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Die Pest des Orients. Mit einem Anhang über die letzte Pest in Schlesien 1708-1712.
- 296 Seiten
- German
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Die Pest des Orients. Mit einem Anhang über die letzte Pest in Schlesien 1708-1712.
Über dieses Buch
In "Die Pest des Orients", einem der bekanntesten Werke zu diesem Thema, behandelt Dr. Karl Ignatius Lorinser (1796-1853) die Ursachen und die Eindämmung von Pestepidemien. Ein besonderes Augenmerk legt er dabei auf die klimatischen Bedingungen, die einen Pestlauf befördern, sowie auf die wirkungsvollsten Maßnahmen zur Verhütung und Eindämmung bereits entstandener Ausbrüche. Ein angehängter Originalbericht über die letzte Pestepidemie in Schlesien rundet das Werk ab.
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Information
Die Pest des Orients.
Zweites Buch.
XIII.
Pathologischer Charakter von Ägypten.
AM nordöstlichen Rande von Afrika breitet sich von Süden nach Norden ein langer schmaler Erdstrich aus, in welchem mit vielfachen Krümmungen auf schlammigem Grunde ein trüber Strom dahinzieht, der auf beiden Seiten von üppig grünenden Ufern eingefaßt, demnächst von dürren Felsen und Höhenzügen, weiterhin von sandigen Wüsten umgeben, am Ende in mehrere Arme geteilt durch eine flache dreieckige Niederung sich matt und träge mit dem Mittelmeer vermischt. Dieses gegen 200 Meilen lange und an den engsten Stellen kaum einige Meilen breite Stromland ist das gefeierte Ägypten, nur dadurch bewohnbar, daß es dem Nil zum Bette dient, aus dem Wasser selbst erst gebildet, und durch Überschwemmungen fruchtbar gemacht. Es gab eine Zeit, in welcher das Delta noch nicht vorhanden war, und eine andere, in welcher es, wie Herodot erwähnt, in einem großen Sumpfe bestand. Dieser verwandelte sich in Marschland, das erst durch künstlich erbaute Dämme und Kanäle, deren Ruinen noch jetzt die Bewunderung erregen, ein Aufenthalt für Menschen wurde.
Ehemals war Ägypten während der einen Hälfte des Jahres ein weites, im Meere schwimmendes Land, wie Venedig eine solche Stadt ist. Dann ragten die zahlreichen Städte mit ihren erstaunenswürdigen Tempeln und Denkmalen gleich Inseln über der Nilfläche hervor, und wie die lebende Bevölkerung für ihre Wohlfahrt und Erhaltung unablässig zu sorgen verstand, so mußten auch die Toten außerhalb des Bezirkes des Wasserspiegels verlegt und in den Katakomben und Mumiengräbern der zur Seite liegenden libyschen Bergreihen vor den Fluten gesichert werden. Noch heute, nach Jahrtausenden, ist der Nil in seinen regelmäßigen Wirkungen sich gleich geblieben; aber das alte kunstfleißige Volk, das einst seine Ufer bewohnte, ist von Barbaren verdrängt, die großen Bauwerke, durch welche die Überschwemmung bis in die ersten christlichen Jahrhunderte beherrscht und geregelt wurde, liegen in Trümmern; die Verschlämmungen der Stromarme und Kanäle, die Wasserabnahme derselben, der Schlammabsatz auf der Bodenfläche, und die Winde, welche den Sand aus der Wüste herbeiwehen, haben den Lauf der Wasser und die Beschaffenheit des Landes verändert. Dieses einst so blühende Reich, ein Hauptsitz menschlicher Wissenschaft und Kunst, und eine Kornkammer für drei Weltteile, gehorcht jetzt fremden Despoten, und ist ein Schauplatz der Barbarei, des Elends und der Pest geworden.
