Viertes Kapitel
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Von der Art und Weise, wie die nachteiligen Folgen der Selbstbefleckung gemindert und gehoben werden können
Es gibt kein irgend denkbares Leiden des Körpers, welches sicher und dauerhaft gehoben werden könnte, ohne dass zuvor und vor allen Dingen die Ursache seiner Entstehung beseitigt worden wäre. So auch die Folgen der Onanie, und es ist daher die erste Bedingung für die Heilung oder wenigstens Milderung der oben beschriebenen nachteiligen Zufälle der Selbstbefleckung die Vermeidung und gänzliche Unterlassung dieses Lasters. Eine Aufgabe, die allerdings schwer, sehr schwer, doch keineswegs unmöglich ist. Tief schlägt die Gewohnheit ihre Wurzeln in das Herz der Onanisten und einen schweren Kampf kostet es, eine Begierde zu besiegen, die durch langjährige Gewohnheit zu viel Kraft über den Willen sich errungen und die besten Kräfte des Leibes sowohl als der Seele verzehrt hat. Allein unmöglich ist der Sieg in diesem Kampfe nicht und er wird errungen, wenn dieser Kampf, dass ich mit Salzmanns Worten rede, mit Gott begonnen und fortgeführt wird.
Niemand, der reines Herzens ist, wird den Trost hinweg leugnen können, der im Gebete liegt, das Gefühl des Lichtes und der Kraft kommt durch dasselbe oft wunderbar von oben und mit ihm muss der Vorsatz der Besserung gefasst werden. Enthaltsamkeit ist eine schwere Tugend, aber eine Tugend, deren Lohn überschwänglich ist, dass die Übung derselben möglich sei, beweisen die Erfahrungen der Ärzte und Hufeland versichert, dass er mehrere Beispiele wackerer Männer hier anführen könnte, die ihren jungfräulichen Bräuten auch ihre volle Manneskraft zur Mitgabe brachten. Die nachteiligen Folgen, welche man sich von einer solchen Enthaltsamkeit träumt, sind wahrhaft leere Träume, denn nicht zur Ausleerung bloß, sondern auch noch zur Wiedereinsaugung ins Blut und zur Stärkung und Befestigung des ganzen Körpers ist der männliche Samen von der Natur bestimmt. Dies vorausgeschickt wollen wir nun die bewährtesten Mittel zur Vermeidung und Unterlassung der Onanie in Kürze mitteilen. Sie sind folgende:
1) Der Selbstbeflecker fliehe die Einsamkeit. Durch sie erhält die Begierde Kraft, ihn von Neuem zu besiegen und ist dies einmal wieder geschehen, so kostet es umso mehr Mühe, von Neuem dagegen zu kämpfen. Die Einsamkeit ist der Onanie besonders günstig, unter ihren Flügeln hat die Phantasie vollkommene Freiheit, die der Seele sich aufdringenden wollüstigen Vorstellungen recht lebhaft auszumalen und ihnen einen Reiz zu geben, der die Begierde bis zur Wut steigern kann.
2) Er denke sich die Gefahren und Folgen der Onanie stets recht lebhaft. Er erinnere sich immer, dass Nichts den Sinn für hohe und edle Gefühle so sehr abstumpft, Kraft und Festigkeit des Geistes raubt und den Körper schneller zerstört, als die Ausschweifungen der Wollust.
3) Er lebe mäßig und meide den Genuss nahrhafter, vieles Blut erzeugender und reizender Dinge, z. B. vielen Fleisches, der Eier, Schokolade, des Weins, der Gewürze u.s.w.
4) Er mache sich täglich starke körperliche Bewegung, um sich zu ermüden, wodurch die Kräfte und Säfte des Körpers gehörig verarbeitet und die Reize von den Zeugungsteilen abgeleitet werden. Er arbeite, und er wird sicher bleiben gegen die Anfechtung seiner bösen Gewohnheit. Er beschäftige den Geist mit ernsten Gegenständen, die denselben von der Sinnlichkeit ableiten.
5) Er gewöhne sich früh aufzustehen, denn der Aufenthalt in warmen Federbetten, zumal des Morgens, ist eine gefährliche Lockung zum Laster der Onanie und dies schon deshalb, weil Einsamkeit damit verbunden ist, noch mehr aber dadurch, dass der Körper dadurch erhitzt und verweichlicht wird. Am Besten und Zweckmäßigsten wird der mit dem Vorsatze der Besserung umgehende Onanist tun, die Federbetten ganz zu meiden, lieber auf einer bloßen Matratze zu schlafen und mit einer leichten wollenen Decke sich zu bedecken.
