Werk C
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Verloschene Lichter III. Ein Zeitzeugenbericht aus den Fabriken des Todes

  1. 460 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Werk C

Verloschene Lichter III. Ein Zeitzeugenbericht aus den Fabriken des Todes

Über dieses Buch

Kurz nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald im April 1945 begann Mordechai Strigler, seine Erfahrungen in den Lagern des besetzten Polens literarisch zu verarbeiten. Schonungslos wie kaum ein anderer Überlebender beschreibt er die Lagerorganisation und das Lagerleben sowie den Umgang der jüdischen Gefangenen untereinander. In »Werk C« schildert Strigler die Monate von September 1943 bis März 1944 im Arbeitslager Skarzysko-Kamienna, das vom Leipziger Rüstungsunternehmen HASAG AG betrieben wurde. Dabei zeigt er – anders als im Vorgängerband – weniger die Produktionsbedingungen auf, sondern konzentriert sich auf einzelne Personen, Beziehungen und Begebenheiten. Er beschreibt sowohl den Alltag im Lager als auch außergewöhnliche Umstände wie Geburten oder das von den Gefangenen ersonnene Prostitutionsmodell. Da er mit der Zeit in ›privilegiertere‹ Kreise der jüdischen Lagerverwaltung aufstieg, kann er auch über die ›mittlere Verwaltungsebene‹ sowie die Organisation des gesellschaftlichen Lagerlebens berichten und ein detailliertes Porträt der Funktionshäftlinge im Arbeitslager liefern. »Zur bloßen Kolorierung darf man die Feder beim Wiedererwecken unserer Leiden vergangener Zeiten nicht benutzen. So lasst uns noch ein Mal in unser Antlitz in jenen Tagen schauen, ohne die Maske, die wir heute gern für uns finden.« Mordechai Strigler, 1950