Die Überschwemmung wird durch die tropischen Regen bewirkt, die in den abessynischen Alpengebirgen und in dem uns unbekannten äthiopischen Binnenlande fallen. Die Regelmäßigkeit dieses jährlichen Ereignisses hat einen kosmischen Grund, der eben deshalb genau zusammentrifft mit dem Lauf der Tages- und Nachtgestirne, und wesentlich besteht in der großen Hitze Ägyptens, Nubiens und Äthiopiens während der letzten Frühlingsmonate, da die Sonne senkrecht über jenen Gegenden verweilt, und die erhitzte Atmosphäre so sehr expandiert, daß die kälteren Luft- und Wolkenmassen, die Europa bedecken, dorthin strömen müssen, um das aufgehobene Gleichgewicht wiederherzustellen.57 Die notwendige Folge hiervon sind jene großen, zur bestimmten Zeit einfallenden Regengüsse, deren Wasser aus den Tälern des weitläufigen Hochlandes in das Nilbassin abfließen, so daß ein einziges Flußbett mit der Wassermasse des ganzen Nordabfalls des östlichen Afrika beladen wird.
Der Nil ist nach Ritters treffender Bemerkung der einzige Tropenstrom, welcher sich in ein Mittelmeer ergießt, d. h. welcher ein nicht ozeanischer ist; zugleich aber ist derselbe der einzige Strom der Tropenzone vom ersten Range, welcher mit den größten und regelmäßigsten Schwellen zu beiden Seiten von Wüsten umgeben wird. Das erste Steigen des Nils beobachtet man in Kairo zu Anfang des Juli, eine Woche fast unmerklich, bald täglich schneller und stärker, so daß der Strom gegen den fünfzehnten August gewöhnlich die Hälfte seines höchsten Standes, diesen selbst aber zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten September erreicht. Auf der größten Höhe erhält sich der Nil in einem gewissen Gleichgewicht durch vierzehn Tage; dann fängt er an abzunehmen, aber weit schneller, als er zugenommen, weil im ganzen Lande die Dämme durchstochen und die Schleusen geöffnet werden. Den zehnten November ist der Strom in der Regel wieder bis auf die Hälfte seines höchsten Standes gefallen, und dann sinkt er allmählich bis zum zwanzigsten Mai des folgenden Jahres, worauf die Wechsel der Wasser aufhören, bis mit dem Sommersolstitium wieder ein neues Schwellen beginnt. In Unter-Ägypten trifft der höchste Nilstand nach einem mittleren Durchschnitt von dreißig Jahren nicht früher ein, als in der ersten oder zweiten Woche des Septembers. Die uralte Meinung ist, daß das Stromwasser mindestens 16 Cubitus oder ägyptische Ellen steigen müsse, um ein gutes Getreidejahr zu geben; oft aber steigt es bis zu 23 und 24 Cubitus, und stets ist von der jährlichen Verschiedenheit dieser Höhe sowohl die Fruchtbarkeit des Landes als auch die Besteuerung der Einwohner bedingt. Denn der überschwemmte Boden ist das reiche Ackerland, welches, wenn das Wasser die eine Hälfte des Jahres darüber gestanden hat, für die andere Hälfte mit der ergiebigsten Ernährungskraft durchdrungen ist, auch ohne daß ein Tropfen Regen fällt, wie dies durch den größten Teil von Ägypten wirklich beobachtet wird. Der Nilschlamm breitet sich in horizontalen Schichten wie eine Decke über das Land; in 100 Teilen Schlamm sind nach Regnaults Analyse 48 Teile Ton, 18 Kalk, 11 Wasser, 9 Kohlenstoff, 6 Eisenoxyd, 4 Magnesia und 4 Kieselerde enthalten.
Die Äcker werden dadurch so fett, daß sie keines anderen Düngers bedürfen. Das Wasser des Nils ist im ungetrübten Zustande das reinste, klarste und weichste; bei dem Anschwellen wird es grün, wie man glaubt von Pflanzenteilen aus den Sümpfen der Shangalla; später erscheint es rötlich, wegen der erdigen teile, die es aus der Senaar-Terrasse mit fortreißt; salzig und zum Trinken untauglich wird es in der trockenen Zeit bei Rosette. Übrigens ist der Nil an seinen Mündungen ohne Ebbe und Flut, und hat daselbst ein so schwaches Gefälle, daß das Fließen beinah aufzuhören scheint.
