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Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter
Verantwortung in Krisenzeiten
- 160 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
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Über dieses Buch
»Etwas Neues entsteht, und dieses Neue kann besser sein als das nunmehr Vergehende.«
Meinhard Miegel reflektiert das aktuelle Weltgeschehen von den ökologischen Krisen bis zu den Folgen der Corona-Pandemie.
Er wirbt für Nachdenken, Innehalten und Gemeinsinn und stellt sich gegen Hybris, Egoismus und Gier. Immer klug, immer prägnant, immer nachdenkenswert fordert Miegel nicht weniger als eine Erneuerung unserer Kultur.
Häufig gestellte Fragen
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Information
DAS SYSTEM IST AM ENDE ...
Wie geht es weiter, wenn Covid-19 abgeebbt sein wird? Die Meinungen sind geteilt. Die einen fürchten, dass dann eine lange Durststrecke komme mit vielen Firmenpleiten und Arbeitslosen, gesellschaftlichen Verwerfungen und politischen Umbrüchen, kurz: Sie fürchten eine schlechtere Welt. Andere hoffen, dass diese Erfahrung viele läutern werde, weil viele begriffen, was wirklich zählt im Leben. Die Welt werde so eine bessere. Und wieder andere gehen davon aus, dass nach einer Zeit des Übergangs im Großen und Ganzen alles weitergehen werde wie bisher.
Wer recht behält, wird die Zukunft weisen. Historische Erfahrungen legen jedoch nahe, dass es Letztere sein werden. Denn weder Einzelne noch Völker lassen sich durch singuläre Ereignisse wie Pandemien und selbst Kriege dauerhaft aus der Bahn werfen. Wer hätte gedacht, dass nach dem epochalen Zusammenbruch des »Dritten Reiches« die Deutschen so schnell wieder Tritt fassen würden. Sie selbst wohl am allerwenigsten. Doch sie krochen aus ihren Schützengräben und Luftschutzbunkern und wandten sich dem Nächstliegenden zu: etwas zu essen, Kleidung, eine Behausung und verblüffend schnell auch wieder Unterhaltung, Kunst und Kultur.
Die Monstrosität des Nationalsozialismus war abgeschüttelt. Doch die darunter befindlichen wirtschaftlichen, sozialen und in Teilen sogar politischen Strukturen bestanden fort. Im Grunde gilt das bis heute, wenn auch mit immer deutlicher werdenden Einschränkungen. Denn das System, nach dem zunächst die sogenannten westlichen Gesellschaften und schließlich der größte Teil der Menschheit angetreten sind, weist unübersehbare Mängel auf, die mit den erprobten Methoden nicht mehr zu beheben sind.
Nur schleichende Veränderungen verändern dauerhaft
Es sind solche schleichenden, oft lange Zeit kaum wahrnehmbaren Veränderungen, die zu den eigentlichen Bruch- und Wendepunkten in der Menschheitsentwicklung führen. So wurde das Römische Reich – wie andere Reiche vor ihm – nicht durch Seuchen oder Kriege zerstört. Vielmehr hörte es auf zu sein, als seine geistige Substanz verbraucht war und alle Reformbemühungen ergebnislos blieben. Das Reich war am Ende, aber das Leben ging weiter und ließ eine neue Epoche entstehen.
Am Anfang der derzeitigen Epoche stand eine grandiose Idee oder, vielleicht richtiger, ein bis dahin nicht wirklich verinnerlichtes Lebensgefühl: der Mensch als Individuum. In einem mühsamen Prozess löste sich dieses Individuum aus seiner Anonymität in der Gruppe und trat damit eine Lawine los. Nunmehr waren es nicht mehr nur einige wenige, die als Angehörige einer hauchdünnen Oberschicht Anerkennung und Privilegien für sich beanspruchten. Hinzu kamen in ständig wachsenden Zahlen Kaufleute und Handwerker, Künstler und Gelehrte und viele andere, die in ihrer Individualität wahrgenommen werden wollten.
Das aber erforderte Distinktion. Nachdem während der längsten Zeit die überwältigende Mehrheit in kaum unterscheidbarer Uniformität gelebt hatte – in der Art und Weise, wie sie sich nährte, kleidete oder behauste –, sollten jetzt Unterschiede sichtbar werden, zunächst in kleinen Schritten, später in immer größeren Sprüngen. Wirtschaftliche Aktivitäten dienten nicht mehr ganz vorwiegend der Erzielung eines mehr oder minder auskömmlichen Lebensunterhalts, sondern, wo immer möglich, auch der materiellen Fundierung des jeweils beanspruchten gesellschaftlichen Status.
