In seiner zweiten Publikation, die aus drei Teilen besteht, geht Helge-Wolfgang Michel zuerst in einem Essay interdisziplinär der Frage nach, wie die Bedeutungsfindung beim visuellen Lesen literarischer Texte zustande kommen könnte. Es wird bei einem Erklärungsversuch bleiben, der natur- und literatur-, aber auch kognitionswissenschaftlich auslotet, was wir dazu wissen und wo die Erkenntniszugänglichkeit Grenzen setzt. Dem Essay schließt sich ein Austausch über die Erkenntnistheorie und die Ontologie in Form einer Korrespondenz mit einem guten, intellektuellen Freund an, bei der die Schreiber entschlossen und fundiert ihre Meinungen darstellen.Mit einer literaturlinguistischen Analyse über das bei einem Schriftsteller gefundene, singuläre Sprachphänomen, die paradigmatische Explikation, als Technik und dessen Verwendung beschließt dieser Band seine thematisch ansprechende Zusammenstellung.

- 180 Seiten
- German
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Information
1.1. Die Definition für literarische Texte / Literarizität
Bevor ich beginnen kann, die für den Leser als Rezipienten bedeutenden Elemente verschiedener Literaturtheorien zu beschreiben, werde ich meine und weitere Definitionen für literarische Texte voranstellen.
Meiner Ansicht nach gut und treffend beschrieben, zielen sie „auf eine Reihe von Einstellungen der Menschen gegenüber Texten. … jede beliebige Art von Text, den jemand aus irgendeinem Grund besonders schätzt.“15 Weiter „in Literatur eine angesehene Schreibweise zu sehen … Alles kann Literatur sein, und alles, was als unwandelbar und unbestreitbar als Literatur angesehen wird … kann eines Tages keine Literatur mehr sein.
… Aber es bedeutet, daß der sogenannte ›literarische Kanon‹, die nicht in Frage gestellte ›große Tradition‹ der ›Nationalliteratur‹, als Konstrukt erkannt werden muß, das von bestimmten Leuten aus bestimmten Gründen einer bestimmten Zeit gebildet wurde. Ein literarisches Werk oder eine Tradition, die unabhängig davon, was irgendjemand darüber gesagt hat oder sagen wird, an sich wertvoll ist, gibt es nicht. ›Wert‹ ist ein transitiver Begriff: er bezeichnet immer das, was von bestimmten Leuten in spezifischen Situationen nach gewissen Kriterien und im Lichte bestimmter Absichten hoch bewertet wird.“16
Dies schließt auch nicht aus und hier werde ich mich wieder einer treffenden Formulierung aus dem letzten Jahrhundert bedienen können: „Daß es gelegentlich einem bedeutenden Dichter gelingt, tiefe und gleichzeitig einfache menschliche Erlebnisse in hochwertigen Formen derart festzuhalten, dass er auf Individuen in sehr verschiedenen Zeiten zu wirken vermag, lehrt allerdings die Geschichte des Menschengeschlechtes.“17
Hier sei beispielsweise nur an die Tragödien wie die Orestie von Aischylos sowie die Antigone und der Ödipus von Sophokles erinnert. Aristoteles gab uns schon vor über 2350 Jahren im 6. Kapitel seiner Poetik eine für mich nach wie vor treffende Definition und weiter auch mit dem Begriff der Katharsis (kátharsis) eine Erklärung, was als Begründung für diese andauernde Aktualität dienen könnte. „Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“18 Auch bei Roman Jacobson „ist die Annahme, daß sich nur approximativ sagen läßt, was die Poetizität, Ästhetizität oder, traditionell, die Schönheit eines Textes ausmacht, und zwar nur über den Weg einer Untersuchung, wie … und mit welchen Folgen (etwa der Katharsis und vielleicht eines Erkenntnisgewinns) – sich eine poetische Erfahrung einstellt. Darüber hinaus ist sie ein ineffabile, und wer sie nicht erspürt, der wird sie nicht erjagen.“19 Nur vollständigkeitshalber sei noch erwähnt, dass der Katharsis-Begriff insbesondere in der Psychologie divers diskutiert wird.
