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Agrarwende? Lieber heute als morgen!
Vom Verlust der Bodenfruchtbarkeit, dem Verdrängen der Bauern, dem Leid sehr vieler Tiere und von einer nachhaltigen Landwirtschaft
- 248 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
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Agrarwende? Lieber heute als morgen!
Vom Verlust der Bodenfruchtbarkeit, dem Verdrängen der Bauern, dem Leid sehr vieler Tiere und von einer nachhaltigen Landwirtschaft
Über dieses Buch
Seit Jahrzehnten verändern sich die landwirtschaftlichen Strukturen stetig und dies vor allem zu Lasten von Familienbetrieben. Die aktuellen und bereits absehbaren Innovationen werden diese Entwicklungen weiter beschleunigen. Ein positives Ende ist nicht in Sicht.Das Buch behandelt jedoch auch zahlreiche erprobte und nachhaltige Alternativen. Es wird außerdem aufgezeigt, wie der schwierige Übergang zu einer öko-sozialen Wirtschaftsweise gelingen könnte: auf der organisatorisch-technischen Ebene, durch Bildung und Ausbildung und nicht zuletzt durch eine durchgreifende Verhaltensänderung der Konsumenten.
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Information
1 Anliegen dieser Buchreihe und dieses Buches
Seit dem Erscheinen des Reports »Limits to growth« des Club of Rome im Jahre 1972, der eindringlich auf die Gefahr der Überforderung der ökologischen Grundlagen der globalen Gesellschaft hingewiesen hat, hat sich dieser negative Prozess weiter verstärkt und beschleunigt. Inzwischen dürfte jedem Menschen, der »Ohren hat zu hören und Augen zu sehen« deutlich geworden sein, dass die gegenwärtigen Gesellschaften und Staaten auf dem besten Wege sind, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten. Und zu diesen zählt in erster Linie der fruchtbare Boden.
Nach wie vor werden jedoch weltweit fruchtbare Böden in zunehmendem Umfang zerstört – und dies mit absehbar katastrophalen Folgen für die dort lebende Bevölkerung. Thiaw, Geschäftsführer der 1992 beschlossenen und inzwischen von 197 Ländern unterzeichneten Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung UNCCD, hat daher mit der nachfolgenden Warnung im September 2019 die UNKonferenz in Neu-Delhi eröffnet, die den Kampf gegen die Wüstenbildung und die Zerstörung fruchtbaren Bodens weiter voranbringen soll. Er führte nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau (FR) vom 06.09.2019 aus: »Über 700 Millionen Menschen könnten in den nächsten 30 Jahren zur Flucht gezwungen sein, wenn die Land-Degradation im selben Maße voranschreitet wie bisher. Die Fortschritte sind bisher zu gering.« Dieses Problem sei nicht neu, sondern schon »vor Jahrzehnten erkannt« worden.
Nach einem Bericht in der FR vom 06.09.2019 (»Land gewinnen«) haben sich über 120 Länder in einer UN-Konvention »offiziell verpflichtet, den Verlust produktiver Landflächen aufzuhalten … Sie streben – analog zur Klimaneutralität gemäß dem Pariser Weltklimavertrag – eine ›Degradationsneutralität‹ für die Böden an.« Diese wird allerdings wiederum durch das Bevölkerungswachstum in Frage gestellt. So versucht beispielsweise Indien die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass dort »2050 die erwarteten 1,7 Milliarden statt heute 1,4 Milliarden Menschen leben können«.
Zusätzlich verschärft wird diese Negativentwicklung durch die Verdrängung vieler Kleinbauern von ihrem Ackerland. Dieser Prozess des »Landgrabbing« wird durch das Bemühen bevölkerungsreicher Staaten, die die Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sichern wollen, aber zunehmend auch durch spezialisierte Versicherungen sowie Pensions- und Hedgefonds vorangetrieben, die in fruchtbaren Ackerflächen in erster Linie rentable Anlageobjekte sehen. Insgesamt werden in Deutschland immer noch täglich etwas mehr als 70 – manche Autoren schreiben sogar 100 – Hektar Landfläche pro Tag für Verkehrszwecke, Infrastrukturmaßnahmen oder Bauland umgewandelt. Dies alles führt auch zu einer Erhöhung der Preise für Agrarland und vor allem für deren Pacht.