Damit war eine Schleuse geöffnet. Denn im Wettbewerb um den gehobeneren Status gibt es kein natürliches Ziel. Stets gibt es noch eine nächste Stufe, die erklommen werden will. Das geht fort, bis sich die Kontrahenten restlos verausgabt haben. Dann müssen neue Ressourcen erschlossen werden, die es ermöglichen, die anderen auszustechen. Das gilt nicht nur unter Individuen. Es gilt mindestens ebenso unter Institutionen und Völkern.
Technischer Fortschritt, so ist oft zu hören, sei die wichtigste Quelle materiellen Wohlstands. Vordergründig mag dies zutreffen. Doch dass es diesen Fortschritt überhaupt gibt, hat Gründe, die tief in der Psyche des Menschen wurzeln. Dieser will mithilfe des Fortschritts mehr erwirtschaften, als er für seinen eigentlichen Lebensunterhalt benötigt. Seine materiellen Grundlagen sollen wachsen, immer weiter wachsen.
Allerdings bedeutete bis in neuere Zeit das Wachstum des einen den Schwund von etwas anderem. Die Vorstellung, dass vieles gleichzeitig wachsen könne, war den Menschen bis in das 19. Jahrhundert hinein fremd. Für sie wuchsen Weideflächen auf Kosten von Wäldern, Siedlungen auf Kosten von Ackerland. Der Reichtum der Minderheit ging gewissermaßen zwangsläufig einher mit der Armut vieler. Das war ehernes Gesetz, und Bertolt Brecht reimte: Weil ich so arm bin, bist du reich.
Im Prinzip hat sich hieran bis heute wenig geändert. Aber dieses Wachstum auf Kosten von etwas anderem wird seit einigen Generationen überlagert von der Hoffnung, dass an die Stelle von Gewinn und Verlust wiederkehrende Win-win-Konstellationen treten und nach und nach zu Wohlstand für alle führen würden.
Für eine gewisse Zeit schien sich diese Hoffnung zu erfüllen. Die Wirtschaft wuchs und mit ihr der Wohlstand vieler. Grenzen waren nicht in Sicht oder wurden nicht gesehen. Und wo sie doch gesehen wurden, wurde das Gesehene verdrängt. Nur wenige fragten: Was braucht der Mensch eigentlich, was braucht er wirklich?
Einer derer, die so fragten, war Ludwig Erhard, und er antwortete für die Bundesrepublik Deutschland Ende der 1950er-Jahre mit: Jetzt ist es genug. Jetzt wird doppelt so viel erwirtschaftet wie vor dem Krieg. Die meisten lachten über ihn. Zwar hatten sie genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und viele weitere Annehmlichkeiten. Aber ihr Statuskonsum war noch nicht gestillt und ist es bis heute nicht.
Was braucht der Mensch?
Was braucht der Mensch? Für Milliarden von Menschen ist diese Frage nach wie vor von existenzieller Bedeutung. In den wirtschaftlich entwickelten Ländern darf sie jedoch nicht mehr gestellt werden. Ihre ehrliche Beantwortung würde nämlich die historisch gewachsenen Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft zum Einsturz bringen. Statt einer ehrlichen Antwort ist deshalb nur zu hören: Die Wünsche und Begierden der Menschen sind unendlich, und deshalb muss es unendlich weitergehen wie bisher.
Das faktische Verhalten vieler scheint diese Einschätzung zu bestätigen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Behausungen immer größer und komfortabler, die Automobile schwerer und schneller, die Urlaubsreisen weiter und aufwendiger. Auch an Essen, Kleidung und Unterhaltung wird in den Wohlstandsländern nicht gespart. Jährliche Einkommenserhöhungen sind zur Routine geworden. Das erscheint als das gute Recht der Menschen. Das muss sein. Dafür gehen sie auf die Straße. Das sind sie sich wert, gleichgültig ob sie mehr erwirtschaftet haben oder nicht.