Aber auch das im Althochdeutschen überlieferte Hildebrandlied20 (Hildebrandlied-Codex, Blatt 1r und Blatt 76v)21 spricht mit dem Dilemma des für den handelnden Hildebrand nicht auflösbaren Konflikts, ausgelöst durch die ehrverletzende Zurückweisung seines Geschenks, der Beleidigung und der Bezichtigung der Lüge durch seinen Sohn Hadubrand, ein nach meinem Dafürhalten – dies ist eine von mir dem literarischen Text gegebene Zuschreibung – menschliches Bedürfnis und besonderes Interesse der Empathie an. Auch hier kann Aristoteles uns im 14. Kapitel seiner Poetik wieder mit einer Erklärung dienen: „Sooft sich aber das schwere Leid innerhalb von Näheverhältnissen ereignet (z. B.: ein Bruder steht gegen den Bruder oder ein Sohn gegen den Vater oder eine Mutter gegen den Sohn oder ein Sohn gegen die Mutter; der eine tötet den anderen oder er beabsichtigt, ihn zu töten, oder er tut ihm etwas anderes derartiges an) - nach diesen Fällen muß man Ausschau halten.“22 Auf einen Satz treffend gebracht: „Literatur ist, was uns schmerzlich berührt, …“.23
Daher besitzen die in den beiden vorhergehenden Absätzen aufgeführten Beispiele auch heute noch eine Aktualität, wie sie von Levin Ludwig Schücking, zwei Seiten vorher angeführt, bereits beschrieben wurde. Meiner Einschätzung müssen für die Hochwertung und Kanonisierung von Literatur neben der Möglichkeit des identitätsstiftenden oder identifikatorischen Lesens, die Empathie auslöst, auch die des ästhetischen, also der Qualität der Form als künstlerisches Ausdrucksmittel, sowie der Handlungsorientierung gegeben sein.24
Ein erster Beleg und Hinweis auf Literarizität in der deutschen Sprache findet sich erst im Mittelhochdeutschen: „ist von Gottfried [von Straßburg, der zwischen 1210 und 1220 verstarb – der Verfasser] ein ästhetisches Ideal formuliert: Sprachlicher Ausdruck und Inhalt müssen einander entsprechen: das sint diu wort, daz ist der sin: / diu zwei diu harpfent under in / ir maere in vremedem prîse (‚Das eine ist der Ausdruck, und das andere ist der gedankliche Gehalt. Beide gestalten ihren Erzählgegenstand mit fremdartiger Pracht.‘ V. 4707ff.; Übersetzung im Anschluss an Krohn 1984). … Es existieren also normierte Stilvorstellungen von einer Dichtersprache, …“.25
Literarisch seien Texte formuliert Wolfgang Iser 1974, die weder Gegenstände der Lebenswelt und eine vom Text unabhängige Existenz besitzen noch Forderungen beziehungsweise anders zielbestimmt oder rechtsnormativer Art wie Gesetze sind. Die literarischen Texte seien daher Fiktionen, da sie eine Form ohne Realität darstellen. Mit Realität ist hier Schaffung von Sachverhalten oder eine exakte Gegenstandsentsprechung, wie im ersten Satz des Absatzes aufgeführt, gemeint. Fiktionalität als Indikator des Literarischen im Gegensatz zum Referentiellen, welches einen Bezug auf den außerhalb des Textes liegenden Bereiches nimmt, wird auch bei Herbert Grabes (1977) zur Differenzierung im Rahmen einer ontologischen Valenz herangezogen. Allerdings muss das Fiktive strukturbestimmend sein, um den Text als literarisch bezeichnen zu können.