Nach Informationen der Menschenrechtsorganisation FIAN (FoodFirst Information and Action Network) gibt es »über 2.000 solcher Fälle vor allem in Afrika, Asien und Südamerika … Landgrabbing führt zu massiven Land-Konzentrationen, das sind manchmal 70.000 Hektar, Dimensionen, die wir uns hier in Deutschland nicht vorstellen können«, teilt Herre, Agrarreferent von FIAN, mit. »Statt mehr Menschen zu ernähren, produziere das Landgrabbing zahlreiche Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und Kleinbauern, die vorher von dem Land gelebt haben. Gewaltsame Vertreibung und Landflucht seien oft die Folge.« Die erzeugten Güter würden nicht zur Versorgung der lokalen Bevölkerung genutzt, sondern »in unseren Autotanks landen, zur Fleischproduktion oder für die Nahrungsmittelindustrie verwendet. »Nur noch 43 Prozent der produzierten Lebensmittel würden vom Menschen verzehrt … Die Frage der Welternährung ist in erster Linie eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit.« Die Behauptung, durch diese Aktivitäten würden »mehr Lebensmittel für Arme produziert, ist völliger Quatsch … Denn die hier produzierten Lebensmittel werden meist in Supermärkten in den Städten für die Mittelschicht angeboten.«
In Ostdeutschland spielt sich dieser Prozess ebenfalls ab, wenn auch in kleinerem Maßstab. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gehören nach einer Information des ARD-Textes vom 18.08.2019 inzwischen mehr als 30 Prozent der Ackerflächen Investoren oder derartigen Fonds. Sie sind zu Spekulationsobjekten geworden. Über diese und zahlreiche andere bedrohliche Entwicklungen aus ökologischer Sicht informiert die Aufklärungs-Website FiWiSo-Allianz11 detailliert im dortigen Kapitel »Ökologie« auf Ebene III.
Diese nicht nur aus ökologischer Sicht bedrohlichen Entwicklungen und die völlig unzureichenden Gegenmaßnahmen – übrigens auch in Deutschland – haben mich veranlasst, diese Öko-Reihe anzugehen. Bisher sind in diesem Zusammenhang zwei Bände erschienen. Der erste mit dem Titel »Wo sind sie geblieben?… Vom leisen Abschied vieler Arten« erschien 2018 und befasste sich mit den Problemen des Artenschwundes. Im zweiten Buch, »Energiewende? Ja bitte!«, das 2019 publiziert wurde, behandelte ich die Möglichkeiten und Chancen der Energiewende aus ökologischer und sozialer, aber auch aus wirtschaftlicher Sicht.
Auch das hier vorgelegte Buch sieht sich einer möglichst objektiven Darstellung der Sachverhalte im Sinne einer humanistischen Aufklärung verpflichtet. Es geht von der Grundannahme aus, dass die komplexe und leider zugleich völlig verfahrene Situation auf dem Sektor Landwirtschaft eine grundlegende Neuausrichtung weiter Bereiche der konventionellen, insbesondere jedoch der agro-industriellen Landwirtschaft erfordert. Meine Überzeugung ist, dass diese Grundlage unserer Gesellschaft, die letztlich unser aller Leben und Überleben sichert, dauerhaft nachhaltig gestaltet werden muss. Dieser Kraftakt kann jedoch nur dann gelingen, wenn nicht nur die durchaus wichtigen ökologischen Aspekte eines möglichen Wandels behandelt werden, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und Entwicklungsmöglichkeiten voll einbezogen und berücksichtigt werden.
Es wird zunehmend deutlicher, dass die heutige, vorwiegend technokratische und wirtschaftlich kurzsichtige, ja industriell orientierte Betrachtungsweise Boden, Pflanze, Tier und Mensch überfordert. Ein öko-sozialer Paradigmenwechsel ist überfällig. Sehr viele Landwirte möchten ja in diesem Zusammenhang nicht nur als Teil des Problems, als »Prügelknaben« einer verstädterten Gesellschaft gesehen werden, wie dies gerade heute so oft geschieht. Dahinter steht – meist unbewusst – der Versuch, sich von Schuldgefühlen beispielsweise wegen des Verlusts von fruchtbarem Boden und Pflanzen- wie Tierarten, des enormen Leids der »Nutztiere« und der Selbstausbeutung vieler Landwirte und ihrer Familienangehörigen zu entlasten. Doch diese Probleme sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind durch unsere westliche, rücksichtslose und egozentrische Lebensweise gefördert worden. Die globale Ausbreitung dieses Lebensstils verbunden mit einem weiter ungebremsten Wachstum der Menschheit und hier vor allem ihrer Mittelschichten verschärft dieses Problem kontinuierlich. Denn gerade diese aufstrebenden Schichten möchten leben wie wir im »goldenen« Westen. Wer könnte ihnen dies auch verwehren. Wenn sich jedoch der überwiegende Teil der Menschheit diesem in ökologischer wie sozialer Hinsicht räuberischen Lebensstil weiter hingibt, ist die ökologische wie soziale Katastrophe unausweichlich.
