Die Abrechnung
Mühsam erhob sich Friedrich Forstmann vom Frühstückstisch, geht zum Fenster und schließt es. Das Tik-Tak der Wanduhr wird von einem Seufzer unterbrochen, bevor sie sieben Mal schlägt. Friedich Fortmann kehrt dem Fenster den Rücken und ist empört, wie jeden Morgen. Über den Autolärm, der jeden Morgen um dieselbe Zeit so unerträglich wird, dass er das Fenster schliessen muss, über den Gestank der Autos, über die Straße, die direkt unter seinem Fenster durchführt, und überhaupt, und über die alten Fenster mit den dünnen Scheiben auch. Wo er schon seit langem verlangt hat, jawohl verlangt, denn was ihm zusteht, das steht ihm zu. Aber er war damit regelmäßig bei der Genossenschaft auf taube Ohren gestoßen, wie mit allen anderen Beschwerden auch. Wutentbrannt hatte er das Büro verlassen, nicht ohne vorher den Büro-Hengsten in aller Deutlichkeit seine Meinung gesagt zu haben.
Aber seine Empörung erschöpfte sich nicht darin. Friedrich Forstmann war auch empört über die laute Radiomusik, die Punkt sieben unter ihm einsetzte, über das Brötchen, das er gerade verzehrt hatte, und das ihm aufstieß und Sodbrennen verursachte, wie er meinte. Empört war er auch – da, mitten in seiner allgemeinen Empörung, auf halbem Weg zwischen Fenster und dem Früstückstisch, schlägt er wie vom Blitz getroffen, der Länge nach hin. Ein Grund mehr, empört zu sein. Doch als Friedrich Forstmann sich bemüht, wieder auf die Beine zu kommen, da geht das nicht, da merkt er, dass er an Händen und Füßen, Beinen und Armen, an Kopf und Zunge gelähmt ist.
Ein Apoplex cerebrovascularer Natur, so würde ein Arzt konstatiert haben, wäre ein Arzt zur Stelle gewesen, der dann natürlich sofort die Einweisung in ein Krankenhaus veranlasst haben würde, weil in solchen Fällen äußerst schnell gehandelt werden muss, um die Schäden einzudämmen. Aber ein Arzt war nicht zur Stelle und dem Friedrich Forstmann ging nur eines durch den Kopf: Ein Schlaganfall! Jetzt hat mich doch wirklich der Schlag getroffen!
Nur jetzt ganz ruhig bleiben, aber das ist ja ein Blödsinn, nur so eine Redensart in seinem speziellen Fall. Will also sagen: Ruhig Blut und in aller Ruhe nachdenken. Genau überlegen, was zu tun ist. Aber auch das ist ja schon wieder so ein Quatsch, auch das ist nur so dahergeredet, nein, dahergedacht, denn ich kann so lange überlegen, wie ich will, und mir können die allerbesten Gedanken kommen, und ich werd’ das Laufen doch nicht wiederkriegen. Und es wird dadurch die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, dass ich der Länge nach in meiner Wohnung hingeschlagen bin und mit der Schnauze im Teppich liege.
Der Teppich! Jetzt haben sie’s. Wie oft habe ich schon einen Antrag auf einen neuen gestellt? Egal, man hat ihn mir nicht bewilligt. Die haben ihre Vorschriften und basta. Und jetzt liege ich mit der Nase in meinem verpissten Teppich. Aber es ist doch nicht meine Schuld, dass ich das Wasser nicht mehr halten kann, dass ich eine Inkontinenz habe, wie der Arzt sagte, dass er mir sogar Windeln verschreiben wollte, aber da habe ich mich geweigert, jawohl, nein, so weit sollte es mit mir nicht kommen, ich bin doch kein Wickelkind mehr, das habe ich ihm gesagt. Ja, und da lief mir halt weiterhin die Pisse die Beine hinunter und in den Teppich und immer merkte ich es zu spät, so sehr ich mich auch anstrengte.
