Abschied vom Größenwahn
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Abschied vom Größenwahn

Wie wir zu einem menschlichen Maß finden

  1. 288 Seiten
  2. German
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Abschied vom Größenwahn

Wie wir zu einem menschlichen Maß finden

Über dieses Buch

»Wir alle sind aufgerufen, liebevolle Sterbebegleitung für das alte System zu leisten.« Größenwahn und Gigantismus sind zum Motto unseres Daseins geworden. Unreflektiert produzieren und konsumieren wir immer mehr, bauen immer höher, fliegen immer weiter – und merken gar nicht, wie unmenschlich diese Art zu leben eigentlich ist. Ute Scheub und Christian Küttner zeigen, warum diese Lebensweise uns nicht glücklich machen kann, und modellieren stattdessen ein menschliches Lebensmaß – orientiert an Wohlergehen statt Gewinn, Verbundenheit statt Anonymität, Lebendigkeit statt Betonwüsten. Dabei entsteht das Bild einer anderen Gesellschaft, die kleinteilig, regional, dezentral und basisdemokratisch die Menschen wieder in den Mittelpunkt stellt.

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Kapitel 1
Ernährung: bio – selbstversorgend – regional
In unserer Zeit kommt die Hauptgefahr für den Boden (und damit nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für unsere Kultur insgesamt) von der Entschlossenheit des Städters, die Grundsätze der Industrie auf die Landwirtschaft anzuwenden.
E.F. SCHUMACHER
Menschen sind Natur inmitten von Natur. Oder wie es Albert Schweitzer ausdrückte: Wir sind Leben inmitten von Leben, das leben will. Körper, Seele und Geist bilden eine Einheit, die täglich durch biologischen und sozialen Stoffwechsel genährt und erneuert wird. Wir trinken Kaffee oder Tee – und das belebende Gefühl lässt uns aktiv werden. Wir essen Nudeln oder ein Salzgürkchen – und aus dem Gürkchen wird eine Idee. Wir atmen ein – unsere Muskeln werden mit Sauerstoff versorgt, und daraus wird womöglich ein fußballerischer Meisterschuss oder ein weltverändernder Akt. Atom für Atom, Molekül für Molekül, Zelle für Zelle erneuern wir uns beständig selbst. Bei Erwachsenen sterben in jeder Sekunde rund 50 Millionen Zellen ab – das entspricht aneinandergelegt einer Zellkette von einem Kilometer Länge.45 Gleichzeitig werden in jeder Sekunde fast genauso viele Zellen neu gebildet. Pro Sekunde beinahe ein neuer menschlicher Kilometer in jedem von uns!
Jedes Ich ist eine Wohngemeinschaft von Billionen Körperzellen und noch mehr Mikroorganismen im Darm und auf der Haut. »Ein Erwachsener besteht aus 1014 oder 100 Billionen oder 100.000.000.000.000 einzelnen Zellen. Legte man die durchschnittlich nur 1/40 Millimeter großen Zellen aneinander, reichten sie zweieinhalb Millionen Kilometer weit – oder etwa 60-mal um die Erde.«45
Sozialdarwinisten glauben, wir seien Produkte des Überlebenskampfes von konkurrierenden »Fittesten« und »Stärksten«. Doch biologisch und sozial gesehen, sind wir ein Meisterwerk der Kooperation. Meistens ohne dass dabei irgendetwas schiefgeht. In der Natur ist Kooperation das wesentliche Prinzip, um ein Zigfaches stärker als Konkurrenz. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio formuliert es so: Unser Körper sei »Teil eines ungeheuer komplexen Organismus aus kooperierenden Systemen, die aus kooperierenden Zellen bestehen, die aus kooperierenden Molekülen bestehen, die aus kooperierenden Atomen bestehen, die schließlich aus kooperierenden Teilchen aufgebaut sind.«46
Wir sind ein Mix aus allem und jedem. Buchstäblich auch aus Sternenstaub. »Jeder von uns enthält Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Eisenatome, die in Tausenden von Sternen aus der gesamten Milchstraße entstanden. Der Kosmos ist in einem sehr intimen Sinn ein Teil von uns«, schreibt der britische Astronom Martin Rees.47 Wir sind eine bunte Mischungen aus Sternen, Viren, Bakterien, Pilzen, Pflanzen, Tieren und anderen Menschen. Jeder könnte jede Lebensform sein und war es vielleicht schon.
