Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung
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Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung

Über Ökologie und über Ökologie hinaus. Mit einer Einführung von Manfred Kriener

  1. 208 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung

Über Ökologie und über Ökologie hinaus. Mit einer Einführung von Manfred Kriener

Über dieses Buch

»Die Dezimierung der Welt ist mit ihrer Dezimalisierung eng verknüpft«, konstatiert Jürgen Dahl: Die modernen Wissenschaften haben die Natur zwar berechenbar und handhabbar gemacht, doch begreiflicher wurde sie uns nicht. Mit der zergliedernden Betrachtung der Natur geht ihre Zerstörung einher. Das Buch nimmt diesen Frevel in den Blick und stellt ihm eine andere, eine empathische Art der Naturbetrachtung gegenüber – die des pflegenden, bewahrenden Gärtners. Dahl war nicht nur einer der umtriebigsten deutschen Denker der Nachhaltigkeit, sondern vielleicht auch deren sprachmächtigster. Dieser Band versammelt seine gleichermaßen klugen wie zeitlosen Betrachtungen zu Themen wie Artenvielfalt, Atomenergie oder Gentechnik. Die Bibliothek der Nachhaltigkeit präsentiert Autorinnen und Autoren, die als Pioniere und Vordenkerinnen ihrer Zeit voraus waren und ungewöhnliche Wege des Denkens eröffnet haben. Ihre Texte liefern auch heute noch wichtige Impulse für die Diskussion und Praxis der Nachhaltigkeit, Transformation und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

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Information

Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung

Der unbegreifliche Garten

Wie man Adler mit Bouletten ausrottet

Nur wer sehr regelmäßig die Zeitung liest, vermag bei einer Meldung über ölverschmierte Seevögel zu sagen, ob es sich um die letzten Opfer der vorigen oder um die ersten Opfer einer neuen Ölpest handelt; mit ziemlicher Regelmäßigkeit folgt eine auf die andere, und gar nichts mehr hört man von den ölfressenden Bakterien, von denen uns die Verteidiger des Fortschritts doch schon lange versprochen haben, sie, die Bakterien, würden künftig alle Ölteppiche zernagen, und wir, die ewigen Umwelt-Nörgler, machten uns wieder einmal ganz unnötige Sorgen.
Die Bakterien sind noch nicht da, aber im Skagerrak hat es wieder ein paar Hunderttausend tote Vögel gegeben, ob 100.000 oder 300.000, weiß man nicht genau; wer mag die Kadaver schon zählen, während man sie mit Schaufeln auf Lastwagen verlädt, um sie irgendwo zu verscharren. Der Urheber des Desasters soll – auch dies weiß man noch nicht genau – ein griechischer Kapitän gewesen sein, der, gegen alle Verbote, die Laderäume seines Tankers auf hoher See ausgespült hat. Wenn das zutrifft, dann bestätigt es nur die alte Regel, dass Verbote gewöhnlich dasjenige beschreiben, was dann doch geschieht. Insofern ist an der Meldung kaum etwas Bemerkenswertes, bemerkenswert ist aber doch etwas anderes: nämlich das Mengenverhältnis von einem Kapitän zu, sagen wir vorsichtshalber: 200.000 toten Seevögeln. Da offenbart sich in anschaulicher Schlichtheit ein Grundprinzip moderner Katastrophen, welches diese von allen menschlich verursachten Katastrophen früherer Zeit unterscheidet und denen zu denken geben sollte, die uns so gern mit dem Hinweis zu trösten versuchen, der Mensch habe immer schon die Natur misshandelt.