Die Jahreszeiten werden in Ägypten eigentlich nach dem niedrigsten, mittleren und höchsten Stande des Nilwassers bestimmt, und in dieser Beziehung auf drei beschränkt. Indessen hat Larrey mit Rücksicht auf das Klima und den Gesundheitszustand deren vier unterschieden, von denen jedoch die letzte ungleich kürzer als die übrigen ist. Die erste Jahreszeit, die feuchte (Saison humide), beginnt mit dem Steigen des Nils zu Anfang des Juli, und dauert ungefähr vier Monate, bis im Oktober sich die ausgetretenen Wasser verlaufen und die Bestellung der Felder geschieht. Die Feuchtigkeit und Kühle der Luft, während dieser Periode, werden durch Westwinde und im Delta noch besonders durch starke Nebel und Regen vermehrt. Sobald die Sonne untergegangen, wird namentlich in der Gegend von Alexandria nach Minutolis Beobachtung alles naß, und von der feuchten Luft selbst der Granit und Basalt, vorzüglich aber der Kalkstein so angegriffen, daß er zuletzt wie ein Schwamm durchlöchert erscheint. Diarrhöen, katarrhalische Zufälle, Frieselfieber und Augenentzündungen sind die Krankheiten, die sich in diesen Monaten am häufigsten zeigen. Die zweite Jahreszeit ist die fruchtbare (S. fécondante), welche vom November bis zum Ende des Februars, d. h. bis zur Ernte währt. Man kann diese Periode als den ägyptischen Frühling betrachten, weil dann die Vegetation am üppigsten und reichsten ist, und die Wärme am Tage ungefähr derjenigen gleich kommt, die im mittleren Europa im Monat Juni beobachtet wird. Die Nächte aber zeichnen sich fortwährend durch große Abkühlung und Feuchtigkeit aus, und die starken Temperaturwechsel bringen oft bei unvorsichtigen und reizbaren Personen die übelsten Folgen hervor. Die dritte, vom ersten März bis zum letzten Mai dauernde Jahreszeit heißt die ungesunde (S. morbide), weil sie für die Gesundheit der Einwohner und vorzüglich der Fremden unter allen die verderblichste ist. Nachdem die schon früher angefangene Ernte in den ersten Tagen des März kaum beendigt worden, erhebt sich immer stärker der gefürchtete Chamsin, ein heftiger und heißer Südwind, welcher gegen fünfzig Tage herrschend ist, und wenn er in dieser Zeit nicht zuweilen nachließe, für alles Lebende unerträglich sein würde. Unter dem Einfluß dieses Windes, bei gewaltiger Hitze der Atmosphäre, die oft gegen 40 Grad Celsius. steigt, bisweilen in wenigen Stunden um 20 bis 30 Grad differiert, und in der Thebais während der Monate April und Mai in einem Tage eine Differenz von 14° zu 44° Celsius. zeigte, bei allgemeiner Dürre und Trockenheit, und einem feinen, mit Salpeter und Salmiak vermengten Staube, der bei der geringsten Luftbewegung sich in Wolken erhebt, entwickeln sich Krankheiten aller Art, und nehmen einen bösartigen Charakter an; die Wunden heilen schwer und gehen leicht in brandiges Verderben über. Dieser ungesunde Zeitraum endigt sich mit dem Eintritt der vierten etesischen Jahreszeit (S. d'étesienne), die von den ersten Tagen des Juni bis zu dem neuen Anschwellen des Nils dauernd durch die heilsame Wirkung der herrschenden Nordwinde und durch das Verschwinden der Krankheiten das ganze Land wieder erfrischt und erfreut. Die Monate März, April und Mai sind überhaupt die ungesundesten in Ägypten, im Juni, Juli und August ist der Gesundheitszustand am günstigsten, in den übrigen Monaten gleichsam von mittlerer Beschaffenheit.
