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Ziegelsteine mit Wohlfühlfaktor
Viele büffeln jahrzehntelang Fachwissen und wissen noch immer nicht, wie ihr System funktioniert. Während wir uns auf der einen Seite verstärkt nach der eigenen Identität ringend vorfinden, schaufeln wir auf der anderen Seite unsere eigene Homogenität mit unserem Verhalten unnachgiebig zu. Im Zeitalter der virtuellen Welten, gefälschten Nachrichten und multidimensionalen Revolutionen veredeln wir zunehmend unser surreales Bestehen. Die Sackgasse der doppelzüngigen Heucheleien verkürzt sich unaufhaltsam. Die Zeit ist reif, der Richtung eine gegenströmige Kraft zu verpassen. Brad Blanton, ein US-amerikanischer Psychotherapeut, hat sich der Themen Wahrheit und Lügen angenommen. In mehreren Büchern beleuchtet er seinen Standpunkt auf ungekünstelte Weise: brutale Ehrlichkeit. Wie würden Menschen auf andere Menschen reagieren, wenn sie sich blind auf die ausgesprochene Wahrheit verlassen könnten? Wenn sie nicht kalkulatorisch risikominimierend ihre Wortmeldungen dynamisch anpassen würden? Blanton ist davon überzeugt, dass wir ein weit beneidenswerteres und beglückteres Leben führen würden. Wie viele Male wir es täglich mit Unwahrheiten übertreiben, weiss niemand so genau. Die Wissenschaft geht von bis zu 200-mal am Tag aus. Hierunter fallen auch zynische und ironische Wortgefechte. Sagen Sie einem Menschen oft, überzeugend und intensiv genug etwas, und er beginnt es zu glauben. Selbst wenn er spürt, dass nicht die vorherrschende Wahrheit überliefert worden ist. Vieles basiert auf Unwahrheiten und eigeninterpretierten Märchen. Blöd ist nur, dass wir unser Unterbewusstsein nicht belügen können. Wann auch immer wir mit unserem System online sind, hört dieses zu. Ob wir wollen oder nicht. Je mehr wir auf Lügengeschichten gestützte Aussagen und Denkweisen kreieren, desto beklemmender erschlafft die Beziehung zu uns selbst. Doch woher entkeimt dieser Antrieb? Der Buchautor geht davon aus, dass wir deswegen zu Erfindungen greifen, weil unsere Angst vor dem, was wir nicht verspüren wollen, grösser ist als im gegenteiligen Fall. Beispielsweise sind wir kaum in der Lage, dem Partner unsere wirklich empfundenen Gefühle zu vermitteln. Begeben Sie sich mal in folgende Situation: Seit Wochen, Monaten und rückblickend gar gefühlten Jahren verspüren Sie dem Partner gegenüber nicht mehr dieselbe Anziehungskraft, wie damals im Club, als Sie sich zum ersten Mal getroffen haben. Anfänglich hat alles an Ihnen gezittert, geknistert und gehüpft. Die Energie scheint verpufft, die Liebestanks leer. Auch wenn wir uns vornehmen, dies dem Partner heute Abend kundzutun, kriegen wir unsere Wahrnehmung in 99 Prozent der Fälle nicht über die Lippen. Das, was wir wirklich denken und fühlen, gelangt meist erst in einer Beziehungsschlacht an die Oberfläche. Es verlässt uns der Mut. Zu gross sind die möglichen Auswirkungen, zu tief die allenfalls entstehenden seelisch-emotionalen Narben. Oder ein anderes Beispiel: Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, einen vollen Kalender zu haben. Nun hat gestern ein Freund angefragt, ob Sie ihm bei einer Arbeit helfen könnten. Ohne zu überlegen und gutmütig, wie Sie sind, haben Sie wieder einmal zu schnell Ja gesagt. Schon belegt eine zusätzliche Vereinbarung ein Zeitfenster, die, innerlich durchgecheckt, überhaupt nicht reinpasst. Offen und ehrlich zu sich selbst, hätten Sie ihm aufgrund der vollgestopften Agenda absagen müssen. Auch wenn Sie in diesem Moment einfach nur keine Lust dazu gehabt hätten, wäre ein Nein die bessere Wahl gewesen. Innere Konflikte sind vorprogrammiert und die eigene Energie schwindet. Dadurch, dass wir in unserem Umfeld in Harmonie leben und Konflikten aus dem Weg gehen wollen, lassen wir uns viel zu überhastet zu einem Ja verleiten. Wir verbiegen uns, um anderen zu gefallen und um andere nicht zu verletzen. Dabei verletzen wir lieber uns selbst.