6) Er vermeide Alles, was die Phantasie erhitzen und sie auf Wollust richten kann. Dahin gehören schlüpfrige Unterhaltungen, das Lesen frivoler und wollüstiger Bücher, gewisse Arten des Tanzes u.s.w. Er trenne sich von seinen lasterhaften Gefährten, die über Sünde scherzen und über entnervende Laster, wie über eine unschuldige Ergötzlichkeit lachen und suche dagegen den Umgang mit redlichen, tätigen und sittlichen Menschen. Er entziehe sich dem Lesen solcher Schriften, die in ihm ein Schmachten nach sinnlichem Genuss erregen. Zu ihnen zählen wir zunächst viele lateinische und griechische Schriftsteller, z.B. die Verwandlungen des Ovidius und dessen Bücher der Liebe, bei deren Lesung wohl mancher gesetzte Mann zur Wollust verleitet werden kann, ja selbst der vielgelesene Horatius, Suetonius und Terrentius enthalten manche schlüpfrige und anstößige Stelle. Ebenso meide man insbesondere unsere gewöhnlichen Romane, welche bloß geschrieben sind, die Einbildungskraft zu spornen und der Sittlichkeit und Unschuld unersetzlichen Schaden bringen. Was wir vom Lesen der Bibel (wenigstens mancher Stellen) halten, mag unerwähnt beiden. Wir kennen das Beispiel eines Jünglings, der bei dem festesten Vorsatz die Sünde zu meiden, durch das Lesen dieses nur für den gereiften, festen Verstand und das reine Herz geschriebenen Buches von Neuem wieder in die Sünde zurückfiel. Auch der Anblick wollüstiger Gemälde muss vermieden werden und hat je irgendein Vergnügen der Erde auch in dieser Hinsicht des Unheils viel angerichtet, so ist es der Tanz.
7) Der Onanist sei auf der Hut gegen die Schwermut, eine Furie, welche ihn gern verfolgt. Sie flattert gleich einem bösen Geiste über dem Abgrunde, in welchem er versunken ist und es bleibt kein anderes Mittel, sich ihrer zu erwehren, als ihr Trotz zu bieten, die Kräfte, die man noch übrig hat, zusammenzunehmen, ihr damit entgegen zu arbeiten und einen Boden zu erreichen, auf welchem der Fuß fest steht. Zwar predigt jene Schwermut unaufhörlich ihm zu, dass seine Freuden dahin und seine kommenden Tage Tage der Trauer und Wehklage sein werden. Allein nur das Beharren in der Sünde lässt den Sünder verzweifeln. Wer die Fesseln des Lasters mit Kraft zerreißt und die Wege der Tugend betritt, dem ist dadurch wenigstens die Freude der Besserung geworden, eine Freude, welche des Genusses wohl wert ist. Und gesetzt, der Onanist müsste lebenslang die höchste und reinste Freude des irdischen Daseins, die Vaterfreude, entbehren, so bleiben doch noch andere ihm übrig, die zu genießen er Hoffnung und Aussicht hat, wenn er das Laster meidet und deren Genuss er um so eifriger suchen muss, je mehr jene von ihm verscherzt worden sind, z.B. die Freude der Amtstreue, des Wohltuns, das Gefühl wiedererworbener Gesundheit, das er nur sich allein verdankt.