Jetzt rieche ich es selbst natürlich auch. Ich war ja daran gewöhnt, hab’ es sonst gar nicht mehr gerochen. Nur Fremde, ja, die rochen das natürlich gleich. Naja, so viele Fremde waren das ja nicht, Gottseidank. So viele Leute haben mich in meinem Pissloch nicht aufgesucht. Der Arzt, der hat ab und zu kommen müssen und hat er auch seine Bemerkungen gemacht, von wegen Gestank und so, aber einen neuen Teppich hat der mir auch nicht besorgen können. Und die Schwester, meine Schwester, die Erna meine ich, ja die, aber die musste ja immer an allem rummäkeln. Die ist mal mit Teppichshampoo beigegangen, viel geholfen hat es aber nicht. Nee, wirklich nicht. Es hat nur ein bisschen weniger gestunken als sonst.
Und wie Friedrich Forstmann an seine Schwester Erna denkt, da fällt ihm auch ein, dass er bald Geburtstag hat und dass dann ihr Besuch wieder ansteht. Einmal im Jahr kommt sie ihn besuchen, an seinem Geburtstag. Und einmal im Jahr fährt er zu ihr, zu ihrem Geburtstag. Ja, so halten sie es seit vielen Jahren, seit sie als Einzige von allen übriggeblieben sind, von Eltern, Geschwistern, Onkeln und Tanten. Auch wenn sie sich eigentlich immer nur streiten, so halten sie an diesen wechselseitigen Besuchen fest, weil es doch so etwas wie ein Ereignis in ihrem ansonsten so ereignislosen Leben ist. Eine lieb gewordene Tradition sozusagen.
Jetzt muss ich genau nachdenken. Ich habe doch vorhin erst das Kalenderblatt abgerissen. Es war der ... es war der ... ja, Donnerkeil, hat mein Gedächtnis etwa auch einen Schlag bekommen? Nein ... nein, jetzt fällt es mir ein, es war der Diensttag, der 14. und am 19. hab’ ich Geburtstag, am Sonntag, jawohl am Sonntag will Erna kommen, das hat sie mir schon auf einer Postkarte mitgeteilt, mit der genauen Uhrzeit der Ankunft ihres Zuges, damit ich sie abholen könne, pünktlich, wie sie dick unterstrichen hatte, wie sie es immer tat, seitdem ich mich ein einziges Mal um ein paar Minuten verspätet hatte, was aber nicht meine Schuld gewesen war, sondern die der Straßenbahn. Wo ich in meinem Leben immer pünktlich gewesen bin! Und das weiß sie ganz genau, dass mich das ärgert, das mit dem Pünktlich! Das könnte ja vielleicht meine Rettung sein, so lange muss ich durchhalten. Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Sonnabend und Sonntag – fünf Tage, das könnte gehen.
Als Friedrich Forstmann genauer nachdenkt, diese fünf Tage mehrmals für sich wiederholt und bedenkt, wie lange ihm schon die verstrichene Zeit vorkommt, obwohl das bestimmt noch keine dreiviertel Stunde her ist, da kommen ihm doch Zweifel. Er beginnt zu überlegen, wer denn sonst noch kommen oder auf ihn aufmerksam werden könnte.
In dem Augenblick beginnt unter ihm das Radio sein allmorgenliches Geplärre. HIER BEGINNT DAS LEBEN .... ICH SEHNE MICH NACH DIR.
Konnte Friedrich Forstmann sonst schon immer alles gut verstehen durch die dünnen Wände in seinem Sozialbau, so jetzt noch viel besser, wo sein Ohr auf den Boden gepresst lag, noch dazu dasjenige, mit dem er noch sehr gut hören konnte. Das gab ihm neuerlichen Anlass, empört zu sein., zumal er sich vorkam als würde er spionieren und als wäre er auf frischer Tat ertappt worden. Das Schicksal erschien ihm ungerecht, allgemein und insbesondere ihm gegenüber.
Nein, von den Fischers, da ist überhaupt nichts zu erwarten. Sie merken in ihrem Suff doch gar nicht einmal, dass ich nicht mehr mit dem Stock auf den Boden aufstoße. Außerdem grüßen wir uns schon ewig nicht mehr, genau genommen, seit sie eingezogen sind und gleich mit dem Lärm begonnen hatten.
