
- 181 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Die Sagen der Stadt Leipzig.
Über dieses Buch
= Digitale Neufassung für eBook-Reader =Backhaus: "Jede Stadt von nur einiger Bedeutsamkeit oder ehrwürdigen Alters hat mehr oder weniger ihre Legenden, ihre Wahrzeichen, oder sonst bezeichnende Namen für bekannte Orte oder Gegenstände, an welche sich teils Sagen knüpfen lassen..."
Häufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
- Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
- Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Die Sagen der Stadt Leipzig. von Ferdinand Backhaus, Gerik Chirlek im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Geschichte & Weltgeschichte. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.
Information
Das Brautwehr.
1.
Mögen andere ihren Stoff in der Feme suchen und mit geflügelter Phantasie Berge und Täler, wilde Schluchten oder romantische Ufer von Strömen fremder Länder durchfliegen, mich fesseln nur die heimatlichen Gestade unserer kleinen, aber klassischen Flüsse, an welche sich so herrliche Sagen reihen, wohl der Bearbeitung wert, wohl geeignet, die einförmigen Winterabende zu verkürzen.
Mag der Harz sich an seinem Blocksberg und seinen Hexen, mag Schlesien an Rübezahl und seiner Teufelskanzel oder die Bewohner jener gesegneten Gau, durch welche der stolze Rhein seine grünen Fluten wälzt, an den Gesängen der deutschen Sirene, der treulosen und gefeiten Loreley entschädigen, mich zieht es nach jenen Gewässern, welche Leipzig teils durchfließen, teils umspülen.
Merkwürdig! Leipzig, so sagt die alte Mythe, wurde von Fischern gegründet, und an das Element, an welches diese durch ihr Gewerbe gebunden sind, knüpfen sich fast ausschließlich alle Sagen der weltberühmten Lindenstadt. Wir werden gesehen haben und sehen, dass dies auch mit dieser Sage, wie früher mit dem »Ritterloch« und der »Heiligen Brücke« sowie fast mit allen der Fall ist.
Die Reformation war in das Leben getreten und hier und da beendet. Auch in Leipzig ward sie, nach Herzog Georgs Tod, durch Herzog Heinrich, der damals in Freiberg seinen prunklosen Hof hielt und sich ungeachtet des Verblichenen anderslautenden Testamentes durch schnelles und kühnes Handeln in den Besitz der Länder Georgs gesetzt hatte, von demselben für immer in Leipzig eingeführt.
Doktor Martin Luther und Doktor Justus Jonas trafen in Herzog Heinrichs und des Kurfürsten Johann Friedrichs Begleitung in Leipzig ein und hielten nun öffentlich, und zwar ersterer in eben demselben Saal der Pleißenburg, in dem er einst die berüchtigte Disputation mit dem noch berüchtigteren Tetzel gehalten hatte, letzterer in der Thomaskirche, ihre ersten Reformationspredigten. Dies geschah bekanntlich am Pfingstfest des Jahres 1539.
Aber kaum war die Reformation in Leipzig eingezogen, so brachte sie auch schon in ihrem Geleit den fluchwürdigen Hader mit sich, den noch Jahrhunderte lang Protestanten gegeneinander mit vieler Erbitterung nährten. Die Reformatoren selbst waren trotz ihrer verschiedenen Religionsansicht immer Freunde, ihre Anhänger wurden erbitterte Feinde.
