Die sozialistische Scheinwelt
1. Bekenntnisrituale
1.1 Erster Mai
Der 1. Mai ist einer der wichtigsten politischen Feiertage in der DDR, hinsichtlich seiner Funktion als Tag des Massenbekenntnisses wohl der wichtigste überhaupt. Denn zu keinem anderen Tag steht der Aufmarsch der Menschen selbst so sicher auf dem Programm wie an diesem.
Nehmen die Menschen an diesem Tag ihre Demonstrationsfreiheit in Anspruch? Wem gegenüber demonstrieren sie eigentlich − und was? Die Tribüne, an der sie vorbeimarschieren, ist besetzt mit den unmittelbaren Vertretern der staatlichen Macht: Der Parteiführung, dem Bürgermeister, Vertretern „staatlicher Organe“ und Einrichtungen. Die Menschen tragen die Losungen, die von der Staatsführung vorher öffentlich bekanntgegeben worden sind, auf Transparenten. Man darf auf solch ein Transparent durchaus nicht schreiben, was man will. 1988 war zum ersten Mal zu hören, dass ein eigener Vorschlag wenigstens angemeldet werden durfte.
Manche Leute tragen Fahnen, alles ist geschmückt und bunt. Die Sonne scheint auf das frische Grün abgeschlagener junger Birken, die überall festgebunden worden sind. Der 1. Mai ist ein meteorologisch günstiges Datum; fast jedes Jahr herrscht an diesem Tag schönes Wetter. Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht selbst marschieren oder ihren Vorbeimarsch schon absolviert haben, drängen sich am Straßenrand. Väter haben ihre Kinder auf den Schultern, die Kinder haben Papierfähnchen in den Händen. Sehr viele Leute tragen eine „Rote Mainelke“ an der Kleidung. Tatsächlich winken die meisten der Marschierenden, wenn sie an der Tribüne vorüberkommen. Fernsehkameras fangen die Bilder ein: Das Volk der DDR bekundet sein Bekenntnis zum Sozialismus, zum Staat, zur Heimat DDR, zur Staatsführung, zum Marxismus-Leninismus, zum proletarischen Internationalismus, zur antiimperialistischen Solidarität... Irgendwo sitzt erhöht eine Art Conférencier vor einem Mikrofon und kündigt mit erhobener Wochenschaustimme den jeweils nächsten Marschblock an, der die Tribüne erreicht.
Das Gewimmel und Gewinke soll bezeugen: Das Volk bekennt sich. – Ist es so? Es scheint so, jedoch der Schein trügt. Denn zunächst einmal sind die Massen in den Zentren der Städte am 1. Mai nicht das Volk. Das Volk tummelt sich am 1. Mai zur Zeit eigentlich verlangten Demonstrierens ebenso massenhaft in den Erholungsgebieten. Fällt der 1. Mai auf einen Freitag oder einen Montag, so ist das besonders günstig, denn es ermöglicht einen kleinen Kurzurlaub. Erfreulicherweise werden es von Jahr zu Jahr mehr Menschen, die auf die Nötigung, von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch zu machen, nicht mehr reagieren.
Aber für die Wahrung des Scheins sind es noch immer genug. Die Belegschaften der Betriebe, verschiedenster Einrichtungen, der Schulen, Hochschulen und Sportgemeinschaften bekommen von einer zentralen Organisationsstelle vorgeschrieben, an welchem Ort und zu welcher Uhrzeit sie sich einzufinden haben. An diesen Sammelpunkten werden die einzelnen Gruppen formiert und so in Marsch gesetzt, dass an der Tribüne ein kontinuierlicher Menschenstrom entsteht, unterbrochen von geschmückten Fahrzeugen, Musikkapellen, Spielmannszügen.
An den Sammelorten erhalten die Demonstranten „Trag-Elemente“. Das sind Fahnen, Transparente und Tafeln mit Losungen, mit Symbolen oder mit den Portraits der „Klassiker“ des Marxismus-Leninismus oder der führenden Politiker. Sie erhalten außerdem die „Wink-Elemente“, das sind Papierfähnchen und bunte, sorgfältig umsäumte Dederontücher. („Dederon“ ist das selbstsprechende DDR-Pendant zum Nylon.) Sie erhalten schließlich noch Hinweise, wann und in welcher Weise sie zu winken haben und wo sich der Marschverband auflösen darf.