8) Endlich gibt es noch einen Beweggrund, das Laster zu meiden, dessen Kraft bei sonst gutgearteten Menschen ungemein groß ist. Der Onanist denke an seine künftige Gattin und an die Pflichten, die er ihr schuldig ist und sein wird. Der Gedanke an die, der wir einst unsere Hand geben wollen, von der wir Treue, Tugend und feste Anhänglichkeit erwarten, ist ein großer Beweggrund zur eigenen Enthaltsamkeit und Reinheit. Wir müssen, wenn wir einst ganz glücklich sein wollen, für unsere künftige Gattin schon im Voraus Achtung empfinden, ihr Treue und Liebe geloben und halten und uns ihrer würdig machen. Wer in allen Wollüsten sich herumgewälzt und sich dadurch entehrt hat, kann keine tugendhafte und rechtschaffene Gattin verlangen. Er kann nie mit reinem Herzen lieben, nie Treue geloben und halten, wenn er sich nicht vom Anfange an diese reinen und erhabenen Empfindungen gewöhnt, sondern sie zur tierischen Wollust erniedrigt hat. Dies führt uns von selbst auf die Notwendigkeit, hier mit wenigen Worten der Ehe zu gedenken. Es ist Eins der schädlichsten und verderblichsten Vorurteile, die Ehe als eine bloß politische Verbindung zu betrachten, sie ist vielmehr eine der wesentlichen Bestimmungen des Menschen und ein unentbehrlicher Teil der Erziehung des Menschengeschlechts. In der innigen Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zur gegenseitigen Unterstützung Erzeugung von Kindern und deren Erziehung liegt der Hauptgrund häuslicher und öffentlicher Glückseligkeit. Sie ist unentbehrlich zur sittlichen Vervollkommnung des Menschen. Durch die innige Verkettung seines Wesens mit einem andern wird die Eigenliebe, der gefährlichste Feind aller Tugend, am Besten überwunden, der Mensch immer mehr zur Veredlung seiner selbst und zum Mitgefühl für Andere geführt; sein Weib und seine Kinder knüpfen ihn an die übrige Menschheit und an das Wohl des Ganzen mit unauflöslichen Banden; sein Herz wird durch das Gefühl ehelicher und kindlicher Zärtlichkeit stets genährt und erwärmt und gegen die Alles tötende Kälte geschützt, welche so leicht des allein stehenden Menschen sich bemächtigt, und die süße Vatersorge legt ihm Pflichten auf, die seinen Verstand an Ordnung, Arbeit und eine vernünftige Lebensweise gewöhnen. Der Ehestand ist das einzige Mittel, dem Geschlechtstriebe Ordnung und Bestimmung zu geben, er mäßigt und regelt den Genuss desselben, denn eben das, was den Wüstling oft vom Ehestande zurückschreckt, das Einerlei nämlich, ist sehr heilsam und notwendig, weil es die durch ewige Abwechslung der Gegenstände immer erneuerte und daher desto mehr schwächende Reizung verhüten.
Alle Menschen, die der Erfahrung zufolge ein ausgezeichnet hohes Alter erreichten, waren verheiratet. Der Ehestand gewährt endlich die reinste, gleichförmigste und am Wenigsten ausreibende Freude des Lebens, die häusliche. Durch Mitempfindung eines zweiten Wesens wird Alles gemildert und gemäßigt, kein anderes Verhältnis in der Welt kann die zarte Pflege und Wartung der Gattenliebe ersetzen und für die Dauer so versichern und keine Freude ist größer, als die des Besitzes wohlerzogener und gesunder Kinder und die wahrhafte Verjüngung, welche ihr Umgang uns gewährt. Wir fangen als Kinder an und enden als Kinder, wir selbst kehren zuletzt in den schwachen und hilflosen Zustand der Kinder wieder zurück, wir brauchen dann selbst wieder Eltern und unsere Kinder treten dann gleichsam in die Stelle derselben und freuen sich, einen Teil der Wohltaten vergelten zu können, welche wir ihnen erzeugt haben; während der Hagestolz dieser weisen Einrichtung der Natur sich selbst verlustig macht, gleich einem entlaubten Stamme einsam und verlassen dasteht und durch gedungene Hilfe und die Pflege des Mietlings vergebens die Stütze und Sorgfalt sie zu verschaffen sucht, die nur das Werk des Naturtriebes und Naturbandes sein kann.
Der Onanist denke stets lebhaft an diese Freuden und Vorteile der ehelichen Verbindung, er folge streng den hier mitgeteilten Vorschriften und er wird bald dahin gelangen, ein Laster zu meiden, welches ihn ins Verderben stürzt und zu Grunde richtet.
Wir gehen nun zur Beschreibung der Art und Weise über, aus und durch welche die oben beschriebenen Folgen der Selbstbefleckung gemildert und gehoben werden können.