Es ist leider eine unbestreitbare Tatsache, dass sich von vornherein Lutheraner und Reformierte mehr hassten als Protestanten und Katholiken. Der Calvinist wurde der Gegenstand des Hasses des Lutheraners, und der Lutheraner war ein verabscheuungswürdiger Dorn im Auge des Calvinisten. Aber im Ganzen genommen änderte dieser feindselige Sinn nichts. Die Reformation selbst schritt ihren unaufhaltsamen Gang fort, mochten auch noch einzelne Professoren und Universitätsmitglieder öffentlich oder heimlich ihr entgegenstreben. Es ist und bleibt eine ausgemachte Sache, dass gerade die Gelehrten, namentlich die Mitglieder der Universität, Luthers Lehre entgegen waren, nicht, als ob sie die Wahrheit derselben nicht eingesehen hätten, nein, weil es ihr Vorteil erheischte, es mit dem römischen Hof zu halten, teils ihres Ansehens, teils ihrer Einkünfte wegen. Vor allen Dingen lag ihnen daran, den Hader zwischen Calvinisten und Lutheranern zu unterhalten, wohl wissend, dass Zwiespalt unter Religionsverwandten ebenso gut wie unter Blutsverwandten in der Regel unheilbar und für alle Zeiten fortdauernd sei und nur von Vorteil für den ruhigen, dritten Beobachter sein könne.
Aber diesmal hatten sich diese Herren glücklicherweise geirrt, und obgleich am 28. Mai 1593 die Streitigkeiten beider Religionsverwandten, nachdem sie fünfzig Jahre unter der Asche geglimmt hatten, in helle Flammen aufloderten, welche die Ausweisung sämtlicher Calvinisten zur Folge hatten, so war dieses an und für sich harte Edikt doch für den Lutherischen Handelsherrn Thomas Bartsch insofern von großem Vorteil, inwiefern nun Friedrich Hempel, ebenfalls ein reicher Handelsherr, jedoch der Calvinischen Lehre zugetan, nun nicht mehr Anstand nahm, dem Geschäftsfreund seine eheleibliche Tochter, ungeachtet dieser zu den Dickköpfen*) gehörte, aus wahrer väterlicher Besorgnis für das Glück seines einzigen Kindes, welches dem noch jungen Herrn Thomas Bartsch mit aufrichtiger Liebe zugetan war, zur Gattin zu geben.
*) Bis auf die neuesten Seiten ein gewöhnlicher Schimpfname zur Bezeichnung der Lutheraner, Spitzköpfe dagegen nannten diese die Reformierten.
Wir wissen nun das Jahr, in welchem sich genannter Thomas Bartsch mit Jungfer Hempel vermählte. Von den ersten Jahren ihrer Ehe lässt sich wenig sagen. Den Tag brachte der Gemahl in seinem Gewölbe, die Gattin dagegen bei ihrem Erstgeborenen Moritz, dem Helden unserer Geschichte, zu. Er war ein kräftiger, rotwangiger Knabe, über den die Eltern ihre herzliche Freude hatten. Die Abende füllten Erzählungen über vergangene Zeiten, namentlich über den Weinhausischen Tumult aus, welchen Adolph Weinhaus dadurch in das Leben rief, dass er mit dem damals bei ihm anwesenden Handelsmann Hans Belzen von Antorf, Johann Müllern, einem Rechtskandidaten, und Abraham Grempeln, einem Savoyer, aus seinen Fenstern auf die ihn verhöhnenden Lutheraner schoss.
Wir werden sehen (siehe Jungfer Lieschens Büsche), welche unglücklichen Folgen diese Übereilung nach sich zog, sehen, dass die Gärung zwischen beider Religionsparteien fast das ganze Jahr hindurch währte, Belzen viele Unannehmlichkeiten und Geld kostete, dem als Calvinisten verdächtigen Bürgermeister Backofen viele Verdrießlichkeiten bereitete, den in Leipzig ansässigen Johann Defroy um Haus, Waren und Vermögen, ja sogar einen Maurer, einen Kürschner, schlechtweg Fürst genannt, einen Teichgräber von Torgau und einen Zimmergesellen um das Leben brachte. *)
*) Sie wurden als Tumultuanten enthauptet. Wer sich über diese ereignisvolle Zeit genauer unterrichten will, vgl. Kritzinger: »Die Geschichte der Stadt Leipzig«, 1778, Teil II., S. 118-134.