Nie hat es das gegeben: dass ein einzelner Mensch, kurz vorm Schlafengehen, mit einem einzigen Befehl an die Bedienungsmannschaft der Bilgenpumpen (und ohne dass jemand sonst von diesem Befehl wusste oder ihn gar hätte verhindern können) 200.000 Seevögel mit einem Schlage zum Tode verurteilt. Nur noch zwei oder drei solcher Befehle wären nötig, um die Zahl der Opfer auf eine Million zu erhöhen und ein paar seltenere Arten vollends aussterben zu lassen – dies nicht im Laufe von Generationen, sondern im Laufe einer Tankersaison. Das beklemmende Missverhältnis zwischen der Winzigkeit des Verursachers und der Größe des von ihm angerichteten Unheils ist die Lehre aus jenem Vorfall am Skagerrak, und vieles spricht für die Vermutung, dass dies das genaue Muster für mancherlei künftige Unbill darstellt.
Überhaupt sind ja in vielen Zeitungsmeldungen solche Muster verborgen, und die Meldungen werden, wenn man sie richtig liest, zu Parabeln des modernen Lebens. Das Museum für Naturgeschichte in Chicago hat einen Film produziert, mit dem es seine Besucher darüber aufklärt, dass der Philippinische Adler, der zweitgrößte Adler der Welt, vom Aussterben bedroht ist, weil sein Lebensraum, der tropische Regenwald, durch rücksichtsloses Abholzen verwüstet wird.
Die Abholzung dient dem Bedürfnis fortgeschrittener Industriegesellschaften nach exotischen Hölzern, man weiß ja, wie die Möbelmoden wechseln, und wo der Wald gerodet worden ist, gründet man gern Rinderfarmen; sie gehören amerikanischen oder europäischen Firmen, und ihre Produkte werden ebendorthin geliefert, wo auch Aufklärungsfilme über das Aussterben des Philippinischen Adlers vorgeführt werden. Solche Filme kann das Chicagoer Museum übrigens nicht selbst finanzieren, dafür gibt es Mäzene, und jener Adler-Film wurde finanziert von einem Mäzen namens Ray Kroc. Ray Kroc aber ist der Besitzer einer der größten Schnellrestaurant-Ketten in Amerika.
Da nimmt die Logik neuzeitlichen Lebens ihren Lauf: Für die Gewinnung jenes Fleisches, aus dem die Schnellrestaurants ihre Bouletten zubereiten, wird der Tropenwald abgeholzt, was den Bestand des Philippinischen Adlers gefährdet; aus den Geldern aber, die beim Verkauf der Bouletten übrigbleiben, wird dann ein Aufklärungsfilm über die Abholzung der Tropenwälder und die Gefährdung des Philippinischen Adlers finanziert. Würde jemand den Philippinischen Adler gleich zu Bouletten verarbeiten – die Verachtung vieler Esser wäre ihm gewiss. Die indirekte Methode bietet nicht nur den Vorteil, dass die Verursacher schier unsichtbar werden, sondern noch den zusätzlichen Nutzen, dass sie das Unheil, das sie verursachen, als Mäzene zu Reklame verwursten können und dass man schon sehr aufmerksam zwischen den Zeilen lesen muss, um zu erfahren, wie es denn eigentlich zugeht in dieser Welt.

