Einführung in die Praxis der Feldtheorie
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Einführung in die Praxis der Feldtheorie

  1. 126 Seiten
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Einführung in die Praxis der Feldtheorie

Über dieses Buch

Die Feldtheorie gilt als Vorläufer der heutigen Systemtheorie, sie wirft allerdings einen etwas anderen Blick auf Systeme. Mit der Wiederentdeckung ihres Begründers Kurt Lewin gewinnt sie neue Aktualität.Nur wo sich die Wahrnehmung ändert, kann sich auch Verhalten ändern. Getreu dieser feldtheoretischen Maxime lenken Monika Stützle-Hebel und Klaus Antons den Blick auf entsprechende Zusammenhänge und Prozesse in sozialen Systemen. Mithilfe der Feldtheorie erläutern sie Prinzipien der Dynamik sowie das Zusammen- und Gegeneinander-Wirken von Feldkräften in Individuen, Gruppen, Teams und Organisationen. Die Schlichtheit von Lewins Veränderungsmodell bildet dabei die Leitlinie für Entwicklungsansätze und fordert zugleich die eigene Kreativität heraus.Die Autoren lösen mit dieser Einführung den viel zitierten Ausspruch Kurt Lewins ein, wonach es nichts Praktischeres gebe als eine gute Theorie: Als Leser verfolgt man in 12 Kapiteln einen Tag im Leben des Protagonisten Kurt, setzt die feldtheoretische Brille auf und entdeckt für Alltagsprobleme verblüffende Perspektiven.

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Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9783849702014
eBook-ISBN:
9783849781026

1 Kurt im Straßencafé

Aufforderungscharakter – Bedürfnis – Grenze – Lebensraum – Lokomotion – Region – Struktur – Valenz – Ziel4
»Ich habe überhaupt keine Erkenntnistheorie, sondern ich staune, ich lass mich von der Welt faszinieren – und versuche, sie zu verstehen … Mich beschäftigt nicht irgendeine Epistemologie, sondern meine gesamte Erkenntnistheorie ist eigentlich, wenn man so will, eine Neugierologie.«
Heinz von Foerster (in von Foerster u. Pörksen 2004, S. 95; Hervorh. im Orig.)
Ein Mann mittleren Alters, wir nennen ihn Kurt, hat Mittagspause. Es ist ein sonniger Frühsommertag, warm genug dafür, sich in seinem Stammcafé auf die Straße zu setzen. Kurt bestellt ein Kännchen Darjeeling; als der Tee gezogen hat, schenkt er sich eine Tasse ein, nippt gelegentlich daran, genießt im Wechsel den Duft des Tees und den Duft des Fliederbaumes gleich nebenan und beobachtet die Vorübergehenden. Vor dem Café, an der Ecke eines belebten Platzes, bewegen sich viele Passanten in beide Richtungen – einzeln, in Paaren und Gruppen, ernst oder heiter, munter plaudernd oder auf das Smartphone konzentriert. Kurt atmet tief durch, entspannt sich und freut sich, dass er dem Druck der Arbeitsstelle für zwei Stunden entkommen ist. Das genüssliche Teetrinken mitsamt der warmen Sonne und der Beobachtung der Vorübergehenden erfüllt ihn ganz. Arbeit, Chef, Kollegen und Kolleginnen, Frau und zwei Kinder rücken in diesem Moment in den Hintergrund. Das Gerumpel und Gequietsche auf der Baustelle nebenan hört er nicht.
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Wenn wir nun die feldtheoretische Brille aufsetzen, dann stellt sich die Frage: Wie sieht Kurts Lebensraum hier und jetzt aus?
Wenn Kurt am Anfang seiner Mittagspause steht und das Bedürfnis nach Entspannung verspürt und weiß, dass er sie bei einem Kännchen Tee außerhalb der Arbeitsstelle finden kann, dann ist das Café mit dem Tee eine Region in seinem aktuellen Lebensraum, die einen positiven Aufforderungscharakter hat und auf die er sich (erst gedanklich und dann auch physisch) hinbewegt hat.
Der Lebensraum, als Kurt sich ins Café gesetzt und einen Tee bekommen hatte, sieht aus wie in Abbildung 2 dargestellt. Die Aufgaben, die auf seinem Schreibtisch liegen, die Kollegen/Kolleginnen und der Chef, mit denen er zu tun hat, ebenso die Familie sind sicher auch im Lebensraum repräsentiert – im Augenblick jedoch eher im Hintergrund. Der Baustellenlärm hingegen spielt in seiner aktuellen Bedürfnislage gar keine Rolle, und er nimmt ihn überhaupt nicht wahr, weshalb er in seinem aktuellen Lebensraum überhaupt nicht als Region repräsentiert ist. Denn nur diejenigen Elemente der realen Welt, die für die Person und ihre Bedürfnislage im Augenblick von Bedeutung sind, werden im Lebensraum repräsentiert.
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Abb.2 : Teetrinken im Café im Vordergrund, Arbeit und Familie im Hintergrund5
Wie Kurt nun so dasitzt und die vorbeigehenden Passanten sieht, wird ein zweites Bedürfnis geweckt: seine ihm eigene Neugier mitzubekommen, was sich hier abspielt und welche Geschichten ihm Gesichter, Bewegungen und Gesten erzählen. In Kurts Lebensraum wird die Bedeutung der Region »Sitzen im Café und Teetrinken« nun dadurch gesteigert, dass sie ein zweites Bedürfnis – die Neugier (nach Cecchin eine systemische Tugend!, siehe die Einleitung und das Motto dieses Kapitels) – befriedigt.
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Abb.3 : Ein zweites Ziel (Neugier) taucht auf und verstärkt die Valenz der Region Café
Obwohl Kurt sich – abgesehen vom Heben und Senken der Teetasse – äußerlich kaum bewegt, findet Bewegung (Lokomotion) im Lebensraum hin zu den verschiedenen Regionen statt. Aus der Abfolge der Abbildungen wird deutlich, wie wenig stabil der Lebensraum ist und wie schnell er sich durch die Änderung der Bedürfnislage und auch äußerer Bedingungen wandelt.