Jedes Jahr werden 98 Prozent der Atome in unserem Körper ersetzt. Die allermeisten Elemente unseres Körpers sind längst in die Atmosphäre veratmet, mit der Toilette in Klärwerke, Flüsse und Meere gespült oder anderswie über die Erde verteilt worden. Ungefähr 1,5 Tonnen Materie setzen wir jährlich im Körper um, Essen, Trinken und Sauerstoff wird in Energie umgewandelt. Laut dem Umwelt- und Prognose-Institut Heidelberg hat jedes Kohlenstoffatom in Ihrem Körper, statistisch gesehen, bereits rund 600-mal in einem anderen Leben mitgewirkt – in einem Bakterium, einem Virus, einem Blatt, einem Regenwurm, einem Pilzfaden, einem Dinosaurier, einem Rotkehlchen, einem anderen, vielleicht Ihnen sogar verhassten Menschen. Phosphor, in der Biosphäre seltener als Kohlenstoff, war vor dem Einbau in Ihren Körper bereits rund 8000-mal in anderen Lebewesen vorhanden, und das noch seltenere Selen wurde schon durch rund 40.000 Lebewesen vor Ihnen recycelt.48 Wir gehen andauernd durch andere hindurch, wir gehen ineinander über. Wir sind Ströme: Energieströme, Wasserströme, Lebensströme. Wir bestehen aus Millionen Jahren alten Molekülen, die uns gleich wieder verlassen. Jeder Mensch, jedes Lebewesen, jede Zelle: ein Wunderwerk.
Dank Essen, Trinken und Atmen verinnerlichen wir die Energie von außen und veräußerlichen sie in unseren Handlungen – ein endloser Reigen. Das Äußerliche – Umwelt, Nahrung, Energie – wird zu unserem Innen und Innerlichsten. Und umgekehrt. Wir essen Landschaften, und irgendwann essen die Landschaften wieder uns. In uns ist die Außenwelt der Innenwelt der Außenwelt. Um uns herum ist die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt.
Alles ist miteinander verbunden, alles schwingt miteinander, glaubte der Chemiker und Naturphilosoph Friedrich Cramer. Atomkerne, Photonen, Quarks, Moleküle, Schallwellen, Lichtwellen, Atemzüge, Herzschläge, Hirnströme, Meereswellen, Winde, Erdumdrehungen: »Schwingungen treten miteinander in Wechselwirkung, überlagern sich, regen sich gegenseitig an oder löschen sich aus, verstärken sich oder schwächen sich ab.«49 Alle höheren Strukturen seien zusammengesetzt »aus Zeitkreisen, aus Schwingungen, aus Unterstrukturen mit Eigenzeiten, zusammengehalten durch Resonanz.«50 In dieser Sichtweise sind Krankheiten ein Ausdruck fehlgeschlagener Harmonisierung oder Synchronisierung unterschiedlicher Schwingungen, und das Ende aller Schwingung und aller Resonanz ist der Tod.
Cramer kam zu dem Schluss: »Das Ohr tritt in Resonanz mit den Schallwellen, das Auge mit den Lichtwellen, die olfaktorischen Areale mit den Duftmolekülen. Resonanz ist die Grundlage der Planetenbewegung. Resonanz verbindet als chemische Bindung die Moleküle der Materie, sie schließt uns in Tages- und Jahreszeiten zusammen, Resonanz koordiniert die Zellen und den Stoffwechsel unseres Organismus, ja sie macht erst eigentlich ein individuelles ganzes Lebewesen aus, Resonanz ermöglicht das Erfassen sinnlicher Eindrücke, die im Zentralnervensystem mit Hilfe von Resonanzmechanismen verarbeitet werden, Resonanz ist die Grundlage des Zusammenlebens der Menschen, in alltäglichen Funktionen wie Ernährung und Verkehr, oder in höheren Bedürfnissen wie Spiel, Nachdenken über Gott und Welt, Liebe: Resonanz ist es, die die Welt im Innersten zusammenhält.«51
Alles auf der Welt existiert durch Resonanz und Bindungskraft, nichts kann allein bestehen. »Beziehung ist die fundamentale Wahrheit dieser Welt der Erscheinung«, schrieb der indische Poet und Philosoph Rabindranath Tagore. Dieser Gedanke hat etwas sehr Befreiendes: Es gibt kein isoliertes Ich. Wir sind alle in den ewigen Kreislauf des Lebens eingewoben.