Unabhängig davon, ob man diese Sichtweise teilt oder nicht, müssen die Landwirte unbedingt ein wesentlicher, selbstbestimmter Akteur und damit Teil einer tragfähigen nachhaltigen Lösung sein. Ich bin davon überzeugt, dass heute in Deutschland die übergroße Mehrheit der Bauern dazu auch bereit ist. Sie müssen jedoch unbedingt »auf Augenhöhe« einbezogen werden. Es darf nicht nur über sie geredet, sondern sie müssen in den Prozess als gleichberechtigte Partner gesehen und behandelt werden. Sie sind doch die Experten, die in sehr vielen Fällen nur unter dem Druck der Verhältnisse so handeln, wie sie dies heute tun (müssen). Und viele würden gerne eine andere Art der Landwirtschaft betreiben, die vor allem weniger kapitalintensiv und tiergerechter sein sollte. Daher muss ihnen auch eine dauerhafte, gesellschaftlich und wirtschaftlich gesicherte Existenz als Gegenleistung für ihre unverzichtbaren Dienste – gerade auch im ökologischen Bereich und demjenigen der Kultur- und Landschaftspflege – ermöglicht werden. Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch einen – wenn auch sehr – kleinen Beitrag dazu leisten kann.
Es wäre vermessen, diese so vielfältige Problematik der heutigen Landwirtschaft auch nur einigermaßen zutreffend und gerecht in einem notwendigerweise ziemlich schmalen Buch behandeln zu wollen. Ich konzentriere mich daher ausschließlich auf die drei mir besonders am Herzen liegenden Bereiche: die generelle Bodenproblematik, Probleme der Tierzucht in Deutschland und die soziale Frage in der deutschen Landwirtschaft. In diesem Zusammenhang wird auch auf die wirtschaftliche, heute so bedrohte Existenz sehr vieler Höfe mittlerer und kleinerer Größe eingegangen. Gerade diese sind aus ökosozialer Sicht für eine dauerhaft tragfähige und ökologisch vertretbare Landwirtschaft von ausschlaggebender Bedeutung. Europäische oder gar globale Probleme können in diesem Kontext nur am Rande gestreift werden. Die vielfältigen und teilweise – wie moderne Biohöfe beweisen – mit Erfolg beschrittenen Wege aus der gegenwärtigen Misere werden aufgezeigt.
Nicht behandelt werden können die überaus vielen, ebenfalls sehr wichtigen Bereiche, die Bestandteil der modernen Landwirtschaft oder doch mit ihr eng verbunden sind. Sie berühren ein sehr weites Feld: vom Ackerbau über die Probleme der Globalisierung auf dem Ernährungssektor und des wachsenden gentechnischen Potenzials bis hin zu einer durchgreifenden Bekämpfung des Hungers von heute noch über 800 Millionen Menschen und der Verschwendung von etwa der Hälfte der Lebensmittel über alle Stufen hinweg. Ich muss mich daher bescheiden und meine Ausführungen auf die drei oben genannten Bereiche beschränken. Eine umfassende Darstellung der gesamten Problematik und ihrer zahlreichen Lösungsmöglichkeiten steht noch aus.
Ich versuche in diesem Buch, vorrangig die großen Linien auf den drei genannten Feldern herauszuarbeiten. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass es wichtig ist, die jeweiligen Entwicklungen und Zustände auch mit Daten und Fakten zu unterfüttern. Diese sind für den interessierten Leser gedacht, denn es ist alles andere als einfach, diese oft weit gestreuten Informationen zusammenzubringen. Wer in geringerem Umfang interessiert sein sollte, kann diese Passagen durchaus überspringen.
Wichtig ist mir, auch praktikable Vorschläge als mögliche Grundlage von Lösungen anzubieten. Daher werde ich es nicht dabei belassen, lediglich allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen und Forderungen aufzustellen, was im gesellschaftlichen Rahmen alles getan oder verändert werden sollte, damit wirklich »Neuland« gewonnen werden kann. Ein Kapitel befasst sich daher auch mit unseren eigenen Möglichkeiten, sich anders und besser zu ernähren, sowie der Aufforderung, den eigenen, oft wenig nachhaltigen Lebensstil, der in aller Regel mit einem zu großen ökologischen Fußabdruck verbunden ist, zu prüfen und gegebenenfalls zu verändern.