Welches sind die Motive derjenigen, die der Aufforderung Folge leisten und sich pünktlich am Sammelort einfinden? Der Wunsch, seiner Begeisterung für den Sozialismus und der Freude über die Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft Ausdruck zu verleihen, ist es nicht. Man geht hin, weil man muss − oder zu müssen glaubt.
Der Zwang ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Schüler und Studenten sind ihm am unausweichlichsten ausgesetzt, Angehörige kleiner Betriebe weniger als die der großen, die der privaten gar nicht.
Als die Beteiligung an der Maidemonstration Ende der sechziger Jahre im Raum Halle/Saale den Staatsvertretern zu spärlich wurde, so dass sich der Aufmarsch allzu kläglich gestaltete, entschloss man sich, die Betriebe anzuweisen, die Demonstrationsfreudigkeit ihrer Belegschaften zu stimulieren. Ganz innovativ erwog man dafür nicht die politische Agitation. Dass dies vergebliche Mühe gewesen wäre, wusste man bereits. Man griff zum Mittel der „materiellen Stimulanz“. Das ist die in der DDR übliche Bezeichnung für Bestechung, sofern sie vom Staat ausgeht. Die Teilnehmer an der Demonstration erhielten am Sammelort nicht nur Ihre Trag- und Wink-Elemente, sondern auch einen Geldschein. Das wurde über mehrere Jahre hinweg praktiziert, wobei die Summe von anfänglich fünf auf später etwa fünfzehn Mark erhöht werden musste. (Konkretes Beispiel: VEB Kartonfabrik Bitterfeld, ca. 1967)
Inzwischen ist man davon wieder abgekommen. Schon damals löste dieses Vorgehen eine gewisse stumme Entrüstung aus, wenn auch das Geld gern eingesteckt wurde. Heute wäre die Entrüstung über diese zynische Offenbarung des Scheinhaften mit Sicherheit ungleich größer, nach dem bewegenden Jahr 1989 schon ganz und gar.
In den Betrieben werden vor der Maidemonstration Versammlungen durchgeführt, auf denen jährlich erklärt wird, dass die vollständige Teilnahme erwünscht ist. Mitunter existieren Pläne, nach denen die Träger von Fahnen und Spruchbändern so bestimmt werden, dass im Laufe der Jahre jeder einmal an die Reihe kommt. Der Gewerkschaftskassierer geht mit einer Schachtel durch die Arbeitsräume und verkauft die roten Plastiknelken zu 50 Pfennig das Stück. Kaum einer der Beschäftigten lehnt den Kauf ab.
Meist ist es nicht genau festgelegt, ob jemand als „Werktätiger“ im Marschverband seines „Kollektives“ mitzumarschieren hat oder als Angehöriger irgendeiner Organisation sich zu dieser gesellen soll. Daraus ergibt sich die beliebte Möglichkeit, an jeder Stelle vorzugeben, bei der anderen dabei zu sein und so der Demonstration ohne Gefahr des Tadels fernzubleiben.
Die definitive Äußerung, dass man an der Demonstration nicht teilnimmt, ist recht selten zu hören. Sie entspräche der Aufgabe des individuellen Scheins, somit also dem Ausstieg aus der Rolle des gut Erzogenen, wenn auch nur für die konkrete Situation.
Auch diese Ausnahmen trüben nicht den Schein des Ganzen. Die Masse bleibt bestimmend und der Staat findet seine Bestätigung. Dass alles genau den Formen entspricht, die er vorgibt und eigene Gedanken fernzubleiben haben, wird durch den großen Apparat des Staatssicherheitsdienstes durchzusetzen versucht.
1988 hatte sich die Unzufriedenheit der im Ungewissen wartenden Ausreiseantragsteller derart zugespitzt, dass die Furcht des Staates vor Störungen des ordnungsgemäßen Ablaufes der Demonstration durch Gruppierungen von Antragstellern groß war. Die Ereignisse um die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Berlin vom Januar und die vom Abend des 13. Februars auf dem Dresdener Neumarkt verunsicherten die staatlichen Organe in hohem Maße. Entsprechend hoch war der Anteil der haupt- und nebenamtlich beim Staatssicherheitsdienst beschäftigten meist jüngeren Herren, die den Demonstrationszug beobachteten. Offenbar war deren Spannung so hoch, dass es verschiedentlich zu Fehlstarts vergleichbaren Reaktionen kam.