Seien wir doch ehrlich, wenn wir eh schon dabei sind: Wir könnten auch ebenso ohne Rücksicht auf die Ergebnisse innehalten und das zum Ausdruck bringen, was uns wirklich bewegt. Auf eine offene und aufrichtige Art. Damit würden Sinnesempfindungen und Wahrheiten für unsere Mitmenschen plötzlich erkenn- und wandelbar. Ist es Ihnen auch schon mal passiert, dass Sie jemandem etwas gesagt haben und der verbal-emotionale Ausgang nicht so herausgekommen ist, wie Sie es sich vorgestellt haben? Wir bräuchten deshalb auch nicht in jedem Fall so viel Besorgnisse zu haben vor den denkbaren Konsequenzen, denn Aussagen haben immer nur die Reichweite, wie unser Gegenüber dafür bereit ist, sie in seine tiefste, innere Verstandes- und Gefühlsebene eindringen zu lassen. Dazu sind längst nicht alle Empfänger bereit. Donald Trump: Selbstverständlich hat es schon vor dem aktuellen amerikanischen Präsidenten Falschheiten gegeben und es wird sie vermutlich auch nach seiner Ära geben. Diejenigen, die mit seiner Art nicht klarkommen, reagieren deswegen auf seine Reize, weil nun diese Fake News so offensichtlich propagiert werden. Was wäre, wenn wir in unserem Verhalten Fake News keinen Platz lassen und wir dem Partner bündig und sauber auftischen, dass wir keine Hotelferien buchen oder Tante Hilde nicht besuchen möchten? Mit klarer Kommunikation wären künftig wiederholende, analoge Debatten ein für alle Mal vom Tisch. Durch dieses Rauslassen würden wir uns von emotionalen Blockaden befreien.
Es geht nicht nur darum, dass wir uns in verbalen Dingen genauso äussern, wie es unser Wesen wahrhaftig vorsieht, sondern auch darum, wie wir es kommunizieren. Was denken Sie, was macht Günther Jauch so erfolgreich? Was genau macht ihn rhetorisch so stark? Einer der Hauptgründe aus meiner Sicht: Er spricht in klaren, kurzen und prägnanten Sätzen. Denn klar schlägt clever immer. Wollen wir, dass der Gesprächspartner uns nicht nur zuhört, sondern uns auch versteht, dann haben wir ihm unsere Botschaft so klar wie möglich auf den Punkt zu eröffnen. Jauch verstrickt sich nicht in verschachtelten Sätzen. Glasklar bleibt seine Wortwahl in den Köpfen der Studiogäste sitzen. Zudem können selbst viele der Zuschauer vor den Flatscreens seinen Reden folgen. Schnickschnack in Wortgefechten? Fehlanzeige. Das sorgt für Verständnis und baut Resonanz auf. Wie wir sprechen, ist nur ein Teil davon. Das Verstehen, wie unsere Systeme ganzheitlich funktionieren, ist von zentraler Bedeutung.
Ist es nicht unsere grundsätzliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es uns gut geht? Verschiedenste Methoden führen dazu, die innere Einheit auf eine balancierende Konditionierung zu kalibrieren. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung darüber noch keine tiefgründigen Gedanken gemacht hat. Was auch immer Sie tun: mithilfe von Schwingungen einer Gitarre Ihre innere Führung neu booten, sich mit einem Haarföhn dank der Mischung aus warmer Luft und monotonem Geräusch innerhalb von 30 Sekunden in einen meditativen Zustand beamen oder durch Walktherapien kilometerweise über Stock und Stein zum Glück verhelfen – alles ist eine Komposition des eigenen Kennenlernens und des verständnisvollen Umgangs mit sich selbst. Wie sollen wir uns jemals selbst verstehen und helfen können, wenn wir uns dem ureigenen Geschick und Know-how für ein lebenswertes Dasein entziehen? Beruflich bestätigen wir auf verschiedene Weise dieses Vorgehen: Ein Finanzberater berät Menschen in Sachen Geld, doch insgeheim hat er im Detail keine Ahnung, wie Geld tatsächlich funktioniert. Ärzte studieren sechs Jahre lang Medizin und vergeuden ein paar wenige Lektionen darüber, wie Ernährung wirkt. Wie sollen diese in der Lage sein, den Menschen wirklich und nicht nur symptombekämpfend zu helfen, wenn sie nicht wissen, wie sich einer der Hauptverursacher für Krankheiten auf physischer Ebene verantwortlich zeigt? Wie können Meister ihren Schülern Dinge über das Leben weitergeben, wenn sie selbst kaum lebensfähig sind? Es soll bei diesen Beispielen Ausnahmen geben.
