
- 132 Seiten
- German
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Meine Flucht aus den Gefängnissen der Inquisition
Über dieses Buch
Giuseppe Pignata gelang im Jahre 1693 die Flucht aus dem Inquisitionsgefängnis zu Rom, wo er zuvor wegen Ketzerei zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurteilt worden war. In diesem Buch erzählt er die die Abenteuer seines Ausbruchs und seiner Flucht durch Italien und Deutschland, bis er 1694 ein vorläufiges Asyl in den Niederlanden fand.
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Information
Meine Flucht
aus den
Gefängnissen der Römischen Inquisition
ICH hatte, so erzählt Giuseppe Pignata, ehemals die Ehre gehabt, mehreren Kardinälen als Sekretär zu dienen, die zu meinem Unglück alle tot sind. Der erste war der Kardinal Basadonna, ein Venezianer, der mir bei seinem Ableben eine Leibrente aussetzte, welche hinlänglich war, meinen Unterhalt zu sichern, ohne jemand zur Last zu fallen. Nach dem Tode des Kardinals Gastaldi, welcher der letzte war, bei dem ich in Dienst stand, bot mir Herr Pietro di Gabrieli, mit dem ich lange in freundschaftlichen Verhältnissen gestanden, sein Haus und seine Tafel an, ohne irgendeine andere Dienstpflicht, als ihm Gesellschaft zu leisten. Er versprach mir sogar, wenn er zu hohen Stellen am römischen Hof gelangen würde, mich ebenfalls zu befördern. Diese so verbindlichen Anträge ließen mich diese Stelle vielen anderen vorziehen, welche man mir bei angesehenen Personen anbot. Ich brachte ungefähr zwei und ein halbes Jahr in dem Haus des Herrn von Gabrieli zu. Zuweilen besuchten ihn Gelehrte, man unterhielt sich über Gegenstände der Philosophie, aber nur sehr selten über religiöse Materien, und wenn es geschah, so war es immer ein gewisser Abbé Antonio Oliva, welcher eine solche Unterhaltung veranlaßte. Es war ein unerwartetes Ereignis, daß mehrere von uns der Inquisition zu Mailand als Ketzer angezeigt wurden. Dies geschah durch einen gewissen Francesco Pichitelli, dem man den Spitznamen der blinde Tischler gegeben hatte, weil er der Sohn eines Tischlers war, übrigens ein Mensch von so schlechter Aufführung, daß er verdient hätte, gehangen zu werden. Die Anzeige welche er zu Mailand gegen uns machte, ward zu Rom so wichtig befunden, daß unserer 9-10 die sich in den Gesellschaftszirkeln bei Gabrieli befunden hatten, einer nach dem anderen ins Gefängnis gesetzt wurden, worunter auch ich mich befand.
Als ich nämlich eines Tages mich in meinem Zimmer in Monte Giordano, im Hause des Herrn di Gabrieli, dem ehemaligen Haus der Herzöge von Ursini, befand, kam schon am frühen Morgen ein gewisser Herr Broggi zu mir und veranlaßte mich unter einem Geschäftsvorwand mit ihm auszugehen; ich hielt ihn für einen Freund von mir und trug nicht das geringste Bedenken ihn zu begleiten. Als ich in den Hof herabgekommen war, so nahm ich nicht den Weg den man gewöhnlich nach der Straße del fico nimmt, sondern ging durch das große Tor nach der neuen Kirche des h. Philippo von Neri. Hierüber war Broggi sehr unruhig, und verlangte fast gebieterisch, ich möchte auf der anderen Seite hinausgehen, indem dort die Häscher mich erwarteten. Meine Weigerung war von keinem Nutzen, denn die Spione, welche mir folgten, liefen gleich, als sie sahen, daß ich einen anderen Weg nahm, den Häschern zu, um sie davon zu benachrichtigen. Sobald ich an die erste Straße, die St.-Agnese-Straße gekommen war, so hörte ich zwei Männer hinter mir herlaufen; sie warfen mir plötzlich einen großen schwarzen Mantel über, hielten mich fest und führten mich in das Haus eines Buchhändlers, wo sie mich bewachten, bis der Hauptmann dieser Schergen mit 40 Häschern anlangte. Er ließ mich ganz eingehüllt in seine Kutsche setzen und nach seiner Wohnung führen, wo er mich nach meinem Namen fragte. Nachdem er ihn gehört, so erinnerte er sich, daß ich ihm im Haus des Kardinals Basadonna behilflich gewesen war, seine gegenwärtige Stelle zu erhalten; dies machte ihn aber nicht günstiger für mich gestimmt. Ich mußte