Konservativ, nationalbewusst, rechts – diese Kategorien verschwimmen zusehends, da rechtspopulistische Protagonist*innen eifrig darauf bedacht sind, aus taktischen Erwägungen als eine nicht näher definierte »bürgerliche Mitte« zu erscheinen. Der offenbar immer noch in weiten Teilen der Gesellschaft akzeptierte Begriff des Konservativen wird vielfältig benutzt, um national-chauvinistische Inhalte zu verschleiern. Florian Finkbeiner zeigt mit seiner Untersuchung konservativer Intellektueller im Zuge der deutschen Vereinigung von den 1980er zu den 1990er Jahren exemplarisch auf, wie es hierzu kommen konnte. Mit dieser Begriffsgeschichte des Konservatismus liefert er spannende Einsichten auch für die gegenwärtige politische Lage.

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Nationale Hoffnung und konservative Enttäuschung
Zum Wandel des konservativen Nationenverständnisses nach der deutschen Vereinigung
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Nationale Hoffnung und konservative Enttäuschung
Zum Wandel des konservativen Nationenverständnisses nach der deutschen Vereinigung
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IV.Konservatismus nach der deutschen Vereinigung
Euphorisiert von der gerade gewonnenen Fußballweltmeisterschaft 1990 in Rom gab der damalige »Teammanager« der deutschen Nationalmannschaft, die »Lichtgestalt« Franz Beckenbauer in der anschließenden Pressekonferenz einige bezeichnende Sätze zu Protokoll: »Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu […] ich glaube, dass die deutsche Mannschaft auf Jahre nicht zu besiegen sein wird. Es tut mir leid für den Rest der Welt.«1 Auch wenn diese Worte sich in den folgenden Jahren als wenig prophetisch erwiesen, so belegen sie doch ein schwarz-rot-goldenes Hochgefühl, das im Jahr der deutschen Einigung noch so manchen zu Träumen treiben sollte, die noch weitaus bizarrere Blüten hervorbrachten, als es die Formulierungen des »Kaisers« darstellen. Die Hoffnung, durch den Einigungsprozess nicht nur menschliche Wunden zu heilen, sondern auch zu einer irgendwie gearteten Größe aufzusteigen erinnert nicht zufällig im Nachhinein an die Sehnsucht Wilhelms II. nach einem »Platz an der Sonne«.
Die Ereignisse der Jahre 1989/90 markieren einen Epochenumbruch. Das Ende des Kalten Krieges, die Implosion des Sowjetkommunismus und die deutsche Vereinigung stellen geschichtlich einschneidende Zäsuren dar. In kürzester Zeit überschlugen sich alle diese Entwicklungen scheinbar zugleich auf einmal. Noch Mitte des Jahres 1989 ahnte kaum jemand, welche Dynamik sich entwickeln sollte. Zwar gab es durchaus Zeichen des Wandels, wie Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Aber in welche Richtung sich dieser Wandel entwickeln würde, das ahnten die Zeitgenossen jedenfalls nicht. Die Ereignisse zunächst in Ungarn, dann in der DDR und schließlich in allen Warschauer-Pakt-Staaten bis zum gewaltsamen Ende des Ceaușescu-Regimes kurz vor Jahresende 1989, die innerhalb kürzester Zeit 1990 abgewickelte deutsch-deutsche Vereinigung und schließlich der bis Ende 1991 abgeschlossene Zerfall der Sowjetunion, all dies kam völlig überraschend. Als die Einheit dann vollzogen wurde, wähnen sich politische Kräfte rechts der Mitte im Aufschwung, denn schließlich ging ihr Wunsch in Erfüllung: »Die staatliche Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist ein historischer Triumph der Konservativen«2, mahnt Jaschke noch 1991. Die deutsche Vereinigung und das Ende des Ost-West-Konfliktes verändern von heute auf morgen die tradierten Grundpfeiler politischer Weichenstellungen. Dies mussten vor allem politische Kräfte links der Mitte spüren, die in eine schwere Identitäts- und Orientierungskrise stürzten. Davon zeugt nicht zuletzt die krachende Wahlniederlage des Kanzlerkandidaten Oskar Latontaine, der diese Epochenwende im Wahlkampf 1990 unterschätzt hatte. Auch im politischen Konservatismus bürgerlicher Façon verändern sich die Orientierungsmarken. Jetzt, wo die Einheit da war, machte sich Unsicherheit breit, wie diese nun konkret auszufüllen sei, was nun getan werden müsse, damit diese Vereinigung ihre innere Vollendung finde. Diese gesamtgesellschaftliche Verunsicherung, die Unklarheit über das neue Gebilde »vereinigtes Deutschland« bei gleichzeitiger hoffnungsfroher Erwartung auf die Zukunft eröffnete einen neuen ungeahnten Spielraum für Kräfte weit rechts der Mitte. All diese sozialgeschichtlichen Umbrüche verändern in jenen Jahren den Konservatismus nachhaltig.