Geniale Fähigkeiten von Tieren und Pflanzen

In der Tradition von Descartes glauben viele Naturwissenschaftler bis heute, dass wir Menschen den »seelenlosen« Tieren und Pflanzen haushoch überlegen seien. Doch Erkenntnisse aus der zeitgenössischen Forschung zeigen, dass die Fähigkeiten vieler Tiere denen von uns Menschen in nichts nachstehen und auch die von Pflanzen höchst erstaunlich sind. Australische Rotscheitel-Säbler können Rufe zu Sätzen mit eigener Grammatik kombinieren, berichtet der Biologe und Verhaltensforscher Karsten Brensing. Tintenfische reden mittels Veränderung ihrer Körperfarbe und -muster miteinander. Geschulte Menschenaffen beherrschen Gebärdensprachen und überraschen dabei mit witzigen Wortschöpfungen wie »Schrei-Schmerz-Essen« für scharfe Radieschen. Tauben können neue englische Worte erkennen. Hunde entschuldigen sich nach harten Auseinandersetzungen untereinander. Papageien, Krähen, Delfine und sogar Ameisen erkennen sich im Spiegel. Spinnen haben Persönlichkeiten. Ratten lachen gerne.52 Brensings Schlussfolgerung: Je nach Fähigkeiten gebe es »keinen Unterschied zwischen den Menschen und den Tieren«. Und: Auf der individuellen Ebene »fällt es immer schwerer, eine klare Grenze zwischen Menschen und Tieren zu ziehen«.53
Auch Pflanzen sind viel intelligenter und empfindungsfähiger als bisher gedacht. Sie könnten auf ihre Weise sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen, schreibt der italienische Pflanzenphysiologe Stefano Mancuso. Neben diesen fünf Sinnen besäßen sie zudem mindestens weitere fünfzehn: Sie könnten auch »Schwerkraft, elektromagnetische Felder und Feuchtigkeit wahrnehmen und berechnen«. Sie kommunizierten über chemische Moleküle und warnten einander vor Freßfeinden. Sie könnten Verwandte erkennen, sich gegenseitig helfen, Tiere verjagen oder verführen, über ihre Wurzeln Umgebungsreize wahrnehmen und sich entscheiden, wohin sie wüchsen.54 Ähnliches berichtet der Förster Peter Wohlleben von Bäumen: Über ihr Wurzelgeflecht kommunizierten sie miteinander, beschützten ihren Nachwuchs, versorgten alte Stümpfe und andere Baumarten.55 Auch Wohlleben glaubt, dass die Grenzen zwischen den Spezies verschwimmen.
Die neuen Erkenntnisse zeigen die Koevolution aller Lebewesen. Haben die Menschen Tiere und Pflanzen domestiziert, oder ist es vielleicht auch umgekehrt? Zumindest von Hunden weiß man, dass sie sich evolutionär perfekt an Menschen angepasst haben und diese zu manipulieren wissen. Damit stellen sich neue ethische Fragen: Ab wann wird unsere Art von Tier- und Pflanzenhaltung unmoralisch, weil sie leidensfähige Lebewesen versklavt? Was ist das richtige planetenfreundliche Maß für unsere Mit-Lebewesen?
Letztlich gehören wir alle zum Kreislauf des Lebendigen, und alles wird irgendwann zu uns zurückkehren. Das ist nichts Esoterisches, sondern etwas höchst Materielles: Die Plastikmüll-Teilchen im Meer werden zuerst von Mikroorganismen und dann von Fischen aufgenommen, bis sie in Menschenmägen landen. Jedes versprühte Pestizid vergiftet zuerst andere Lebewesen und dann auch uns. Unser Elektroschrott verseucht afrikanische Böden und treibt Menschen in die Flucht übers Mittelmeer hierher. Wenn zwischen dem Ganzen und seinen Teilen keine echte Trennung möglich ist, dann ist Leidvermeidung nicht nur ein Gebot der Goldenen Regel, sondern auch eine höchst pragmatische Handlung, die letztlich uns selbst schützt.
Unsere Ernährungsweise sollte deshalb konsequent regenerativ sein, damit die Natur heilen kann und wir auch. Gute Bauern und Landwirtinnen gehen respektvoll mit jenen Lebewesen um, die ihnen anvertraut sind. Tierleid und Pflanzenstress vermeiden sie. Landwirtschaft organisieren sie in kleinen, natürlichen Kreisläufen. Die von ihnen erzeugten Lebensmittel schenken Genuss und sind frei von Schadstoffen und Giften.

