8 Reinhard Freiherr von und zu Brenken (18921957)
Die folgende Geschichte meines Vaters bietet nun authentischen Stoff für die Darstellung eines adeligen Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit seinen zwei Weltkriegen, der Zeit vom Kaiserreich und der Weimarer Republik über das Dritte Reich und den Nationalsozialismus bis hin zum wieder neue Probleme bringenden Nachkriegsdeutschland.
In Schloss Erpernburg aufgewachsen und erzogen in der adeligen Tradition des untergehenden Kaiserreichs, ist der Erhalt des Brenkenschen Besitzes in Wewer die Lebensaufgabe meines Vaters. Doch bei der Fortführung des Werks seines Großvaters Hermann von Brenken, unter dessen Bewirtschaftung das Brenkensche Gut in Wewer mit dem Imbsenschen Gut vereint worden war, sind viele Hindernisse zu überwinden.
8.1 Kindheit, Schule und Studium
Mein Vater Reinhard als Kind, rechts im Alter von 1 ½ Jahren.
Reinhard von Brenken, mein Vater, ist am 24.12.1892 in Muffendorf bei Bonn geboren und am 27.12.1892 getauft worden.78 Die Eltern Dietrich und Clarissa halten sich zu dieser Zeit in Muffendorf im Gebäude der späteren belgischen Botschaft auf. In seinem Elternhaus in Erpernburg mit strengem Vater aufwachsend, erlebt er aber doch die Geborgenheit und Liebe seiner Mutter, die Verständnis für seine kindlichen Streiche hat. Überliefert ist die Geschichte seines Schabernacks mit den Hofgänsen, die vor dem Schloss schnatterten. Als er den Ganter ins Schloss trägt und im Salon unter den Teegästen seiner Mutter freilässt, springen die Damen kreischend auf die Sessel, doch seine Mutter Clarisse kann nur aus vollem Herzen lachen.
Reinhard nützt alles, was das Landleben für seine vielen Naturinteressen bietet. Das gibt aber auch Gelegenheit zu Scherzen auf seine Kosten. Als er sich in seiner Tierbegeisterung fünf Goldfische bestellt, wird diese kindliche Bestellung aus dem Erpernburger Briefkasten abgefangen. Der Hausdiener muss dann dem zu Tode erschrockenen Kind in großem Ernst die Lieferung einer ganzen Tonne Goldfische ankündigen.
Die Schulbildung war für Kinder auf dem Land wegen der Entfernung zu den Schulen immer ein Problem. Die Zeugnisse für die Jahre von 1898 bis Herbst 1900 weisen aber stets sehr gute und gute Noten auf. Ob der Unterricht allerdings im Hausunterricht und teilweise auch durch den französischen Abbé, der seinen Sommerurlaub in Erpernburg verbringt, erfolgt, ist mir nicht klar. Innerhalb der Familie wird aber wohl immer das Zeichentalent gefördert, sodass noch mehrere Skizzenbücher existieren
Mein Vetter Hermann von Wolff Metternich berichtet, die Eltern hätten danach eine Jesuiten-Erziehung gewünscht, die aber in Deutschland verboten gewesen sei,79 weshalb die Kinder ins Ausland geschickt wurden. Das Abitur hätte dann aber in Deutschland abgelegt werden müssen.
25. April 1906: Mein Vater Reinhard als 15-Jähriger hinter seinem Vater Dietrich im Jagdwagen abfahrbereit vor der Erpernburger Schlosstreppe. Der Sitz befindet sich bei diesem Wagen sattelartig zwischen den Beinen.
So kommt mein Vater vom 17.9.1901 bis zum 29.3.1903 mit sehr jungen Jahren in das beim Adel, Groß- und Bildungsbürgertum des katholischen Europas beliebte, aber weit entfernte Jesuiten-Pensionat Stella Matutina im österreichischen Feldkirch. Es folgt das St. Aloysius-Kolleg zu Sittard in Holland für die Jahre 1903 bis 1906, wo die Noten zwischen 1 und 2 liegen. Ab der Obertertia besucht er dann von Ostern 1906-1909 das Humanistische Gymnasium Petrinum zu Brilon, wo sein Betragen „gut“ ist, jedoch der „Fleiß mangelhaft (zuletzt besser)“ und seine Noten abrutschen. Schuld sind möglicherweise die vielen Ablenkungen durch seine Naturinteressen. Denn das für ihn in Brilon angemietete Zimmer hängt voller winziger Kanarienvogelkäfige. Wenn der Vater überraschend zur Kontrolle erscheint, zieht die Hauswirtin die geheime Alarmglocke, sodass mein Vater die Käfige noch rechtzeitig verstecken kann – so jedenfalls der amüsierte Bericht meiner Mutter.
Mein Vater (rechts) 1910 von Bedburg aus zu Besuch bei seiner Tante Hedwig Mylius und ihrer Familie im nahen Linzenich. (Foto Mylius).