hier eine Stunde warten, worauf man mich in die Gefängnisse des heiligen Offiziums führte. Sobald ich in der Kanzlei des Tribunals angekommen war, ließ der Kommissar und der Sekretär mich visitieren, wie man es allen Gefangenen zu tun pflegt; sie nahmen mir mein Geld und meine Papiere, überhaupt alles, was sich in den Taschen befand, und ließen mir nur meine Tabaksdose, mein Gebetbuch und meinen Rosenkranz. Hierauf fragten sie mich um Vor- und Zunamen, ließen das Tor eines großen Hofes öffnen, und befahlen, mich in eine der kleinen Kammern des Gefängnishauses, die man geheime nennt, zu führen, weil man hierin mit niemand Verbindung hat. Im Durchgehen durch den Hof, längs einem der großen und düsteren Gänge des heiligen Offiziums, fiel mir die Kuppel der St.-Peters-Kirche in die Augen. Ich war aufmerksam auf die Lage des Gefängnisses, wohin man mich brachte, in Hinsicht auf diese Kirche und fand, daß es gerade der Ostseite derselben gegenüber war.
Ehe ich verhaftet wurde, war ich sehr heftigen Leibschmerzen unterworfen; aber ob ich gleich alle Arten von Hilfsmitteln anwandte, so wollte keines eine günstige Wirkung machen; endlich hatte ich einen Aufguß von verschiedenen Kräutern zu nehmen begonnen, wovon ich mehr Erfolg hoffte. Es wurde mir jedoch nicht erlaubt, mich dieses Mittels ferner im Gefängnis zu bedienen. Glücklicherweise aber ward ich sogleich gesund, als ich aufhörte Medizin zu nehmen und den Arzt zu fragen. Da ich nicht wußte, wie ich mich in dieser traurigen Einsamkeit beschäftigen sollte, so fing ich an zum Zeitvertreib die Vespern der heiligen Mutter in Musik zu setzen, und einige Arien zu komponieren; nachts machte ich den Text und am Tage die Noten. Hierzu bediente ich mich eines kleinen Tisches, auf welchen ich sie schrieb, denn man hatte mir abgeschlagen, ein kleines Klavier aus meiner Wohnung kommen zu lassen. Auf diesem Tisch spielte ich nun mit den Fingerspitzen wie auf einem Klavier, und meine Einbildungskraft stellte mir alle Töne dar, als wenn ich sie hörte. Auf diese Art vertrieb ich mir während 250 Tagen die Langeweile. Da ich aber sah, daß meine Gefangenschaft sich sehr in die Länge zog und die vielen Formalitäten bei den Verhören mich einsehen ließen, daß die Sachen nicht so geschwind zu Ende gehen würden, als ich gehofft hatte, so sann ich darauf, wie ich mich vielleicht retten könne. Ich hatte indes kein Messer, keine Schere, noch sonst ein eisernes Werkzeug, ohne welches man doch an eine Flucht nicht denken konnte. Als ich aber eines Tages mit dem Gefängniswärter sprach, zog er eine Dose von geflochtenem Stroh aus der Tasche und sagte mir, daß einige minder streng eingeschlossene Gefangene sich beschäftigten, kleine Stroharbeiten in verschiedenen Farben zu verfertigen, nämlich kleine Kästchen, Schachteln, Dosen, Scherenfutterale und dergleichen. Ich sah also ein, daß wenn ich von den Oberen des heiligen Offiziums die Erlaubnis erwirken könnte, ebenfalls dergleichen Arbeiten zu machen, dies zugleich eine Gelegenheit sein würde, einige kleine Instrumente zu erhalten, als Schere, Federmesser, Nähnadeln, Faden, Leim, oder wenigstens Kleister um die Pappenkästchen zu leimen, die den Hauptstoff zu diesen Spielereien ausmachen. Das Schwierigste war, diese Erlaubnis zu erhalten, die man mir wahrscheinlich nicht erteilen würde, wenn ich nicht irgendeine neue Erfindung angäbe, um meine Arbeit zu empfehlen. Hierauf war mein ganzes Nachdenken gerichtet, und ich glaubte in diesem Fach etwas erfunden zu haben, das noch niemand vorher gefertigt hätte. Wirklich fing ich an mit der Stecknadel meines Hemdkragens und einem kleinen Stück Bleistift, das nicht größer als ein Nagel war, welches ich in einer meiner Taschen gefunden hatte, auf einem Blatt Papier die Abbildung meiner Erfindung zu entwerfen, welche ich nach Verlauf eines Monats zu Ende brachte; ich gab diesem meiner Arbeit den Namen des indianischen Stichs, um sie von dem ungarischen und französischen Stich zu unterscheiden, in welchen die anderen Gefangenen arbeiteten.
