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All you need is less
Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht
- 256 Seiten
- German
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All you need is less
Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht
Über dieses Buch
Achtsamkeit und Nachhaltigkeit sind zu Modebegriffen geworden. Sie sind aber ebenso zentrale Pfeiler der aktuellen Suffizienz-Bewegung und der jahrtausendealten Lehre des Buddha.
Mit Niko Paech und Manfred Folkers loten zwei Experten aus, welche Potenziale die beiden Denkrichtungen mitbringen, um unseren zerstörerischen Wachstumspfad zu verlassen. Über eine provokante Abrechnung mit den Wachstumstreibern kapitalistischen Wirtschaftens und das Besinnen auf die Tugenden eines konsumbefreiten Lebens entwickeln sie eine »Kultur des Genug«. Denn nur mit einer »zufriedenen Genügsamkeit« werden sich die großen Krisen unserer Zeit lösen lassen.
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Information
Niko Paech
Suffizienz als Antithese zur modernen Wachstumsorientierung
Einleitung
Kein Reformprojekt der späten Moderne dürfte jemals auf derart einhelligen Zuspruch gestoßen sein wie die Idee einer nachhaltigen Entwicklung. Das damit anvisierte Transformationsvorhaben, mit dem nichts Geringeres als die Rettung der irdischen Lebensgrundlagen verbunden ist, muss jedoch als spektakulär gescheitert betrachtet werden – ganz gleich ob auf politischer, technologischer oder kultureller Ebene. Die kaum überschaubaren Versuche, mittels technischen oder institutionellen Fortschritts eine ökologisch vertretbare Variante des zeitgenössischen Wohlstandsmodells zu erschaffen, haben mehr zusätzliche Schäden verursacht, als damit an Nachhaltigkeitsdefiziten beseitigt oder vermieden werden konnte.1
Nicht minder versagt hat die sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung. Ihre Vertreter haben vermeintlich endogene Potenziale eines sozialökologischen, vernunftgeleiteten Wandels herausgearbeitet, der durch Kommunikationsstrategien, Lernprozesse, Management- oder Bildungskonzepte (BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung) hätte vermittelt werden sollen. Nichts davon hat vermocht, auch nur ansatzweise das ohnehin dürre Geflecht nachhaltigkeitskompatibler Lebensstile und Praktiken zu stabilisieren, die Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger vorübergehend erkennbar wurden. Ehemals Hoffnung stiftende Ökonischen sind zu Komfortzonen mutiert, die von materieller Aufrüstung, industriell gefertigter Bequemlichkeit, Digitalisierung und einem nie da gewesenen Flugreisenboom überformt wurden. Hätten jene, die sich seinerzeit am Startpunkt eines »grünen« Aufbruchs wähnten, erahnen können, welche Exzesse an ökologisch rücksichtslosen Handlungsroutinen noch bevorstehen – und das absurderweise begleitet von einem geradezu dröhnenden Nachhaltigkeitstrubel –, sie hätten die seinerzeit gebräuchlichen Dramatisierungen wie »Wegwerfgesellschaft«, »Wohlstandsfalle«, »Konsumterror« und Buchtitel wie Homo consumens2 oder Ein Planet wird geplündert3 für später aufgespart, um ihr rhetorisches Pulver nicht vorzeitig zu verschießen.
Existiert denn überhaupt ein einziges nennenswertes Handlungsfeld, in dem während der letzten vier Jahrzehnte etwas anderes als eine stetige Verschlechterung der ökologischen Bedingungen eingetreten ist, zumindest wenn alle Reboundeffekte der vermeintlichen Nachhaltigkeitsfortschritte eingerechnet werden? Alles läuft mit zunehmender Schubkraft auf jenen Fluchtpunkt hinaus, um dessen Vermeidung sich alle Intellektuellen und Nachhaltigkeitsbewegten seit Beginn der Umweltdiskussion lautstark bemühen. Dieses Weltrettungsbemühen war, wie sich in der Rückschau herausstellt, nichts anderes als ein Fanal an symbolischen Ersatzhandlungen. Immer stand es unter der Bedingung, keine der sich seit Jahrzehnten steigernden Konsum- und Mobilitätsfreiheiten, die unreflektiert zum Maßstab des Normalen erhoben werden, aufgeben zu müssen.