FIAT SCHLÄGT DIE ZINSEN NIEDER ... AX, DAS ERSTE SHAMPOO FÜR WAHRE MÄNNER, IN DREI AUFREGENDEN DUFTVARIANTEN ...
Erwürgen sollte man die, alle miteinander. Ihr faules Pack, arbeitsscheues Gesindel, Verbrecher, aber es nutzt ja nichts, ich darf mich nicht aufregen – ich darf mich nicht aufregen. Nur ganz ruhig bleiben, einfach nicht hinhören. Ich hätte damals – sie haben mich eingeladen auf ein Bier, ja so war’s, aber ich war ausgewichen, auch beim nächsten Mal. Eigentlich nicht so sehr wegen ihm, nein, wegen ihr, ihrer fülligen Figur, wie sie da im ärmellosen Kleid gestanden hatte – da wusste ich doch schon Bescheid, auf so was wollte ich mich nicht einlassen. Aber vielleicht, vielleicht hatte sie es ja gar nicht so gemeint, ich konnte mit meinen 70 Jahren ihr Großvater sein, vielleicht hätte ich auf ein Bier eingehen können, dann hätte ich jetzt jemanden gehabt.
Nein, nein, nein. Dann hätte ich die beiden auch einladen müssen. Und dann wäre sie bestimmt gekommen, wenn ihr Mann nicht dagewesen wäre, ich kenn’ doch die Weiber, wollen doch immer nur dasselbe. Nein, nein, nein, es ist schon gut, dass ich mich auf nichts eingelassen habe. Meine Ruh’ will ich haben – obwohl, die habe ich dadurch gerade nicht bekommen. Aber das hat jetzt alles nichts zu bedeuten, das ist alles Jacke wie Hose, auf die brauch’ ich jedenfalls nicht zu zählen. Die würden höchsten noch nachhelfen, wenn sie könnten. Nein, die kannst du vergessen.
Flüchtig dachte Friedrich Forstmann an den Briefkasten. Vewarf den Gedanken aber sofort wieder. Nicht einmal in einem Jahr würde der voll werden, dacht er. Höchstens durch die Reklamesendungen. Aber ansonsten bekam er ja keine Post. Außer einer Karte im Jahr von seiner Schwester und ab und zu mal etwas von der Rentenanstalt. Nein, der Gedanke war ihm auch nur deshalb in den Kopf gekommen, weil er mal gelesen hatte, dass Nachbarn durch überquellende Briefkästen aufmerksam wurden. Aber das war meistens erst Monate nach dem Tod eines alten Rentners oder auch einer Frau, wenn die Leiche schon halb oder ganz verwest war. Wenn der Gestank in das Treppenhaus drang. Es ekelte ihn. Aber ihm würde das nicht passieren, dessen war er sich sicher, weil am Sonntag seine Schwester kommen würde. Und bis dahin würde er nicht verwesen. Mit Verwunderung registrierte er, dass er sich schon als Leiche sah. Dass er dachte, er würde es vielleicht doch nicht bis zum Sonntag schaffen.
Aber dann nahm er den Gedanken doch nicht so ernst, sondern meinte, noch viel Zeit zu haben. Seine Lage erschien noch keineswegs als hoffnungslos.
Das änderte sich, als kurz nach 12.30 Uhr die Sonne die Stelle erreicht hatte, wo er auf dem Teppich lag. Er war eingenickt und schweißgebadet aufgewacht. Den Hund aus dem Alptraum sah er noch vor sich. Vielmehr hinter sich, wie er sich mit geiferndem Maul auf ihn stürzen wollte, wie er rannte unter brennender Sonne über Äcker und Feldwege, selber mit Schaum vor dem Mund, sich nach Steinen und Erdklumpen bückte, um sie gegen den Hund zu schleudern, der stets in derselben Entfernung blieb und geschickt den Würfen auswich. Wie nirgends ein Haus zu sehen war, nicht ein Wald, nicht ein Baum, nur verdorrte Felder. Und er in panischer Angst immer weiter rannte, den Hund immer in gleichem Abstand hinter sich.