Will man allein die Temperatur beachten, so lassen sich zwei Semester unterscheiden: ein heißes vom Monat März bis zum September, und ein weniger heißes vom Oktober bis zum Februar. Im Ganzen ist es hier nicht minder heiß, wie im tropischen Amerika. Im Sommer steht nach Pugnets Beobachtungen der Thermometer in Ober-Ägypten zwischen 83 und 114 Grad Fahrenheit, Nouet sah das Quecksilber im Schatten auf 109 Grad, im heißen Sande auf 150 Grad F. steigen, und von einem Winter nach unseren Begriffen kann in einem Lande nicht die Rede sein, wo selbst im Dezember die Bäume grünen, und oft in voller Blüte stehen.
Ägypten ist vielleicht das fruchtbarste Land, im Guten wie im Schlimmen. Es hat die meisten Menschen hervorgebracht, weil es die meisten zu ernähren vermochte (man glaubt, daß einst auf eine Geviertmeile gegen 20.000 Einwohner kamen); es bringt eine zahllose Menge von nützlichen und schädlichen Tieren hervor, der Nilstrom wimmelt von Fischen, die feuchtwarme Erde und der Schlamm erzeugen unermeßliche Scharen von Gewürm, Insekten und Amphibien, die Vegetation im Niltal und im Delta ist wahrhaft außerordentlich. –
Eine so große Erzeugungskraft, die zum Teil auf die üppigsten Aftergebilde verwendet wird, muß notwendig auch viele Krankheiten erzeugen, und dies ist in sehr fruchtbaren Ländern überall der Fall. In Ägypten wie in Indien, und im geringeren Grade selbst in einigen Gegenden des südöstlichen Europas scheint die Natur von dieser Erzeugungskraft zu strotzen, aber die Wirkung derselben, die große Fruchtbarkeit, ist es eben, welche die Mittel der Zerstörung vervielfältigt, die Vegetation vermehrt, den ganzen Lebensprozeß beschleunigt, die Fäulnis beständig unterhält, und die Gesundheit von allen Seiten mit Gefahren bedroht. Es ist der Überfluß an Wärme, Licht und Feuchtigkeit, und der davon bedingte wuchernde Bildungstrieb, durch welchen das organische Leben den Keim der Krankheit und der Vernichtung empfängt.
Von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage stimmen alle aufrichtigen Beobachter darin überein, daß bösartige Fieber am häufigsten in Gegenden erscheinen, wo eine Verbindung und ein starker Wechsel von großer Feuchtigkeit und Wärme stattzufinden pflegt. Diese Tatsache wird um so deutlicher bemerkt, je niedriger und sumpfiger der Boden ist, und je höher die Temperatur der Atmosphäre steigt; sie zeigt sich hauptsächlich da, wo auf eine vorausgegangene Ansammlung von Wasser anhaltende Hitze und Trockenheit eingetreten ist, besonders in der Nähe von Morasten oder solchen Flüssen, die Überschwemmungen veranlassen, auf ehemaligem Moorgrund, selbst in trokkenen Niederungen und Savannen, über welche sich einst die Fluten eines nahen Meeres ergossen. Auf diese sichere Erfahrung gestützt, würden wir auch ohne nähere Kenntnis der einzelnen Krankheiten durch die bloße Analogie schon berechtigt werden, ein Land als das ungesundeste der ganzen Erde zu bezeichnen, von welchem uns bekannt wäre, daß es regelmäßig einen großen Teil des Jahres in einen Sumpf verwandelt, und dann wieder längere Zeit den glühenden Strahlen der afrikanischen Sonne ausgesetzt wird. Allein wie bedeutend auch in der Tat die Nachteile sind, mit welchen die Gesundheit der Menschen vorzüglich in Unter-Ägypten umgeben ist, wo außerdem noch bleibende Moraste, große Seen und Reisfelder vorhanden sind, so werden sie dennoch durch die in den heißen Tagen herrschende Trockenheit einer salinischen Luft, durch die von dem Mittelmeer abgekühlten Nordwinde, durch die Nachbarschaft der dürren Wüsten, welche die feuchten Dünste unablässig anziehen und einsaugen, ja selbst durch die alljährliche Erneuerung der Überschwemmung nicht wenig gemäßigt und verbessert; nirgends sieht man deutlicher als hier, wie die Natur ihr eigenes Mißverhältnis wieder auszugleichen sucht, und auf solche Weise ein Land, wo ohne diese Ausgleichung beständig der Hauch des Todes wehen würde, zu einem Wohnplatz für Menschen macht. Wo nun überdies dem wohltätigen Bestreben der Natur auch noch die Kunst in ihrer fleißigsten und großartigsten Anwendung zu Hilfe kam, wie im Altertum, wo die Wasser nach einer weisen Anordnung geleitet und bewältigt, die Versumpfungen gehindert, die Menschen- und Tierleichen beseitigt und vor der Fäulnis geschützt, Hungersnot und Elend überhaupt verhütet wurden, da vermochte auch Ägypten sich bis zu einem Mittelpunkt der Kultur zu erheben, und Herodot konnte es zu seiner Zeit wohl nicht mit Unrecht für gesund erklären.
