Die Geschichte
ist ein Modell
der tatsächlichen Vergangenheit
Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Geschichte
“Geschichte hat einen doppelten Sinn.
Es bezeichnet einmal das, was geschehen ist [...]
Zweitens aber bezeichnet das Wort auch die Darstellung des
Geschehenen, die Historie.“
Mit diesen Sätzen beginnt das “Lehrbuch der Universalgeschichte“ von Heinrich Leo aus dem Jahre 1839.
Geschichte ist das, was Historiker über die tatsächlich abgelaufene Vergangenheit bislang herausgefunden haben (genauer: glauben, herausgefunden zu haben), d.h. das, was auch an Universitäten und Schulen gelehrt wird und in den Büchern der Historiker steht. Die offizielle Geschichte ist jedoch nur ein Modell, eine Vorstellung der tatsächlichen Vergangenheit, nicht die Vergangenheit selbst. Dieses Modell kann natürlich auch falsch sein.
Grafik 1: Modell der Zeit mit Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit und Geschichte
Vergangenheit ist das, was tatsächlich geschehen ist, das, was die Menschen, die damals lebten, tatsächlich getan und erlebt haben.
Das Wissen über die Vergangenheit kann immer nur unvollständig sein. Je weiter die Vergangenheit zurück liegt, desto unvollständiger wird tendenziell das Wissen über diese Zeiten, was nicht ausschließt, dass es auch Zeitabschnitte geben kann, über die wir dann wieder besser informiert sind.
Besonders problematisch ist hierbei der Zeitraum, für den der Historiker Otto Brunner (1898 - 1982) den Begriff “Alteuropa“ geprägt hat, also die Antike, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit. Das, was wir über diese Zeiten zu wissen glauben, insbesondere über die Antike und das Mittelalter, stammt zum größten Teil aus der Lektüre weltanschaulich und literarisch geformter Berichte.
Nur zu einem sehr geringen Teil haben wir von den vermeintlichen Tatsachen dieser Zeit Kenntnis durch Zeugnisse, die den Handlungen der damals Lebenden selbst entstammen (sogenannte “Überreste“, “Zeitzeugnisse“). Hier besteht ein entscheidender Unterschied zur Moderne.
Abb. 1: “Geschichte“, Mosaik von Frederick Dielman (1847–1935)
Der Historiker F.-J. Schmale beschreibt dies folgendermaßen:
In der Praxis der Geschichtswissenschaft ist die Historiographie des Mittelalters, ohne dass dies theoretisch begründet worden wäre, daher grundsätzlich anders betrachtet worden als die Historiographie der Moderne." [Schmale 1985, S.2]
Geschichte als Modell der Vergangenheit
Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Geschichte ist jedoch bislang nicht allgemein anerkannt. Z.B. äußerte sich der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann so:
“Die Vergangenheit entsteht erst dadurch, dass man sich auf sie bezieht.“ [Assmann 2005, S. 31]
Dies entspricht in etwa der Aussage “Wenn niemand hinguckt, dann ist der Mond nicht da.“
Eugen Gabowitsch (1938 - 2009), der bekannte Geschichtsanalytiker, kritisierte Assmanns Aussage wie folgt:
“Falsch! Die Vergangenheit war, und wenn man sich auf sie bezieht, oder glaubt, dass man sich auf sie bezieht, dann macht man ein Modell, dann macht man Geschichte.“ [Gabowitsch 2008]
Ich zitiere weiterhin Gabowitsch [Gabowitsch 2008]:
“In der Vergangenheit Geschehenes nenne ich Vergangenheit, und die Früchte schriftstellerischer Tätigkeit der Historiker - Erkenntnis, Darstellung, Lehre - nenne ich Geschichte. Geschichte kennen wir gut, man braucht nur Zeit zum Lesen.
Geschichte ist ein Modell der Vergangenheit (auch ein System solcher Modelle). Ein Modell ist Alles, also eine Erzählung, ein Versuch, mathematisch-statistisch etwas darzustellen. Die Modelle sind immer nur eine sehr grobe Annäherung an das Objekt, in diesem Fall die Vergangenheit. Die Geschichte modelliert die Vergangenheit, versucht sie zu beschreiben, zu “rekonstruieren“, zu erfinden.
Die Vergangenheit kann nicht falsch (nur unbekannt oder schlecht bekannt) sein.
Die Geschichte kann falsch, schlecht, ungenau, erfunden, mythisch, legendär usw. sein.“
Ab. 2: Eine Illustration aus einem Manuskript des 15. Jahrhunderts der “Historia Regum Britanniae“ (Die Geschichte der Könige von Britannien) von Geoffrey of Monmouth, die die britischen Könige Vortigern and Ambros zeigt, wie sie sich einen Kampf zweier Drachen anschauen
Wissenschaftlicher Fortschritt
Neue bahnbrechende Ideen, ein neues Paradigma in einer Wissenschaft, also ein neues "Denkschema", kommen in erster Linie von Leuten, die außerhalb des offiziellen Wissenschaftsbetriebs arbeiten.
An Universitäten ist man immer der Auffassung, dass „in dieser Wissenschaft schon fast alles erforscht sei, und es gelte, nur noch einige unbedeutende Lücken zu schließen“, so wie es der Münchner Physikprofessor Philipp von Jolly schon in den 1870er Jahren erklärte, als Max Planck bei ihm studierte, der spätere Begründer der Quantenphysik.
Abb. 3: Max Planck (1858-1947)
Es geziemt sich auch für einen Nachwuchswissenschaftler, eine bescheidene und obrigkeitskonforme Haltung anzunehmen, wie Max Planck zu dieser Zeit:
“Ich hege nicht den Wunsch, Neuland zu entdecken, sondern lediglich, die bereits bestehenden Fundamente der physikalischen Wissenschaft zu verstehen, vielleicht auch noch zu vertiefen“
Mit einer anderen Einstellung wird man da nichts.
Abb. 4: Davon wusste Max Planck zu dieser Zeit natürlich noch nichts
Bei Planck war es allerdings einfacher als bei vielen anderen, da bereits sein Urgroßvater, Großvater und Vater bekannte Professoren waren, und daher der berufliche Weg damals schon vorgezeichnet war.
Trotzdem ignorierte man ihn nach seiner Habilitation in Physik, so dass er nur eine Privatdozenten-Stelle bekam. Doch letzten Endes wurde er doch Professor.
Er war dann wohl auch der einzige derjenigen Leute, die im 19. und 20. Jahrhundert ihre Wissenschaft entscheidend veränderten, indem sie einen neuen Denkansatz einführten, ein neues Paradigma, der aus dem offiziellen Universitätsbetrieb kam.
Alle anderen kamen von außerhalb, waren völlig unbekannt, und wurden teilweise zunächst von den Universitäten ignoriert.
1) Der Berner Patentamt-Angestellte Albert Einstein ist einer davon,
2) ebenso der Weltreis...