Der erste Mönch, welcher den Pater Kommissar begleitete, der alle acht Tage Visitation hielt, und welchem die Gefängniswärter, die mir etwas Stroh gegeben, gesagt hatten, ich hätte eine kleine Arbeit begonnen, verlangte gleich solche zu sehen. Er fand sie so gut, daß er sie mit sich nahm und den übrigen Gefangenen zeigte, die in Stroh arbeiteten. Nach acht Tagen brachte er mir dieselbe wieder, wobei ich Gelegenheit nahm, ihn um die Erlaubnis zu bitten, ebenfalls dergleichen Arbeiten verfertigen zu dürfen. Er erwiderte, dies sei in den geheimen verschlossenen Zimmern nicht erlaubt, aber, um mir gefällig zu sein, wolle er bei der Kongregation anfragen und sich bemühen, mir diese Gunst zu verschaffen. Wenn ich mich indessen mit Zeichnen unterhalten wolle, so sei mir dies gestattet, und man erlaube mir Bleistift, Papier und alles was ich nötig habe, um Bildnisse oder andere Bilder zu zeichnen. Ich dankte ihm verbindlichst für diese Gunst, die ich indessen annähme, bis sein Fürwort mir die gebetene Erlaubnis zu den Stroharbeiten verschafft haben würde. Diese erhielt ich indessen erst sechs Monate später.
Ich fing also an zu zeichnen und fertigte nach meiner Phantasie eine große Anzahl kleine Bilder, so daß ich im Zeichnen wieder eine große Fertigkeit erlangte, ob gleich ich es seit 15 Jahren nicht getrieben hatte. Die große Menge kleiner Bildnisse, welche ich fertigte, fiel den Kerkerknechten in die Augen, welche mir zu essen brachten und täglich viermal das Gefängnis besuchten. Ich gab ihnen von Zeit zu Zeit einige, um ihre üble Laune zu besänftigen.
Einst geschah es, daß einer der Wächter entfernt wurde und ein anderer an seine Stelle kam. Dieser war ein großer Säufer, grob und frech, wie alles dies auch seine Physiognomie ausdrückte. Als dieser Kerl mich an den kleinen Bildern arbeiten sah, so bildete er sich ein, ich könne ihm auch wohl ein Bildnis seiner Geliebten verfertigen, obgleich ich solche nie gesehen hatte. Er verfolgte mich täglich mit dieser Bitte und beteuerte, daß er mir ewig dankbar sein würde. Seine Einfalt erschien mir lächerlich, da ich aber hoffte ihn zu meinen Absichten benutzen zu können, so erwiderte ich, daß ich ihm sehr gern dieses Vergnügen machen würde, wenn er mir nur ein Federmesser verschaffen wolle, ohne welches ich meine Federn nicht mehr brauchen könne. Er antwortete, ich wisse wohl, wie streng dieses verboten sei, aber er wolle mir dennoch eines bringen, wenn ich verspräche, es ihm am anderen Tag zurückzugeben. Er brachte es wirklich, ich schnitt meine Federn und zeichnete nach meiner Phantasie eine kleine Figur im römischen Kostüm. Als er die Zeichnung sah, war er sehr erfreut und schwur, dies sei sein Mädchen leibhaftig und man könne gar nichts Ähnlicheres sehen. Um das große Werk vollkommen zu machen, bat er mich, zu diesem Bild ein Billet voll Zärtlichkeitsversicherungen an seine Geliebte aufzusetzen, so daß ich aus einem Sekretär von Kardinälen der Maler und Vertraute eines Kerkerknechts ward, des niederträchtigsten und boshaftesten Volks auf der Erde. Aber die Komödie war noch nicht aus.