Wir dürfen indes nicht zweifeln, daß dieses Land schon während seiner Blüte zuweilen an verheerenden Seuchen zu leiden hatte, welche als die Urform der heutigen Pest mit dieser nicht bloß den Namen, sondern zum Teil auch dieselben Ursachen und Erscheinungen gemein hatten. Es ist in den heiligen Büchern zu oft von Pesten die Rede, die hier entweder wirklich wüteten oder dem Volke geweissagt und angedroht wurden, als daß man leugnen möchte, die Wiederkehr dieser Plagen sei in Ägypten nicht sehr gefürchtet worden. Die Sorgfalt, alles Faulende zu entfernen und unschädlich zu machen, war bei den alten Bewohnern ein heiliger Gebrauch, der unter gewissen Veränderungen auch auf die Israeliten überging, und als Gesetz, wie Mead bemerkt, nur deshalb eingeführt und beobachtet wurde, weil durch Verderben tierischer Stoffe die Erzeugung der Pest begünstigt wird. Cicero ist eigentlich derselben Meinung, wenn er von dem Ibis redend behauptet, daß die Ägypter diesem Vogel nur wegen des Nutzens göttliche Ehre erweisen, weil er durch Verzehren der Schlangen und Insekten das Land vor der Pest bewahre, und verhindere, daß diese schädlichen Tiere weder lebend durch ihren Biß, noch tot durch üblen Geruch den Menschen schaden.58 Nehmen wir überdies mit neueren Astronomen die sehr wahrscheinliche Meinung an, daß die alten Ägypter Jahrtausende vor Christus die Bilder des Tierkreises erfanden oder doch jedes derselben mit gewissen natürlichen Ereignissen der Jahreszeit und des ägyptischen Klimas in sinnvolle Beziehung brachten, z. B. im Monat Juli den höchsten Stand der Überschwemmung durch den Wassermann, im Monat Oktober den Betrieb des Ackerbaues durch den Stier, im März die Gleichheit der Tage und Nächte durch die Waage anzeigen wollten, so erscheint es bedeutungsvoll, daß für den Monat April, in welchem noch heute die Pest in Ägypten ihre größte Verbreitung erlangt, das entsprechende Sternbild mit dem Namen des Skorpions bezeichnet wurde, weil um diese Zeit vorzüglich giftige Seuchen herrschen. Solche Andeutungen lassen es nicht zweifelhaft, daß epidemische Krankheiten auch im alten Ägypten nicht unbekannt gewesen, wenn auch anzunehmen ist, daß sie in Zeiten der Ordnung und Kultur nur selten erschienen sind. Als aber in der Folge das Land eine wechselnde Beute fremder Eroberer wurde, als mit der Herrschaft des Halbmondes andere Menschen, Sitten und Gewohnheiten aufkamen, die riesenhaften Werke der alten Wasserbaukunst in immer tieferen Verfall gerieten, und jährlich hunderttausende von Leichen, die man sonst einbalsamierte und in entlegene Felsenhöhlen begrub, im Schlamm verwesen mußten, da erzeugten sich mit anderen Übeln auch häufigere Krankheiten und Seuchen, und wurden in demselben Maße hier einheimisch, in welchem die Ursachen ihrer Entstehung mächtiger und dauernder wurden.
