende. Es herrschte überall große Armut. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte des Hamborner Opfermahlmahls, die in alten Schriften mit verschnörkelten und schwer lesbaren Buchstaben, verfasst in blumiger Sprache, zu finden ist:
Der 8. Oktober des Jahres 1659 war ein sommerlicher Herbsttag. Mit mildfreundlichem Schein ruhten die Strahlen der Mittagssonne auf dem einfachen viereckigen Turm der Hamborner Klosterkirche mit ihrem eingeknickten Helm, übergossen dann, tiefer hüpfend, die rechte Hälfte des chorartigen Erkers an der Nordseite des Klosters mit der Fülle von Licht und hüpften aufsprühend über die vergoldeten Ziffern der Jahreszahl 1562 hinweg, hoben auch funkelnd und bedeutungsvoll einige Wappenzeichen der vielen gemeißelten Schilder aus dem Grau des Erkers hervor. Freilich, in das Innere der düsteren Kirche getrauten sich die munteren Strahlen nicht zuhauf. Neugierig nur lugten sie durch die hohen, gotischen Fenster in das dreigeteilte Kirchenschiff, sprangen gleich mutwilligen Schulbuben über die schmucklosen, altersgrauen Bänke dahin, trieben an den gedrehten Säulen der Beichtstühle ihr lustig leuchtendes Kletterspiel und setzten den darauf stehenden Heiligenfiguren einen neuen goldenen Schein ums ehrwürdige Haupt.
Behutsamer schon tappte der übermütige Schein der Oktobersonne ins hohe Chor hinein, strich wie liebkosend über den reich und zierlich geschnitzten Predigtstuhl, glitt von da hinüber auf das kunstlose Chorgestühl, warf sich dann aber mir seiner ganzen Macht auf den neuen prachtvollen Altar mit seinem großen Mittelbild, das mit seiner Farbenpracht und seiner stillen Trauer das Spiel der lustigen Sommervögel bändigte. Ganz in lichtes Weiß gehüllt, leuchtete dort die lebensgroße Gestalt des Gekreuzigten, am Kreuz hängend, hernieder auf das Chorviereck. Das Haupt des Heilandes war gesenkt im letzten Todesseufzer, die Finger gekrallt in unnennbaren Weh, der Körper gekrümmt über ein Leiden, das riesengroß alles Menschenleid übertönte. Leid, Schmerz und Tod schrie das Bild in den düsteren Kirchenraum hinein. In dunklen, an Rembrandt erinnernden Farben sang die Umgebung des Kreuzes, Landschaft und Menschen, eine schauerliche Symphonie in Farbengrau.
Wie von frommer Scheu gebändigt, wandte sich der Sonnenblick von diesem machtvollen Bild zurück auf den einsamen Mönch, der, in Gebet versunken, in dem mittleren, dreisitzigen Betstuhle, links vorn gleich neben dem Altare, kniete. Das war der Abt des Klosters Hamborn, Herr Wilhelm Gottfried von Hyllen, seit zwölf Jahren Leiter der Geschicke der Hamborner Abtei und Herrschaft. Weiß leuchtete sein langfaltiges Habit, sein seidenes Käpplein, darunter sein blasses Gesicht über den im Gebet gefalteten Händen.
Wie eine Lebensgeschichte lag das Antlitz vor dem Bild des Beschauers. Die kühn geschwungenen Lippen erzählten von froher Jugend und romantischen Jünglingsjahren. Zwei herbe Züge um die Mundwinkel waren die Erinnerungszeichen der Leidensjahre des Dreißigjährigen Krieges. Tief und scharf waren sie eingemeißelt in das marmorne Gesicht und bannten für immer den Schmerz in die großen braunen Augen des ehrwürdigen Herrn.
Zwei scharfe Falten standen aufrecht zwischen den Augenbrauen und setzten ihre Linie, zeigend von Klugheit und Gedankenschärfe, auf dem langen schmalen Nasenrücken fort. Andacht und Sorge wälzten sich hinter der hohen Stirn des ehrwürdigen Herrn.