Stakeholder und Steakhalter

Der Kardinalfehler von Politik und Agroindustrie besteht in dem Glauben, Lebensmittel nach derselben Effizienzlogik herstellen zu können wie Industriewaren. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Maschinenparks, Monokulturen und Massentierställe immer größer, damit immer mehr geerntet, gemolken und geschlachtet, rationalisiert und standardisiert werden konnte. Das führte zu gigantischen ökosozialen Schäden. Die so hergestellten »lebensmittelähnlichen Substanzen«, wie der US-Autor Michael Pollan das Ergebnis nennt, sind dadurch zwar sehr billig geworden: Schweizer, Österreicherinnen und Deutsche gaben 2017 im Schnitt jeweils nur knapp 9, 10 bzw. 11 Prozent ihres Einkommens für Essen aus, während dieser Anteil in Ländern wie Nigeria und Kenia mehr als die Hälfte des Familieneinkommens wegfrisst.56 Aber den agroindustriellen Waren mangelt es oft an Mikronährstoffen und Spurenelementen. Dafür enthalten sie Giftspuren, die in Körpern nichts zu suchen haben. Michael Pollan rät deshalb vom Konsum industriell verarbeiteter Produkte ab: »Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte.«57
Heute wird weltweit pro Kopf fast doppelt so viel Fleisch verzehrt wie noch vor 55 Jahren. 2012 wurden dafür 65 Milliarden Wirbeltiere geschlachtet – im Schnitt 10 pro Mensch.58 Fleischessen ist zum Statussymbol geworden, auch weil es in vielen Gesellschaften für »Männlichkeit« steht, für »das Tier in mir«.59 Lateinamerikas Urwälder werden abgeholzt, um genmanipuliertes Soja anzubauen, das hierzulande an industriell gehaltene Kühe und arme Schweine verfüttert wird; es formt unsere Wohlstandsbäuche, führt zu Herz-Kreislauf-Krankheiten und, damit verbunden, zu hohen Kosten für Gesundheitswesen und Sozialsystem. Die gängige Wirtschaftslehre berücksichtigt diese Folgekosten nicht; der Soziologe Stephan Lessenich spricht deshalb von »Externalisierungsgesellschaften«, die auf einer Auslagerung wahrer Kosten basieren. Wenn man alle externalisierten ökosozialen Kosten einbezieht, wird Billigfleisch plötzlich gigantisch teuer: Für einen handelsüblichen Hamburger müssten laut einer Studie statt 4 US-Dollar dann 200 US-Dollar bezahlt werden.60
Inzwischen ist das agroindustrielle System womöglich der größte Klimazerstörer auf Erden. Das »Institut für Welternährung« vermeldete 2018, die vier mächtigsten US-Fleisch- und Milchkonzerne hätten als Brandstifter am Weltklima inzwischen sogar die größten Ölkonzerne überholt. Solche transnationalen Aktiengesellschaften wirtschaften zugunsten von Stakeholdern und Steakhaltern, aber zulasten anderer Lebewesen des Planeten. Hersteller von Pestiziden und Chemiedünger, Massentierhalter, Lebensmittelkonzerne, Landmaschinenbauer, Plantagenbesitzerinnen und Herrscher der Mono- und Reinkulturen: Wenn man ihren Ausstoß von Treibhausgasen zusammenrechnet, macht das ungefähr die Hälfte aller weltweiten Emissionen aus.61 