Manche meinen, dies sei das Verhalten von Verführten. An sich sei der Mensch nicht so. An sich wisse er recht genau, wann Grenzen erreicht seien, und diese Grenzen seien keineswegs beliebig weit gezogen. Aber ständig kämen diese Einflüsterungen: Das musst du haben und jenes. Du willst doch mithalten mit deinen Verwandten, Freunden und Bekannten, den Arbeitskollegen und Nachbarn. Womit willst du denn am Stammtisch oder auf der Party Eindruck machen? Was hast du denn da zu bieten?
Die These vom Verführtsein ist nicht von der Hand zu weisen. Ebenso wenig von der Hand zu weisen ist allerdings auch, dass sich viele liebend gern verführen lassen, ja geradezu danach lechzen. Konsum ist für sie eine oder sogar die Quelle von Glück und mehr Konsum von noch mehr Glück. Ihren Konsum zu drosseln ist deshalb für sie gleichbedeutend mit Glücksentzug. Das geht nicht. Das erzeugt bei ihnen Panikattacken.
Auch hierfür liefert die Covid-19-Pandemie eine Fülle von Anschauungsmaterial. Gewiss hat sie über die Gefährdung von Leib und Leben hinaus zahllose Menschen in arge wirtschaftliche Bedrängnis gebracht. Aber meist nicht in den Ländern des Westens. Hier genügte die Prognose von Ökonomen, die Wirtschaftsleistung könne auf das Niveau von 2015 oder möglicherweise von 2010 fallen, um alle Feuerglocken zum Schwingen zu bringen. Das darf auf keinen Fall geschehen! Um das zu verhindern, ist fast jedes Mittel recht. Auch die Verschuldung von Ungeborenen über Jahrzehnte hinweg.
Wir haben uns daran gewöhnt, uns durch eine facettenreiche Kapitalismuskritik von den Folgen unseres eigenen Denkens und Tuns zu exkulpieren. Wie im Garten Eden Eva der Schlange die Schuld daran gibt, den verbotenen Apfel gekostet zu haben, heißt es heute, das kapitalistische System habe uns zu dem gemacht, was wir jetzt sind. Wir selbst sind dafür nicht verantwortlich. Der Gedanke, dass wohl auch das System ist, wie es ist, weil wir sind, wie wir sind, liegt da fern. Doch gerade in dieser Einsicht dürfte der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme liegen.
Menschengemachte Systeme
Das System, sei es das kapitalistische oder irgendein anderes, ist menschengemacht. Diese Feststellung erscheint trivial und ist doch außerordentlich folgenreich. Menschen früherer Epochen legten großen Wert darauf, ihren Ordnungen Stabilität zu verleihen, indem sie sie ausdrücklich als nichtmenschengemacht auswiesen. Sie behandelten sie als übernatürlich, göttlich. Unsere derzeitige Ordnung erhebt diesen Anspruch nicht. Sie ist durch und durch irdisch, ja geradezu banal. Das aber heißt, dass wir, namentlich in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen, gemeinsam für die Wirkungen dieser Ordnung unmittelbar verantwortlich sind. Und diese Wirkungen sind zwiespältig.
Das Positive dieser Ordnung wird seit deren Anfängen in der Renaissance oder noch früher ausgiebig thematisiert und zelebriert: die Selbstfindung des Individuums, die Flut von Erfindungen und Entdeckungen, die Herausbildung eines Freiheitskonzepts, die allmähliche Zunahme materiellen Wohlstands breiter werdender Bevölkerungsschichten, der steigende Bildungsgrad und anderes mehr, was heute weltweit von Milliarden von Menschen aus einsichtigen Gründen geschätzt wird. Die Segnungen dieser Ordnung sind unübersehbar.
Das aber ist wohl auch der Grund, warum ihre Schattenseiten – historisch gesehen – erst spät wahrgenommen und politisch relevant wurden. Zwar wurde schon frühzeitig von unterschiedlichsten Seiten auf die Fülle von Missständen und Mängeln hingewiesen, die dieser Ordnung immanent sind, wobei der Vorwurf der Ausbeutung von Mensch und Natur in vielerlei Zusammenhängen eine hervorgehobene Rolle spielte und spielt. Aber ähnlich wie im Sozialismus wurden alle Unzulänglichkeiten als zwar bedauerliche, aber letztlich unvermeidliche Kollateralschäden auf dem glorreichen Marsch in eine lichte Zukunft angesehen. Wer nicht mitzog, war ein Feind des Fortschritts, wobei Fortschritt von Anfang an weitgehend gleichgesetzt wurde mit einer Zunahme der Gütermenge.