Ich war täglich den Zudringlichkeiten und Vertraulichkeiten dieses Menschen ausgesetzt, indem er mich entweder von seinen Lustpartien oder Eifersuchtsqualen unterhielt, oder mich von neuem mit Bitten verfolgte, ihm Bildnisse zu verfertigen oder Briefe zu schreiben. Was mußte ich nicht alles tun, um das Federmesser behalten zu können, und wie sehr mußte ich mich bemühen, die Gunst dieses rohen Menschen zu erhalten? Aber eines Tages änderte der Zufall die Sache; dieser Kerl bekam Händel im Wirtshaus, er schoß auf seinen Gegner eine Pistole ab, die letzteren zwar nicht verwundete, aber der Vorfall wurde angezeigt, und mein Kerkerwärter ward aus dem Dienst der Inquisition entlassen. Indessen erinnerte er sich einige Tage nachher des Federmessers, das er in meinen Händen gelassen, und in der Furcht, daß ihm dies noch Unannehmlichkeiten zuziehen könne, bat er einen anderen Gefängniswärter, es von mir wieder zu verlangen. Da ich indessen wohl wußte, daß er nicht mehr zu mir kommen dürfe, leugnete ich ihm das Messer gänzlich ab, und behauptete, es ihm wieder zurückgegeben zu haben. Ich nahm zugleich eine zornige Miene an und sagte, wenn er es in der Trunkenheit, in welcher er sich damals befunden, irgendwo liegengelassen, so sei es nicht meine Schuld. Auf diese Art behielt ich dieses mir so wichtige Federmesser, verbarg es als ein kostbares Kleinod mit der äußersten Sorgfalt, von dem ich dereinst meine Rettung hoffte.
Indessen waren wieder einige Monate seit meiner Einkerkerung verflossen, ohne daß mein Prozeß im mindesten vorgerückt wäre. Es war jetzt die Zeit wo die Kongregation die Gefängnisse visitierte, was zweimal im Jahr geschah, nämlich zu Weihnachten und zu Ostern. Sämtliche Gefangene mußten sich dann in den großen Saal begeben, und hier hatte ich Gelegenheit meine Freunde zu sehen, die aus gleicher Ursache, wie ich, verhaftet waren. Sie wunderten sich sehr, mich wohlaussehend zu finden, da ich zur Zeit meiner Freiheit kränklich und elend war; ich hatte im Gefängnis zugenommen und mein Gesicht zeugte von guter Gesundheit; sie hingegen fand ich zu meinem Bedauern sehr mager, entstellt und kaum kenntlich.
Um diese Zeit starb der Assessor des heiligen Offiziums, Herr Piazza, und Herr Bernini, ein geheimer Feind des Hauses Gabrieli, folgte ihm in dieser Stelle. Auch starb Papst Alexander VIII. und unser Prozeß blieb abermals liegen bis zur Wahl Innozenz’ XII., der ihm folgte. Jeder von uns hoffte von der Gnade dieses gütigen Papstes eine großmütige Verzeihung, aber die Angaben des neuen Assessors waren so ungünstig für uns, daß alle unsere Hoffnungen getäuscht wurden.