Um zu vermeiden, dass dieser Wohlstandsvorbehalt primitiv oder eigennützig erscheinen könnte, wurde und wird der schöngeistige Anspruch vorgeschoben, Nachhaltigkeit dürfe sich nicht zulasten der sozial Schwachen oder gar »Armen« auswirken. Indes scheint das materielle Niveau, dessen Unterschreitung mit Armut gleichgesetzt wird, in Deutschland wöchentlich zu wachsen. Die beständige Aufdeckung (oder Erfindung) neuer Tatbestände, die auf Armut, Ausgrenzung und soziale Benachteiligung schließen lassen, bilden einen Schutzwall für die Konsum- und Mobilitätsroutinen der prosperierenden Mehrheit. Auf dem Abschlusspodium des 2011 von Attac veranstalteten Kongresses »Jenseits des Wachstums« etwa verwahrte sich der teilnehmende Gewerkschaftsvertreter gegen allzu harsche Nachhaltigkeitsmaßnahmen. Er begründete dies sinngemäß damit, dass es unsozial sei, der Lidl-Verkäuferin den sauer verdienten Mallorcaurlaub, den auch sie sich neuerdings leisten könne, zu vermiesen.
Deutlicher ließe sich die Zwickmühle kaum zuspitzen. Zum einen: Wenn alle technischen Versuche, die zeitgenössische Wohlstandsarchitektur von ökologischen Schäden zu entkoppeln, systematisch zum Scheitern verurteilt sind, dürfte es weniger einer moralischen Bevormundung als simpelster mathematischer Logik entspringen, dass die menschliche Zivilisation nur noch durch eine Senkung jener materiellen Ansprüche zu retten ist, die global und intertemporal nicht übertragbar sind. Zum anderen: Ausgerechnet in einer aufgeklärten, sich bei jeder sonstigen Gelegenheit moralisch überlegen darstellenden Gesellschaft, die obendrein ein nie gekanntes Wohlstandsniveau erreicht hat, werden überlebenswichtige Akte der Selbstbegrenzung selbst dann vermittels Gerechtigkeits- und Verzichtslamenti zurückgewiesen, wenn sie hedonistischste, noch vor Kurzem undenkbare Ausschweifungen darstellen.
Das eigentliche Nachhaltigkeitsdefizit liegt in einer sich progressiv wähnenden Kultur, die dem noch vor seiner Einführung zum Menschenrecht erklärten 5G-Netz mehr Sorge und Aufmerksamkeit widmet als dem Insektensterben. Hier drängen sich Parallelen zur Heroinsucht auf, zumal auch Schwerstabhängige ihr selbstzerstörerisches Handeln wider besseres Wissen ausführen. Deshalb widmet sich dieser Text einem überlebenswichtigen Entzugsprogramm, das als »Suffizienz« bezeichnet wird.
Zunächst soll dieses Nachhaltigkeitsprinzip präzisiert und abgegrenzt werden, da es häufig missverständlich verwendet und zunehmend verwässert wird. Danach will ich auf Wachstumsgrenzen und moderne Paradoxien eingehen, die nicht in der materiellen oder ökologischen Sphäre, sondern in der Konstitution des Homo sapiens selbst begründet sind und nur über den Ausweg einer genügsamen Lebenspraxis zu meistern sind.
Schließlich will ich eine problematische und oft missachtete Besonderheit der Suffizienz beleuchten, nämlich dass ihre Umsetzung – vollkommen diametral zu Effizienz- oder Konsistenzmaßnahmen – parlamentarisch-demokratische Entscheidungsinstanzen restlos überfordert. Suffizienz kann nur aus subkulturellen Praktiken hervorgehen und von Individuen oder Netzen verbreitet werden, die bereit sind, individuelle Verantwortung zu übernehmen, statt auf einen politischen Godot zu warten. Diese Pioniere können die technikaffine, konsum- und mobilitätsorientierte Mehrheit mit Gegenkulturen konfrontieren, um sie unter Rechtfertigungszwang zu setzen. Politisch korrekte Forderungen oder Symbolhandlungen wie die von Fridays for Future oder Extinction Rebellion laufen demgegenüber Gefahr, wirkungslos zu bleiben, denn an Betroffenheitsbekundungen bestand nie Mangel – im Gegenteil: Sie sind längst zu einer Ersatzhandlung gediehen und stabilisieren damit den Status quo. Was hingegen fehlt, ist ein Aufstand der konkret Handelnden und sich Verweigernden, die mit offen praktizierter Selbstbegrenzung die Gesellschaft herausfordern.