Um diese Gütermehrung zu kontrollieren und zu manifestieren, wurden ausgefeilte Rechenwerke entwickelt, die bis heute unsere Leben maßgeblich bestimmen. Wer hat in diesem Wettlauf die Nase vorn? Schweizer oder Deutsche? Europäer oder Amerikaner? Und wo stehen die Chinesen? Welche Regierung ist erfolgreicher? War dies ein gutes oder ein schlechtes Jahr? Dies und noch viel mehr glaubt man aus den Messzahlen für die Gütermehrung ablesen zu können.
Kosten der Gütermehrung
Gewiss sind diese Zahlen aufschlussreich. Über das Wichtigste sagen sie jedoch fast nichts aus: Was sind die wahren Kosten dieser Gütermehrung? Diese Frage wurde lange Zeit weitgehend ausgeblendet und wird auch heute nur lückenhaft beantwortet. Über die wahren Kosten ihrer vermeintlichen Wohlstandsmehrung haben Gesellschaften kaum jemals wirklich Rechenschaft abgelegt. Sie gaben sich mit Milchmädchenrechnungen zufrieden.
Dabei waren Menschen früherer Zeiten oft kostenbewusster als später. Sie wussten, dass sie mit dem auskommen mussten, was sich in ihrer greifbaren Nähe befand. Aber selbst unter diesen Bedingungen verbrauchten sie mehr, als die Erde hervorzubringen vermochte. So war schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Großteil der natürlichen Ressourcen Europas erschöpft. Von da an hieß es, die wichtigste und zunehmend einzige Ressource dieses Kontinents sei das Wissen und Können seiner Einwohner. Alles andere war ausgebeutet. Um weitermachen zu können, musste der Beutezug in anderen Ländern und Kontinenten fortgesetzt werden.
Es ist diese unfassbare Blindheit gegenüber einfachsten Zusammenhängen, die die Welt in eine bedrohliche Schieflage gebracht hat. Nichts und niemand kann auf Dauer mehr verbrauchen, als da ist. Das aber ist die Maxime des heute dominanten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems: Doch, du kannst nicht nur, du sollst sogar. Das macht dieses System zu einer Art Fata Morgana, die aus der Ferne vielversprechend ist, sich aber bei Annäherung in nichts auflöst.
Wie alle Systeme dieser Art gründet auch dieses auf Versprechungen. Die erste: Auch wenn sich die Mehrung von Gütern im Laufe der Zeit ändert, im Prinzip kann sie immer weiter fortgeführt werden. Und die zweite: Diese unablässige Mehrung von Gütern gibt deinem Leben nicht nur Sinn, sondern macht dich auch glücklich. An diesen Versprechungen wird krampfhaft festgehalten, obwohl ihre Unhaltbarkeit längst manifest ist.
Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Gesellschaften scheitern, weil sie an Ideologien, an Denk- und Handlungsmustern festhielten, die ihren Bezug zur Wirklichkeit verloren hatten. Ob im alten Ägypten oder den Staaten der Mayas und Azteken, ob in China oder Japan, ob im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder der entleerten Hülle des British Empire – immer wieder wurden Wegmarken erreicht, von denen an es nicht mehr weiterging.
Noch nie hat jedoch ein System einen so großen Teil der Menschheit in so existenzielle Bedrängnis gebracht wie das derzeit dominante. In dem verzweifelten Versuch, die konstitutiven Versprechungen zu erfüllen, wurden die Lebensgrundlagen von Pflanzen, Tieren und Menschen dermaßen beschädigt, dass keineswegs sicher ist, ob diese Schäden jemals wieder behoben werden können. Das ist in der Menschheitsgeschichte erstmalig. Die Menschheit hat sehr tief in den Ast gesägt, auf dem sie sitzt. Doch das wollen viele nicht sehen.
Überkommene Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen
Offenbar gehört das zu den Konstanten menschlicher Existenz: an erworbenen Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen festzuhalten, bis es nicht mehr geht, und nicht selten darüber hinaus. Mit solchen Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen sind nämlich Besitzstände verbunden – materielle, soziale und geistige –, von denen viele nicht lassen wollen oder auch nicht können, hängt doch ihr Selbstverständnis, ihr Ego von ihnen ab. Sich einzugestehen, dass die bisherige Lebensweise selbstzerstörerisch ist, würde bedeuten, sie aufgeben zu müssen oder in gar nicht ferner Zukunft mit ihr unterzugehen. Und da weder die eine noch die andere Option annehmbar erscheint, wird das Dilemma verdrängt.