Das gleichmäßige Tik-Tak der Uhr beruhigte ihn etwas. Er konnte sie aber nicht sehen und daher nicht feststellen, wie spät es geworden war. Sie schien das Stundenschlagen vergessen zu haben. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er die Zeit erfuhr. 15 Uhr. Die Sonne schien ihm jetzt voll ins Gesicht. Durst fing an, ihn zu quälen. Der Schweiß war unangenehm, aber der Durst, der Durst war viel schlimmer.
In der Nebenwohnung wurde der Fernseher eingestllt. Musik, die für ihn keine Musik war, sondern einfach nur Krach. DAS KÜHLE BLONDE AUS DEM NORDEN – DAS SCHMECKT.
Oh, wo bleibt die Gerechtigkeit auf Erden! Der Teufel soll sie alle holen, mit ihrem Fernseher, ihrem Bier, ihrer Rücksichtslosigkeit. Naja, zugeben muss ich, dass sie nicht wissen können, dass ich mit der Schnauze im Teppich liege und am Verdursten bin. Ja, am Verdursten, auch wenn die Sonne weitergewandert ist, endlich. Der Durst ist unerträglich, unerträglich, UNERTRÄGLICH!
Jetzt musste er auch noch pissen, erpürte schon die Wärme an seinem Bein, aber er wollte, er musste die Flüssigkeit bei sich behalten, er durfte kein Wasser verlieren. Ein blanker Hohn war die Wasserspülung, die über ihm betätigt wurde. Die fette Schraber, deren Musikinstrument war die Kloschüssel. Das pfiff, zischte, knallte, röhrte und donnerte, dass der alte Luther seine Freude gehabt hätte. Aber Friedrich Forstmann wollte sich nicht ablenken lassen. Er wollte sein Wasser bei sich behalten. Er konzentrierte sich, aber es half alles nichts. Er hätte sein Wasser gesoffen, wie er von den Soldaten in der Wüste gelesen hatte. Aber es ging nicht, es ging nicht, es .....
Das ist der Tod. Ich bin tot. Dies also ist der Tod. Da gib es keine Uhren mehr. Deshalb höre ich kein Tik-tak mehr. Die gute alte Uhr, die ich jeden Tag aufgezogen habe. Schlag acht. Immer Schlag acht habe ich sie aufgezogen. Nicht einmal in meinem ganzen Leben ist sie stehengeblieben. Nein, sie hat niemals stillgestanden. Sie lief, so lange ich lebte. Und jetzt läuft sie nich mehr und du, du bist tot.
Unsinn, du denkst doch noch. Oder denkt man auch, wenn man tot ist? Und Durst habe ich auch. Quatsch, du bist gar nicht tot, es ist nur dunkel. Aber es kann doch nicht so stockfinster sein.Warum höre ich denn nicht den leisesten Laut? Ist mein Gehör auch futsch? Und meine Augen auch?
Plötzlich hörte er on Ferne Motorengeräusch und dann sah er aus dem Augenwinkel etwas Licht über die Decke huschen. Von der Straßenbeleuchtung sah man durch die riesigen Bäume nichts. Friedrich Forstmann war erleichtert. Es überkam ihn fast so etwas wie Freude. Aber dieses Gefühl konnte in seiner Situation nicht von langer Dauer sein.
Es geht also zu Ende. Warum bist du nicht gleich hinübergegangen? Warum muss ich mich jetzt noch so quälen? Und das Furchtbarste ist, dass man nicht einmal fluchen kann. Nicht schimpfen, brüllen, schreien kann, nicht einmal heulen kann. Wann habe ich zuletzt geweint? Ja, ich weiß. Aber seither? Habe ich seither nicht mehr geweint? Ist das wahr?
Ja, es ist wahr. In jener Nacht, als aus den Trümmern des Hauses, das von einer Bombe getroffen worden war, meine Frau und die beiden Kinder geborgen wurden, da habe ich geheult. Und wie ich da geheult habe. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Damals muss ich alle meine Tränen vergossen haben. Danach habe ich nie wieder geheult.
