1. Altruismus
Jenseits des Altruismus gibt es die Liebe. Während Altruismus ein Ziel zu erreichen versucht, hat Liebe das ihre gefunden.
Nicht alle, die sich altruistisch verhalten, tun es in Übereinstimmung mit der eigenen Person. Man kann Altruist sein aus Angst vor Strafe oder Ausgrenzung, oder aus der Hoffnung auf Lohn. Dann bleibt man im Herzen egozentrisch, obwohl es nach außen hin anders erscheinen mag.
Die einen mögen im Einklang mit sich sein. Andere zwingen sich zu etwas, wozu ihnen die Reife fehlt. Zwang bewirkt oft das Gegenteil von dem, was man erzwingen will.
Der eine gibt, weil er Reichtum zu verschenken hat. Der andere säht, weil er ernten will.
Begriffsbestimmung
Altruismus geht auf das lateinische alter = der Andere zurück. Als Gegenpol zum Egoismus bezeichnet Altruismus eine Weltanschauung, die das Wohl der anderen zum vorrangigen Wert erklärt. Der Altruist handelt so, dass sein Handeln gezielt das Wohl anderer fördert und das eigene zurückstellt.
Die Endsilbe -mus zeigt an, dass es sich beim Altruismus um ein zusammengehöriges Gefüge weltanschaulicher Setzungen handelt. Diese Setzungen stehen nicht nur einfach zusammen und werden dann als zusammengehörig aufgefasst; so wie man eine Gruppe von Bergen als Gebirge bezeichnet. Die Endsilbe zeigt vielmehr an, dass die Zusammengehörigkeit der Setzungen durch eine aktive Bewertung und den Vorsatz, altruistisch zu handeln, gestärkt wird. Der Altruist ist nicht nur, was er ist. Er will es ausdrücklich sein. Sein Muster ist Vorsatz.
Analog dazu betont Nationalismus den Vorrang nationaler Interessen, Kommunismus den Vorrang kollektiver Interessen und Individualismus den Vorrang der persönlichen Entscheidungsfreiheit.
Beiläufig egozentrisch ist ein Bewusstsein, das sich fraglos mit den Rollen identifiziert, die die Person im sozialen Umfeld spielt.
Bewusst egozentrisch ist eine Person, die das eigene Vorteilsstreben unter Hinweis auf Erfahrungen oder Schlussfolgerungen für rechtens erklärt und es programmatisch betreibt.
Egozentrik und Egoismus
Normalerweise identifiziert sich die Person mit ihrem relativen Selbst, aus dessen Innerem heraus sie die Wirklichkeit zu erleben glaubt. Die Person definiert ihr Ich als polaren Gegensatz zum Du und zur Welt, denen sie sich als abgetrennte Einheit mit eigenem Zentrum gegenüberstehen sieht. Die Grundausrichtung des Menschen ist egozentrisch. Er meint, sein Zentrum befinde sich in seiner Person und bewege sich mit dieser mit.
Die meisten Menschen bedenken ihre Egozentrik nur im Ansatz. Sie bewerten sie daher weder als Recht noch als Unrecht. Allenfalls halten sie einen sogenannten gesunden Egoismus für empfehlenswert. Daneben gibt es die Vertreter eines ausdrücklichen Egoismus, also der weltanschaulichen These, dass der Vorrang egozentrischer Interessen der Struktur der Wirklichkeit entspricht und nach reflektierter Bewertung zu bestätigen ist. Sie befürworten sozialdarwinistische Sichtweisen.
Den Grund, Egoismus für rechtens zu halten, sehen erklärte Egoisten oft im Leid, das sie als Folge des egoistischen oder egozentrischen Handelns anderer erfahren haben. Ihre Weltsicht ist bitter: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jeder ist sich selbst der Nächste. Tatsächlich ist sich der Egoist jedoch keineswegs selbst der Nächste. Vielmehr klammert er sich so eng an sein Ego - also an die Hypothese seiner separaten Existenz -, dass er womöglich gar nicht bemerkt, wer er selbst überhaupt ist.