Es gibt keinen grelleren Abstand, als denjenigen, welchen die Städte des heutigen Ägyptens zu den großen Ruinen der Vorzeit bilden. – Niedrige, zum Teil in der Erde steckende schmutzige Hütten, äußerlich häufig mit dem Dünger bekleidet, der getrocknet bei dem Mangel an Holz als Brennstoff benutzt werden muß; kleine, mit wenig Licht versehene Häuser stehen hier in engen, krummen und ungepflasterten Straßen beisammen, die oft noch tiefer als der nächste Wasserspiegel liegen, und die Sinne fast überall durch den widrigen Anblick und Geruch von unsauberen Lachen, Haufen von Unrat und verwesenden Tierleichen beleidigen. Diesen elenden Wohnplätzen entspricht die Lebens- und Nahrungsweise, welche darin üblich ist. Schon Alpini erzählte, daß der größte Teil der ägyptischen Bevölkerung die verdorbensten Dinge verzehren und das schlechteste Getränk gebrauchen müsse. Finde man auch viele, die wegen ihrer Mäßigkeit ein hohes Alter erreichen, so sei doch bei allen eine Anlage zur Schlaffheit und Verschleimung vorhanden, welche besonders durch die kalte Nahrung, durch den Mißbrauch der Bäder und durch das häufige Trinken des Nilwassers entsteht, das überhaupt durch Nieren, Darm und Haut sehr schnell entweicht, und in Kairo bei allen Ankömmlingen Durchfälle erregt.
Die Nilfische machen daselbst einen Hauptteil der Speisen aus, seien aber ungesund zu essen, weil der Fluß keinen steinigen, sondern überall nur schlammigen Boden hat; ferner werden sehr viele wäßrige Gemüse und Früchte, Milch und Milchspeisen, dagegen wenig Fleisch und aus Mangel oder des Verbotes wegen auch keine geistigen Getränke genossen; die Armen seien genötigt, von halbfaulem Wasser, von ebenso beschaffenem Salzfisch und Käse, von schlechtem Kamel- und Rindfleisch und wäßriger Pflanzenkost zu leben, daher sei auch ein kalter und verdorbener Magen häufig unter ihnen. –
Mit noch stärkeren Farben haben neuere französische Reisende den Zustand der zahlreichsten und tätigsten Menschenklasse auf dem Lande geschildert. Elend und Verworfenheit malt sich auf den Gesichtern dieser Armen, abschreckend ist ihre Unreinlichkeit und ihr Gestank; halbnackten Gespenstern gleich sieht man sie neben reichbewollten Schafen, neben Hanf-, Lein-und Baumwollfeldern einherschwanken, neben üppigen Ernten wie abgezehrte Jammerbilder vor Hunger verschmachten. In mehreren Dörfern des Deltas hatten die unglücklichen Fellahs seit Wochen nichts als Distelblätter und seines Öls beraubten Baumwollen- und Leinsamen genossen. Beständig mit dem Umwühlen der Erde oder mit dem Graben und Reinigen der Kanäle beschäftigt, starrt ihre Haut von Flechten, Geschwüren und Ungeziefer, ihre Häuser sind ekelhafte Höhlen, aus Schlamm und Knochen erbaut, von menschlichen und tierischen Auswürfen feucht. Selbst das Vieh ist ungeachtet der fetten Weide schlecht genährt, und alljährlich gehen im Delta viele Rinder zu Grunde, welche den Hunden preisgegeben in freier Luft verfaulen. Die menschlichen Leichen versenkt man entweder in tiefe Gruben, oder schließt sie häufiger noch in Gemäuer ein, welche länglichen Backöfen ähnlich aus gebrannten Steinen zuweilen zwei bis drei Stockwerke hoch aufgeführt werden. In Alexandria, wo sieben Begräbnisplätze vorhanden sind, und in Kairo, wo sich deren fünfunddreißig befinden, werden die Toten nur mit wenig Sand und mit Steinplatten bedeckt, viele auch in den Häusern begraben. Die Wirkung der großen Hitze und Feuchtigkeit auf di...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Erstes Buch.
- Zweites Buch.
- Drittes Buch.
- Anhang.
- Zu dier Ausgabe.
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