
- 172 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Hier wird das lyrische Ich verloren und wiedergefunden, der Weg in das Innere des Schreibens vermessen und der Fabulierlust auf den biographischen Grund gegangen: In den abwechslungsreichen Essays der ersten Berliner Anthologie, die mal feuilletonistisch oder literarisch, mal wissenschaftlich oder philosophisch sind, berichten die Autorinnen und Autoren von ihren gedanklichen Spaziergängen durch die Schreiblandschaften. Sie suchen Antworten auf Fragen, die sich im Lauf jeder Schreibbiographie stellen: Ist Schreiben nur das Zuhause für professionelle Dichter? Ist die Neurose der Protagonistin auch die eigene? Wie lässt sich der Punk-Spirit im Schreiben (wieder)entdecken? So unterschiedlich die Annäherungen, so verschieden die Perspektiven. Denn Schreiben mag vieles sein, eines aber sicher nicht: auf einen simplen Begriff zu bringen. Die Berliner Anthologie spiegelt diesen Facettenreichtum heutiger Schreibräume und spricht daher ebenso von Wortfiguren oder Schreibwerkstätten wie von Schriftstellerei. Eine anregende Textsammlung, die obendrein Lust auf Schreiben macht.
Mit Beiträgen von Kirsten Alers, Ilse Baumgarten, Franziska Brunn, Elke Cremer, Andreas Dalberg, Tristan Hausen, Franziska Kersten, Gerd Koch, Katharina Körting, Claus Mischon, Loop Moss, Katja Reinicke, Sabine Samonig, Katharina Weißbach-Hempel & Ines Witka.
Häufig gestellte Fragen
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Information
Thema
ArtThema
Art GeneralStreifzüge von Elke Cremer
Streifzüge
Vom Aufspüren, Verlieren und Wiederfinden des lyrischen Ich
Vom Aufspüren, Verlieren und Wiederfinden des lyrischen Ich
Von Elke Cremer
Was ist das zeitgenössische Gedicht, wer spricht darin und woraus speist sich diese Stimme – nach der Entzauberung der magischen Sprachformeln, der Zerlegung der poetischen Formen und nun auch der philosophischen Dekonstruktion des Subjekts? Mit welch flüchtiger Materie haben wir es zu tun, die sich abhebt von der allgegenwärtigen, durch verschiedene Medien, Jargons und Epochen gejagten Sprache und die sich doch genau daraus speist? Diese Fragen beschäftigten mich, sodass ich begann, über mein eigenes Schreiben nachzudenken. Zu Beginn meiner Reflexion standen zwei eigene lyrische Texte, in denen ich gegensätzliche Schreiberfahrungen machte.
Textkörper, Körpertexturen
Vergleich zweier Gedichte, die ich vor einigen Jahren schrieb: Beide bedienen sich Verfahren der Konkreten Poesie, wie sie beispielsweise in den Poetiken Helmut Heißenbüttels oder Eugen Gomringers entworfen werden. Diese Gedichte stellen den Referenzcharakter von Sprache in Frage, wobei das zweite Gedicht zudem die visuelle Anordnung der Zeichen als gestaltendes Mittel einsetzt: Die Buchstabenkolonnen ähneln denen einer Bilanz. Die Sprache wird hier als Baukasten aus strukturellen und semiotischen Einheiten betrachtet, befragt. Über experimentelle Verfahren werden neue Ordnungen generiert und dabei die deiktischen Funktionen von Sprache aufgegeben. Scheinbar. Oder zumindest äußerlich betrachtet.
etikette
blick auf kassettendecken
trittgeräusche dekoriert,
tee und biskuits
vom butler serviert.
gurkensandwich etikette
ticken kette nettikette
gurken urken urks-wich ticket
tik-tik, grk-grk, etikettick.