Was ist der Lebensraum?

Kurt Lewin hat – neben anderen Benennungen – seinem Denksystem den Namen »Feldtheorie« gegeben. Zu seiner Zeit war der aus den Naturwissenschaften stammende Begriff des Feldes so »in«, wie es heute der Systembegriff ist. Lewins Feldtheorie ist nicht die einzige psychologische Theorie, die diesen Namen trägt: Unter anderem benutzen auch Wolfgang Köhler und Edward C. Tolman diesen Terminus (vgl. Graumann 1982a, S. 30 ff.; und Mey 1965). Zentrales Konzept in Lewins Feldtheorie ist der Lebensraum.
Er geht in seinem Konzept des Lebensraums davon aus, dass jeder Mensch die Welt mit ganz eigenen Augen sieht. Lebensraum ist nicht die äußere soziale Wirklichkeit, sondern die subjektiv wahrgenommene und ihre innere Repräsentanz, die die Bedürfnisse, Interessen und Wünsche der Person und ihre damit verknüpften Ziele strukturiert. Ein Stuhl kann etwas zum Ausruhen sein, wenn ich müde bin, oder eine Steighilfe, wenn der Ball oben auf dem Schrank gelandet ist; ein kritischer Redebeitrag kann eine willkommene Anregung zum Disput sein oder ein zu bekämpfendes Hindernis, wenn ich meine Idee durchsetzen möchte. Je nachdem, welches die derzeitige Struktur meines Lebensraumes ist, konstellieren sich die Kräfte in diesem Feld unterschiedlich.
Lewin hat sich mit seinem gestaltpsychologischen Denken gegen den Assoziationismus in Deutschland und den damals in den USA dominanten Behaviorismus gewandt. Er ging davon aus, dass Verhalten nicht nach dem Reiz-Reaktions-Schema erfolgt, sondern dass ihm ein höchst komplexer innerpsychischer Steuerungsprozess zugrunde liegt, bei dem Inhalt und Struktur des derzeitig aktuellen Lebensraumes die zentrale Rolle spielen. Letztlich entscheidet das aktuelle Zusammenwirken der zahlreichen antreibenden und hemmenden Kräfte in diesem Lebensraum darüber, wie sich jemand in einer konkreten Situation verhält. Unsere aktuelle Bedürfnislage und wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen bestimmen also ganz wesentlich, wie wir uns in ihr verhalten. Mit einem solchen Ansatz ist Lewin ein Vorläufer der konstruktivistischen und der systemischen Denkweise.
»Die Grundkonzeption, von der alle Darstellungen eines psychologischen Lebensraums ausgehen, ist die Person in einer Umgebung« (Lewin 1969, S. 61).
In der topologischen Psychologie6 wird der Lebensraum als Jordan-Kurve (siehe Abb. 2 und 3) dargestellt. Der Lebensraum (L) ist das Gesamt der inneren, psychischen Realität einer Person zu einem gegebenen Zeitpunkt, das ihr Verhalten bestimmt. Er ist die Repräsentation der dynamischen Beziehung der Person zu den für sie im Augenblick gegebenen psychologischen Tatsachen. Der Lebensraum wird auch von nichtpsychologischen Tatsachen, wie äußeren Umwelteinflüssen oder Ereignissen (es fängt an zu regnen), sozialen Milieus oder Gegebenheiten des physikalischen Raumes (Baustelle) etc., beeinflusst; sie sind im Lebensraum psychologisch repräsentiert und stellen gegebenenfalls eine Grenze oder Begrenzung dar.
Der Lebensraum beinhaltet stets die Person (P) und ihre psychologische Umwelt (U), wie die Person sie wahrnimmt. Dies wird von Lewin dargestellt mit der für die Feldtheorie zentralen Formel: V = f (P, U) = f (L): Verhalten ist eine Funktion von Person und Umwelt – oder: eine Funktion des Lebensraumes.
Wie erfolgreich unser Verhalten in der äußeren Wirklichkeit ist, hängt davon ab, wie angemessen unser Lebensraum diese Wirklichkeit abbilden kann und sich in sie einfügt. Deshalb sind Verhaltensrezepte nach dem Wenn-dann-Schema wenig hilfreich.