Der steigende CO2-Gehalt der Atmosphäre samt globalem Temperaturanstieg, die Versauerung von Seen und Ozeanen, der Verlust von fruchtbaren Böden, der rapide Schwund von Wäldern, das Artensterben – alles, so die hilflose Argumentation, ist schon einmal da gewesen. Diese Feststellung ist zutreffend, geht jedoch am Kern der Problematik vorbei. Denn alle jene Ereignisse, auf die im öffentlichen Diskurs Bezug genommen wird, ereigneten sich in einer Welt, die nicht von knapp acht Milliarden Menschen bevölkert wurde und in der zahlreiche Lebensformen in nie da gewesener Konkurrenz zueinander stehen.
Das mag wohl sein, heißt es dann mitunter. Aber das sind Naturereignisse, und gegen diese ist der Mensch machtlos. Obwohl der Mensch die Welt nicht erst seit gestern verändert, ist die Vorstellung, er könne mit diesen Veränderungen regionale oder sogar globale Katastrophen auslösen, neu. Derartiges hat er bislang nicht vermocht. Doch nunmehr vermag er es. Die wissenschaftlich untermauerte Evidenz hierfür ist überwältigend.
Das aber will ein Teil der Bevölkerung nicht akzeptieren. Es würde ihr überkommenes Weltbild und, mehr noch, ihre tief sitzenden Gewohnheiten und vielleicht auch nicht begründbaren Privilegien zerstören. Also machen die Betroffenen, was sie immer in solchen Situationen gemacht haben: Sie ignorieren und bekämpfen, was ihren Interessen zuwiderläuft. Auch als die Beweise dafür, dass sich die Erde um die Sonne und nicht diese sich um jene dreht, keine vernünftigen Zweifel mehr zuließen, gingen die Meinungsschlachten hierüber noch generationenlang weiter. Zu viele hatten durch den Erkenntnisgewinn zu viel zu verlieren.
Ähnliches geschah, als Charles Darwin seine Beobachtungen von der Entstehung der Arten, seine Evolutionstheorie, publik machte. Der Mensch – so die auf einen Kampfbegriff verkürzte Formel – soll vom Affen abstammen? Ganz und gar lächerlich! Vor allem in den USA ist dies ein bis heute heftig umstrittenes Thema. Aber auch in Europa haben sich die Wogen erst Mitte des 20. Jahrhunderts geglättet. Heliozentrisches Weltbild oder Evolution – beide Male ging es darum, dass die Menschen lernen mussten, neu zu denken. Und das ist das Schwierigste überhaupt. Entsprechend hartnäckig ist der Widerstand.
Die Einsicht, dass der Mensch eine ökologische Katastrophe globalen Ausmaßes herbeiführen kann, hat mindestens die gleiche Dimension und ist noch um vieles folgen...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- INHALT
- DAS SYSTEM IST AM ENDE ...
- Er sagt, was er denkt, und tut, was er sagt
- Von der Angst der Menschen, materielle Wohlstandseinbußen zu erleiden
- Die halbe Wahrheit
- Gefühlte Wirklichkeiten
- Brot und Spiele
- Wahnsinnig toll
- Gleicher Maßstab
- Flohwalzer
- Marionetten
- Sphinx
- Bildung, Bildung, Bildung
- Erzählungen
- Prozente
- Gemeinsinn
- Von Menschen, Männern und Frauen
- Leere Feste
- Positionen
- Wettbewerb
- Hoffart
- Pflegenotstand
- Souveränität
- Events, my boy!
- Volksparteien
- Zeit
- Veränderte Perspektiven
- Sackgassen
- Hüter
- Mitteilungen
- Vom Sein und Schein
- Flüchtig
- Gift
- Demokratie
- Popanz
- Politik und Liebe
- Wahn
- Groß geworden, klein geblieben
- Kleines 1x1
- Begrenzungen
- Daten
- Innehalten
- Von Sinnen
- Armutszeugnis
- ... DAS LEBEN GEHT WEITER
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