gewinne, verluste
da ist eine beere | da ist eine kirche | 1001 nacht |
|---|---|---|
eine beere | ist eine kirch | 1001 nächte |
b e e r e | ich rek | 1100 nächte |
e r e | eich kr k reich | 110,0 nächte |
e b e | eine kreich | 100,1 nächte |
r e b e | kriech | 11,00 nächte |
e re b | eine er kich | 1,001 nacht |
da ist eine erbe | da ist eine kicher | 00 nacht 11 |
Der erste Text ist das Ergebnis einer Schreibübung zur rhythmischen Versgestaltung aus den Schnipseln einer Zeitungsseite. Während die Produktion dieses ersten Textes ein ironisches, humorvolles Spiel darstellte, steht der zweite, obwohl vermutlich auch humorvoll wirkende Text als Ergebnis eines mühsamen sprachlichen Tastens in einer längeren Reihe von Einzeltexten unter dem Motto „Verunsicherungen“. Nach vielen unterschiedlichen Anläufen, „etwas“ in Form bringen zu wollen, das als lyrischer Impuls für mich nicht ganz greifbar war, zerfielen die Wörter und Buchstaben und fanden dann diese Form einer Destruktion und Rekonstruktion. Da es jedoch bei dem zugrundeliegenden Impuls um etwas sehr Dringliches ging, war das formale Ergebnis für mich ein Versagen der Sprache in ihren elementarsten Qualitäten – als sei damit zugleich ein Teil des lyrischen Ich, nicht nur eines Textkörpers, sondern auch einer Körpertextur zerbrochen.
Diese Erfahrung mit Sprache war für mich entscheidend, um im Entstehensprozess eine bloß spielerisch-unverbindliche Textstrategie, eine Stilübung, von einer erschriebenen (Text-) Erfahrung unterscheiden zu können. Das Befragen und Aufreißen bisheriger Sprachmuster und deren Umgestaltung in neue Form als ein Movens vieler meiner lyrischen Texte fügte sich schließlich in die Sprachbewegung des folgenden poetologischen Gedichts:
wenn tauben auf giebeln die stunde strählen säumen wölfe
den stadtrand beim schneeflockenflimmern zerreißen die fäden
fransen der webstühle und teppiche stoffe einer verunsicherung
versäumen zerschlagene tontauben die stunde die nicht schlug und
reklameschiffe weben durch gehirnströme die netzteile eines adapters
auf rastplätzen lagern schwermetalle eisenzeit in maschendraht gehüllt wie
aus maschen die hecken entflechten wie haare aus tau die moose enthüllt
und wuchern wie seidelbast beeren gestrüpp vornüber // sagst
vogelbeere // sagst wolfsmilch // sagst
Das lyrische Ich verstehe ich als einen körper-sprachlich verfassten Ort, durch den Sprache hindurchweht – eine mögliche Leerstelle. Im Taumel der zu bannenden Sprachlosigkeit erkennt es sich selbst als fremd und kann sich diese irisierenden und abgeschatteten Eigengebiete erst durch die zu findende Sprache als vertraute erschließen. In dieses Aufreißen stürzen die bisherigen eigenbiographischen, individuellen, aber auch kollektiven Sprach- und Lebensformen hinein und werden fragwürdig, aufgelöst auf ein Zukünftiges hin, das am Ende des Arbeitsprozesses die Form eines Gedichtes trägt. Bereits das vorläufig Aufgezeichnete, die Wortfetzen, irritierenden Zusammenhänge, das Brüchige, Unvollständige, noch nicht in der Form Angekommene, birgt in sich die Möglichkeit einer freien, erst noch zu erschreibenden „Zukunft“ und zugleich einen Blick auf „Vergangenheit“, die jenseits der vorgeschriebenen Muster individueller Lebensläufe, kollektiver Sprachformeln und überlieferten Geschichten aufscheinen. Wo eine solche Sprache nicht zulässig ist, nicht mehr oder noch nicht aufgespürt werden kann, steht die mechanische Wiederkehr herrschender Sprachcodes an: „geflickte zunge, nächster track“, wie es in einem meiner Gedichte heißt.
(Un-)Lesbares Erbe
Bei der Arbeit mit Sprache komme ich nicht umhin, selbst oder gerade in der unmittelbaren Gegenwärtigkeit auch ihre Geschichtlichkeit hineinragen zu spüren. Im Sturz durch die Epochen, vergleichbar vielleicht einer „mémoire involontaire“, in diesem synästhetisch verdichteten und zugleich aufgerissenen Raum von Bruchstücken, Kolportagen und Schweigen, in den das lyrische Ich sich immer wieder hineinmanövriert, arbeiten unterschwellige Filtersysteme, die diesen Fluss wachsam registrieren. Diese Filter möchte ich bezeichnen als individuell und zugleich gesellschaftlich geprägt, als vorsprachlich wirkend und dennoch durch Sprache bedingt. Membrane eines hypersensiblen Organs. Ihre Arbeit ist denkbar schlicht: Sie senden Signale des Schmerzes, wenn an empfindlichen Stellen operiert wird, weisen auf Läsionen im Sprachgewebe hin, die oftmals das Betreten einer Gefahrenzone begleiten. Die eingeschliffenen Muster eines Versagens von Sprache in solch entscheidenden Momenten aufzubrechen, ist die innere Notwendigkeit vieler meiner Texte.