So stürzten sie sich auf einen etwa 16-jährigen Schüler und entrissen Ihm eine Spruchtafel, auf der stand: „Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit“. Sie zerrten ihn aus der Marschordnung, wobei seine Jacke zerriss. Als er laut und demonstrativ um Hilfe schrie, knirschte man ihm ins Ohr, er solle still sein, sonst „haue man ihm die Fresse ein“. Der Schüler wurde an einen vorbestimmten Ort geführt, wo er mit anderen, das Gesicht zur Wand, auf einem Gang stehend zu warten hatte.
„Was hattest Du?“ soll sein Nachbar ihn gefragt haben.
„Marx, und Du?“
„Lenin.“
Selbst wenn dieser Dialog im späteren Bericht des Schülers eine überspitzende Zugabe seiner Phantasie gewesen wäre − was aber durchaus nicht anzunehmen ist −, er trifft das Wesen der Situation genau.
Der Schüler beschwerte sich bei seinem Direktor. Er durfte sich diese Courage leisten, denn er hatte das Glück, der Sohn eines prominenten Künstlers zu sein. Es kam zu einer Aussprache mit einem Verantwortlichen des Sicherheitsdienstes und zur Schadensersatzzahlung. Es stellte sich überdies heraus, dass der Spruch von der Schule genehmigt worden war. Doch es wurde verharmlosend beschwichtigt: „Unter Männern würde man doch schon mal einen Knuff vertragen können...“
Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit. Der Schüler hätte wissen müssen, dass dieser Spruch wahr ist und die Worte „Praxis“ und „Wahrheit“ auf der Bühne des realsozialistischen Theaters nicht in einem Atemzug genannt werden dürfen. Indem der Schüler den Spruch trug, wurde ihm seine Gültigkeit unter Beweis gestellt.
Die Maidemonstration ist beispielhaft für alle verordneten Massenauftritte. Für Kranzniederlegungen etwa gibt es immer wieder Gelegenheiten. Zu diesen werden dann von den Betrieben und Einrichtungen eine vorgegebene Zahl von Teilnehmern delegiert. So ist das Ausmaß der Demonstration von vorn herein festgelegt, die „Spontaneität“ ist planbar und der Umfang der Maßnahmen von Staatssicherheit und Polizei berechenbar.
Über viele Jahre hinweg musste mit einer freiwilligen Teilnahme an derartigen Veranstaltungen nicht gerechnet werden. Die Leute gingen gewissermaßen auf Befehl ihrer Vorgesetzten dort hin. Sie waren froh, wenn das Zeremoniell beendet war und sie sich nach Hause begeben konnten. Von dem unerwarteten Zustrom zu der besagten Liebknecht-Luxemburg-Demonstration bekamen die staatlichen Organe schon vorher Wind und fingen den größten Teil der Freiwilligen, ergo eigenwilligen Demonstranten bereits ein, ehe sie den Sammelort erreicht hatten. Das spektakuläre Geschehen wurde hinreichend bekannt, nicht zuletzt durch die inoffizielle Veröffentlichung eines genauen Berichtes durch die „Umweltbibliothek“ der Zionskirchgemeinde in Ostberlin. Trotzdem sei hier wiederholt, was die Demonstranten unter anderem auf ihren selbstgemalten Spruchbändern in Erinnerung rufen wollten: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ Ein Satz von Rosa Luxemburg, dem nichts entgegenzusetzen ist.
Der ostdeutsche Staat musste das Tragen dieses Satzes verhindern. Im Nachhinein lavierten seine Ideologen, indem sie vom Zusammenhang sprachen, aus dem der Satz gerissen worden sei. Doch das half nichts − dieser Satz braucht keinen Zusammenhang. Jeder Versuch, ihn durch den ihn umgebenden Text zu relativieren, muss hilflos anmuten. Ganz abgesehen davon ist der besagte Kontext gar nicht geeignet, den Satz zu relativieren. Mit dieser Behauptung geht man unter der Hand davon aus, dass heute kaum jemand in der DDR Rosa Luxemburg wirklich liest, denn der Kontext unterstreicht sogar die Aussage des Satzes [29]:
Freiheit nur für Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei − mögen sie auch noch so zahlreich sein − ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der Gerechtigkeit, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit zum Privilegium wird.