Welch ein Unterschied zwischen sonst und jetzt! Leipzig, in unseren Tagen weltbekannt wegen seiner Toleranz, welches jetzt willig die Pforten seiner Tempel den Reformierten wie den Katholiken öffnet*), in dessen Mauern man bei großen Religionsfesten alle Konfessionen in schöner Eintracht, ein herrliches Bild priesterlicher Würde und Liebe, nebeneinander einherschreiten sieht, verfolgte damals mit fanatischer Wut die fast Gleichdenkenden.
*) Während des Ausbaues der reformierten Kirche räumte es freudig den Reformierten die Peterskirche ein. Nach dem Einsturz der Schlosskirche trug es keine Minute Bedenken, den Katholiken mit derselben Bereitwilligkeit die Neukirche auf Zeit abzutreten.
Thomas Bartsch gehörte schon damals zu den aufgeklärten Männern, die weniger auf den Namen der Religionssekte, der jemand angehörte, Rücksicht nahmen, als vielmehr auf den Mann und seine Handlungen sahen. Friedrich Hempel war ebenfalls ein durch und durch ehrlicher, kluger und tugendhafter Mann, und wie die meisten seiner Glaubensgenossen von musterhafter Sittlichkeit und Strenge. Aber ungeachtet dieser Vorzüge, die einen Mann in jedem Gewand zieren, bedurfte es dennoch eines Mannes von mehr als gewöhnlichem Geist, um sich entschließen zu können, die Tochter eines Calvinisten zu ehelichen. Man muss sich, um das Wahre dieser Behauptung zu fühlen, lebhaft in jene Zeit versetzen, wo wenige Dezennien vorher die Reformation nur nach harten Kämpfen gesiegt hatte. Noch zu der Zeit, von der wir jetzt sprechen, sah man die Calvinisten gleichsam als eine neue Sekte an, hervorgegangen aus den Lutheranern. Nur die wenigsten wussten, dass die Reformatoren beider Glaubensgenossen gleichzeitig gegen die päpstliche Curie gekämpft und gesiegt hatten. Aber in Deutschland waren erstere und namentlich in und um Leipzig die Minderzahl. Dieser Umstand genügte, den Stab über sie zu brechen. Niemand fragte sich, wie es in Böhmen, der Schweiz oder anderen Ländern stehe, wo wiederum die Calvinisten die Mehrzahl für sich hatten.
Wir führen diese Einzelheiten hier nur an, um den vorurteilsfreien und aufgeklärten Sinn von Andreas Bartsch [sic: Thomas Bartsch?] desto mehr hervorzuheben.
Als infolge des Weinhausischen Tumultes auch Heinrich Hempel, dessen Gattin längst vorher das Zeitliche gesegnet hatte, Leipzig verließ, so übergab er keinem anderen als seinem nunmehrigen Schwiegersohn die Regulierung und Fortführung seines nicht unbedeutenden Geschäftes, so groß war ungeachtet der Religionsverschiedenheit die Achtung vor dessen Redlichkeit und Ehrlichkeit, und er zog sich wiederum nach der Schweiz zurück, aus der er gebürtig war.
Beide unterhielten nach den damaligen Umständen einen lebhaften Briefwechsel und unterbrachen denselben bis zum Absterben Hempels niemals. Durch diesen Todesfall wurde Bartsch einer der reichsten und angesehensten Handelsherren Leipzigs, und namentlich durch diesen Todesfall vorzüglich in den Stand gesetzt, so viel an seinem Sohn Moritz tun zu können als er in Zukunft für ihn tat.
2.