Der Zusammenhang von Bedürfnis, Valenz, Struktur und Lokomotion

Ganz allgemein kann man ein Bedürfnis nach Lewin verstehen als den Unterschied zwischen dem aktuellen und einem erwünschten Zustand der Person, welcher eine Bedürfnisspannung erzeugt, die der Motor für eine Lokomotion ist.
Verhalten konkretisiert sich im Raum, indem Menschen Ziele zu erreichen suchen, die ihre Bedürfnisse stillen und Spannungen abbauen. Die Anziehungskraft solcher Ziele nennt Lewin »Aufforderungscharakter« oder »Valenz«. Der Kühlschrank ist von hoher Valenz für den, der Hunger hat, und hat keine für den Satten. Die Mutter hat eine hohe Valenz für ein Kind, das Zuwendung braucht, und eine geringere, wenn es Unabhängigkeit sucht.
Eine wichtige feldtheoretische Denkfigur ist die Zugkraft des Ziels: Nicht »Ich habe ein Ziel«, sondern »Das Ziel hat mich!«. Die Idee, dass eine Energie, eine Zugkraft auch vom Objekt auf das Subjekt wirkt, lässt bei Fragen der Motivation eher vom Ziel her denken. Sich selbst als Objekt der Wirkung anderer zu erleben ist ein Ziel des gruppendynamischen Trainingsansatzes (siehe Kap. 10).
In jedem Lebensraum existieren unterschiedlich wichtige Regionen. Seine jeweilige Binnenstruktur wird bestimmt durch die aktuellen Bedürfnisse: Sie entscheiden darüber, was die Person als momentan relevant wahrnimmt und welchen Aufforderungscharakter bzw. welche Valenz7 eine Lebensraumregion hat. Für die Befriedigung von Bedürfnissen geeignete Regionen des Lebensraumes haben einen positiven Aufforderungscharakter, wirken auf die Person anziehend und lösen eine Lokomotion, d. h. motorische, seelische oder mentale Bewegung in ihre Richtung aus (siehe dazu Kap. 3 und 8).
Für Lewin ist Struktur nicht etwas Überdauerndes. Anzahl, Qualität und das Zueinander der verschiedenen Regionen des Lebensraumes machen die Struktur aus. Und die kann sich mit jedem Augenblick wandeln.
4 Hier wie in jedem Kapitel erscheinen unter dem Titel die feldtheoretischen Begriffe sowie neuere, verwandte, um die es in diesem Kapitel geht.
5 Legende zu den Abbildungen: Die Pfeile stellen die Richtung der möglichen Lokomotion dar. + bzw. – bezeichnen Valenzen, drei parallele Striche bezeichnen Barrieren.
6 Die Topol...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Einleitung
  6. 1 Kurt im Straßencafé
  7. 2 Enttäuschung
  8. 3 Die Quasselstrippe fällt ein
  9. 4 Kurt mischt mit
  10. 5 Das stille Wasser
  11. 6 Oh Schreck, meine Familie!
  12. 7 Der aufmerksame Gatte
  13. 8 Zwischen Kür und Pflicht
  14. 9 In der Zwangsjacke
  15. 10 So geht’s nicht weiter!
  16. 11 Raus aus dem Getümmel
  17. 12 Feierabend mit dem Sohn
  18. 13 Ein Jahr später
  19. Anhang
  20. Statt eines Tests: Ein Kreuzworträtsel
  21. Literatur
  22. Über die Autoren
  23. Weitere E-Books von Carl Auer