Belauschen wir den Lauf der Gedanken. Nach all den Entheiligungen, die gottesräuberische Sektierer auch der Abtei Hamborn in gerütteltem Maße hatten zuteil werden lassen, waren endlich Jahre des Friedens eingekehrt. Jahre des Friedens – aber Jahre der Not und Entbehrung! Kaum wusste der Abt von einem Tage zum anderen das Leben der Pater, der Brüder und des Gesindes zu fristen. Das bare Geld, alte Schuldverschreibungen, Wertstücke und Schmuck, alles war von der Furie des Krieges dahingerafft. Die Felder lagen wüst; Tag für Tag rodeten die Brüder die Felder auf der fernen Heide, machten urbar und hatten doch jahrelang zu warten, ehe der karge Boden wieder hinreichende Frucht gab. Die Sassen des Klosters hatten ihre Höfe verlassen, weil die Bewirtschaftung sich nicht mehr lohnte; ihre Höfe verfielen und in den Trümmern der Ställe gaben sich Marder und Wiesel ein Stelldichein. Wenn sich der Himmel nicht der Not des Klosters erbarmte, hörte der Jammer nimmer auf.
Der Abt hob den Blick zu dem Todesbild des Gekreuzigten empor. Wie dieser lichtverklärte Leichnam aus dem Dunkel der Todesschatten leuchtete, so winkte seit einigen Tagen dem Kloster neue Hoffnung.
Herrgott, war das eine mühsame Bettelreise zu den Herren und Klöstern gewesen! Abt Wilhelm hatte sich ihr gerne unterzogen, weil er in seinem Gottvertrauen immer noch die geheime Zuversicht hegte, es werde sich einer des Klosters erbarmen und ihm ein Darlehen gewähren, damit es über die schlimmsten Jahre hinwegkomme.
Der Abt lächelte.
In Duisburg hatten die Stadtherren und auch die geistlichen Brüder wie auf geheime Abrede die Schultern gezogen und gemeint, was sie in Duisburg mit dem Kloster in Hamborn zu schaffen hätten. Das liege in der Heide und nicht im Banne der Stadt. Freilich, freilich lag das Kloster in der Heide, aber doch nahe genug bei der großen Stadt Duisburg, dass all die fremden Kriegsvölker, die vor den starken Mauern und Toren Duisburgs sich nordwärts wandten, voll Wut, weil ihnen die fette Tafel der Stadt entgangen war, mit um so größerer Gier in die unbefestigte Abtei Hamborn einfielen und sich an Küche und Keller, Sakristei und Schatzkammer und auch an Menschenqual so verlustierten, dass sie wie vollgesogene Blutegel tage-, ja mondelang sich in den Klosterbereich einlagerten.
Dann war der Abt Wilhelm schweren Herzens zum Grafen Wilhelm Wirich von Dhaun – Falkenstein auf dem festen Hause Broich gekommen. Schwer war der Gang gewesen, denn Graf Wilhelm Wirich war der neuen Lehre mit Leib und Leben ergeben und hasste die Kuttenträger wie die Erinnerung an die frühere katholische Zeit. Aber der Graf war reich und stark. Er konnte dem Abt wohl Hilfe leihen, zumal immerda freundschaftliche Beziehungen zwischen Haus Broich und dem Kloster bestanden. Der Broicher hatte den ehrwürdigen Abt gar wohl empfangen, auch trefflich bewirtet, aber für seine Bitten um Darlehen und Hilfe nur ein verstocktes Herz gezeigt und schließlich auf seinen einzigen Sohn Karl Alexander verwiesen, der, ohnehin erst 16jährig, doch schon Offizier bei einem französischen Leibregiment sei und zum Herbst in Urlaub komme. Wenn dieser, sein Stolz und seine Hoffnung, bereit sei, von seinem Mutterteil dem Kloster etwas abzugeben, so solle es ihm recht und genehm sein. So sank die Hoffnung wie der Schimmer einer ersterbenden Kerzenflamme bis zur Enge der Mutlosigkeit, als der Abt von Broich zum Schlosse Styrum kam. Zwar war Graf Moritz ein stattlicher Herr von 36 Jahren, dem ein wetterwendisches Kriegerleben das Angesicht gebräunt und von scharfen, wie vom Schwerte geschnittenen Falten gezeichnet hatte, gar liebenswürdig und entgegenkommend gewesen, aber hatte sich doch nicht dazu verstehen können, dem Kloster aus seinem Lehenschatze irgendeine Hilfe zu gewähren. Im Oktober wolle er hinkommen und sich vom Zustand der Abtei überzeugen, vielleicht, dass sein Verwalter etwas tun könne.