Als erklärter Egoist hat man mit Ablehnung zu rechnen. Das liegt in der Logik der Sache. Der Egoist setzt das eigene Wohl grundsätzlich über das Wohl anderer. Damit macht er sich kaum je beliebt. Egoismus wird in der Regel insgeheim praktiziert, ohne dass man ihn an die große Glocke hängt.
Beim Altruismus ist das anders. Er gilt als grundsätzlich lobenswerte Wahl, sodass ein Bekenntnis dazu von Vorteil ist. Wer sich altruistisch verhält, wird von anderen als wohltuend wahrgenommen... und dementsprechend als Wohltäter freundlich empfangen. Der Empfang tut dem Wohltäter seinerseits gut. Im englischen Sprachraum spricht man von einer Win-win-Konstellation. Altruismus verheißt Gewinn für beide Seiten.
Motive
Hinter jedem Vorsatz stecken Motive. Wer so und nicht anders handeln will, tut das, weil er sich von der speziellen Handlungsweise, die er wählt, Vorteile verspricht. Die Motive und Absichten, die altruistisches Handeln bewirken, können vier Kategorien zugeordnet werden, die sich in der Praxis überlappen oder einander ergänzen. Die religiöse Kategorie kann ihrerseits in eine konfessionelle und eine spirituelle Variante aufgeteilt werden.
Motive im Überblick
| Motiv | Grundzüge |
| Nicht religiös | Nicht religiös begründeter Altruismus befasst sich mit der Position des Einzelnen im sozialen Kontext. |
| Dialogisch | Dialogischer Altruismus drückt die Wertschätzung und Anerkennung eines konkreten anderen aus. |
| Sozial Solidarisch | Auf der sozialen Ebene dient Altruismus der Harmonisierung und Stabilisierung des Zusammenlebens ganzer Gruppen. |
| Egozentrisch | Egozentrischer Altruismus dient der Aufwertung der eigenen Person. |
| Religiös | Religiös begründeter Altruismus befasst sich mit der Position des Einzelnen im Kosmos. |
| Konfessionell | Konfessionell begründete Religion fordert Nächstenliebe als Pflichterfüllung. |
| Spirituell | Spirituelle Religiosität erlebt Liebe als spontanen Ausdruck erkannter Wesensgleichheit. |
In der aufgeführten Liste springt der Begriff egozentrischer Altruismus schroff ins Auge. Ist bei der Beschreibung psychologischer Sachverhalte etwas schiefgelaufen? Wird da etwas propagiert, was als Widerspruch in sich unmöglich ist; so als spräche man von nassem Feuer oder einer Raubgazelle? Die weitere Untersuchung wird Klarheit schaffen.
Als Mensch kann man nur leben, wenn man ein Du anerkennt.
Dialogisch
Mindestens eine Ich-Du-Beziehung ist für das menschliche Leben unerlässlich. Denkbar ist, dass es eine schwangere Frau auf eine Insel verschlägt, sie dort ihr Kind gebärt und das Neugeborene in seinem Leben niemals einen dritten Menschen kennenlernt. Es könnte trotzdem ein vollwertiges Menschenleben führen. Undenkbar ist, dass ähnliches gelingen könnte, wenn man das Neugeborene ohne jegliches Du auf der Insel sich selbst überlässt.
Eine Ich-Du-Beziehung legt aber nur dann den Grundstein für das neue Menschenleben, wenn der Wert des jeweils anderen und damit sein Anspruch auf Erfüllung seiner Bedürfnisse zumindest im Ansatz anerkannt wird. Das menschliche Dasein ist so auf Bezogenheit angewiesen, dass es ohne ein Mindestmaß an altruistischer Handlungsbereitschaft nicht auskommt.
Das Selbstverständnis und die Grundidee des Altruismus sind solidarisch. Man handelt zum Wohl des anderen, weil man den anderen wertschätzt oder gar liebt. Man setzt sich dafür ein, dass es dem anderen gut geht. Bei dem, was man tut, das Wohl des anderen zu bedenken, ist allerdings erst dann im vollen Sinne altruistisch, wenn man das Wohl des anderen dem eigenen nicht nur gleichsetzt, sondern es ihm bei passender Gelegenheit überordnet.