Denken und Fühlen sind wie Hausbauen: Wir können Ziegel an Ziegel aneinanderreihen, bis irgendwann eine Wand vor uns gedeiht. Doch es kommt darauf an, wie wir die Ziegel setzen, damit ein stabiles Haus mit Wohlfühlfaktor entsteht. Beim Buchschreiben genauso: Wir können Wort an Wort reihen. Letztendlich kommt es darauf an, welche Wörter wir wann verwenden. So entsteht qualitative Emotion in einem Buch – oder halt eben nicht. Es kommt auf die Reihenfolge der Töne an, auf die Rhythmik, um mit einem musikalischen Werk Massen emotional zu bewegen. Qualitatives Denken ist nichts anderes, nur dass wir unser Denken nicht weglegen können wie ein Buch, verlassen können wie ein Haus oder unterbrechen können wie ein Musikstück. Unsere Gedanken sind immer da. Deshalb ist es umso wichtiger, genauestens darauf zu achten, welche Denkweise wir ansteuern. Nebst unserer Lebenszeit zählen Denken in Verbindung mit anschliessend aufrichtigem Verhalten mit zu den höchsten Gütern, die wir haben. Deshalb sollten wir viel öfter die Wahrheit sagen. Ob privat oder im Business.
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Die Persönlichkeit der ausgesendeten Absicht
Wenn wir krank sind, versuchen wir, die Ursache der Symptome zu ergründen. So tragen nicht nur Orte oder das soziale Umfeld dazu bei, ob wir uns gut oder schlecht fühlen. Unsere mentale Verfassung trägt ebenso entscheidend dazu bei. So sind wir in der Lage, mit unseren eigenen Gedanken das psychische Wohlergehen zu beeinflussen. Die Naturheilkunde geht davon aus, dass unsere Imagination in Kombination mit den assoziierten Emotionen erheblich zu unserer Gesundheit und zu folglich positiven Urteilen von situativen Begebenheiten beisteuert. Wohl nicht umsonst hält Buddha folgendes Zitat fest: «Dein ärgster Feind vermag nicht dir mehr zu schaden als deine eigenen, unbedachten Gedanken.» Mittlerweile bescheinigen wissenschaftliche Studien, dass nicht nur das real Widerfahrene, sondern auch die blanke Vorstellung von möglichen Erfahrungen zu positiven oder negativen Verleitungen führt. So unterstreichen Experimente ein vergleichbares Aneignen von Dingen, ob wir unser Sein in die Realität oder in die Imagination begeben. Stellen wir uns einen Ort vor, den wir als neutral bewerten, jedoch mit einer uns positiv nahestehenden Person besuchen, so bleibt uns dieses Fleckchen Erde besser in Erinnerung als vorher. Bringen wir denselben Ort mit einer negativ behafteten Person in Verbindung, schneidet dieser deutlich schlechter ab. Dabei unterscheiden wir nicht, ob wir dies in Tat und Wahrheit erlebt oder uns nur vorgestellt haben. Alles, was positiv funktioniert, gelingt uns auch auf negative Weise. Depressive Menschen schätzen neutrale Aspekte tendenziell abschlägiger ein und konstruieren sich damit ein grundsätzlich schlechteres Bild.