Es war damals in dem lebenslustigen Leipzig eine inhaltsschwere Ruhe eingetreten, wie dies überhaupt und überall nach ungewöhnlichen und wichtigen Ereignissen der Fall ist. Alle Familien hatten sich auf sich selbst beschränkt, einer misstraute dem anderen. Unter solchen Umständen hielt es Herr Bartsch ebenfalls für angemessen, die Abende in seinem Haus zuzubringen und sie seiner Gattin und seinem Sohn zu widmen. Aber sein väterliches Herz machte schon frühzeitig die Erfahrung, dass Kinder nicht immer Ebenbilder der Eltern werden, denn der kleine Moritz, der nur erst einige Jahre zählte, ließ bereits schon einen solchen Starrsinn und solche Hartnäckigkeit blicken, dass man für die Zukunft nur Schlimmes daraus prophezeien konnte. Die ganze Nachbarschaft bewunderte und staunte diesen Kontrast zwischen Eltern und Sohn an. Allen war diese Charakterverschiedenheit unerklärlich, der Vater, ernst, ruhig und bieder, die Mutter sanft, weichen Sinnes, guten Herzens und tugendhaft, der Sohn widerspenstig und leichtsinnig im höchsten Grad.
In den ersten Jahren seiner frühesten Jugend hatte ihm die Mutter ausschließlich ihre Jahre und ihre Kräfte gewidmet, der Vater freilich nur die Abendstunden. Er war ungeachtet seiner geistigen Vorzüge dennoch zu sehr Kaufmann, als dass er sich den Tag über aus seiner Geschäftsstube hätte entfernen können. Hierin stimmte er leider den anderen Kaufherren bei, welche meinten, dass die größere Aufopferung und Sorgfalt für seine Familie darin bestehe, die Kapitalien möglichst schnell zu verdoppeln. Dieser Ansicht ist es zuzuschreiben, dass er seinem einzigen Kind nicht die Zeit widmete, die ein Vater seinen Kindern schuldig ist.
Als Moritz größer ward, musste ihn der Markthelfer täglich nach der Unterrichtsanstalt geleiten, in der man am meisten zahlen musste, aus welchem Grund man sie auch für die beste hielt, und in der Tat doch, traurige Wahrheit, die schlechteste nennen konnte.
Hier machte er die Bekanntschaft von den Söhnen gleich reicher Eltern, lernte die verzogenen Muttersöhnchen charakterschwacher Väter und Mütter kennen, die dem Eigensinn starriger Kinder frönten, sie durch ihre Nachgiebigkeit verschlechterten und so die Schuld künftigen Unglückes ihrer Kinder auf sich herabbeschworen.
In solcher Gesellschaft konnte Moritz natürlich nur noch leichtsinniger werden, und er wurde es, denn noch war er nicht aus der Schule entlassen und schon war er mit Sachen vertraut, die nur dem reiferen Alter zu wissen ziemen. Als der Wendepunkt seines Lebens herannahte, von welchem an er für das bürgerliche Leben gebildet werden sollte, war er bereits ein junger Taugenichts. Dazu trug allerdings das Jahrhundert, in dem er lebte, das Seinige bei, denn man glaube ja nicht, dass damals eine größere Sitteneinfachheit und Reinheit stattgefunden hätte. Durchaus nicht. Man frage noch jetzt alte, vorurteilsfreie Leute, ob die Menschen in ihrer Jugend besser und untadelhafter gewesen wären oder nicht, und sie werden aufrichtig »Nein!« antworten. Je weiter zurück, desto schlechter. Wahrlich, wir wären auch sehr zu beklagen, wär' es anders, denn müssten wir in diesem Fall uns nicht gestehen, dass unsere Schulen unvollkommene Institute für die Veredelung der Menschheit wären und unsere Erziehungsarten durchaus verkehrte? Nein, jenes Jahrhundert und das daraus folgende können an Immoralität*) kaum übertroffen werden, und manches Verbrechen, was begangen wurde, wurde durch die Verhältnisse und die Gewohnheit hervorgerufen.
*) vgl. Kritzinger: »Die Geschichte der Stadt Leipzig«, 1778, Teil VI., S. 422.
Nachdem Moritz das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt hatte, bestimmte ihn sein Vater ebenfalls für die Handlung. Und da er recht wohl wusste, dass es nicht guttut, wenn Kinder im elterlichen Haus bleiben, so traf er mit einem Geschäftsfreund ein Übereinkommen, nach welchem sich dieser verbindlich machte, den jungen Bartsch in die Lehre zu nehmen oder, wie sich jetzt die junge Handelswelt ausdrückt, die Jahre zu stehen.