Die durch Onanie entstandenen Übel haben nun zwar kein sicheres Heilmittel und die Erfahrung hat gelehrt, dass sie, wenn sie eine große Höhe erreicht haben, schwer zu mildern, ja oft gar nicht mehr zu heben sind. Allein dem ungeachtet können wir der tröstenden Versicherung uns nicht enthalten, dass die Leiden und Gebrechen, welche der Onanie folgen, dann gewiss oft gemindert und beseitigt werden können, wenn die erste und einzige Bedingung dieser Minderung und Heilung, die eben besprochene Unterlassung des Lasters, gewissenhaft erfüllt wird. Geschieht dies im Gegenteile nicht, so sind jene Übel auch dann, wenn sie noch nicht sehr bedeutend sind, unheilbar und Hippokrates hat Recht, wenn er solchen Kranken den Tod verkündigt und Boerhaave bemerkt mit Grund, dass eine solche Krankheit eine jämmerliche sei, er sie zwar oft behandelt, doch nie Viel dagegen ausgerichtet habe. Schwierig ist die Heilung allerdings und erfordert von Seite des Kranken und des Arztes eine seltene Geduld und Ausdauer, denn eine Krankheit, welche durch jahrelange Ausschweifungen entstanden ist, kann nicht in kurzer Zeit wieder geheilt werden. Doch liegt sie, so lange jene Zufälle nicht einen bedeutenden Grad erreicht haben, unserer eigenen sowohl als der Erfahrung anderer Ärzte zufolge, innerhalb der Grenzen der Möglichkeit. Indem wir daher nun die zweckmäßigste Art dieser Heilung angeben wollen, sprechen wir zunächst von den diätischen Mitteln, inwiefern dieselben zur Heilung beitragen können und dann erst von den eigentlichen Arzneimitteln, insofern es deren gibt, welche im Stande sind, die auf solche Weise verlorene Gesundheit wiederherzustellen.
Zu den diätetischen Mitteln gehört aber nicht allein der Genuss zweckmäßiger Speisen und Getränke, sondern außerdem noch die Lust, die Kleidung, der Schlaf, die Leidenschaften und ein geregeltes Verhältnis zwischen Bewegung und Ruhe des Körpers.
Wie notwendig die Luft zum Leben überhaupt sei, bedarf keiner Beweise. Allein die Luft ist sehr verschieden und nicht jede ist tauglich zu einem gesunden Leben. Wem ist das Widrige der Luft in einem von vielen Menschen bewohnten Zimmer, am Ufer eines schlammigen Flusses, in tief liegenden, von hohen Bergen eingeschlossenen Ortschaften nicht aufgefallen?
Die Luft ist reiner beim Aufgange als beim Untergange der Sonne, anders vor als nach dem Regen. Auf Niemanden aber hat die Luft einen so großen Einfluss, als auf Schwächliche und Geschwächte und zu diesen gehört der Onanist, dessen körperlicher Zustand auf allgemeiner Erschlaffung der Muskelfasern, gänzlicher Schwäche der Nerven und Verdorbenheit der Säfte und daraus entstehender Untätigkeit aller Teile und Verrichtungen des Körpers beruht. Daher muss der Onanist vorzugsweise darauf bedacht sein, eine reine Lust einzuatmen, welche ihm noch notwendiger ist, als Arzneien, oft das beste Genesungsmittel bildet und ohne dass die Natur irgend angestrengt wird, die Besserung herbeiführen hilft. Die Luft, welche der Selbstbeflecker atmet, muss trocken, darf aber weder zu kalt noch zu warm sein. Eine kühle und trockene Luft bekommt ihm am Besten, eine warme und feuchte verschlimmert seinen Zustand, denn sie erschlafft die ohnehin erschlafften Fasern noch mehr und die bereits zur Auflösung geneigten Säfte lösen sich noch mehr auf, während eine kühlere Luft beiden Übeln widersteht. Die Luft muss ferner rein sein, d. h. sie darf keine fremden und schädlichen Ausdünstungsstoffe enthalten, was besonders geschieht, wenn dieselbe verschlossen ist, z. B. in Stuben, welche viele Menschen bewohnen, in Kirchen, Schauspielhäusern u.s.w. Eine reine und erfrischende Luft findet man nur auf dem Lande, nicht aber in größeren Städten und es sagt daher schon Aretäus, dass man solche Kranke nahe bei Wiesen, an Bächen und Quellen wohnen lassen solle, denn der Anblick und das Frohsein, welches diese Gegenstände gewähren, erfrische den Geist, bringe die Kräfte wieder und belebe den Körper von Neuem. In größeren Städten ist die Luft stets mit schädlichen und verdorbenen Dünsten angefüllt und daher der Aufenthalt in denselben dem Onanisten keineswegs...