Meister dieser Imagination ist der deutsche Ringer Frank Stäbler. Noch nie kürte sich in dieser Sportart ein Athlet an drei aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften als Sieger in drei verschiedenen Gewichtsklassen. Ringer aus Osteuropa und Zentralasien werden als heldenhafte Berühmtheiten gefeiert und geniessen frei geschaffene Ebenen, um einen möglichst gewinnbringenden Trainingsaufbau zu erzeugen. Dadurch verfügen sie über bis zu vier Kilogramm mehr Muskeln im Vergleich zum Deutschen – eine Welt auf diesem Gebiet. Stäbler musste hingegen teils in einem Kuhstall trainieren, da keine Halle zur Verfügung stand. Während andere Sportler 15 Einheiten pro Woche trainierten, waren bei ihm aufgrund seiner Physis maximal 10 Einheiten möglich. Dagegen anzukämpfen und überhaupt anzutreten, hätte sich rein auf dem Papier nicht gelohnt. Es waren demnach weder körperlich beste Voraussetzungen noch überdurchschnittlich gute Trainingskonstellationen, die zu seinen unvergleichlichen Exploits führten. Er musste sich eine andere Waffe aufbauen, um die Gegner zu schlagen: seinen Kopf. Doch wie können wir uns mental so fokussieren und auf einen bestimmten Moment einstellen, um gerade dann die Maximalleistung abzurufen, wenn es die Situation erfordert? Mental entwickelte sich Stäbler in den vergangenen Jahren zum Monster. Steht ein Kampf an, lässt er seinen Gedanken keinen Raum im Aussen zu. Dann existieren nur der Gegner, er selbst und das Hier und Jetzt. Damit fokussiert er sich einzig und allein auf seine Konzentration. Weiter hat er gelernt, mit Angst und Druck umzugehen, beziehungsweise sie gar gewinnbringend einzusetzen. Er wollte nicht einfach nur ein bisschen besser sein als seine Gegner, sondern so dominierend, dass selbst umstrittene Schiedsrichterentscheide seinen Sieg nicht anzweifeln konnten. Rückblickend betrachtet war es für ihn leichter, Weltmeister zu werden, als einen dieser Titel zu bestätigen. Der dritte und vielleicht wichtigste Aspekt: der Glaube an sich selbst. Was auch immer geschehen mag, nichts sägt an der Vollkommenheit seines antrainierten Selbstvertrauens, nichts hält ihn davon ab, nicht an sich selbst zu glauben. Viele Sportler und ohnehin der grösste Teil der Menschheit sind nicht in der Lage, dies umzusetzen. In entscheidenden Augenblicken genau diese Leistung abrufen zu können, führt zu Gold. Jeder Gedanke ist nichts weiter als Energie. Er kostet oder gibt Kraft. Sobald wir beginnen zu zweifeln, Angst haben oder uns Sorgen bereiten, schwächen wir mit dieser Psycho-Immunologie unser System.
Wie reagieren Sie in der folgenden Situation? Nehmen wir an, Sie sind ein Mann (Sie dürfen in dieser Vorstellung auch gerne das Gegenteilige denken). Ihre Partnerin hat abends ein Meeting. Bei der Verabschiedung erwähnt sie nebenbei, dass sie um 23 Uhr zurück sein wird. Sie sind Zuhause und stellen kurz vor dem Zubettgehen um 23:30 Uhr fest, dass Ihre Partnerin noch nicht eingetroffen ist. Ein Blick auf das Handy verrät, dass weder ein Anruf noch eine Nachricht eingegangen ist, die auf eine Verspätung hinweist. Alles still. Bei dieser Ungewissheit bekommt das Schreiben der psychologischen Geschichten Aufwind. Wir (nicht nur die Männer, bei den Frauen ist dies nicht anders) denken beispielsweise: Sonst ist doch meine Partnerin auch immer pünktlich und verlässlich um die verabredete Zeit da. Wieso heute nicht? Ist vielleicht ein Unfall passiert? Lässt vielleicht eine Verletzung nicht zu, dass sie sich meldet? Oder hat sie vielleicht einen anderen Mann getroffen? Wenigstens eine kurze Nachricht hätte sie schon schreiben können. Mittlerweile ist die Geisterstunde angebrochen. Noch immer kein Zeichen. Die Gedanken kreisen, die Sorgen nehmen zu, die Nerven nehmen ab, der Bezug zur realen Perspektive geht verloren. Um 00:30 Uhr kommt sie bestens gelaunt nach Hause und erzählt Ihnen voller Begeisterung, dass sie nach dem Meeting zufällig einer langjährigen Freundin über den Weg gelaufen ist und sie sich noch viel zu erzählen hatten. Die allermeisten aller Sorgen, Zweifel und Ängste, die wir uns selbst auferlegen, sind völlig unberechtigt. Frank Stäbler und andere Mentalmonster schenken vermehrt dem Urvertrauen Gewicht, sie verlassen sich auf sich selbst und glauben an das Leben. Sie legen ihr Ego beiseite und lassen die Quelle, über andere und Dinge zu urteilen, versiegen.