So trieben Sorge und Hoffnung den Abt von einer Quelle zur anderen, ohne dass ihm Labung wurde in allen Entbehrungen und Not. Bis er im Vorübergehen eines Tages in Wintgens Hof auf zwei Eheleute stieß, denen der jähe Tod der Kinder und die Sorgen der Kriegsjahre das Herz gar wohl beackert hatten, die aber auch ihre Truhen so wohl zu verwahren gewusst, dass sie immer noch Geld zu Händen gehalten. Doch man weiß, wie Bauern sind. Von einem wohlgepflügten Bauernherzen bis zur Willensfrucht ist die Wachstumszeit länger noch als zwischen Samenkern und erstem Apfel. Dreimal schon hatte Heinrich Wintgens nebst seiner Ehefrau Agnes Losern alle dem Gotteshaus Hamborn „zuständigen Hab und Güter, alle semptlich, nichts ausgenommen“ gar eingehend mit pfiffig blinzelnden Augen durchwandert und betrachtet, auch wohl durchblicken lassen, dass er an die 800 vollwertige Reichtaler frei und verfügbar in der Truhe liegen habe. Aber sein Herz lag noch immer bei den Talern im finstern Schrein und, weiß Gott, es mochten noch Jahre dauern, bis der Tod ihn willfährig gezwickt, dass er um Gnade und Seelenheil endlich seine Schätze herausrückte, der Not des Klosters zu steuern.
Höher stieg die frohe Mittagssonne.
Abt Wilhelm erhob sich, beugte noch einmal die Knie vor seinem Gott und schritt dann durch die Kirche in die Empfangsstube der Abtei, von woher er den Lärm und das Schreien der Bettler und Armen hörte, die allmittäglich an der Klosterpforte ihr mageres Süpplein und ihren kräftigen Bissen Brot empfingen. Einen Augenblick verharrte der Abt in der schön getäfelten Empfangsstube. Hier solle er heute – war es eine Fügung des Himmels? – wichtigen Besuch empfangen. Nicht nur Heinrich Wintgens mit seiner Ehefrau Agnes Losern hatte seiner Einladung zum Mahle Zusage gegeben, auch der junge Herr von Broich, der jetzt im Herbsturlaub auf der väterlichen Scholle weilte, wie auch der schwarzbärtige Graf Moritz von Styrum hatten für den heutigen Tag ihr Erscheinen zugesagt. Drei Helfer in der Not, von denen mit des Himmels Gnade heute wenigstens einer seine milde Hand auftun sollte zur Rettung des geliebten Klosters vor gänzlichem Verfall und Untergang.
Weiter schritt der Abt. Hinein in den lichterfüllten Kreuzgang der Abtei. Wie prachtvoll die Sonne das Quadrum verklärte! Weiß hob sich die Schlangenlinie des Wandelpfades aus dem grünen Rasenviereck des Grundes. Die grünen Blättlein weißstämmiger Birken zitterten unter dem liebkosenden Streicheln der warmen Oktobersonne. Der Schatten des Sturmhelmes stand spitz über dem vierten rundbogigen Fenster des Nordflügels und die ganze wohlgegliederte Reihe der sechs Doppelfenster mit den ernsten Kreuzen dazwischen und den lustigen, kleinscheibigen Fensterquadraten darüber lachten den heranschreitenden Herrn Abt hoffnungsvoll und erfolgsversprechend an. Wahrhaftig, es war doch ein schöner Oktobertag! Gegen allen Brauch reichte Abt Wilhelm dem Prior Bertram Adrian de Bylandt und dem Klosterkellner Wilhelm von der Voort, die ihm aus dem Nordflügel entgegenkamen, die schlanke Rechte, deren Abbasring sie ehrfurchtsvoll küssten.