Effizienz, Konsistenz und Suffizienz
Um den Nachhaltigkeitsdiskurs zu strukturieren, wird oft die Unterscheidung zwischen Effizienz,4 Konsistenz5 und Suffizienz6 herangezogen. Steigerungen der ökologischen Effizienz zielen darauf, den materiellen Aufwand zu minimieren, der nötig ist, um ein bestimmtes ökonomisches Ergebnis zu erzielen, also das Verhältnis zwischen Ressourceneinsatz und Güterproduktion zu verbessern. Die dabei entstehende Ressourceneinsparung kann genutzt werden, um das Wohlstandsniveau unter verringerter ökologischer Belastung zu erhalten oder bei konstanter Umweltbelastung ein höheres Versorgungsniveau zu erreichen. Wer beispielsweise ein Auto kauft, das drei Liter Benzin pro 100 Kilometer verbraucht, fährt damit um den Faktor zwei ökologisch effizienter als mit einem sechs Liter verbrauchenden Pkw. Würde dieselbe Gesamtstrecke wie bisher zurückgelegt, ergäbe sich eine ökologische Entlastung. Wenn hingegen die gefahrene Strecke verdoppelt wird oder mehr Menschen zu Autofahrern werden, wird bestenfalls bei unveränderter ökologischer Belastung die Mobilitätsleistung erhöht. Politisch attraktiv erscheint es, die Einsparung auf beide Zielgrößen aufzuteilen, etwa gemäß dem Titel des Bestsellers Faktor vier – doppelter Wohlstand, halber Naturverbrauch.7
Ökologische Konsistenz setzt an der Schadensintensität und Umweltverträglichkeit der genutzten Ressourcen an. Statt deren Menge zu verringern, soll ihre Beschaffenheit oder das Produktdesign dahingehend optimiert werden, dass keine Emissionen oder Abfälle entstehen, unabhängig vom Verbrauchsniveau. Dies soll dadurch ermöglicht werden, dass alles Verwendete entweder biologisch abbaubar ist oder verlustfrei in geschlossenen technischen Stoffkreisläufen verbleibt. Erneuerbare Energieträger sind ein weiterer Baustein des Konsistenzkonzeptes. Würden Pkws neuerdings mit klimaneutralem Biosprit betrieben oder hätten einen Elektroantrieb, der wiederum mit Elektrizität aus Wind- oder Solarenergie gespeist wird, ließe sich – unabhängig von der zurückgelegten Strecke – ein emissionsfreier motorisierter Individualverkehr vorstellen. In Deutschland wird die Konsistenzstrategie besonders prominent durch die sogenannte Energiewende verkörpert. Sie fußt darauf, das Elektrizitätssystem CO2-neutral werden zu lassen, ohne die für Endnutzer verfügbare Energie verringern oder verteuern zu müssen.
Effizienz und Konsistenz können kombiniert werden, etwa wenn der Energieverbrauch eines Autos im Sinne der Effizienz zunächst minimiert und der verbleibende Rest an benötigter Energie dann durch einen möglichst klimaneutralen Treibstoff bereitgestellt wird. Beide Konzepte bilden die Basis des sogenannten grünen Wachstums oder einer »ökologischen Modernisierung«. Demnach soll durch fortschrittlichere Technologien, Produktlösungen oder innovative Nutzungsformen (etwa Sharing) der Güterwohlstand von ökologischen Schäden entkoppelt werden, sodass dessen Niveau entweder erhalten oder gar ausgedehnt werden kann. Allerdings wäre der Umkehrschluss, nämlich dass die Anwendung von Effizienz oder Konsistenz notwendigerweise eine Green-Growth-Strategie impliziert, verfehlt. Schließlich wäre auch eine »Postwachstumsökonomie«8 oder »Degrowth«-Strategie9 nicht ohne ein Minimum an industrieller Produktion darstellbar, die sich durchaus effizient und/oder konsistent optimieren ließe.
Demgegenüber begnügt sich das Suffizienzprinzip weder mit verringertem Ressourceninput noch mit einer ökologischeren Qualität der genutzten Mittel, sondern adressiert und hinterfragt direkt den eigentlichen Zweck ökonomischer Aktivitäten. Zur Disposition gestellt wird das Ausmaß des erzeugten Outputs oder Produktionsergebnisses. Dessen Reduktion oder Begrenzung würde sich zwangsläufig auf Konsummuster auswirken.