Die kontinuierliche Reifung der eigenen Persönlichkeit ist eine dauerhafte Aufgabe. Manche begeben sich mit Coaches auf den Weg, andere begleiten dabei sich selbst. Es stellt sich die Frage: Was ist denn Persönlichkeit? Einfach formuliert ist es die Gesamtheit aller Eigenschaften, die ein Mensch in seinem Verhalten zeigt. Ist jemand extra- oder introvertiert, emotional stabil oder instabil, offen gegenüber neuen Erfahrungen? Zeigt eine Person eine Beharrungstendenz gegenüber diesen, passt sie sich an oder nicht, ist sie gewissenhaft oder sorglos? Nicht in all diesen Eigenschaften gibt es ein Richtig oder Falsch. Erkennen Sie die Muster Ihrer Anlage? Ist eine Tendenz in die eine oder andere Richtung erkennbar? Ebenso interessant wie die Selbstreflexion ist das Fremdbild. Wie sieht mich mein Umfeld? Weicht deren Einschätzung von meiner ab? Es macht Sinn, am sicheren und vertrauten Auftritt zu arbeiten, denn Eigenschaften sind veränderbar.
Arthur Schopenhauer sagte mal: «Demzufolge ist darüber, ob einer aus Einsicht oder aus Absicht redet, nicht einmal das Zeugnis seines eigenen Bewusstseins gültig, meistens aber das seines Interesses.» Für nichts gibt es Grenzen, weder für Ereignisse noch für Gefühle. Spannend ist doch die Tatsache, wenn wir es denn hinkriegen, zu denken, dass kein Mensch auf der Erde in der Lage ist, zwei Gedanken auf einmal zu verinnerlichen. So formen unsere gedachten Gedanken unsere geglaubte und gefühlte Realität. Und noch spannender: Wenn zwei Menschen das Gleiche denken und tun, ist es noch lange nicht gleich gedacht und gemacht. Unterschiede sind dann zu erkennen, wenn wir die bewusste Absichtsenergie unseres Verhaltens aufdecken. Wenn wir etwas beabsichtigen, steht unsere Entscheidung bereits fest. Entscheidungen sind die Mittel, die Leben wandeln. Alles unseres irdischen Lebens hat ein Anfang und ein Ende. So besitzt auch jeder einzelne Gedanke seine eigene Energie, Struktur und Sequenz.
Es kommt nicht darauf an, was wir tun, sondern weshalb wir etwas tun: Alles, was zählt, ist die ausgesendete Absicht. Sie wirkt wie ein Messer: Eine scharfe Klinge ist in der Lage, Lebensmittel zu tranchieren, uns zu guter Letzt zum Essen und damit zum Leben zu verhelfen. Oder – kaltblütig und zerstörend eingesetzt – Leben zu vernichten. Auch in Unternehmen können wir einen Moment nie zwei Mal leben und denken, weder am Arbeitsplatz noch in Meetings. Arbeitnehmende, die sich nicht im Klaren sind, welcher Absicht sie folgen sollen oder die Richtung nicht in ihrer gefühlten Wirklichkeit unterstreichen, verspüren oft eine multiple Divergenz. Was für eine real ausgesendete Absicht verfolgen Sie? Was auch immer Sie Wunderbares vorhaben: Es sei Ihnen gegönnt.