Es folgt von April 1909-1911 ein Aufenthalt in dem Humanistischen Gymnasium der Rheinischen Ritterakademie zu Bedburg. Dazu gibt es wieder eine Anekdote aus Erpernburg, wo das Personal nach dem Verbleib der Söhne gefragt wird und auf gut Westfälisch antwortet: „Die sind in Bedburg und lernen auf Baronn.“ Das Zeugnis vom 25.2.1911 der königlichen Prüfungskommission für das mit 18 Jahren abgelegte Abitur bescheinigt nun Noten von 1-3, „die mündliche Prüfung wird ihm erlassen“. Er entscheidet sich, Jura zu studieren, da für ihn als viertem Sohn keine Aussicht auf einen elterlichen Besitz besteht.
Die Ritterakademie war um 1842 von der Rheinischen Ritterschaft gegründet worden, um dem Adelsnachwuchs eine angemessene Vorbereitung auf das staatliche Abitur anzubieten, da die Jesuiteninternate im Ausland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dieser Beziehung keinen so guten Ruf besaßen, bevor sie sich dann ab 1850 ebenfalls reformierten.80
Trotz aller Bildungschancen: Mein Vater litt unter den Internatsaufenthalten und schwor sich, das niemals seinen Kindern anzutun. Über die Jesuitenerziehung berichtete er meiner Mutter, dass die vielen sportlichen Angebote (auch Boxen – dadurch angeblich seine etwas asymmetrische Nase – Fußball, oder in Feldkirch Eishockey) bewusst zum Abreagieren „männlicher Hormone“ eingesetzt worden seien. Im Gegensatz zu anderen Kulturen wie dem Islam wurden Jungen also bewusst dazu erzogen, selbst die Verantwortung für ihre Sexualität zu übernehmen.81 Als negativ habe er aber das fehlende Vertrauen und die ständige Kontrolle empfunden.
Die Rheinische Ritterakademie zu Bedburg im Jahr 1854. (Aus dem Poesiealbum der Marie von Brenken, Erpernburg. Besitzer Freiherr von dem Bottlenberg-Landsberg, Bredeney).
„Der arme Schüler“ neben dem Professor, Karikatur „gez. R. Brenken, 3. III. 1912“. Rechts: Mein Vater Reinhard als Schüler oder Student. (Abb. und Foto: Brenken’sches Archiv, Wewer).
Im Jahr 1911 beginnt für meinen Vater ein Studium an der Universität Kiel, es folgt 1912, dem Jahr des Todes seiner Mutter, die Universität Freiburg. 1912-1913 belegt er dann die Universität München. Per Ostern 1913 erhält der „stud. jur. Reinhard Freiherr von Brenken aus Erpernburg“ ein Anmeldungsbuch der Universität Göttingen, es enthält Eintragungen bis 1914. Für den 23.8.1915 bescheinigt das OLG Celle die bestandene Erste Juristische Staatsprüfung. ‚Preußischer Referendar‘ wird mein Vater sich später nennen, denn die folgenden Ereignisse vereiteln eine Fortsetzung der juristischen Laufbahn. Im August 1914 ist für Deutschland der Erste Weltkrieg ausgebrochen und seine Folgen bedeuten auch für den jetzt 22-jährigen Studenten einen radikalen Einschnitt. Er wird Fahnenjunker bei den 8. Husaren und verschwindet zu einem langem Kriegseinsatz im Osten.
Studentisches Gruppenfoto unter dem Weihnachtsbaum (1912 oder 1913?). Rechts sitzend mein Vater Reinhard mit Zigarre. Mit auf dem Bild Hermann v. Lüninck, Alsbach, unter Hitler Oberpräsident der Provinz Rheinland (obere Reihe 3. von rechts). Schräg darunter Georg von Lüninck, Rothestein.
Als der Krieg zu Ende ist, haben sich die beruflichen Aussichten durch den Tod seiner beiden mittleren Brüder radikal verändert und so absolviert mein Vater von Oktober 1919 bis Juli 1920 ein Praktikum in der Oberförsterei in Altenbeken. Am 3.8.1920 meldet „Der Forstbeflissene Reinhard von Brenken“ beim Meldeamt in Nordborchen seinen Wohnsitz in Wewer im Schloss an, wohin sein Vater möglicherweise unterdes übergesiedelt ist, um das Elternhaus in Erpernburg seinem ältesten Sohn Fridy zu überlassen, der seit 1909 verheiratet ist. Es folgt von Winter 1920/21 bis Winter 1921/22 eine Rückkehr an die Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo mein Vater neben Forstpolitik auch Moderne Deutsche Malerei hört und in der Kaulbachstr. 10 logiert. Sein Abgangszeugnis für die Zeit vom 10.1.1921 bis 1.3.1922 bescheinigt ein Studium der Forstwissenschaften mit den Prüfungsfächern Waldbau, Forstbenutzung,
Forstschutz mit den Noten 1-2. Für das Sommerhalbjahr 1922 geht er an die Wilhelmsuniversität Münster als Gasthörer für Steuerrecht, Landwirtschaftliche Betriebslehre und Bodenkunde mit Exkursionen zur Schädlingskunde, wobei er in der Melcherstr. 21 wohnt.
8.2 1914 Der Erste Weltkrieg