Für einen Augenblick wiedermal war das „Antlitz des Sozialismus“ ohne Maske. Er verliert sie in solchen Augenblicken zwingend, und das macht die Wut der Mächtigen aus. Wie sollen sie auch reagieren, ohne die Wahrung des Scheins einen Moment lang aufzugeben? Lassen sie solcherlei Losungen zu, ahnen sie den Erfolg der Provokation, die selbstverständlich dahintersteckt. Die Demonstranten lüfteten damit die Maske des Regimes. Vereiteln sie aber die Absicht der ungebetenen Kundgebung, so reißen sie sich selbst die Maske herunter. Offenbar ziehen sie den kurzen, aber intensiven Schmerz, den die zweite Möglichkeit bedeutet, der Langzeitwirkung geduldeter Provokationen vor. Aber sie unterschätzen dabei die Dauer der Wirkung, die das Zutagetreten des Terrors in einem terroristischen Staat hat. Der Terror muss zu neuem Aufbegehren führen und dies wird neuen Terror erzwingen. So wird der Terror permanent präsent; die Maske wird insofern nur noch symbolhaft vorgehalten. Das macht ihre Anerkennung als das wahre Gesicht des Regimes durch politische Gruppierungen vor allem westlicher Staaten noch verwerflicher.
Immer wieder findet das Aufmarschieren der Massen in der DDR noch breiten Glauben bei Außenstehenden. Aber die Masse verdient nirgendwo mehr die Bezeichnung „Masse“ als dort, wo ihr Auftreten nicht aus der Gleichartigkeit im Denken der einzelnen hervorgeht, sondern auf die Lenkung einer jeden einzelnen beherrschenden Macht zurückzuführen ist.
Bei Staatsbesuchen aus dem eigenen Lager oder Visiten politisch bedeutsam gemachter Personen, wie etwa des DDR-Kosmonauten Siegmund Jähn, werden ganze Belegschaften von ihren Arbeitsplätzen weg an die Straßenränder geschickt, um „Spalier zu bilden“. Aus eigenem Antrieb würden nur sehr wenige den Aufwand treiben, ihren Tagesablauf für Stunden umzugestalten, nur um ein paar Sekunden lang irgendeinen der großen Bonzen oder eine zum Aushängeschild des Systems gemachte Person in einer Staatskarosse vorbeifahren zu sehen. Der Staat aber braucht die Schau, er hat es nötig, „sein“ Volk vorzuzeigen und es jubeln zu lassen, um klarzustellen, dass er es bestens im Griff hat.
1.2 Wahlsonntag
Das allergrößte Bekenntnisritual, das trotz massenhafter Beteiligung zwar weniger Massenschau ist, dafür aber ein genaues Bild liefert über den Stand der Bekenntnisbereitschaft des Volkes, sind immer wieder die Wahlen. Einen Einfluss auf die Zusammensetzung der politischen Administration und damit etwa gar auf die ideologische Richtung haben sie bekanntermaßen absolut nicht. Das wird aber von den DDR-Ideologen auch gar nicht behauptet, was überraschen kann − oder auch nicht. Sie sagen kurz und prägnant: „Die Wahlen dienen der Festigung der bestehenden Machtverhältnisse.“ Dies ist reiner Zynis-mus, und so hindert es sie nicht, die Wahlen gleichzeitig als „Instrument der sozialistischen Demokratie“ auszu-geben, denn [4]:
das Wahlsystem in der DDR steht völlig im Gegensatz zu den verschiedenen bürgerlichen Wahlsystemen und widerspiegelt die führende Rolle der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei...., es macht die Vereinigung aller Kräfte des Volkes zum gemeinsamen Handeln für die Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft durch die Parteien und Massenorganisationen in der nationalen Front der DDR deutlich.
Obwohl dies also so ist, lässt man von der Bezeichnung „Wahl“ nicht ab. Es werden ja auch wirkliche Kandidaten vorgeschlagen, nominiert, vorgestellt und endlich zur „Wahl“ gestellt. Aber jeder dieser Schritte vollzieht sich auf der Ebene der bestehenden politischen Macht. Ein „unverzichtbares Wahlprinzip“ ist die „Aufstellung und Prüfung der Kandidaten durch die Wähler“. Das mutet demokratisch an. Doch bei allem, was die DDR-Ideologen selbst über ihren Staat sagen, muss man in Erwägung ziehen, dass es entweder schlicht gelogen sein kann oder auch des Verständnisses der ideologischen Sprache bedarf, die so bedeutsamen Worten wie Freiheit, Demokratie, Menschenrecht oder Recht überhaupt eigene Bedeutungen gibt. Denn wer sind die „Besten unter den Werktätigen“, die als Kandidaten aufgestellt werden? Es agiert hier die unterste Schicht der politisch Ergebenen, jene also, die zwar nur die letzten feinen Zweige des Macht-Stammbaumes...