Bericht von der Abschaffung der Schimpansen

Dass der Mensch nichts weiter sei als ein Affe, nur ohne Fell und mit etwas mehr Hirn, und dass er sich auf dieses sowie auf seine Geschichte und auf seine Fertigkeiten gar nichts einbilden dürfe, weil er dennoch ein Säugetier bleibe –, das ist ein Hauptstück aus dem Katechismus aufgeklärter zeitgenössischer Lebenswissenschaft, und es wird viel Mühe aufgewandt, um die Beweise dafür herbeizuschaffen:
Einerseits zeigt man uns triumphierend, dass wir uns im Zustand der Unschlüssigkeit genauso hinterm Ohr kratzen, wie das, zum Beispiel, die unschlüssige Katze tut, und andererseits übt man mit langmütigen Schimpansen so lange eine ziemlich dürftige Zeichensprache ein, bis sie nachgeben und, um endlich an ihre Banane zu kommen, das mitmachen, was die Experimentatoren dann stolz Kommunikation nennen.
Man nähert sich also der Sache von beiden Seiten, indem man sowohl das Tierische im Menschen enthüllt wie auch den Tieren – wenigstens den stets zu einem Schabernack aufgelegten Schimpansen – etwas von dem zu applizieren sucht, was bis dahin als typisch menschlich galt, und ganz ungeniert spricht man von der »Zoologie des Menschen« so gut wie von der »Anthropologie des Tieres«.
Die Vereinigung der zuvor getrennten Naturreiche ist ein Vorgang, dessen tiefere geistesgeschichtliche Bedeutung noch kaum wahrgenommen, geschweige denn ausgelotet worden ist: Der Mensch vertreibt sich selbst vom Logenplatz und verweist sich ins Parkett, eine Art kopernikanischer Wende, aus der nun, so ließe sich immerhin denken, eine neue Form franziskanischen Bewusstseins von der Gemeinsamkeit der Kreaturen entstehen könnte, auch: Betroffenheit über die Erkenntnis, wie arrogant und bestialisch unser bisheriger Umgang mit den Brüdern und Schwestern aus den niedrigeren Ordnungen des Tierreichs doch gewesen ist, gemessen daran, dass wir ihnen nicht nur wertvolles Erbgut verdanken, sondern nun auch noch sehen müssen, dass sie die Grundformen unseres Kommunikationswesens zu erlernen imstande sind, – und wenn sie dies, obwohl sie es gar nicht nötig hätten, für den Lohn einer Banane tun, dann sollte das nicht zur Geringschätzung der Entlohnten, sondern eher zur Beschämung der Lohnherren angetan sein.
Aber auf Franziskanisches lauert man vergeblich, die Verbrüderung findet nicht statt, im Gegenteil: Die schamlose Mechanisierung des Eierlegens, die es nie gegeben hat, als man die Hühner noch für niedere Kreaturen hielt, begann in eben jener Zeit zu florieren, als man entdeckte, dass zwischen dem Sozialleben des Menschen und dem des Geflügels erstaunliche Übereinstimmungen bestehen; die rücksichtslose Ausrottung ganzer Tierarten hat zu eben jener Zeit begonnen, da man den Menschen selbst endgültig zur Säugetierart erklärte; und der amerikanische Neurochirurg Robert White begann mit dem Verpflanzen von Schimpansenköpfen zu eben jener Zeit, als seine Kollegen von der zoologischen Fakultät die kommunikative Intelligenz dieser Spezies experimentell belegen konnten. Der mögliche Einwand, es sei unnötig oder gar unsittlich, sich über derlei zu ereifern, da doch der Mensch dem Menschen noch viel Schlimmeres antue als den Tieren, verfehlt den Kern der Sache, der darin liegt, dass der ganze Strom von Brutalität sich aus derselben Quelle speist; mögen sich die Opfer durch ihre verschiedene Stellung im zoologischen System unterscheiden – die Henker sind sich allemal gleich, auch darin, dass sie meist humane oder gar humanitäre Beweggründe vorzuweisen haben.