Auch eine Effizienz- oder Konsistenzstrategie, die im Kontext eines »grünen« Wachstums angewandt würde, müsste den Menschen bestimmte Anpassungsleistungen in Form eines »nachhaltigen Konsums« abverlangen. Schließlich bewirken Effizienz- und Konsistenzinnovationen nichts, wenn die entsprechenden Produkte und Dienstleistungen nicht nachgefragt werden. Aus diesem Grund kommt es nicht selten zu einer unscharfen oder missverständlichen Begriffsverwendung, indem alle Maßnahmen, die ein verändertes Konsum- oder Nachfragehandeln bezwecken, mit Suffizienz assoziiert werden. Allerdings handelt es sich bei effizienten oder konsistenten Veränderungen im Gegensatz zur Suffizienz nicht um Reduktion, Entsagung oder Selbstbegrenzung, sondern lediglich um eine Verlagerung der Nachfrage zu nachhaltigen Substituten.
Die im Folgenden schrittweise entwickelte Suffizienzdefinition folgt weniger einer Begriffsgenealogie als vielmehr der Notwendigkeit, dieses Prinzip vom nachhaltigen Konsum abzugrenzen.
Als y soll dabei das quantitative Niveau einer ökonomischen oder physischen Leistung bezeichnet werden. Der pro Leistungseinheit erforderliche materielle Ressourcenaufwand sei x, und der pro Ressourceneinheit verursachte ökologische Schaden sei s. So aufgeschlüsselt, lassen sich die drei bereits genannten Nachhaltigkeitsprinzipien einfach erläutern.
Beispiel 1
Der Besitzer eines Pkw legt pro Woche eine bestimmte Strecke zurück. Sie entspricht dem Leistungsniveau y, gemessen in Kilometern. Das Auto verbraucht pro Kilometer eine durchschnittliche Energiemenge x. Diese umfasst nicht nur den variablen Treibstoffverbrauch, sondern auch die bei der Produktion und Entsorgung des Pkw anfallende Energie. Letztere wird auch oft als »graue« oder »indirekte« Energie bezeichnet. Sie lässt sich einfach berechnen, indem der zur Herstellung und späteren Entsorgung eines Pkw notwendige Energiebedarf durch die Gesamtstrecke an Kilometern dividiert wird, die als Leistung des Autos während seiner durchschnittlichen Lebensdauer erwartet werden kann. Wie viel CO2-Äquivalente (s) eine Einheit des benötigten Energieinputs verursacht, ist hinlänglich bekannt.
a) Eine Zunahme des Quotienten y/x entspräche einer erhöhten Energieeffizienz. Dies könnte technisch bedingt sein, etwa weil ein sparsamerer Antrieb genutzt wird, der die pro Kilometer erforderliche Treibstoffmenge reduziert. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, durch eine Gemeinschaftsnutzung (z. B. Carsharing) jenen Anteil des Energieverbrauchs zu senken, der als »graue« Energie im Pkw gebunden ist. In diesem Fall würde dieselbe Fahrleistung y mit einem geringeren Bedarf an Pkws erzielt.
b) Das Konsistenzprinzip ginge mit einer Erhöhung des Quotienten x/s, also einer verringerten Schadensintensität der verwendeten Ressource, einher. Dies ließe sich dadurch erreichen, dass ein anderer Energieträger eingesetzt wird, etwa Biokraftstoff, Autogas oder Elektrizität aus Wind, Sonne, Wasserkraft oder Biomasse.
c) Suffizienz hieße schlicht, weniger zu fahren, also y zu senken.
