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37 Können wir Klimaschutz nicht einfach dem »freien Markt« überlassen?
Wirtschaftsliberale machen oft den Vorschlag, das ganze Thema Klimaschutz doch am bestem dem freien Markt zu überlassen. Und sie verweisen dabei gern auf den Urvater der Wirtschaftswissenschaft Adam Smith. Wer Wirtschaftswissenschaften studiert, hat ab dem allerersten Semester seinen Namen im Repertoire. Seine Ideen sind gut bekannt: zum Beispiel der Grundgedanke des Eigeninteresses, das allem wirtschaftlichen Handeln zugrunde liege. Oder die Vorteile effizienter Arbeitsteilung. Oder seine These zu internationalen Märkten.
Selbst wer davon nichts weiß, der kennt doch Adam Smith’ Begriff der »unsichtbaren Hand« , diese berühmte Kraft, die freie Märkte von ganz alleine reguliert: Wer ökonomische Entscheidungen trifft, die zum eigenen Besten sind, sorgt am Ende für das Glück der ganzen Gesellschaft. Einfach gesagt: »Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.« Und dieser unsichtbaren Hand müsse man nun einfach freie Hand lassen, dann sei für den wirtschaftlichen Wohlstand der Nationen ganz von selbst gesorgt. Hurra.
So etwa steht es im ersten Kapitel des berühmten Bestsellers Vom Wohlstand der Nationen. Doch zum Glück gibt es Menschen, die das Werk zu Ende gelesen haben. Und die wissen:
Smith stellt den viel zitierten Eigennutz immer in den Dienst des Gemeinwohls. Nicht ich bin relevant, sondern wir. Smith lobt das Prinzip der Arbeitsteilung. Aber er warnt zugleich vor der Arbeitsteilung. Wenn Arbeit allzu kleinteilig und damit monoton ist, dann hat das Folgen für Wohlbefinden und Gesundheit. Smith gilt als Erfinder der freien Märkte, plädiert aber zugleich für staatliche Intervention, allerdings nur unter genauer Überlegung, wann und wie lange der Staat in die freien Märkte eingreift – und bei welchen Themen. Smith verfolgt den Gedanken einer nachhaltigen Wirtschaft, in der für alle gut gesorgt ist: Soziale und ökologische Aspekte sollen seiner Ansicht nach das ökonomische Handeln leiten.
38 Was sagen Ökonomen zum Klimawandel?
Es gibt einen Ökonomen, der sich um die Jahrtausendwende mit dem Thema Klimawandel beschäftigt und damit mächtig Aufsehen erregt hat: Nicholas Stern. Er war Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, Vizepräsident der Weltbank, Staatssekretär im britischen Wirtschaftsministerium, Wirtschaftsberater der britischen Regierung und veröffentlichte – nach Gesprächen mit vielen Hundert Experten rund um den Globus – im Oktober 2006 den legendären »Stern-Report«. Sein Fazit: »Vieles von dem, was ich bei den Recherchen für den Bericht erfahren habe, hat mich umgehauen.« Und: »Ich bedaure, bei der Weltbank nicht mehr für den Klimaschutz getan zu haben.«
Seine Studie war eine nüchterne Kosten-Nutzen-Betrachtung: Wie teuer sind die Schäden einer ungebremsten Erderwärmung? Wie viel Geld kostet uns eine notdürftige Anpassung an die wärmeren Zeiten? Und: Was kostet im Vergleich dazu der Klimaschutz? Auf über 600 Seiten rechnete Nicholas Stern der Welt haarklein vor: Nichts zu tun, um den Klimawandel zu stoppen, wird sehr viel teurer als jede noch so abwegige Klimaschutzmaßnahme!
Der Auftraggeber der Studie, der britische Premierminister Tony Blair, bezeichnete den »Stern-Report« als den wichtigsten Bericht seiner Regierungszeit. Die Studie war ein Meilenstein für die Klima-Ökonomie, geriet aber in der breiten Öffentlichkeit und in der Politik über die Finanzkrise 2008 ziemlich in Vergessenheit, sodass heute wieder mehr über die Kosten von Klimaschutz gejammert wird als über die Folgekosten des ungebremsten Klimawandels.
Dabei bewies Stern: Klimaschutz kommt uns nicht nur billiger als das Nichtstun, sondern schafft auch eine gerechtere Welt. Denn die armen Länder werden in weitaus größerem Maße die Folgen des Klimawandels zu zahlen haben als die reichen. Dieser Ungerechtigkeit müssen wir entgegensteuern.
Zu Recht bezweifelt eine große Mehrheit der Bevölkerung (61 Prozent), dass sich die heutigen Umweltprobleme durch die Kräfte des freien Marktes lösen lassen. Und 85 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass die Bundesregierung nicht genug für den Umwelt- und Klimaschutz tut. Die deutsche Bevölkerung ist prinzipiell sehr umweltbewusst, und das seit langer Zeit. 87 Prozent stimmen der Aussage zu: »Wir müssen jetzt schnell Maßnahmen gegen den Klimawandel umsetzen, denn sonst werden die Folgen so massiv sein, dass wir sie nicht mehr bewältigen können.« Und 71 Prozent finden inzwischen sogar, dass Umweltschutz Vorrang vor Wirtschaftswachstum haben sollte.
39 Was gibt es für Ideen, unsere Wirtschaft neu zu organisieren?
Ob und wie sich die Wirtschaftswissenschaften weiterentwickeln sollten, wird innerhalb der Wissenschaftsdisziplin viel diskutiert. Auch hier gehen Studierende mutig voran, indem sie nicht einfach lernen, was ihnen der Studienplan auftischt, sondern offen fragen, kritisch hinterfragen und radikal infrage stellen. So fordert beispielsweise das »Netzwerk Plurale Ökonomik« in einem offenen Brief die »Vielfalt ökonomischer Theorien« jenseits von »neoklassischer Modellökonomik«.
In den letzten Jahren haben sich zahlreiche neue Methoden und Ideen entwickelt. Ich selbst habe in meine wissenschaftlichen Arbeiten spieltheoretische Ansätze einbezogen, was in den 1990er-Jahren aufregend neu war und heute durchaus zum Standard gehört. Manchmal wird in der Klimapolitik das Gefangenendilemma als Erklärung zitiert, warum es nicht möglich sei, alle Staaten dazu zu bewegen, sich am Klimaschutz zu beteiligen. Und es gibt Ideen, wie sich mithilfe der Spieltheorie bei Klimaschutzverhandlungen Trittbrettfahrer ahnden lassen. Auch in der Zivilgesellschaft sind zahlreiche Initiativen und Bewegungen entstanden, die sich mit einer wandelnden Vorstellung von Wirtschaft beschäftigen.
Besonders große Aufmerksamkeit erregte die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth, die während ihrer 20-jährigen Arbeit bei der UN u...