Wenn also jetzt die bevorstehende Ausrottung der kommunikativ begabten (und übrigens auch sonst zu Liebenswürdigkeit und Geselligkeit neigenden) Schimpansenvettern anzukündigen ist, dann kann man dieser Nachricht nicht mit dem Hinweis begegnen, dass in dem gleichen Afrika, in dem die Ausrottung stattfindet, sich mit Menschen noch ganz andere Dinge ereignen. Was die Schimpansen angeht, so sind sie, zu ihrem Unglück, wegen der engen Verwandtschaft mit dem Menschen die einzigen Lebewesen, an denen sich die Wirksamkeit und Ungefährlichkeit eines Impfstoffes testen lässt, den die amerikanische Firma Merck, Sharp & Dohme in zwei oder drei Jahren auf den Arzneimittelmarkt bringen will und der gegen eine gefürchtete, in ständiger Ausbreitung begriffene Krankheit wirksam ist, gegen die Hepatitis B, eine von einem Virus verursachte Leberentzündung, die bei Bluttransfusionen und bei Injektionen mit unsauberen Spritzen, aber auch auf anderen, noch im Dunkel liegenden Wegen übertragen werden kann. 1.500 Menschen sterben jährlich in den USA daran.
Der Bedarf an Test-Tieren ist so groß, weil man jeden Schimpansen nur einmal benutzen kann. Danach, so heißt es, wird er zur Zucht neuer Test-Tiere weiterverwendet, aber zuvor müssen reichlich Schimpansen aus der Wildnis herbeigeschafft werden; die erste Order ist schon erteilt, sie beläuft sich auf 125 Tiere, wozu nach Angaben von Experten wegen der Transportverluste 600 eingefangen werden müssen; das geschieht in der Regel derart, dass man eine Schimpansenmutter erschießt und sich ihrer Jungen bemächtigt. Die Bedarfszahlen und die Verfahrensweise lassen die Erwartung realistisch erscheinen, dass die etwa 50.000 noch lebenden Schimpansen binnen Kurzem von dieser Erde verschwunden sein werden, für alle Zukunft. Sie seien freilich, so sagen die Pharmazeuten, ohnehin zum Aussterben verurteilt, da man immer mehr Urwälder in Ackerland umwandele, und außerdem von den Japanern und den Polen gleichfalls wegen der Hepatitis hohe Schimpansenbestellungen aufgegeben worden seien, so dass hier gar nicht mehr das Schicksal der Schimpansen zur Entscheidung stehe, sondern nur noch die Frage, welches Land den Hepatitis-Impfstoff zuerst erzeugen werde.
In jedem Fall – und durch wessen Schuld auch immer – wird der Versuch, der Hepatitis B mit einem Serum beizukommen, zwar möglicherweise eine Eindämmung der Krankheit bewirken, mit ziemlicher Sicherheit aber die Ausrottung einer hoch entwickelten und einzigartigen Säugetierart. Das Humanitäre gerät, nicht zum ersten Mal, aber besonders eindrucksvoll, zum Frevel, die Kurierung einer durch allerlei Zivilisations-Machenschaften offenbar genährten Krankheit fordert als Preis die Beseitigung einer ganzen Spezies – das heißt: sie fordert ihn nicht eigentlich, sondern der Preis wird freiwillig und absichtsvoll dafür erlegt: ein Genozid zur Hebung der Volksgesundheit. 1.500 Todesfälle in den USA genügen, um die Abschaffung der Schimpansen zu rechtfertigen, deren Vetternschaft man gerade erst beglaubigt hat, und niemand wagt den Vorschlag, lieber die Methoden des Impfstoff-Testens weiterzuentwickeln, ehe man seine engsten Verwandten umbringt. Man darf gespannt sein, wann die hier praktizierte Moral in Ermangelung von Schimpansen auf Menschengruppen angewandt wird, die man für ebenso entbehrlich hält wie Affen.
Es mag, neben manchem anderen, was es zu besichtigen gibt, als eine Marginalie angesehen werden, wenn die letzten Schimpansen in den Affenställen der pharmazeutischen Industrie verschwinden. Aber noch als Marginalie kennzeichnet es die geistige Verfassung einer Menschheit, die sich den größten Teil ihrer schwersten Krankheiten selber macht, indem sie zum ausschließlichen Zweck der Hebung des Lebensstandards jeden Unfug in Tat und Geld umsetzt, der ihren Erfindern beifällt, und dann die Opferung einer Säugetiergattung für einen Akt der reinsten Menschlichkeit ausgibt, weil sie nur noch auf solchen Wegen eine Zeit lang die Illusion retten kann, sie vermöchte die Übel, die sie selber schuf, auch selber wieder abzuwenden.

Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung

Der Garten ist nicht groß. Die Taxushecken, die ihn umgeben, sind glattgeschnitten, schließen ihn ein wie Wände und sind nur an einer Stelle von einer weißen Gittertür unterbrochen. Der Garten ist künstlich, er ahmt die Natur nicht nach. Es gibt einen Steintrog, in den aus einem Rohr ein dünner Wasserstrahl rinnt, streng gefasste Beete, quadratisch, dazwischen helle Kieswege. Auf den Quadraten eine Sammlung von Gewächsen, Beispiele aus vielen Ordnungen und Familien: eher eine Art von botanischem Archiv. Zwei niedrige Holzbänke, eine davon beim Wassertrog, die andere bei der Steinmauer, aus deren offenen Fugen sich dickfleischige Dachwurzrosetten und flache Steinbrechpolster schieben. Zwischen allen Pflanzen weiße Steckschilder mit den deutschen und den lateinischen Namen.
Codonopsis clematidea. Die Tigerglocke. Dünne, weiche Stängel, graugrün beblättert, die sich teils zu Boden neigen, teils im Geäst eines Ilexbusches verfangen. Die Blüten hängen als schmale bläulichweiße Glocken nach unten – die Tigerglocke gehört zur Familie der Glockenblumengewächse.
Wenn man eine der unscheinbaren Blüten nach oben biegt und in ihren Kelch blickt, überrascht der dunkelbraune Fleck im Boden der Glocke, von einem gelben Ring umgeben: ein Tigerauge. Bricht man die Blüte oder einen Stängel ab, dann quillt weißer Milchsaft heraus, ein paar dünnflüssige Tropfen; sie riechen herb und spitz nach Raubtierkäfig, nach feuchtgewordener Spreu: Was die Zeichnung andeutet, bestätigt der Geruch, und beides gehört nicht hierher, sondern reicht von anderswo herüber wie eine verirrte Spiegelung oder wie eine Geste.
Wer daraus etwa die Frage ableitet, ob einem solchen Signal aus dem Tierreich im Pflanzengarten irgendeine Art von tieferer Bedeutung innewohne, der bekommt von den Botanikern schnellen Bescheid. Dies, sagen sie, habe nicht das Geringste zu bedeuten, denn der Duftstoff im Milchsaft der Tigerglocke habe sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte als Abwehrstoff gegen irgendwelche Fressfeinde herausgebildet, die Blütenzeichnung als Lock- und Erkennungssignal für bestäubende Insekten – und folglich sei die Übereinstimmung zwischen beiden der schiere Zufall, ein kleiner Witz, den die Natur sich da erlaube und bei dem sie sich schon deshalb nichts gedacht habe, weil sie bekanntlich gar nicht denken könne.
Dass die Natur sich einen kleinen Witz geleistet habe, ist daher ganz metaphorisch und unernst gemeint. Man legt, auch wenn man gelegentlich so bildlich redet, geradezu Wert auf die Feststellung, dass es »die Natur« eigentlich gar nicht gibt. Kein Geist schwebt da über den Wassern, nichts waltet über allem, im Gegenteil: das Grundgesetz vermutet man in den Niederungen der Moleküle und Atome, es hat sich so gefügt, dass daraus irgendwann auch eine Tigerglocke wurde. Moleküle und Atome haben kein Ziel, das einem Gedanken oder einem Plan vergleichbar wäre, sie haben nur ein Ergebnis.
Ungezählte gemeinverständliche Bücher tragen die Botschaft von der Planlosigkeit und der daraus gefolgerten Sinnlosigkeit ins Publikum, welches bereit ist, auch noch diese Apotheose des Atoms als des Urgrundes der Welt wie einen erlösenden Fortschritt mitzufeiern.
Die Tigerglocke ist kein Beweis dagegen. Aber die wissenschaftliche Bestandsaufnahme der Tigerglocke ist auch kein Beweis dafür. Vor aller Wissenschaft ist diese Tigerglocke ein Pflanzenwesen, eigenartig und einzigartig, und die Bestandsaufnahme ist lückenhaft bis dorthinaus, in selbst gewählter Beschränkung nach den Kriterien der Messbarkeit erstellt, wozu es zuvörderst der Zerlegung bedarf. Erscheinung, Gestalt und Duft und Gestik des Pflanzenwesens, seine Physiognomie im weitesten nur denkbaren Sinne, bleiben diesem Verfahren unzugänglich, – genau dasjenige also, was den Betrachter ergreift und was, wenn die Natur doch ein Gedanke wäre, den Inhalt dieses Gedankens ausmacht. Weder lässt er sich in Daten fassen, noch hat die Terminologie der Wissenschaft Wörter für die ungeteilten Phänomene. Woraus – da doch nichts wirklicher ist als eben diese Phänomene – unmittelbar folgt, dass das Angebot der Wissenschaft, sie werde das Leben beschreiben und erklären, nicht einzuhalten ist – es sei denn, man verwiese das Unmessbare und Unermessliche von vornherein in den Bereich der subjektiven und unverbindlichen Schwärmerei.
(Was in der Tat oft genug geschieht. Es war ein Professor der Biologie, der, im Garten zu Besuch, nachsichtig lächelnd versicherte: der Eindruck, den die Tigerglocke beim Betrachter hervorrufe, sei nichts als ein vages Gefühl und im Sinne der Wissenschaft bestenfalls ein psychologisches Phänomen bei dem, der es empfinde.)