Den Begriff der Fiktion, der sich auch bei Johann Wolfgang von Goethe (1811-14) in seiner Autobiografie bereits im Titel „Dichtung und Wahrheit“ findet, zieht sich weit durch die Literaturgeschichte. Louis Begley gibt 2006 in den Heidelberger Poetikvorlesungen dazu sehr detailreich Ansätze wie diese Fiktion nicht nur in seinen Werken realisiert wird. Es werden Geschichten aus anderen Lebensbereichen in erfundene Kontexte verwoben, schwach vorhandene Erinnerungen an Geschehen werden neu belebt und mit anderen Elementen kombiniert sowie in andere Orte der Erde versetzt. Eigenschaften verschiedener Personen des realen Lebens werden neu zusammengesetzt. Natürlich gehört auch die reine Erfindung als „novellistische Selbstentzündung“26 zum Repertoire des Fiktiven. Diese Fiktion komme nicht direkt aus dem stattgefundenen Leben des Autors, aber nur jemand, mit dieser Vita könne „die Romane mit genau dieser Vielfalt von Material ausstatten oder diese Personen erfinden …“.27 Er spricht weiter davon, dass er „… Material aus dem »Trödelladen der Seele« verwendet habe.“28 So fährt Louis Begley fort: „Bei solchen Anlässen ist man froh, Schriftsteller zu sein, weil man in dieser Eigenschaft Ereignisse aus dem wirklichen Leben aufnehmen und zu einer anderen, aber authentisch literarischen Wirklichkeit umformen kann“29 und „… ein Werk meiner Phantasie, die für umgewandelte reale Fakten einen fiktionalen Kontext erfunden hat.“30
Den russischen Formalisten galt nach Jurij Striedter (1994) übereinstimmend die Literatur als Wortkunst und es wurde gerade zu Beginn darauf geachtet, allen nicht literarischen Einflussgrößen wie beispielsweise der Politik oder auch der Theologie eine Wirkung abzusprechen.31 Aber auch wird die generationenübergreifende Bedeutung literarischer Werke thematisiert und mit einer mehrschichtigen und verschieden verstehbaren Deutung, die in der Struktur des Werks angelegt sei, erklärt. Viktor Šklovskij (1929) sähe dies durch die Mehrschichtigkeit in einem Fall der Bilder und Symbole und in einem zweiten durch die Perspektiven.32 Jurij Nikolaevič Tynjanov definiert die Literatur als „eine Sprachkonstruktion, die eben als Konstruktion empfunden wird, d. h. daß die Literatur eine dynamische Sprachkonstruktion ist.“33
Bei Siegfried J. Schmidt, dem Vertreter der empirischen Literaturwissenschaft, finden wir 1982 für literarisch als ein literarisches Handeln, wenn es Handlungen mit Texten darstellt, die der Einzelne als literarisch einschätzt.
Ein Text ist nach meinem Dafürhalten nicht per se literarisch, sondern dies ist eine Zuschreibung. Das lässt sich auch beispielsweise sehr gut in der von Ludgera Vogt (1992) beschriebenen Neubewertung und Aufnahme des Trivialautors Johannes Mario Simmel durch die Literaturkritik seit 1987 in den Olymp der hohen Literatur erkennen.34 Zwar wird die Literaturkritik meist durch Literaturwissenschaftler, häufig promoviert, repräsentiert, agiert aber im Gegensatz zu der Literaturwissenschaft nicht reproduzierbar nach wissenschaftlichen Kriterien.
Damit liegen jetzt Begriffe von Literatur bzw. Literarizität vor, doch bevor ich fortfahren kann, auf die Rolle des Lesers als Rezipient von literarisch...
Inhaltsverzeichnis
- Motto
- Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- 1. Die Rolle des visuellen Lesers in der Literaturwissenschaft
- 2. Die Sinnes- und Neurophysiologie
- 3. Die Empirisierung der Literaturwissenschaft
- 4. Der radikale Konstruktivismus
- 5. Die empirische Literaturwissenschaft
- 6. Methodenproblematik
- 7. Ergebnisteil
- Anmerkungen
- Verwendete Literatur, Quellen etc. (Siglen)
- Abbildungsdaten
- Hinweis
- Danksagung
- Korrespondenz zwischen Professor Dr. Ewald Rumpf und Helge-Wolfgang Michel als Austausch über den erkenntnistheoretischen Idealismus sowie Realismus, den ontologischen Realismus und den kognitionstheoretischen Konstruktivismus
- Paradigmatische Explikation – eine literaturlinguistische Analyse
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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