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Machtspiel der Giganten
Es gibt Menschen, die haben mit ihren Mundwinkeln eine unkündbare Kooperationsvereinbarung mit der Erdanziehung unterschrieben. Sie steigen in einen Fahrstuhl und würden es selbst in den Aufzügen des Burj Khalifa bis zur 189. Etage nicht schaffen, mit ihren Lippen einen Smile zu formen, geschweige denn ein wohltuendes Wörtchen über ihre Lippen zu zaubern. Lieber bevorzugen sie es, minutenlang ihre frisch polierten Lederschuhe zu begutachten. Es scheint, dass solche Menschen mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Diese Körpersprache benötigt keine Artikulation. Chacun à son goût! Schon Paul Watzlawick hat festgestellt, dass jedes Verhalten Kommunikation ist.
Stellen Sie sich vor: Sie werden als noch wenig erprobter Speaker eingeladen, an einem internationalen Kongress vor 600 Menschen für eine halbe Stunde über Ihre Expertise zu sprechen. Auf der einen Seite, was für ein Glück – auf der anderen Seite, was für eine Herausforderung! In ein paar Wochen findet das Event statt und noch immer zerbrechen Sie sich den Kopf darüber, wie Sie am besten zu überzeugen vermögen. Sie beginnen eine Rede aufzusetzen und feilen so sehr am Inhalt, dass Sie das Wesentliche aus den Augen verlieren. Wir sorgen uns darüber was wir sagen, und ziehen kaum in Betracht, wie wir es sagen sollen. Dabei ist doch das Wie viel entscheidender. Auf welchen Bühnen auch immer Sie performen: Sei es in einem Vorstellungsgespräch, auf einer Geburtstagsparty, bei der Kirchenchor-Hauptversammlung oder auf Bühnen grosser Foren – wir wirken immer und überall. Die Sachkompetenz wurde in den vergangenen Jahrzehnten wie ein Fegefeuer von der Wirkungskompetenz verschlungen und überholt. Inhalte können noch so dienlich glänzen: Der schimmernde Glanz verblasst, wenn Sie nicht überzeugend präsentieren. Der Irrglaube hält sich nach wie vor eindrucksvoll an vorderster Front, dass sich die Sache und nicht die Wirkung im Licht des Scheinwerferkegels zu inszenieren hat. Menschen, die es verpassen, nicht nur gut zu präsentieren, sondern auch gut zu wirken, werden von den Empfängern weder gewollt gesehen, erhört, noch verstanden.
Der Mensch als Gattung seiner unterschiedlichen Spezies existiert seit etwa 2.5 Mio. Jahren. Moderne Menschen wie wir entstanden vor etwa 200'000 Jahren. Viele Forscher gehen von der beliebten These aus, dass sich die Sprache erst beim modernen Menschen entwickelt hat. Sie sind der Ansicht, evolutionstechnisch habe bei einer relativ kleinen Gruppe von Hominiden in Afrika eine neuronale Reorganisation stattgefunden. Dies nehmen sie zum Beweis, dass frühere Menschenarten oder gleichzeitig lebende andere Menschenarten diese besondere kognitive Fähigkeit nicht hatten. Die darauffolgenden 100’000 Jahre geschah diesbezüglich nichts Spannendes. Das entstandene Potenzial stand vollkommen still. Erst seit ca. 100'000 Jahren (niemand weiss das so genau) reifte die Sprache heran und sorgte für eine Explosion der Kultur. Auf der Zeitachse waren für uns demzufolge Emotionen länger viel wichtiger als die Sprache. Dies ist wohl mit ein Grund, wieso unsere gefühlten Emotionen die Geschichten unseres Lebens schreiben und nicht die in Worte gefasste Sprache.
Wohl eines der besten Beispiele, von welcher Bedeutung die Macht der Körpersprache ist, wie wir durch sie gewinnen oder verlieren können, war 1960 zu sehen. In einem TV-Duell standen sich die beiden Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten von Amerika gegenüber: John F. Kennedy und Richard Nixon. Rückblickend stand schon nach den ersten paar Augenblicken fest, welcher der Kandidaten das Rennen machen würde. Kennedy sass ruhig und völlig entspannt mit überschlagenen Beinen da, die Hände zusammengefaltet und auf den Oberschenkeln abstützend. Sein Blick richtete sich in Richtung Kamera und nie in die Richtung seines Kontrahenten. Seine Körpersprache zelebrierte eine Form von Überlegenheit, Macht und anvisiertem Ziel. Nixon hingegen schaute zu Kennedy, beide Beine auf dem Boden auf unterschiedlicher Höhe, so al...