Pestizide, Kunstdünger und tiefes Pflügen töten Bodenleben und Artenvielfalt und setzen CO2 frei. Schwere Maschinen verdichten den Boden, sodass Lachgas emittiert wird, 300-mal klimaschädlicher als CO2. Massentierhaltung erzeugt Methan, 25-mal schlimmer als CO2. Riesige Güllemengen führen zu Nitrat im Grund- und Trinkwasser sowie zu wachsenden sauerstoffarmen »Todeszonen« in den Meeren. Und in den Supermärkten packen wir, ohne es zu wollen oder auch nur zu merken, menschliches und tierisches Leiden in den Einkaufswagen.
Das Coronavirus könnte man gewissermaßen als Rache der eingesperrten Tiere sehen. Die Agrarindustrie habe den Planeten mehr oder weniger in eine einzige industrielle Agrarfabrik verwandelt, um den Lebensmittelmarkt zu beherrschen, und »ein besseres System zur Züchtung tödlicher Krankheiten lässt sich kaum entwickeln«, kritisiert der Evolutionsbiologe Rob Wallace. »Durch Züchtung genetischer Monokulturen von Nutztieren werden alle eventuell vorhandenen Immunschranken beseitigt, die die Übertragung verlangsamen könnten. Eine große Tierpopulation und -dichte fördert hohe Übertragungsraten. Solche beengten Verhältnisse beeinträchtigen die Abwehrkräfte des Immunsystems der Tiere. Ein hoher Durchlauf von Tieren, der Teil jeder industriellen Produktion ist, versorgt die Viren mit ständig neuen Wirtstieren, was die Ansteckungsfähigkeit der Viren fördert. Mit anderen Worten: Die Agrarindustrie ist so auf Gewinn ausgerichtet, dass die Entscheidung für ein Virus, das eine Milliarde Menschen töten könnte, das Risiko wert zu sein scheint.«62
Ähnliches, sagt er, gelte für die Zerstörung von Ökosystemen, Urwäldern und kleinbäuerlich bewirtschafteten Flächen: »Die funktionelle Vielfalt und Komplexität dieser riesigen Landflächen wird so vereinheitlicht, dass zuvor eingeschlossene Krankheitserreger auf die lokale Viehzucht und die menschlichen Gemeinschaften überspringen. Kurz gesagt, die Metropolen des globalen Kapitals, Orte wie London, New York und Hongkong, müssen als Krisenherd für die wichtigsten Krankheiten betrachtet werden.« Das formulierte der US-Biologe, einen Monat bevor Covid-19 seinen Todespflug durch New York zu ziehen begann.

Der agroindustrielle Scheinriese ist planetenfeindlich und ineffizient

In Europa gibt die »Gemeinsame Agrarpolitik« der EU vor, wie auf Äckern zu wirtscha...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Vorwort: Von Größenwahn und Heilungschancen
  6. Einleitung: Größenwahn oder menschliches Maß
  7. Kapitel 1: Ernährung: bio – selbstversorgend – regional
  8. Kapitel 2: Lebensorte: verbindend – klimafreundlich – glücklich machend
  9. Kapitel 3: Wirtschaft: regenerativ – selbstführend – auf das Gemeinwohl achtend
  10. Kapitel 4: Gesundheitswesen: heilend – fürsorglich – kommunal
  11. Kapitel 5: Demokratie: sinnstiftend – nah – offen
  12. Resümee: Abschied vom Größenwahn
  13. Anmerkungen
  14. Danksagung
  15. Bildnachweis