Gerade auf dem Gebiet der Agrarwende vollzieht sich seit einiger Zeit ein durchgreifender Wandel. Ständig lassen sich daher neue Entwicklungen zum Positiven wie auch hin zum Negativen beobachten. Daher ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Entwurf zu diesem Buch bereits im April 2020 abgeschlossen worden ist, und dass daher neuere Entwicklungen nicht mehr berücksichtigt werden konnten.
2 Einführung
In den letzten fünfzig Jahren hat die Landwirtschaft in Deutschland den größten Umbruch seit etwa 1830, dem zaghaften Beginn ihrer Mechanisierung, erlebt. In einem großen Artikel für die ZEIT vom 18. Januar 2018 wird diese Situation unter dem Titel »Die Landwirtschaft steht vor ihrem größten Umbruch – getrieben von Ökologie, Technik, Konsumenten und Politik« geschildert. Ich werde im Folgenden wesentliche Aussagen dieses Berichts zitieren, da sie den Rahmen und die erforderliche Richtung der notwendigen Weiterentwicklung vor dem Hintergrund einer bald auf zehn Milliarden Menschen mit einer überproportional wachsenden, kaufkräftigen globalen Mittelschicht verdeutlichen.
»Die Landwirtschaft ist mehr als nur irgendein Wirtschaftssektor, sie ist ein zentraler Überlebensfaktor. Was Landwirte tun, beeinflusst Wasser, Klima, Boden, Gesundheit, Wirtschaft und Kultur … Zugleich wird die Landwirtschaft von unser aller Vorstellungen geprägt … Das zeigt sich auch in einer neuen bürgerlichen Agrarbewegung, die urbane Gärten anlegt und in den Städten ›Ernährungsräte‹ gründet. Die ›solidarische Landwirtschaft‹ soll Konsumenten und Bauern näher zusammenbringen und so die klaffende Erkenntnis- und Erfahrungslücke zwischen Hofalltag und Supermarktregal schließen.«
»Der wachsende Druck erzeugt aber auch in der Branche geradezu tektonische Umbrüche. Er zwingt … zu neuen Strategien und bringt neue Akteure aufs Feld … Die Politik reagiert nicht nur auf äußeren Veränderungsdruck. Sie kämpft um Glaubwürdigkeit … Deutschland hat versprochen, deutlich mehr als bisher für den Schutz des Klimas, der Artenvielfalt und der natürlichen Ressourcen zu tun.« In dem Artikel werden die seither eingetretenen Entwicklungen dargestellt. Das Ergebnis ist unter dem Strich negativ – insbesondere auch beim Tierschutz und der Nitratbelastung des Grundwassers.
»Ein Strategiewechsel ist gefragt. Das Bundesumweltministerium ließ daher … einen ›Gesellschaftsvertrag für eine zukunftsfähige Landwirtschaft‹ diskutieren und formulierte gleich zu Anfang …: ›Ein Weiter so ist nicht möglich‹. Doch die überfällige Kurskorrektur muss mit den Landwirten vollzogen werden, nicht gegen sie … Es sind immer noch mehrheitlich Familien, die die Höfe bewirtschaften … Etwas weniger Bürokratie, etwas mehr Ökologie – das wird auf Dauer nicht reichen … Es hängt alles davon ab, wie Europa die Landwirtschaft definiert: Als Relikt der Vergangenheit oder als Chance für eine gemeinsame Zukunft.« Der Strukturwandel in der Landwirtschaft verlief seit gut 20 Jahren – so Busse7 – nach industriellen Prinzipien. Er wurde in erster Linie bestimmt durch »Intensivierung, Technisierung, Spezialisierung und Standardisierung«. Ein ausgesprochen naturfernes und »brutales, aber höchst effizientes System«. In diesem »auf Effizienz getrimmten System werden mehr Ressourcen verbraucht als Werte geschaffen«. Busse weist auch überzeugend nach, um was für eine »Verschwendungswirtschaft« es sich dabei tatsächlich handelt, die auf »tönernen Füssen« steht. Ihr Leitprinzip sei das »Wegwerfen von Anfang an bis zum Konsumenten«.