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Information

Teil zwei

In Herrscherkreisen

Kapitel sechzehn

I
Der Polizist Kac war einer der Ersten in Werk C. Seine Karriere hatte er stufenweise gemacht und auch dank seiner großen Grausamkeit. Die Menschen, die schon länger im Lager waren, zitterten bei seinem Anblick. Man erzählte sich schauderhafte Geschichten über seine früheren Handlungen. In jüngerer Zeit, als Mechele ihn traf, war er schon ein ruhiger Polizist, einer wie alle, die gelegentlich schlugen, er war nicht mehr und nicht weniger aktiv als die meisten, die den schwarzroten Hut trugen. Doch sein Auftauchen rief immer noch Schrecken hervor.
Durch einen Zufall wurde er gleich bei seiner Ankunft zum einzigen Sanitäter des Lagers bestimmt. Das gab ihm die Möglichkeit, seine eigenen Selektionen unter den Kranken durchzuführen, auszuliefern oder zu verstecken wen er wollte. Er zielte auch darauf ab, diejenigen loszuwerden, deren Vermögen er erben wollte. Als der Stab der Sanitäter vergrößert wurde, wechselte Kac auf eine andere Stelle. Er hatte niemals etwas mit dem Sanitätswesen zu tun gehabt und so war es ihm zuwider geworden. Besonders, als solch hartherzige Sanitäter wie Melech Goldberg und der großgewachsene Alek dazukamen, die auch wussten, welcher der Kranken Geld oder goldene Zähne besaß. Die behielten sie im Auge und Kac spürte, dass seine Alleinherrschaft über die Kranken vorbei war.
Deshalb wurde er Vorarbeiter in einer Halle. Bald zeichnete er sich durch das Quälen in seiner Abteilung aus, außerdem kannte die Kommandantin ihn von früher und er wurde einer der ersten Polizisten in Werk C.
Er war ein Dürrer, ein Blasser, wie ein überstrapazierter Student. Sein Gesicht hatte noch die bleiche Röte eines schüchternen Jungen, aber in seinem stechenden Blick offenbarte sich die ganze Mordlust, die sich in ihm angesammelt hatte. Viele Juden hatte dieser Mensch dem Tod nähergebracht.
Niemandem brachte der 24-jährige Kac ein Gefühl von Liebe oder Nähe entgegen. Man erkannte in ihm keine Minute der Trauer um seine Familie, die umgekommen war. Er lachte auch nie. Er war eine Mumie, die verbissen prügelte, aber ohne besondere Aufregung und Hass. Es war einfach ein Schlagen, wie jemand, für den das eine natürliche Arbeit war und er führte sie aus, tagein tagaus, ob es ihm gefiel oder nicht. Wie ein Automat.
Es gab nur einen Menschen bei Kac, der ihm aus der Zeit vor seiner Lagerperiode gefolgt war. Das war seine jugendliche Frau. Sie war ein stilles und blasses Mädchen, das er zu Beginn der Ghettozeit, wie versehentlich, geheiratet hatte, als im deformierten jüdischen Leben alles durcheinandergeriet. Während er im Lager im Einsatz war, sah man sie praktisch nicht. Auch er selbst hatte für sie keine Zeit und schaute nicht nach ihr. Plötzlich begann sie zu kränkeln. Sie wurde von Tag zu Tag grauer und ausgedörrter, bis sie sich ins Bett legte und nicht mehr aufstehen konnte. Da geschah etwas mit dem Burschen. Mit jemandem über seine Gemütsverfassung zu reden, lag nicht in seiner Natur, so ging er ungewohnt schweigend umher. Es war aber offensichtlich, dass er einen plötzlich über ihn gekommenen Schmerz mit sich umhertrug. Die, die ihn von früher kannten, wussten, dass er seine schweigsame blasse Frau lieb hatte. Seine Liebe drückte sich auf andere Art aus als bei gewöhnlichen Menschen. Er schenkte ihr keine Aufmerksamkeit, dachte nicht darüber nach, was ihr wehtat, ob sie mit seiner Art zufrieden war oder nicht. Er ging gewöhnlich an ihrer Seite. Das war aber alles, solange mit ihr nichts Außergewöhnliches passierte, das seine Aufmerksamkeit erfordert hätte. Als die Gewohnheit durch ihre Krankheit unterbrochen wurde, wurde etwas in seinem Innern aufgerüttelt. Er nahm sie plötzlich wieder wahr. Er sonderte sich ganze Tage vom Lagergetümmel ab, saß an ihrem Bett, saß und schwieg.
Reden war nie seine besondere Stärke. Er besaß nicht viel Rüstzeug für Reden. Solche Menschen wie Kac besitzen überhaupt keinen großen Wortschatz. Möglicherweise müssten sie nicht so viel mit Stecken und Schlägen wüten, wenn sie den ganzen Sumpf nach und nach mit Zornesgeschrei und auch mit Flüchen aus sich hinausschwemmen könnten. Ein großer Teil ihrer Grausamkeit entsprang tatsächlich der sprachlichen Unbeholfenheit, die heraussprudeln wollte, aber keine andere Möglichkeit hatte. So saß er da, streichelte ein ums andere Mal ihre bleiche kränkliche Hand und versank in Gedanken. Die Mädchen und Frauen in der Baracke hatten danach lange Gesprächsstoff, um über das merkwürdige Wunder zu tuscheln, dass so jemand wie Kac seiner kranken Frau treu ergeben sein konnte, selbst in Werk C.