Stabile Verhältnisse
Solidarität geht auf lateinisch solidus = fest, unerschütterlich, gediegen zurück; gediegen seinerseits auf gedeihen. Was solide ist, steht auf festem Boden. Daher ist es in der Lage, Widrigem zu trotzen und gedeiht. Altruistisches Denken ist im Grundsatz solidarisch. Es dient der wechselseitigen Stabilität der Beteiligten. Es ist zugleich symbiotisch (griechisch syn [συν] = zusammen und bios [βιος] = Leben). Zusammenzuleben heißt, das Wohl anderer mitzubedenken. Wer das nicht tut, lebt neben dem anderen, aber nicht mit ihm.
Sozial / solidarisch
Die altruistische Handlungsbereitschaft kann sich auf ein einziges Du beschränken. Da das Zusammenleben kaum je auf einer Insel stattfindet, sondern in weitreichenden sozialen Zusammenhängen, ist sie in der Praxis jedoch breiter gestreut. Der soziale Altruist geht davon aus, dass sich Menschen generell solidarisch verhalten sollten... und er ist bereit, mit gutem Beispiel voranzugehen. Oder er betreibt eine Politik, die den sozialen Zusammenhang aus pragmatischen Gründen fördert. Hinter der sozial-altruistischen Ausrichtung können ebenfalls verschiedene Motive wirksam sein:
- der Wunsch, einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten
- politische Überzeugungen
- der Einsatz für Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich
- die Bereitschaft, Konflikte im persönlichen Umfeld zu lösen
- die Erkenntnis, dass Ausgleich in der Summe für alle die meisten Vorteile bringt
Auch ohne moralisches Grundgerüst ist soziale Solidarität ein Werkzeug politischer Vernunft.
Starke und Schwache
Viele fassen Solidarität als Einbahnstraße auf: Der Schwache hat Anspruch. Der Starke steht in der Pflicht. Das trifft aber nur dann zu, wenn der Schwache so schwach ist, dass er nichts beitragen kann. Meist kann er das. Die Mehrzahl der Empfänger macht aus dem Empfang keinen Lebensstil. Eine Minderheit tut es durchaus. Dann ist unklar, ob die Empfänger nicht eigentlich Starke sind, denen Wege offenstehen, die Schwäche der Geber auszunutzen. Ausbeutung gibt es von oben nach unten, und von unten nach oben.
Pragmatismus und Gerechtigkeit
Der Ansatz, die Gesellschaft als Solidargemeinschaft zu betrachten, ist sowohl gerecht als auch pragmatisch.
- Er ist pragmatisch, weil er soziologischen Erkenntnissen entspringt. Gesellschaften sind stabiler, wenn die Lebensbedingungen unterschiedlicher sozialer Schichten nur so weit auseinanderklaffen, dass die Kluft von keiner Schicht als inakzeptable Ungerechtigkeit aufgefasst wird. Da Stabilität den oberen Schichten zugutekommt, entspricht es auch deren Interesse, die Kluft zu begrenzen.
- Er ist gerecht, weil Wohlstand nicht nur auf Fleiß und persönlichem Können beruht, sondern vor allem Frucht zivilisatorischer und technologischer Erfindungen ist, die Einzelnen in der Vergangenheit gelungen sind. Nachdem der Patentschutz solcher Erfindungen abgelaufen ist, wird die erfundene Technologie im Grundsatz zum Erbe der Menschheit. In der Folge ist es rechtens, wenn jeder davon profitiert.
Gerecht ist Solidarität aber auch, weil die Gemeinschaft ein komplexes Gefüge ist, dem der Einzelne nicht nur konkurrierend gegenübersteht, sondern das ihm überhaupt erst einen Großteil jener Möglichkeiten bietet, die er sich zu seinem Vorteil nutzbar macht. Würde jeder den neuesten Mikrochip erfinden, fände kein Erfinder Kundschaft. Ohne das Heer derer, die Hilfe brauchen, stünden die Helfer ohne Aufgabe da. Der Profit der Tüchtigen bedarf des Umstands, dass andere weniger tüchtig sind. Wäre das anders, konkurrierte man sich zu Tode.
Auf der sozialen Ebene hat altruistisches Handeln zumeist positive Auswirkungen. ...