Auch zahlreiche andere Autoren sind der Ansicht, dass die Landwirtschaft über Jahrzehnte hinweg in eine grundsätzlich falsche Richtung hin entwickelt wurde. Die dahinterstehende Philosophie wird häufig als »Tonnenmentalität« bezeichnet in Verbindung mit einem Primitiv-Darwinismus des »survival of the fittest« oder »Wachsen oder Weichen«. Es herrschen in weiten Teilen turbokapitalistische Produktionsbedingungen, in denen sich vor allem die mittleren und kleineren Landwirte wie »zwischen Hammer und Amboss« befinden. Auf der Angebots- wie Nachfrageseite stehen sie überstarken »Partnern« gegenüber: einem faktischen Kartell von Großschlachtereien, Molkereien, industriellen Unternehmen vom Saatgut bis hin zur Technik und gut organisierten Handelsketten. Darüber hinaus fühlen sich gerade diese Gruppen gesellschaftlich ziemlich allein gelassen und vom eigenen Verband nicht ausreichend vertreten.
So liegt der Deutsche Bauernverband meist auf der Linie der Großlandwirte sowie nicht selten sogar derjenigen großer Hersteller von Saatgut, Mineraldünger, Pestiziden, Pharmazeutika etc. Gefördert wurde diese zudem stark exportorientierte Entwicklung durch eine Subventionierung nach dem »Gießkannenprinzip«. Es dominiert, wenn auch inzwischen etwas abgemildert, die Förderung nach der Fläche und nur in relativ bescheidenem Umfang nach den gesellschaftlich erwünschten Leistungen. Dies alles hat zu einer in Teilen erheblichen Überproduktion geführt, die – EU-gestützt – auf außereuropäische Märkte umgeleitet wurde und dort den Kleinbauern das Leben schwer gemacht hat.
Diese Skizzierung der Verhältnisse ist bewusst grob und etwas überspitzt geraten, weil so deutlicher wird, dass es mit dem Drehen an der einen oder anderen Stellschraube nicht mehr getan ist. Eine grundlegende Reformierung des Gesamtsystems ist vonnöten, sollen kleinere und mittlere Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland – allem in ärmeren (Mittelgebirgs-)Lagen mit dominierender Milchwirtschaft – weiterhin existieren können. Wir bewegen uns in dieser Hinsicht leider auf US-amerikanische Verhältnisse zu.
Es ist wichtig zu wissen, von welcher Art Landwirtschaft geredet wird. Daher werden diesem Kapitel die Begriffsbestimmungen für die wichtigsten landwirtschaftlichen Betriebsformen vorangestellt. Allerdings sind die Abgrenzungen zwischen diesen Wirtschaftsformen häufig unscharf. Die folgenden Ausführungen stützen sich weitgehend auf die entsprechenden Passagen von Wikipedia. Die Definitionen alternativer Formen landwirtschaftlicher Tätigkeit wie beispielsweise des Ökolandbaus werden in Abschnitt 3.4 »Alternative Wirtschaftsformen« vorgestellt.
Als »bäuerliche Landwirtschaft« wird eine Landwirtschaft bezeichnet, die in Kontrast zu einer vorrangig auf Produktivität und Rendite ausgerichteten Landwirtschaft – also vor allem der »industriellen Landwirtschaft« – steht. Man sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, dass mit diesem weitgehend tautologischen Begriff eigentlich ein Idealbild aus vergangener Zeit beschrieben wird. Eine Abgrenzung zum Begriff der »konventionellen Landwirtschaft« ist schwierig.
Bei der Betriebsform »bäuerliche Landwirtschaft« wird davon ausgegangen, dass es sich hier vor allem um Familienbetriebe handelt, die schon seit Generationen ihr eigenes Land bewirtschaften. Wir dürfen daher auch annehmen, dass diese Betriebe verstärkt auf langfristige Auswirkungen ihres Wirtschaftens wie beispielsweise auf die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit oder auf die Umweltverträglichkeit der Maßnahmen achten. Aus diesem Grund ist diese Form der Bewirtschaftung deutlich positiver als die nachfolgend beschriebenen Arten einzuschätzen. Allerdings darf man nicht automatisch davon ausgehen, dass die »bäuerliche Landwirtschaft« die gesellschaftlich und vor allem in ökologischer Hinsicht wichtigen Zie...
Inhaltsverzeichnis
- Widmung
- Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort
- 1. Anliegen dieser Buchreihe und dieses Buches
- 2. Einführung
- 3. Sachlage und Beurteilung
- 4. Was sollte »man« tun?
- 5. Was kann ich als Einzelperson bewirken?
- 6. Wie wird es wohl weitergehen?
- 7. Literatur- und Quellenangaben
- Impressum