Die Uhr, oh wenn die Uhr doch ginge. Es ist, als ob die Zeit still stünde. Heute früh ist sie stehengeblieben. Aber dann müssen ja 24 Stunden vergangen sein. Dann bin ich ohnmächtig geworden, nein, geschlafen habe ich. Nein, das war doch kein Schlaf. Das war kein normaler Schlaf. Das Ticken der Uhr hatte ich gar nicht mehr gehört. Aber jetzt, jetzt fehlt es mir. Es gab die Zeit. Mal verkürzt, mal gedehnt, aber es gab sie, sie stand niemals still. Das Ticken gab einem die Gewissheit, dass die Zeit nicht stillstand, dass sie fortschritt.
Fort, wohin? Darüber habe ich nie nachgedacht. Naja, so allgemein. Bis du in der Kiste liegst. So halt. Aber richtig nachgedacht habe ich darüber nicht. Wollte vielleicht nicht. Ich glaube, dass ich damals gestorben bin. Danach habe ich doch nicht mehr gelebt. Nun, was man halt so Leben nennt. Aber richtig gelebt? Habe ich denn vorher gelebt? Danach jedenfalls habe ich nur noch eine Wut gehabt, eine Sauwut. Verbittert, ja das war ich. War es denn kein Unrecht, was mir widerfahren ist? Meinen Kindern, meiner Frau? Warum denn mir, ausgerechnet mir? Wo ich immer dagegen gewesen bin?
Im Sommer -43 war Friedrich Forstmann gerade 38 Jahre alt gewesen. Er arbeitete bei der Feuerwehr. Die Luftangriffe dauerten an. Tagelang war er mit seinen Kameraden ständig im Einsatz. Zum Schlaf kamen sie nur stundenlang, manchmal nur minutenweise. Nach einem erneuten Bombenteppich hatten sie in Hamm, im Osten Hamburgs, alle Hände voll zu tun.
Da verließ Friedrich Forstmann ohne Erlaubnis seinen Einsatzort. Später stellte sich heraus, dass er sich zu seiner Wohnung ein paar Straßen weiter begeben hatte, wo er vor den rauchenden Trümmern stand. Der Verlust seiner Familie hatte Friedrich Forstmann derart verwirrt, dass er einige Wochen arbeitsunfähig war. Als gebrochener Mann kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück. Von einem Strafverfahren sah man aus Rücksicht auf seine Verfassung ab – vielleicht auch nur deshalb, weil man auf niemanden verzichten konnte.
Später dann, nach dem Ende des Krieges hätte ihm die Tatsache, dass er im 3. Reich nur einfacher Feuerwehrmann gewesen war – auch Parteimitglied war er nie gewesen – von Nutzen sein können. Mehrfach wurde ihm der Weg zum Aufstieg geebnet, aber er lehnte regelmäßig ab. Schließlich unterließ man es, ihn überhaupt zu fragen. Als er sein Pensionsalter erreicht hatte, quittierte er den Dienst. Er verschwand ebenso unauffällig, wie er immer seine Pflicht getan hatte. Und niemand hat ihn jemals vermisst.
MÜLLEIMER SCHEPPERN. AUTOS HUPEN. MAN HÖRT KINDERRUFE
Wie ein Tier habe ich mich in meine Wut hineingefressen, die Wut über dieses Unrecht. Ich wollte es nicht wahr haben. Das war es. Ich, der ich gegen den Krieg gewesen bin, genau wie mein Vater und der Großvater. Alle waren wir Sozis. Und wir waren alle gegen Hitler. Von Anfang an bis zum Ende. Nicht wie die anderen alle. Gestern die Internationale gesungen und am nächsten Tag das Horst-Wessel-Lied. Diese Lumpen die. Aber wir nicht. Von uns ist keiner in die Partei rein, von uns ist keiner zu Kreuze gekrochen. Wir haben das braune Gesindel nicht unterstützt. Nein, Widerstand haben wir nicht gemacht. Ich auch nicht. Ich dachte mir mein Teil. Wir meinten ja, dass die braune Pest bald vorbei sein wird. So dachten wir bei uns. Aber dann kam der Krieg und wir dachten immer noch, dass das bald vorbei sein wird. War aber nicht. Im Gegenteil, das ging immer länger und länger und die Bomber kamen jeden Tag und auch in der Nacht und es wurden immer mehr und alle Städte brannte...