Es war dem Vater alles daran gelegen, den Sohn zu einem recht tüchtigen Kaufmann zu bilden, damit er dereinst mit Ehre der soliden Firma seines geachteten und gewinnbringenden Geschäftes vorstehen könne.
Aber wie es vielen Vätern ergeht, so erging es auch Herrn Bartsch, der, nur für das Wohl seines Sohnes bedacht, gerade in der Wahl des Lehrherrn für denselben einen argen Missgriff beging. Nicht, als ob etwas wider den Kaufherrn Blumhagen einzuwenden gewesen wäre, durchaus nicht, sondern nur lediglich gegen dessen Söhne, Ludolf und Gotthelf, ersterer nur um wenige Jahre, letzterer fast um nichts älter als Moritz. Beide waren ein paar hoffertige Jungen, deren größtes Erdenglück in weiten Pluderhosen, steifen Krausen und gestickten Manschetten bestand. Diese Eigenschaften waren nicht geeignet, vorteilhaft auf Moritz einzuwirken, und die Putzsucht, die ihm bis jetzt fremd geblieben war, hatte er sich in kurzer Zeit beinahe in ebenso hohem Grad zu eigen gemacht als seine musterhaften Vorbilder.
In einem solchen Alter, in welchen die drei jungen Burschen standen, schließt man bald, und zwar ohne alle Prüfung, innige Freundschaft, unbekümmert um sich und die sogenannten Freunde. Eine solche Freundschaft, die nur auf Genusssucht basiert war, verband bald aufs Innigste diese drei ziemlich Gleichgesinnten.
Ludolf, den schon eine beinahe männliche Figur auszeichnete, hatte bereits schon in manchen Häusern, die man sonst noch vor solchen Jünglingen unzugänglich hielt, Eingang gefunden. Hier und da begrüßte man ihn bereits wie einen alten Bekannten. Laster vereinigen schneller als Tugenden, und der Laster schändlichstes trieb man in diesen Häusern, das Spiel. Wie gewöhnlich hatte auch ihm, dem Neuling, fast ununterbrochen das Glück gelächelt, ihn gleichsam zu girren und festzuhalten. Nichts ist für den unerfahrenen Jüngling lockender als die Aussicht auf einen schnellen Gewinn, auf einen Gewinn ohne Arbeit und Mühe.
Es ist natürlich, dass der Besitz von ungewöhnlich viel Geld den Blicken des Bruders und des Haus- und Stubengenossen nicht entgehen konnte. Zwar war er so klug, auf die Fragen derselben, wo er das viele Geld herhabe, ausweichend zu antworten, aber schnell untergräbt das hervorragende Laster die letzten Funken der noch vorhandenen Moralität. So geschah es auch hier. Nach wenigen Wochen nahm er keinen Anstand mehr, dem Bruder und dem Freund zu gestehen, auf welchem Weg er zu dem Geld gelange.
Die Gier, ebenfalls recht bald in den Besitz solcher Summen zu gelangen, leuchtete widrig aus den Augen beider. Zuerst versprach er dem Bruder, ihn bald mit seinen Freunden bekanntzumachen und in deren Häuser einzuführen, bald werde es ihm dann auch möglich werden, Moritz diesen achtbaren Männern vorzustellen. Ludolf hielt redlich Wort, nach einem halben Jahr hatte Gotthelf bereits die Bekanntschaft mit allen den Gaunern gemacht, mit welchen sein Bruder in Verbindung zu stehen die Ehre hatte. Auch ihm lächelte vom Anfang das Glück, wie allen Verblendeten, die sich in der Jugend dem treulosen Spiel in die Arme warfen.