Beispiel 2
Eine Gruppe von vier Personen möchte sich ein Einfamilienhaus mit 140 Quadratmeter Wohnfläche (y) bauen lassen. x wäre dabei der Energieverbrauch pro Quadratmeter Wohnfläche (Wärme und Strom) und s der pro Energieeinheit verursachte ökologische Klimaschaden, gemessen in CO2-Äquivalenten.
a) Die Energieeffizienz y/x ist in diesem Fall abhängig von der Dämmung der Gebäudehülle, dem technischen Zustand der Heizung sowie vom Energieinput (graue Energie), der zur Produktion und Bereitstellung der Baustoffe erforderlich ist. Ähnliche Maßnahmen lassen sich auf den Stromverbrauch anwenden, etwa LED-Leuchtmittel.
b) Das Konsistenzprinzip, abgebildet durch die Schadensintensität x/s, lässt sich über die Wahl des Energieträgers für die Heizungsanlage (Gas, Solarthermie, Geothermie, Holz) sowie für die Stromerzeugung verändern.
c) Suffizienz würde in diesem Beispiel bedeuten, mit weniger Wohnfläche auszukommen und weniger Lampen zu verwenden oder diese seltener anzuschalten, also y zu verringern.
Die Variable x kann anstelle des Energieverbrauchs auch Fläche, Abfall, Metalle, seltene Erden, Wasser etc. als ökologisch relevanten Ressourceninput abbilden. Ebenso könnte s jede beliebige andere Schadenskategorie repräsentieren. Zudem kann auch die Zielvariable y vollkommen andere Ausprägungen annehmen. Würde beispielsweise die Reinigung von Wäsche unter Nachhaltigkeitsaspekten betrachtet, könnte y das in Kilogramm gemessene Quantum an gewaschenen Textilien oder die in Zeiteinheiten gemessene Verfügbarkeit sauberer Wäsche oder des Zugangs zu einer Waschmaschine darstellen.
Diese Beispiele zeigen bereits, dass Effizienz und Konsistenz Gemeinsamkeiten aufweisen. Einige von ihnen sind:
~ Beide Vorgehensweisen sind insofern ambivalent, als die Einsparung an Ressourcen (Effizienz) bzw. Schäden (Konsistenz) sowohl dazu genutzt werden kann, das bisherige Leistungsniveau mittels geringeren Umweltverbrauchs zu gewährleisten, als auch umgekehrt dazu, auf Basis des bisherigen Niveaus an Umweltverbrauch einfach nur ein höheres Leistungsniveau zu erzielen. Daraus folgt erstens, dass die dringend nötige Umweltentlastung durch diese Prinzipien selbst dann nicht sichergestellt wäre, wenn ihre Funktionsweise frei von ökologisch konterkarierenden Nebenwirkungen (Reboundeffekten) wäre. Zweitens stellen beide Vorgehensweisen in Aussicht, das bisherige Wohlstandsniveau mindestens beibehalten, wenn nicht gar steigern zu können, ohne dabei die ökologische Belastung zu erhöhen. Wenn dieses Versprechen sich einerseits als Vorbedingung jeglicher nachhaltigen Entwicklung etabliert und sich andererseits als unerfüllbar entpuppt, droht umweltpolitischer Stillstand auf steigendem Schadensniveau. Genau diese Situation lässt sich in Deutschland seit Jahrzehnten beobachten.
~ Bis heute fehlt nicht nur jede empirische Evidenz, sondern auch eine theoretisch schlüssige, also widerspruchsfreie Begründung dafür, wie mittels beider Prinzipien eine Entkopplung des ohne Wachstum nicht zu stabilisierenden Wohlstandes an industriell erzeugten Gütern möglich sein kann – zumindest wenn alle zeitlich, räumlich, systemisch und stofflich verlagerten Nebenwirkungen einbezogen werden. Diese Problematik ist in Verbindung mit sogenannten Reboundeffekten andernorts hinreichend behandelt worden und soll hier deshalb nicht weiter vertieft werden.10 Sie bildet einen der elementarsten Begründungszusammenhänge dafür, dass eine Hinwendung zur Suffizienz unumgänglich ist.
~ Abgesehen von vernachlässigbaren Ausnahmen, fügen sich beide Prinzipien perfekt in zeitgenössische Modernisierungsprogramme ein. Sie versprechen, individuelle Freiheiten unangetastet zu lassen, indem Nachhaltigkeitsdefizite durch eine Addition technischer oder institutioneller Mittel kuriert werden. Überdies werden damit zusätzliche Handlungsoptionen, Einkommensquellen, Märkte und sonstige Entfaltungsspielräume in Aussicht gest...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorgespräch
- Manfred Folkers – Buddhistische Motive für eine Überwindung der Gier-Wirtschaft
- Niko Paech – Suffizienz als Antithese zur modernen Wachstumsorientierung
- Nachgespräch
- Anmerkungen
- Literatur