Nach Verlauf von 22 Monaten wurden wir endlich gerichtet, aber obgleich die Exkommunikation nicht über uns verhängt ward, so verurteilte man uns doch zu ewigem Gefängnis, jedoch behalte sich die Kongregation vor, diese Strafe gänzlich oder teilweise zu mildern. Vorher aber sollten wir noch eine Zeitlang Buße tun durch vieles Fasten und Beten, sodann ward uns aufgegeben, öfter zu beichten und viermal im Jahr zu kommunizieren.
Dieses Urteil setzte uns alle in die größte Bestürzung, denn der älteste von uns, den Abbé Oliva ausgenommen, war nicht älter als 32 Jahre, und das Beste, was wir zu hoffen hatten, war demnach etwa nach Verlauf von 15-20 Jahren aus dem Kerker zu kommen. Wenn man in so langer Zeit gänzlich in Vergessenheit gekommen ist, so weiß ich nicht, ob es wünschenswert ist, mit 50 oder 60 Jahren endlich aus diesem lebendigen Grab herauszutreten. Was mich betrifft, so würde ich gewiß, wenn mir Gott nicht die Idee zur Flucht eingegeben hätte, worin er mich sichtbar unterstützte, die Kongregation nach Verlauf so vieler Jahre Gefangenschaft gebeten haben, den Rest meines Lebens darin beschließen zu dürfen, um nicht in einem unglücklichen Alter neuen Leiden ausgesetzt zu sein. Denn so kostbar auch die Freiheit sein mag, so ist es doch sicher, daß wenn man sie erst in den sechziger Jahren erhält, und alles des Seinigen beraubt ist, sie uns wenig Trost und Ersatz in den Leiden gibt, welche Armut und Alter mit sich führen.
Hier bat ich Herrn Pignata sehr dringend, mir die Ursachen seiner Gefangenschaft zu entdecken, aber er weigerte sich hartnäckig und da er mich nur von seiner Flucht unterhalten wollte, so fuhr er folgendermaßen fort:
Mein ganzer Trost bestand jetzt in der Hoffnung zur Flucht. Ich sah freilich darin fast unübersteigliche Hindernisse, aber diese schreckten mich nicht ab, und ob ich gleich wußte, daß es noch niemanden gelungen war, aus diesen Kerkern zu entfliehen, so verlor ich dennoch den Mut nicht und linderte meine Leiden Tag und Nacht durch das Nachdenken auf Mittel um damit zustande zu kommen.
Endlich, nach Verlauf von sechs Monaten erhielt ich die Erlaubnis in Stroh zu arbeiten, und um dasselbe zu schneiden, gab man mir die kleine Schere wieder, welche sich in meiner Tasche befunden hatte, als ich gefangengenommen wurde, und welche mir dazu diente, meine Bande zu lösen und mir das Gefängnis zu öffnen.
Hier zog Herr Pignata die nämliche Schere aus der Tasche, um sie mir zu zeigen. Die war so klein, daß ich mich nicht genug wundern konnte, wie man mit einem so schwachen Instrument ein solches Unternehmen zustande bringen konnte.
Dies ist, sagte er, der Schlüssel zu meiner Befreiung und ich werde sie mein ganzes Leben lang mit der Sorgfalt aufbewahren, als wäre sie ein kostbarer Schatz.
Hierauf fuhr er in seiner Erzählung also fort:
Ich war bemüht, meinen ersten Stroharbeiten eine dem Auge gefällige Form zu geben, ohne die Art ihrer Zusammensetzung erraten zu lassen. Sobald ich solche vorzeigt, erhielten sie den größten Beifall, nicht bloß wegen ihrer Neuheit, sondern weil sie wirklich viel schöner waren, als die der anderen Gefangenen. Ich verfertigte ein Stück von Pappe, in Form einer Urne, die sich von vorn und von oben öffnen ließ und inwendig einen Spiegel, ein Schreibzeug und alles was zu einer Damentoilette nötig ist, enthielt. Sie war von außen ganz von Stroh bedeckt und mit kleinen Figuren und Federzeichnungen geziert, die, symmetrisch gestellt, dieser Arbeit ein sehr schönes Ansehen gaben.