„Ein schöner Tag, vielliebe Herren, schön hoffentlich nicht nur der Sonne nach, sondern auch nach der Willfährigkeit menschlicher Herzen.“
„Das wolle Gott“, versetzte der Prior Bertram, „dass uns die Sonne am Abend noch schöner scheint als am Mittag!“
„Freilich“, lachte der Klosterkellner, der ein Schalk war, „tausend Reichstaler möchte ich eine goldene Abendsonne nennen!“
„Nun wohl“, schloss der Abt, „wenn drei Herzen so zusammenklingen, in gleicher Not und gleichem Gebet, da muss doch auch das Quartet, das wir erwarten, woll´s Gott, ein trefflich Lied singen!“
Schon wollte der schalkhafte Pater Herr von Voort sagen:
„Aber nicht das Lied: `Vom Schatz in der Truhe´, sondern vom `Goldsamen auf Gottes Acker´, da meldete des Abtes rotbefrackter und lächerlich bunt kostümierter Kammerdiener das Eintreffen des vornehmen Herrn Wintgens mit Gemahl, und zugleich hörte man das stumpfe Stampfen herantrabender Pferde, die das Nahen der Grafen von Broich und Styrum verkündigten.
Steif und gemessen ging nach dem Mahle das Gespräch um die Gasttafel im Rektorium des Klosters in Hamborn. Zu oberst saß der ehrwürdige Abt. Ihm zur Seite, rechts auf dem Ehrenplatz, der männlich schöne Graf Moritz von Styrum, Kapitän im Heere des Herzogs von Württemberg. Hätte er nicht seiner 36 Lebensjahre und seines Ranges wegen den Platz zur Rechten des Abtes verdient, so doch nach dem Glauben seiner katholischen Väter, dem er trotz aller Wirren und Versuchungen mit seinem Geschlechte treu geblieben. Ihm gegenüber, zur Linken des Abtes, saß Graf Alexander von Broich, der Sohn des mächtigen Vorkämpfers für das reformierte Bekenntnis in der ganzen Umgegend. Dann folgten in bunter Reihe der Prior und der Klosterkellner, der Hofbesitzer Wintgens und seine Frau Agnes, der Kavalier Bonenberg und ein Monsieur Brouan.
Erst hatten die fröhlichen Worte nach links und rechts und über den Tisch hinüber verbindliche Reden ausgelöst. Dann bot eine Zeit lang der schalkhafte Pater Kellner mit schelmischen Augen und geschäftigen Händen, wie wenn er Karten ausgebe, Witze und Anekdoten in die Runde. Auch Moritz von Styrum ward ganz der lebensfrohe Reiter und führte, wie seine Schwadron ins Gefecht, ein heiteres Bild um das andere herauf, dass dem alten Wintgens im Lachen die Tränen in den struppigen Schnauzbart sprangen und seine Frau Agnes ein um das andere Mal unters Tafeltuch griff, um den im Lachen schüttelnden Leib zu halten. Nur Graf Alexander saß stumm und freudlos. Da fingen die lebhaften Franzosen an, ihn zu rütteln mit aufmunternden Reden und brachten ihm ein Glas ums andere. Denen tat er wohl immer mit gierigem Munde und vollen Zügen Bescheid, aber sein Mund blieb stumm.
Die Wangen des Jungherrn von Broich waren fieberhaft gerötet. War es von dem Wein, der gelb wie Gold in seinem Glase glänzte, war es der Unmut darüber, dass der Styrumer in der Rangordnung ihm vorgezogen war? Wer weiß? Die Hand des Grafen spielte erregt um den schlanken Schaft des Römers, seine Augen warfen Blitze auf sein Gegenüber und fuhren dann wieder geringschätzend über das breite Gesicht des Priors und vorwurfsvoll herausfordernd über das ruhige edle Antlitz des weißhaarigen Abtes zu seiner Rechten.
Unruhig beobachtete der Hofmeister seinen Zögling. Das Benehmen des jungen deutschen Herrn gefiel ihm nicht, war weit entfernt von der französischen Etikette, die er ihm Tag für Tag in Wort und Beispiel beizubringen suchte. „Es ist doch ein rüdes, unbezähmbares Geblüt in ihm. Wie taktlos, gleich dem erstarrten Weibe Lots hier an der Tafel zu sitzen! Wie ungebührlich, auf die liebfreundliche Rede des ehrwürdigen Prälaten mit Schulterzucken und Gesichtsverzerrungen zu antworten! Wenn er doch wenigstens den Weinkelch aus der Hand ließe!“ so dachte der Hofmeister und nahm sich vor, schon auf dem Heimwege dem Jungherrn französisch die Kapitel zu lesen.
„Euer Edlen belieben mit Schweigen das Gespräch zu würzen!“ spöttelte Graf Styrum zum Jungherrn von Broich.