Zuerst setzte er alle Hebel in Bewegung, schleppte die wenigen Ärzte, die es im Lager gab, herbei, sie sollten sie anschauen und ihm sagen: Was ist mit ihr geschehen? Was kann man tun? Aber die paar Doktoren konnten auch nicht hineinkriechen, nicht in sein Herz und nicht in ihrs. Sie konnten bloß gemäß dem, was sie aus den alten Büchern gelernt hatten, diagnostizieren: Verloren! Ihr konnte nichts mehr helfen. Allerlei Krankheiten fanden sie in ihr, dass es geradezu ein Wunder war, wie sie sich alle ausgerechnet solch ein stilles Geschöpf aussuchen und sich an sie hängen konnten. Seit damals erfüllte ihn eine nüchterne, schwere Melancholie, die nicht von einer tiefen Sehnsucht nach etwas oder von einem großen Kummer herrührte. Es war eher eine Art verborgener Zorn eines Machtlosen und Furchtsamen, der des Todes treuester Knecht hatte werden wollen, Hauptsache, es sollte seine eigene Haut nicht berühren, aber all das hatte nicht geholfen. Solange sich der Tod in der Ferne versteckt hielt und sich darauf verließ, dass seine uniformierten Diener seine Aufträge ausführten, war es möglich, vor diesen demütig aufzutreten, zu salutieren und ihnen zu schmeicheln, damit sie einen selbst schonten und nicht anrührten. Man konnte sie sehen, bemerken, wenn sie kamen und ihnen beizeiten mit hündischem Polizeilächeln entgegenliefen, bereit, alles auszuführen, was sie auch befehlen würden oder andeuteten, dass es ihnen gefallen könnte. Gerade Kac konzentrierte all seine Sinne in diese Richtung und glaubte, dass er sich damit gegen alles gesichert hatte, sich und das Wesen, das ihm doch nahestand, trotz seiner ganzen tierischen Abgestumpftheit.
Vermutlich hat er nie in seinem Leben viel nachgedacht, deshalb kann er nicht vorausahnen oder wissen, dass auch der Tod seine Launen hat. Manchmal ist diesem alles zu wenig, gerade als sei es nicht gut, sich nur auf Schurken und Mordgesellen zu verlassen. Mögen auch Ströme von Blut fließen, will er von seinem nicht ablassen, als verdrieße es ihn, dass man ihn zur Seite stößt und man ihn, den natürlichen Tod, bald völlig vergessen wird. Er schiebt sich leise zwischen den Massenschlachtungen hindurch, stiehlt sich heran wie ein Dieb und fällt leise gerade die an, auf die niemand lauert, nicht der Hunger und nicht die Kugel. Niemand bemerkt ihn dabei. Er verbeißt sich unbemerkt in ein Glied, in die Eingeweide und verbreitet sich überall hin, nimmt das ganze Leid und das Leben mit sich. Man bemerkt ihn zu spät, denn in der Massenpanik weiß niemand, dass man mit ihm rechnen muss. Bei ihm hilft auch kein Schmeicheln, kein großspuriges Einprügeln mit dem Stecken auf die Leiber anderer. Es scheint, als lache er plötzlich auf, aus allen kranken Gliedern heraus: Was? Man hat mich völlig vergessen? Als sei ich nicht mehr da! Sieh her, ich bin gekommen und ich nehme mir meinen Teil. Da hilft alles nichts!
Das verstand Kac erst sehr spät, als seine Frau schon dalag und nicht einmal mehr seufzen konnte, ihn nur fiebrig mit ihren feuchten Blicken anschaute. Gar nichts konnte er mehr tun. Er passte nur auf, dass die Frau, die er bestellt hatte, das bisschen dünne Graupensuppe pünktlich kochte, und er saß am Bett und reichte der Kranken immer wieder ein wenig. Wenn er gebeugt die paar Stunden dasaß, sah er aus wie jemand, der dazu verurteilt war, einem weiteren Mächtigen zu dienen, den er noch nie gesehen hatte und von dem erst jetzt ein erster Widerschein sich zeigte. Danach richtete er sich auf, putzte die Stiefel ab und ging auf die Straße hinaus, wieder derselbe Kac wie vorher. Wie ein Mensch, der zu bestimmten Zeiten zwei verschiedenen Göttern diente, und der eine durfte im Gesicht keine Spur davon entdecken, dass man auch dem anderen hörig war.
II
Sehr gut möglich, dass auch Doktoren nicht alles wissen. Gerade hatten sie festgestellt, dass sie sich nicht mehr lange quälen wird, sondern eine oder zwei Wochen liegen wird und dann für immer einschlafen. Derweil lag sie so Woche um Woche. Eine Zeit lang hatte sie schon die Sprache verloren und die Kraft, sich zu bewegen. Plötzlich ging es ihr wieder besser, sie hatte keine Schmerzen mehr und begann zu reden und sogar in der Baracke umherzugehen. Bald streckte es sie aber wieder nieder und sie lag, lag benommen und abwesend da. Ein Feigling war er immer schon gewesen. Sein ganzer Heldenmut beim Schlagen, genau wie bei anderen von seinesgleichen, kam doch nur von dem Bangen um sich selbst, vor dem mindesten Kratzer auf der eigenen Haut. Er begann, in dem Spiel die andersgeartete Macht einer Warnung zu sehen. Wenn sie plötzlich gestorben wäre, hätte er mit einem Mal einen Schlag versetzt bekommen. Das hätte ihm vermutlich weg getan, aber er hätte es bald vergessen, wie es vielen anderen geschah. Hier aber lag sie, übergoss ihn tropfenweise mit ihren Leiden. Dabei stahlen sich jeden Tag kleine Brocken Furcht mit, vor etwas so unbegreiflichem, das mit jeder Stunde dichter und fester wurde.