Die Tigerglocke, so dekretiert diese Wissenschaft, könne man nur erkennen, wenn man sie zuvor zerlegt, ihre Teile auf deren Ursache und diese wiederum auf ihre Ursachen hin untersucht habe. Das ist geschehen. Die Tigerglocke – und nicht nur sie – hat man dabei ziemlich aus den Augen verloren, und wer in der merkwürdig anziehenden Übereinstimmung von Zeichnung und Geruch das Aufblitzen größerer, zusammenhaltender Gedanken wahrzunehmen meint, wer hier und sonst das Physiognomische überhaupt für der Rede wert hält, der wird mit Strenge aus dem Reich der Wissenschaft in die Provinz des Feuilletons oder der Theologie verwiesen.
Das cartesianische Bemühen, die Gesetze der Welt im Souterrain zu suchen, den Bauplan des Hauses aus der genauen Vermessung seiner Mauersteine zu gewinnen, die Unbegreiflichkeit der Phänomene dadurch unschädlich zu machen, dass man sie in ihre Teile zerlegte und diese auf ihre Ursachen untersuchte, bewirkte die Denaturierung der gesamten Natur zum Objekt zergliedernder Erforschung. Aber nicht dass dies geschah, war entscheidend, sondern: dass es mit der erklärten Absicht und in der unerschütterlichen Hoffnung geschah, so und nur so seien die Rätsel der Welt zu lösen, nur so sei Erkenntnis zu erlangen, und nur das so Erlangte sei Erkenntnis, alles andere Aberglaube, vorwissenschaftlicher Dunst.
Übrigens wurde das Verfahren oft genug in unbeabsichtigter Selbstentlarvung als gewaltsamer, ja kriegerischer Angriff auf die Natur verherrlicht: Man »entriss« der Natur ihre Geheimnisse, »zwang« ihr die Antwort auf Fragen ab und bejubelte die so gewonnenen Auskünfte als »Siege« über einen Feind, der sich heftig gewehrt hatte. Wie oft aber ist der Dumme der Sieger – und der Sieger der Dumme.
Die für das zahlende Publikum angefertigte Literatur über den Fortschritt der Wissenschaft kann man einteilen in Hofberichte und Frontberichte, und ziemlich fern ist auch nur die Ahnung, dass eine andere Art von Fragen auch eine andere und vielleicht zutreffendere Art von Antworten erbringen könnte.
Gleichsam nebenbei erwies sich, dass die Natur im zergliederten Zustand leichter und erfolgreicher genutzt werden konnte; ihre Ausbeutung wurde ebenso vervollkommnet, wie das Instrumentarium der Zergliederung immer weiter verfeinert und damit der zerstörerische Charakter des Verfahrens immer mehr verschleiert: Die Fertigkeit, selbst etwas so Winziges wie ein Gen noch an der gewünschten Stelle zu zerschneiden, ist so staunenswert, dass der Verdacht, dies könnte prinzipiell ungehörig sein, gar nicht aufkommt – doch ist dies schon ein späteres Kapitel.
Inzwischen gab es Beistand von anderer Seite: Zu der Zerlegung des Bildes in seine Striche und Punkte kam die Zerlegung des Daseins in die Teilstrecken seines Werdens.
Chara fragilis. Die Armleuchteralge. Im Wassertrog des Gartens wächst die Alge Chara. Mit quirligen Blatt-Etagen, fädigen Blättern und Seitensprossen in den Blattachseln bietet sie das Bild einer einfachen, aber auf ihre Art vollkommen ausgebildeten höheren Pflanze. Chara ist aber eine Alge und hätte sich, wie die allermeisten Algen, mit schlichten Fäden oder Lappen zu begnügen, in denen gleichartige Zellen aneinandergereiht sind. Stattdessen probt sie die Verzweigung, entwirft die Gestalt der höheren Pflanze in großer Zartheit, wobei der Auftrieb, den das Wasser verleiht, die stützenden Elemente ersetzt, die ihr fehlen. Chara nimmt etwas vorweg, was erst auf einer anderen Stufe der Entwicklung ganz ausgefaltet wird, und dann mit weit größerem Aufwand, mit Zelldifferenzierungen, Leitungsbahnen, Rindenschichten und Blüten; sie ist wie eine erste Entwurfsskizze zu einer höheren Pflanze – aber es ist ganz und gar nichts Unfertiges daran: Die Andeutung künftiger Pflanzengestalten gewinnt ihre eigene Art von Vollkommenheit durch die Sparsamkeit der Mittel.
Der Entwicklungsgedanke, die Entdeckung also, dass eines aus dem anderen entstanden ist, die Alge Chara somit wirklich eine Ahne höherer Pflanzen wäre, – dieser Gedanke wirkte schockierend, weil, wenn er stimmte, sogleich die Tatsache mitzudenken war, dass dann auch der Mensch ein Nachfahr der Säugetiere, ja, der Affen sein musste.
In dem Wunschtraum einer Dame der besseren englischen Gesellschaft fand der Schock seinen hübschesten Ausdruck: Die Darwinsche Abstammungslehre, so rief die Lady, sei ekelhaft, aber wenn sie denn zuträfe, so möge sie sich wenigstens nicht herumsprechen. Und Lord Tennyson, der fromme Barde in seinem Schloss auf der Isle of Wight, fragte Darwin, als dieser ihn besuchte, ob er denn mit seiner Lehre Gott leugnen wolle; ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Bibliothek der Nachhaltigkeit
  5. Inhalt
  6. Einführung
  7. Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung
  8. Zu Leben und Werk