Der Prälat zuckte zusammen, zwang sich aber zu einem liebenswürdigen Lächeln und sagte: „Graf Alexander weilt zum ersten Mal an unserer bescheidenen Tafel. Ich verstehe sehr wohl, dass des Klosters Brauch und Gesellschaft der Paters seinen jungen Sinn gefangen nimmt. Außerdem ziert seine Jugend mehr das Schweigen als die Rede.“
„Tres gentil“, entfuhr es dem jungen Grafen, „aber um Antwort zu geben, genügt mir meine Jugend und bedarf ich nicht eurer Hilfe. Freilich ist mir die katholische Gesellschaft fremd. Unser Haus zählte zu den edlen Geschlechtern der reformierten Lehre. – Doch auch die Gesellschaft des Herrn von Styrum ist mir nicht allzu sehr Gewohnheit. Sein Degen sticht aber auf der anderen Seite. Wenn ich schweige, so ist das gegen ihn die beste Verteidigung.“
Da radebrechte Monsieur Brouan vermittelnd dazwischen: „Wie sakt doch die alte Sprichwort deutsches: Mit schweigenden Denken tut man keinen kränken. Un honnete homme qui dit oie et non, merite d`ètre cru!“
Das sprudelte so lebhaft und schelmisch artikuliert hervor, dass die Tafelrund unwillkürlich wieder in ein erlösendes Lachen ausbrach.
Weltgewandt fügte der Hofmeister hinzu: „Ich glaube doch, dass hinter der Stirn meines schweigenden Herrn sich große Taten wälzen und käme er selbst nur von der Hasenjagd!“
Damit klang das Jagdthema wieder an. Und so erzählte man sich denn von den ungeheuer zahlreich auftretende Kaninchen in den alten Landwehren. Den Wölfen, die im Duisburger Walde wie auch in den Emscherbrüchen wieder sich herumtrieben. Den Hirschen, die ständig Klagen der Bauern hervorriefen, weil sie ihnen die junge Saat verwüsteten. Den Wildpferden, die im Emscherbruch und im Duisburger Walde in edlen Schlägen rudelweise hausten. Wohlgelaunt schloss Moritz von Styrum die Erzählung an von den Wunderhengsten, die Graf Spee, der Wildgraf des Duisburger Forstes, sich seit langem wünschte: der eine müsste ein Schimmel mit schwarzem Sternchen am Kopf, der andere ein Hellbrauner sein, ein klein wenig weiß unten am Fessel und auch ein kleines Sternchen mache nichts. Nun find man wohl im ganzen Lande, so sehr Graf Spee auch danach verlange, weder einen Schimmelheng...

Inhaltsverzeichnis

  1. Hinweise
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort
  4. Wie in Duisburg zum ersten Mal nach Kohlen graben wurde
  5. Die ehrliche Witwe
  6. Der Pfarrer und der General
  7. Der Teufel im Steinofen
  8. Die Geschichte vom Unkelstein
  9. Die Räuberhöhle am Steinbruch
  10. Die geheimnisvollen Ohrfeigen
  11. Das versunkene Kloster
  12. Der Huckinger Schafhirte
  13. Der glühende Wagen
  14. Ein Opfermahl am Heiligen Brunnen
  15. Die Hexe auf dem Butterfass
  16. Der geheime Gang
  17. Die weiße Frau auf dem Atropshof
  18. Weg mit Schaden
  19. Das Meidericher Geisterschloss
  20. Das Hamborner Abendmahl
  21. Die Zwerge im Duisburger Wald
  22. De Hexe
  23. Das Hexensuchen mit Kleiderfetze
  24. Der geheimnisvolle Schatz
  25. Das Hunnengold am Kiebitzberg
  26. Der gerechte König
  27. Das Königsgrab in der Aldenrader Heide
  28. Die nachlaufenden Fässer
  29. Das Vogelmännchen vom Kaiserberg
  30. Der Laarer Junge
  31. Die ungerechte Hexenbeschuldigung
  32. Die historische Bedeutung einiger Straßennamen
  33. Das Taufwasser vom Heiligen Brunnen
  34. Die weise Frau von Huckingen
  35. Die tödliche Flut
  36. Die Irrlichter im Horsterbruch
  37. Der böse Müller vom Schwelgernbruch
  38. Die Legende der Hexe von Schmidthorst
  39. Anmerkung des Autors
  40. Weitere Informationen
  41. Impressum