Zur Vervollkommnung meiner Arbeiten bat ich ferner mir feine Farben kaufen lassen zu dürfen, um sie illuminieren zu können, welche ich auch erhielt. Es war dabei besonders meine Absicht viel Bleiweiß zu erhalten, denn ich dachte mit Papier, das damit angestrichen würde, die Löcher in der Mauer zu bedecken, die ich allenfalls machen könnte, um meine Entweichung zu bewirken. Als ich diese Farben erhalten hatte, so fing ich an mit der Feder einige Bilder zu zeichnen, die ich mit Blumen schmückte, sodann kleine Figuren in Miniatur, die ich auf die Strohkästchen pappte. Mit diesen Arbeiten machte ich zuweilen kleine Geschenke an verschiedene Personen, wenn sich dazu Gelegenheit fand.
Infolge des über uns gefällten Urteils gab man uns die Absolution und wir erhielten die Erlaubnis alle Feiertage in die Messe zu gehen, und alle 14 Tage zur Beichte und Kommunion. Hier hatte ich Gelegenheit unter mehreren anderen Gefangenen auch diejenigen zu sehen, über welche die nämliche Sentenz, als über mich, ergangen war. Ich fand sogar Gelegenheit, mit einem alten Freund, namens Philipp Alfonsi, mit welchem ich im römischen Kolleg studiert hatte, zu sprechen und ihm heimlich ein Billet zuzustecken. Das wichtigste was wir uns schrieben, betraf den Versuch, ob wir nicht die Erlaubnis erhalten könnten, in einer Kammer zu wohnen, denn wenn man Gesellschaft hat, so findet man das Leben im Gefängnis weniger traurig. Wir beschlossen diese Gunst gemeinschaftlich vom Kommissar zu erbitten, der auch solche endlich nach vielen Bitten und erhobenen Schwierigkeiten bewilligte. Diese Erlaubnis machte mir eine große Freude, denn ich erhielt die Gesellschaft eines verständigen und treuen Freundes, der mein trauriges Schicksal teilte, und ebenso sehr als ich, begierig war, unsere Flucht zu bewerkstelligen. Kaum war er demnach in einem Zimmer mit mir, als wir allein unsere Gedanken darauf richteten, unser Unternehmen mit möglichster Sicherheit und Klugheit auszuführen.
Während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft hatte ich mich nur ein einziges Mal bei dem Pater Superior beschwert, und zwar über einen gewissen Laienbruder, namens Stefano Pierotti aus Basko im Mailändischen, welcher das Amt eines Zahlmeisters des Kommissars der Mönche und der Gefangenen versah. Ich nannte ihn im Scherz Fra Stoppino (Bruder Stoppino) wegen seines kleinen Wuchses, und seitdem nannten ihn alle übrigen Gefangenen bei diesem Namen. Meine Klage gegen ihn bestand darin, daß er in der Rechnung meiner kleinen außerordentlichen Ausgaben 2 spanische Pistolen für Artischocken und zwar im Monat Mai für mich angesetzt hatte. Dies schien mir so übertrieben und seltsam, daß ich mich nicht enthalten konnte, es dem Pater Superior anzuzeigen und ihm zu sagen, daß Bruder Stefano ein Betrüger sei. Dies zog ihm einen sehr starken Verweis vom Kommissar zu, worüber er sehr beunruhigt war, indem er fürchtete, ich möchte meine Klage bei der bevorstehenden Visite der Kongregation erneuern. Er erzeigte mir daher allerlei Höflichkeiten und machte mir selbst von Zeit zu Zeit frische Früchte zum Geschenk, wie sie die Jahreszeit brachte.
Da Bruder Stefano meine illuminierten Bilder gesehen hatte, die er sehr schön fand, so ließ er mich fragen, ob ich ihm nicht einige dergleichen für einen Altar verfertigen und wieviel ich dafür haben wolle? Ich verlangte 10 Pistolen, aber nach vielem Handeln bot er mir acht, und erklärte, daß er das Pergament, das Gold und die Farben dazu liefern wolle. Ich gab ihm das Verzeichnis dessen, was ich dazu bedürfe, und setzte mehr...
Inhaltsverzeichnis
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- Vorrede des Übersetzers.
- Vorrede des italienischen Herausgebers.
- Meine Flucht
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