So begann er, sich zurückzuziehen. Es vergingen ganze Tage, an denen er den Gummiknüppel eines Polizisten nicht einmal benutzte. Er hörte sogar, dass es im Lager ein paar fromme Juden gebe, so ging er von einem zum anderen und bat sie, sie mögen Gebete sprechen und gelegentlich vorbeikommen, um am Bett seiner Frau Tefillin31 anzulegen. Das erbat er kurz und nüchtern, mit der erstickten Stimme eines Schuldigen, der vermeiden wollte, dass man aus seiner Stimme die Schuld heraushörte.
Aber nachdem sie eines Tages vom Bett herabgekrochen und sich sogar hinaus auf die sonnenbeschienene Gasse geschleppt hatte, kam sie herein und legte sich das letzte Mal nieder, lag ein paar Tage im Todeskampf und schlief ein.
Es geschah gerade in den ruhigen Tagen in Werk C, als das Lager begann, sich auf das Konzert vorzubereiten. Es fehlte schon das Gefühl für den Tod im Lager. So begann man sofort von Mund zu Mund die Nachricht weiterzugeben: Die Frau von Kac ist gestorben.
Tatsächlich wirklich gestorben!
Die Mädchen begannen schon, unter sich zu diskutieren und sich zu zanken, ob »er« sie schnell vergessen würde oder nicht. Es gab welche, die wussten ganz sicher, dass, obwohl er so einer war, er es nicht aushalten würde. Gerade so jemand kann sehr stark lieben, bis zum Wahnsinn! Und der Beweis: die ganze Zeit ihrer Krankheit … Andere hatten gelernt, überall dieselben kalten Berechnungen anzustellen: Alles Quatsch! Jetzt ist er von einer Last befreit, und das war’s! Ist es denn bei ihm anders als bei anderen, selbst bei den Intelligenzlern?
Kac hörte aber an jenem Tag die Diskussionen über ihn nicht. Er lief umher wie verwirrt, suchte Menschen. Nichts weniger als einen Minjan32 wollte er jeden Abend haben, beten sollte man in der Baracke, wo sie gestorben war, und Kaddisch33 sollte man sagen.
Am selben Abend brachte ein Wagen die Toten zum Schießstand hinaus und nahm auch sie mit. Kac ging mit und begleitete sie bis zum Grab. Da er Polizist war, ließ man ihn zum Tor hinaus und als er zurückkam, war er finster wie die Erde, mit welcher man sie zugeschüttet hatte. Er konnte kein Wort herausbringen. So schlich er sich nur in die benachbarte Baracke und bat den frommen Lamit, er möge hinausgehen und einen Minjan zusammenstellen zum Beten.
Lamit traf Mechele abseits und bat ihn: Kommen Sie, einmal können Sie mitbeten. Sie war doch eine stille Taube und sie ist es wert, dass man ihr so viel Aufmerksamkeit schenkt, selbst wenn Sie nicht beten mögen.
In der Baracke war es finster und trübselig. In einer Ecke standen etliche Frauen, zwischen ihnen auch Lamits Frau, die Mechele von Halle 51 kannte, und wehklagten laut unter sich, als passierte solch ein Unglück dort zum ersten Mal. Am Tisch stand Kac und schaute betäubt und gerührt auf die zwei brennenden Kerzen, die Frauen geschafft hatten aufzutreiben. Man konnte erkennen, dass innen in dem Burschen etwas passierte. Er hatte aber so ein dickes Fell auf dem Herzen, dass von dort nichts hinausdringen und aufschreien und erzittern würde.
Einer der Juden warf sich einen Mantel über die Schulter und begann, Abschnitte von Gebeten in dem verdunkelten Raum anzustimmen, in die die Umstehenden flüsternd einstimmten. Nur Kac stand die ganze Zeit in der selben Pose und hatte Angst, das kleine Gebetbuch, das jemand in sein Blickfeld gelegt hatte, anzurühren. So wurde das Beten unheimlich und unangenehm und der Jude am Lesepult spulte schnell eine Maariw34-Passage nach der anderen herunter.
Das Kaddisch sprach Kac dann doch, aber er brachte die Wörter so trocken und distanziert heraus, als habe er Angst, dass womöglich ein Unbekannter erkennen könnte, dass da tatsächlich er die Wörter gesprochen hatte, dass sie von ihm kamen. So wollten sich alle nach dem Gebet leise aus der Baracke hinausschleichen. Aber da begann Kac umherzuschauen, sein Blick war jetzt ein anderer, ein klarer. Als sei ein Wunder geschehen, begann er zu reden...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Vorwort des Herausgebers
  5. Teil Eins
  6. Teil Zwei
  7. Über den Autor
  8. Weitere Bücher
  9. Endnoten