Endlich ward auch Moritz das Glück zuteil, die Türen dieser fluchbeladenen Häuser für sich geöffnet zu sehen. Eine neue Welt tat sich seinen Blicken auf, er bemerkte in seines Herzens übergroßer Freude nicht, dass tausendfache Leidenschaften der Tischgenossen Gesichter verzerrt hatten, dass markerschütternde Flüche das Goldstück begleiteten, welches der Bankhalter mit eisiger Ruhe und Empfindungslosigkeit an sich zog, dass der Verlierende das Kartenblatt mit konvulsivischen Zuckungen in der krampfhaften Hand vernichtete. Er hörte nur der ausgesprochenen Karten Namen und das mit Monotonie immer wiederkehrende: »Gewinnt -- Verliert!«
Alle traurigen Geschichten, die durch das Spiel hervorgerufen und mit dem Gefolge ihrer Scheußlichkeiten in das Leben getreten waren, hielt er für Märchen, ausgesonnen von müßigen Köpfen, klatschenden Faulenzern -- die Zeit zu verkürzen. Jede Stunde seines Lebens, die er nicht auf der grünen Wiese*) verleben konnte, war für ihn verloren.
*) Bezeichnender Name des Spieltisches.
Alle Verrichtungen für das Geschäft ekelten ihn an und wurden nur mit Widerwillen gemacht, was Wunder, dass Herr Blumhagen endlich gezwungen wurde, sich gegen seinen braven, so allgemein geschätzten Vater in Klagen zu ergießen.
Zwar machten seine Söhne ihre Arbeiten um kein Haar besser, aber was der Vater bei dem Fremden sah, ließ ihn die Vaterliebe an den eigenen Söhnen nicht bemerken. Gern hätte sich Herr Blumhagen Moritzens entledigt, aber der Gedanke, dadurch seinen alten, biederen Geschäftsfreund zu kränken, und die Aussicht, in wenigen Monden die Zeit herangenaht zu sehen, in welcher Moritz »Diener«, die schönen Namen Gehilfe oder Geselle sind bloß für Künstler und Handwerker vorhanden, werden würde, bestimmten ihn, es noch bis dahin mit anzusehen.
Die Zeit, die man herbeiwünscht, kommt nur herangeschlichen. Diese Wahrheit wurde dem Lehrherrn recht fühlbar, denn niemals hatten ihm wenige Monate länger gedauert als die bis zur Losgebung Moritzens. Endlich erschien der längst herbeigesehnte Tag, niemals hatte Herr Blumhagen einen freudiger begrüßt als diesen.
Als Moritz, der Förmlichkeit und hergebrachten Gewohnheit gemäß, sich ihm nahte, um seinen Dank für die ihm vielfach erwiesene Güte und Nachsicht auszusprechen, entließ er ihn mit nachdrücklichen Ermahnungen, von nun an seinem Beruf mit größerem Eifer zu leben. Dem aber, welchem sie galten, waren es in den Wind gesprochene Worte. Nicht eine von allen den guten Lehren, die er ihm gab, berührte sein Ohr oder drang bis in die Tiefe seines Herzens.
Ohne Rührung schritt er aus dem Haus, in welchem man ihn solange mit Schonung behandelt hatte. Kalt, ohne Vorsatz zur Besserung, überschritt er die Schwellen der elterlichen Wohnung, und als der Vater den Sohn umarmte und die Mutter ihm die Hand entgegenstreckte, bewillkommneten beide einen Spieler.
3.
Wie alle Heuchler, war auch Moritz bemüht, von vornherein anders zu scheinen als er war. Er hatte seine guten Gründe so zu handeln, ihm lag daran, seines Vaters Aufmerksamkeit mehr von sich abzulenken, eine günstigere Mein...
Inhaltsverzeichnis
- Die Sagen der Stadt Leipzig.
- Technische Anmerkungen
- Vorrede.
- Einleitung.
- Die heilige Brücke.
- Das Ritterloch.
- Das Brautwehr.
- Ritter Georg.
- Lieschens Büsche.
- Poniatowski oder die Elster.
- Impressum