IV.1Sozialgeschichtliche Umbrüche in den 1990er Jahren
Die Ereignisse von 1989 bis 1991 markieren in ihrer ganzen Tragweite bis heute eine »tiefe historische Zäsur«3. Als der eiserne Vorhang fällt, beginnt nicht nur das »Ende des utopischen Zeitalters«4 (Joachim Fest), als mit dem »Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama) der Traum vom Sieg des Liberalismus sich zu erfüllen scheint. Es setzt auch ein kulturgeschichtlicher Umbruch ein: »In den 1990er Jahren, nach dem Sturz von Mauer, Regimen und Ideologien, begann wirklich etwas grundlegend Neues«5. Denn in fast allen Lebensbereichen – wirtschaftlich, sozial, technisch, kulturell – führten in diesem Jahrzehnt neue Entwicklungen zu grundlegenden Umbrüchen, und zwar so verdichtet wie selten in einer Dekade zuvor.6 Daher dürften die 1990er Jahre »ein besonders vielschichtiges, auch widersprüchliches Jahrzehnt gewesen sein«7. Schließlich forderte der weltgeschichtliche Umbruch ungemein heraus und verunsicherte. Allein die Dynamik in den ersten Jahren nach 1989 muss geradezu überfordernd gewirkt haben, denn es blieb keine Zeit, überhaupt die einzelnen Wandlungen und Umbrüche zu verarbeiten, geschweige denn, mit etwas mehr Abstand zu einer umfassenden Analyse der Gesamtlage zu gelangen: »Der Wandel ist rasant, z.T. schwindelerregend«, beschrieb Jürgen Kocka die latente Überforderung: »Das Leben hat an Intensität gewonnen, die neuen Erfahrungen sind kaum zu verarbeiten, von Langeweile keine Spur, man schwankt zwischen Befürchtung und Faszination.«8 Allein von diesem Gesichtspunkt aus ist es insofern nicht verwunderlich, dass sich der Konservatismus nach den Umbrüchen im Auftrieb befand, denn er versprach – oder zumindest: suggerierte – Stabilität in unsicheren Zeiten. Die Psychologie und Sozialpsychologie sprechen hierbei von einer sogenannten Neurasthenie, also einer nervlichen Reiz-Reaktions-Störung aufgrund von Überforderung, Erschöpfung und Ermüdung. Sind die Belastungen zur Verarbeitung von Ereignissen ausgereizt, folgen beständig Momente der Müdigkeit und Melancholie. Nun kann man natürlich nicht dieses Störungsmuster so ohne weiteres einfach auf gesamtgesellschaftliche Phänomene übertragen, aber dies ändert zumindest nichts an den Analogien aus einer sozialhistorischen Perspektive, denn: »Nicht zufällig folgen auf kulturrevolutionäre Zeiten der fortwährenden Traditionsbrüche verlässlich Phasen des Ruhebedarfs, des konservativen Stabilitätsverlangens.«9
Dieser kultur- und mentalitätsgeschichtliche Umbruch offenbarte sich in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Ronald Ingleharts Theorie des Wertewandels, wonach sich westliche Gesellschaften qua Modernisierung auch kulturell verändern, indem sich der individuelle Stellenwert von »Werten« – von »materiell« notwendigen hin zu »postmateriellen« Selbstverwirklichungswerten – verschiebt10, war für die gesellschaftlichen Prozesse in den 1990er Jahren kaum zutreffend. Für diese Jahre war die These von einer optimistisch gestimmten linearen Entwicklung hin zum Postmaterialismus nur für Teile der Gesellschaft in Westdeutschland, sicherlich aber nicht für die neuen Bundesländer haltbar.11 Stefan Hradil sprach sogar über die 1990er Jahre als Jahrzehnt des »Wandels des Wertewandels«.12 An anderer Stelle beschrieb er diese kulturellen Entwicklungen auch als eine »Modernisierungs-›Zeitlupe‹«13. Denn zwar schritt demnach die moderne Individualisierung der Lebensführung immer weiter voran, aber zugleich setzten »Gegenbewegungen« hin zu »schärferen Normen, mehr Gemeinschaftlichkeit in Ehe, Familie und anderswo«14 ein. Die neue Dekade ist daher ein besonders widersprüchliches Jahrzehnt zwischen Veränderung und Stillstand.15 Auf der einen Seite stehen die weltgeschichtliche Erlösung vom Joch des Kalten Krieges und die Hoffnung auf den Sieg des Liberalismus. Auf der anderen Seite finden sich kulturelle Verunsicherungen, Befürchtungen politischer Überforderung und die zunehmende Frustration über politische Entwicklungen nach der deutschen Vereinigung, die sich die Bürger beim Tanz auf der eingeschlagenen Berliner Mauer 1989/90 ganz anders vorgestellt hatten. Überhaupt: In jenen Jahren büßt »Progressivität« ungemein an Aura und Anziehungskraft ein. Seit den 1970er Jahren war überall in der Gesellschaft eine optimistische Grundstimmung vorhanden. Doch Anfang der 1990er Jahre wandelt sich dies. Sucht man nach zentralen Schlagwörtern, die die Stimmung im Land charakterisieren, stößt man etwa auf Staatsverdrossenheit, Parteientfremdung, Politikmüdigkeit oder auch tiefes Misstrauen der Bürger gegenüber der Politik.16 Ganz neue politische Entwicklungen beginnen sich abzuzeichnen, andere werden erst jetzt als Problem wah...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Inhalt
- Dank
- I. Einleitung
- II. Theoretische Grundlagen
- III. Der deutsche Konservatismus in den 1980er Jahren
- IV. Konservatismus nach der deutschen Vereinigung
- V. Der Konservatismus vor und nach der Epochenwende
- VI. Fazit und Schlussbetrachtungen
- VII. Literaturverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
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