eingezäunte restmilieus
I
u-bahn-station altenessen
abgeteufter schacht
im grünspan der geschichten
/ polnisch sprechen verboten /
leuchten holzknochenflöze den weg
frei zur bramme ein stahl ein mahnmal
nach außen gekehrte nächte
Als eine Begegnung mit der historisch aufgeladenen Industrielandschaft des Ruhrgebiets zeigt der dreiteilige Zyklus „eingezäunte restmilieus“ diese Bewegung mit am deutlichsten. Der U-Bahn-Schacht Altenessen wird im ersten Teil des Zyklus überblendet mit den abgeteuften Flözen des Steinkohlebergbaus. Aus diesem Übereinanderschneiden verschiedener zeitlicher Schichten entsteht ein vielfältiger Bilderbogen. Zum einen wird die Tradition des Bergbaus mit dem entsprechenden Fachjargon (z. B. „abgeteuft“) aufgerufen, die diese Region – eine immerhin bis ins 18. Jahrhundert kaum besiedelte ländliche Ebene – prägte und in eine von der Industrie gezeichnete, aufgerissene, vielfältig umgegrabene Landschaft verwandelte. Zum anderen blitzen darin Erinnerungs- und Geschichtssplitter auf („zur bramme ein stahl ein mahnmal, nach außen gekehrte nächte“): Der von der Familie Krupp insbesondere seit dem 19. Jahrhundert forcierte Steinkohleabbau sowie die Stahlproduktion im Ruhrgebiet bargen letztlich auch materielle und technische Grundlagen für die deutsche Kriegsführung in den beiden Weltkriegen. Die im Gedicht angedeuteten Nachkriegsbauten, deren monotone Fassaden und herbe Funktionalität die Stadtbilder nahezu des gesamten Ruhrgebiets prägen, zeigen somit auch die daraufhin erfolgten Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs. Das hineinmontierte Zitat „/polnisch sprechen verboten/“ wiederum lässt die Erinnerung an die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufflackern, als eine solche Resolution für die zu Tausenden angeworbenen Bergarbeiter aus dem Königreich Polen und den Masuren galt, deren Sprachkultur, insbesondere aber auch deren Arbeiterbewegung auf diese Weise kontrolliert und gehemmt werden sollte. Zugleich kann dieser Ausschnitt aber auch gelesen werden als eine Reminiszenz auf das insbesondere seit dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 in Polen belastete Verhältnis der Nachbarstaaten. In diese Spannungsfelder von Geschichte und Gegenwartstext verwoben sind zudem, insbesondere mittels des zweiten Teils, Bilder einer akuten Reibung und Überschneidung von Natur, Technik, Ökonomisierung in der Gegenwart („wir pfla...
Inhaltsverzeichnis
- BERLINER ANTHOLOGIE Essays rund um das Schreiben
- Vorwort
- Schreibwerkstatt (von Claus Mischon)
- Schreiben? Schreiben! (von Kirsten Alers)
- Schamlose Protagonistin, schamlose Autorin? (von Ines Witka)
- Streifzüge (von Elke Cremer)
- Die Wortfigur (von Ilse Baumgarten)
- Meines Vaters Schreibe. Zweifel-los (von Katharina Weißbach-Hempel)
- Text und Wirklichkeit (von Franziska Brunn)
- Schreib-Welt-Räume (von Katja Reinicke)
- Szenisches Schreiben in der Theaterbildung (von Gerd Koch)
- Systemische Schreibspiele (von Franziska Kersten)
- Aus dem Bauch heraus (von Sabine Samonig)
- Füllerführerschein (von Tristan Hausen)
- Punk’s not dead!? (von Loop Moss)
- Schneeschreiben (von Katharina Körting)
- Der Schriftsteller (von Andreas Dalberg)